hersfe! öer Tageblatt
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tzersselder Kreisblatt
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Illustriertes Anlerhallungsblatt / Nach Feierabend / Serd und Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Scholle / Unterhaltung und Wissen
Nr. 167
Mittwoch, den 20. Juli 1927
77. Jahrgang
-Mich der öfterreilhischen Nerkehrsstreilis
Solle Medttaufnahme des Verkehrs in Oesterreich.
Eine sozialdemokratische Niederlage.
Nachdem die lokalen Verkehrsstreiks in Österreich schon am Sonntag beendet worden waren, ist jetzt auch der Streik der Eisenbahn- und Postbetriebe auf Veranlassung der sozialdemokratischen Parteileitung und der Gewerkschaftskommission abgebrochen worden. Die Arbeitsaufnahme hat sich überall glatt vollzogen, nur in Tirol haben sich Schwierigkeiten ergeben, wo die Eisenbahner auf einigen Bahnhöfen den Dienstantritt verweigerten, weil die Landesregierung diese Stationen von Militär und Gendarmerie hatte besetzen lassen. Der Ansturm auf Telephon und Telegraph war außerordentlich stark, trotzdem wickelte sich der Verkehr gut ab.
Der Beschluß der Arbeitsaufnahme in den Verkehrsbetrieben ist gefaßt worden, ohne daß irgendwelche Vereinbarungen mit der Regierung abgeschlossen wurden. Bekanntlich sollte der Verkehrsstreik von den Sozial- Lemokraten als politisches Druckmittel auf den Bundeskanzler zur Umbildung der Regierung benutzt werden. Der Verkehrsstreik sei, so heißt es in einer vom sozialdemokratischen Parteivorstand herausgegebenen Verlautbarung, nicht nur zum Zeichen des Protestes, sondern vor allem auch deswegen proklamiert worden, um der Reaktion zu zeigen, daß die Arbeiterschaft kampffähig sei. Als Grund der Einstellung des Verkehrsstreiks wird angegeben, daß bei längerer Dauer des Streiks infolge des Stockens der Rohstoffzufuhr viele Betriebe eingestellt werden müßten. In der Tat waren bei der Streikleitung Berichte eingegangen, daß eine Fortdauer des Bahn- und Voststreiks innen- und außenpolitisch zu einer Katastrophe führen würde.
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Die Kapitulation.
Wien ist wieder ruhig, ist eine Stadt, deren äußere Physiognomie schon wieder fast als normal zu bezeichnen ist. Der Streik ist zu Ende; denn die sozialdemokratische Partei- und die Gewerkschaftsleitung haben ihn abblasen müssen. Er war nicht bloß zwecklos geworden, weil der Bundeskanzler Dr. Seipel alle Forderungen ablehnte, er wurde auch zur Gefahr. In den kleinen Städten und auf dem Lande regte es sich und der Marsch auf die großen Städte war schon keine Drohung mehr, sondern war hier und da schon zur Tat geworden. In Tirol, in Steiermark, in Körnten und im Salzburgischen konnten die Landesregierungen mit Hilfe der Heimatwehren eine Gegenaktion rasch durchführen, die dem Streik das Rückgrat zerbrach.
Und an dem tatsächlich erzwungenen Ende ändert nichts mehr, daß die Kommunisten eine Fortsetzung des Kampfes predigen, Moskau feine Hand hineinsteckte; der deutsche Kommunist und Reichstagsabgeordnete Pieck kam zu spät im Flugzeug herangebraust; die Polizei griff zu und setzte ihn fest zusammen mit ein paar Beamten der Wiener russischen Handelsvertretung. Sicherlich wird Moskau protestieren; aber die Polizei behauptet, Material genug zu haben zum Beweis dafür, daß mit auswärtiger Förderung ein regelrechter Putschversuch ae-
Die kommenden Postgebühren.
Beschluß des Verwaltungsratsausschusses der Reichspost.
