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Hersfel-erTageblatt

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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-

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mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurrwell / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 168

Donnerstag, den 21. Juli 1927

77. Jahrgang

Dunkle Kanäle.

Der belgische Wehrminister hatte Deutschland mehr­fach beschuldigt, sich nicht an die Entwaffnungsbestim­mungen des Versailler Vertrages zu halten, sondern bei der Reichswehr einen weit schnelleren Mannschaftswechsel stattfinden zu lassen, als es erlaubt sei; auch der Wehretat Deutschlands sei so hoch, daß er nur durch heimliche Rüstungen erklärt werden könne. Leider hat es die deutsche Außenpolitik versäumt, gleich beim erstenmal gegen die Anschuldigungen zu protestieren. Als sie zum zweitenmal erfolgten, wurde Protest erhoben. Ein belgisches Memo­randum vom 14. Juli erhält die Vorwürfe aufrecht, be­zieht sich aber dabei auf sehr zweifelhaftes Material. Die Nachrichten stammenaus verschie­denen glaubwürdigen Quellen" ohne daß aber diese sicheren Quellen" oder dieseglaubwürdigen Nachrichten" näher angegeben werden. Nachprüfbar sind nur drei der­artige Quellen, nämlich die im Reichstag gehaltenen Reden Geßlers und des demokratischen Abgeordneten Rönneburg; und schließlich der Etat, aus dem Belgien uns vorrechnen will, daß unsere kleine Wehrmacht so kostspielig sei, daß jeneNachrichten" durchaus glaub­würdig seien.

Die deutsche Regierung hat in einer ausführ­lichen Note dahingehend geantwortet, daß ja am 31. Januar 1927 eine Kollektivnote der Alliierten alle nochausstehenden" Punkte der Entwaffnungsfrage bis auf die paar bekannten als geregelt erklärte, speziell die betreffs der Entlassungen in der Reichswehr. Da­mals hat Herr de Broqueville keinerlei Gegenteiliges vor­gebracht. Tatsächlich sind seit Jahren weniger entlassen worden, als es uns gestattet war. Bei der Marine wurde alles entlassen, was die zwölfjährige Dienstzeit hinter sich hatte. Und nicht 15 000 Mann wurden bei der Reichs­wehr in einem Jahr entlassen, sondern soviel Entlassene gab es, die auf Anstellung in Zivilberufen warteten. Das und nichts anderes hat der Abgeordnete Rönneburg gesagt!

Ebenso hinfällig ist alles, was über angebliche Nicht- wird. Daß die Reichswehr so kostspielig rst