Der Arbeitsausschuß des Verwaltungsrates der Deutschen Reichspost hat die Gebührenvorlage der Post erledigt. Dabei hat er die Erhöhung der Ortsbriefgebühr für Orte mit über 100 000 Einwohnern auf 15 Pfennig abgelehnt, dagegen das Ortsbriefporto allgemein auf 10 Pfennig festgesetzt. Er hat ferner beschlossen, dem Plenum des Verwaltungsrates folgende wichtigeren Gebühren vorzuschlagen:
Briefe im Ortsverkehr bis 20 Gramm 10 Pf., Briefe im Fernverkehr bis 20 Gramm 15 Pf., Postkarten im Ortsverkehr 5 Pf., Postkarten im Fernverkehr 8 Pf., Drucksachen in Form einfacher Karten 3 Pf., Drucksachen bis 50 Gramm 5 Pf., Geschäftspapiere, Warenproben und Mischsendungen bis 250 Gramm 15 Pf., Päckchen bis 1 Kilogramm 40 Pf.
Für Pakete werden an Stelle der bisherigen drei Zonen fünf eingeführt. 1. Zone bis 75 Kilometer Gebühr bis 5 Kilogramm 50 Pf., für jedes weitere Kilogramm 10 Pf.; 2. Zone über 75 bis 150 Kilometer Gebühr 60 Pf., für jedes weitere Kilogramm 20 Pf.; 3. Zone über 150 bis 375 Kilometer Gebühr 80 Pf., für jedes weitere Kilogramm 30 Pf.; 4. Zone über 375 bis 750 Kilometer Gebühr 80 Pf., für jedes weitere Kilogramm 40 Pf.; 5. Zone über 750 Kilometer Gebühr 80 Of., für jedes wettere Kilogramm 50 Pf.
Die Bestimmung, daß bei Benutzung von Wertzeichengebern Postkarten zum Nennwert von 8 Pf. für 10 Pf. abgegeben werden können, soll dahin abgeändert werden, daß bei Wertzeichengebern zwei Postkarten zu 8 Pf. für 15 Pf. abgegeben werden.
Jm Postscheckverkehr sollen die Gebühren be
plant war. Sehr glaubhaft; es wäre ja nicht das erstemal gewesen. Und wird auch wohl nicht das letztemal sein.
Die Sozialdemokratie mußte kapitulieren. Bedingungslos. Keine Straffreiheit ist den Streikenden zugesichert worden und in der Hand der Regierung liegt es ganz allein, ob sie die Drahtzieher zur Verantwortung ziehen will. Freilich — in Österreich ist noch viel von dem Geist — oder Ungeist erhalten geblieben, den einst ein Ministerpräsident in die Worte kleidete: „Es wird fortgewurstelt." Schon hat sich innerhalb der österreichischen Sozialdemokratie die Frage erhaben, warum diese ganze Aktion verpuffte. Sie übernahm die Leitung einer Demonstration, die ihr überraschend gekommen war, schon längst aber zur Revolte wurde. Die Flammen, in denen der Justizpalast aufging, beleuchteten eine schwere Niederlage der Partei und der Gewerkschaften und nun beginnt man, nach einem Sünde n b o ck zu suchen. Daran ändert nichts die papierne Rückzugskanonade der Zeitungen, auch nicht, daß es ein Kommunist war, der den e r st e n Schuß abfeuerte. Der Rest, das, was übrigbleibt, ist eine schwere Wirtschaf t l i ch c S ch ü d i g u n g, die noch lange nachwirken wird. Daß sie nicht größer wurde, verhinderte nicht die Aufgabe des Streiks, sondern seine schon allzu deutlich gewordene Aussichtslosigkeit.
Der radikale Flügel der österreichischen Sozialdemokratie, die ja an sich schon radikal genug ist, ist offenbar dem Druck von noch weiter links erlegen und der rechte gab gleichfalls nach. Wer aber wieder einmal tatenlos beiseite stand, das ist das Wiener Bürgertum gewesen. Ihm fehlt jeglicher politischer Wille; es ist innerlich zermürbt von Kriegs- und Nachkriegszeit. In aller Schroffheit standen sich aber die Wiener A r b e i t e r s ch a f t und das flache Land gegenüber, das nun auch zweifellos eine künftige Nachgiebigkeit den im Kampf Unterlegenen gegenüber nicht dulden wird. Jenen Elementen
.Mindesten, die im Dunklem wählten und von denen die Fäden hinüberlaufen nach Moskau, wird die Regierung Seipel eine starke Hand zeigen müssen.
Nach außen hin sind die Flammen erloschen, aber im Innern des unglücklichen Staates werden sie weiter schwelen. Ein Geschehnis wie das, das sich in Wien ereignete, bringt ja wachsende Erbitterung mit sich. Auf beiden Seiten. Und weiter wird sich diese Mißgeburt von Staat durch die öde, aussichtslose Armut ihres Daseins hinschleppen müssen.
Ginberufung des Nationalrats.
Der Verband der sozialdemokratischen Abgeordneten hat an den Präsidenten des Nationalrates, Niklas, ein Schreiben gerichtet, in dem er aus Grund der Bestimmungen der Geschäftsordnung die Einberufung des Nationalrates für Montag, den 25. Juli, verlangt. Der Präsident hat im Sinne dieser Eingabe die Einberufung'der Sitzung verfügt. Mit Rücksicht daraus,-daß die Bewachung des Parlamentsgebäudes durch Abteilungen des Bundesheeres weiterhin nicht mehr als notwendig erscheint, wurde durch das Polizeipräsidium deren Zurückziehung veranlaßt.
Wie die „Wiener Allgemeine Zeitung" meldet, hat die Staatsanwaltschaft Revision gegen das Urteil im Schattendorfer Prozeß eingelegt, dessentwegen es zu den schweren Unruhen in Wien gekommen ist.
tragen für Einzahlungen mit Zayuarte bei Betragen bis 10 Mark wie bisher 10 Pf., von mehr als 10 bis 25 Mark 15 Pf., von mehr als 25 bis 100 Mark 20 Pf., von mehr als 100 bis 250 Mark 25 Pf. In den folgenden Stufen bis 1250 Mark bleiben die Gebührensätze unverändert. Die Überweisungen von einem Konto auf ein anderes bleiben gebührenfrei, die Auszahlungsgebühren bleiben unverändert. Für die Briefe der Postscheckkunden an die Postscheckämter in Postscheckangelegenheiten bei Verwendung der besonderen gelben Briefumschläge wird eine Gebühr von 5 Pf. erhoben, für das Ausfertigen des Kontoauszuges eine Gebühr von 5 Pf.
Die Wortgebühr für gewöhnliche In l a n d s te lest r a m m e soll im Ortsverkehr 8, im Fernverkehr 15 Pf. betragen. .
Militärischer Ungehorsam in Frankreich.
Revolutionäre Kundgebungen in Toulon und Cherbourg.
Im Marinegefängnis in Toulon leisteten 140 Matrosen Arbeitsverweigerung und sangen die Internationale. Da die Polizei gegen die Widerspenstigen nicht ausreichte, mußte Gendarmerie mobilisiert werden. Viele der Gefangenen bekamen Einzelhaft. Noch bedeut- samer war eine antimilitaristische Kundgebung von .Matrosenreservisten in Cherbourg Etwa 100 aus Paris kommende Matrosen weigerten sich, die für sie bestimmten Lastautomobile zu besteigen, und zogen unter dem Gesang der Internationale und dem Ruf: „G e bt unse r e n Frauen Brot" durch die Stadt. Die Polizei nahm darauf zahlreiche Verhaftungen vor, wobei auch Paket« mit Flugzetteln antimilitaristischen Inhalts beschlagnahmt wurden. _________
Der deutsch-belgische Notenwechsel.
Was in den Noten steht.
Die deutsche Regierung hat auf die belgische Note, die zu den Vorwürfen des belgischen Kriegsministers gegenüber der deutschen Reichswehr Stellung nahm, jetzt eine Antwort erteilt, die bereits in Brüsiel überreicht worden ist. Zwar werden auf Wunsch Belgiens beide Noten noch amtlich geheimgehalten, doch sind schon jetzt Einzelheiten aus dem Notenwechsel inoffiziell bekannt- geworden. Der belgische Kriegsminister stützt seine Vor- Würfe in der Hauptsache auf drei Momente. Erstens beruft er sich auf eine Note der Botschafterkonferenz vom Februar 1925, in der gegen die Reichsregierung der Vor- Wurf erhoben ist, daß sie mehr als die im Versailler Ver- trage zugelassenen 5 Prozent vorzeitiger Entlassungen vornehme. Zweitens wird darauf hingewiesen, daß nach einer Erklärung des Wehrministers Geßler im Reichsrats- ausfchuß von 60 000 Freiwilligen, die sich für die Marine gemeldet haben, nur 1800 eingestellt worden sind. Daraus folgert die belgische Regierung: da die Marine insgesamt 15 000 umfasse, feien. also in einem Jahre 12 Prozent (1800) neu eingestellt worden. Drittens: aus einer Erklärung des demokratischen Abgeordneten Rönneburg im Reichstag gehe hervor, daß jährlich 15 000 Mann aus der Reichswehr ausscheiden.
In der deutschen Antwort wird nun, wie in Berliner diplomatischen Kreisen verlautet, festgestellt, daß im Jahre 1925 überhaupt keine Rote der Interalliierten Militär- kontrollkommission bei der deutschen Reichsregierung ein- gegangen sei. Was die Entlassungen in den Jahren 1925 und 1926 anbeträse, so seien in diesen Jahren weniger Mannschaften entlasten worden, als es Deutschland erlaubt wäre. Die Ausführungen des Abg. Rönneburg bezogen sich nicht etwa auf jährliche Entlastungen.
Außerdem hat sich der belgische Kriegsminister auch noch auf die unverhältnismäßig hohen Kosten, die das 100 000-Mann-Heer dem deutschen Volke verursache, berufen. In der deutschen Note wird hierzu gesagt, daß die Kosten für das durch den Versailler Vertrag geschaffene Berufsheer weit höher seien als die für ein Heer nach der allgemeinen Wehrpflicht. Außerdem seien die Preise für Material, Bekleidung und Munittonsher- ftellung außerordentlich gestiegen. Jedenfalls hat Deutsch- Land die Angriffe des belgischen Kriegsministers restlos widerlegen können. kwwetterkatastrophen in Aord und Süd.
Böhmen besonders heimgesucht.
Die Wolkenbrüche und das Hochwasser nehmen kein Ende und richten immer neuen Schaden an. Deutschland scheint von allen Ländern dabei mit am meisten zu leiden. In Rheinhessen ist dieser Tage wieder ein Hagelwetter niedergegangen, das aus vielen Gütern die Ernte vernichtet hat. Die Weinberge bieten einen trostlosen Anblick. Zahlreiche Hasen und Feldhühner wurden vom Hagel erschlagen. Eine Hilfsaktion ist notwendig. Ähnliche Berichte laufen aus dem H u n s r ü ck ein, wo mehrere junge Mädchen vom Blitz getötet wurden. In Schlesien verursachte eine Windhose im Kreise Landeshut großen Schaden. Das Haus einer Besitzers- witwe, Mutter von zehn Kindern, wurde mit allen Nebengebäuden weggefegt. Bäume von 50 Zentimeter Stärke wurden glatt umgeknickt.
Im Eulatal in Böhmen ging ein furchtbarer Wolkenbruch nieder, dessen Folgen die unheilvolle Katastrophe vom 9. Juli bedeutend übertrifft. Die Fluten haben sich ein kilometerbreites Bett geschaffen. Eula selbst ist jetzt öde und leer. Viele Ortschaften gleichen einem Steinhaufen. Die Bewohner sind am Verzweifeln. Auch in Jedownitz (nahe Brünn) herrschte ein Unwetter, das die in der Nähe der Teiche gelegenen Gebäude überschwemmte. Aus verschiedenen anderen Dörfern Böhmens werden gleichfalls Gewttterkatastrophen gemeldet.
In Kanada ist durch das letzte Unwetter großer Materialschaden entstanden, auch sind zwei Personen getötet und viele verletzt worden.
Büriige Kämpfe in Nikaragua.
300 Tote, 100 Verwundete.
Ju Ocotal in Nikaragua ist es erneut zu schweren Zusammenstößen gekommen, als eine große Schar von Freischärlern die von Truppen des amerikanischen Landungskorps besetzt gehaltene Stadt angriff. Im Verlauf des außerordentlich heftigen Kampfes wurden auf der Freischarlerseite 300 Mann gerötet und 100 ver-
amerikanische Besatzung erhielt Unterstützung durch fünf Bombenflugzeuge. Volle 17 Stunden dauerte das Blutbad, das schließlich mit der Abwehr des Angriffs endete.
Der amerikanische Staatssekretär Kellogg erklärte daß es sich bei den Zwischenfällen um die Abwehr der Angriffe von „Banditen" handele, und daß der General Sandino, der den Angriff leitete, der Führer einer Räuberbande sei, die nur Erpressungen ausuben wolle. Aus dem soeben in Washington eröffneten Kongreß der „Panamerikanischen Föderation" sagte je- doch der Delegierte der nikaraguanischen Gewerkschaften, daß die amerikanischen Marinetruppen die gesamte Bevölkerung Nikaraguas töten müßten, bevor Ruhe eintrete« würde.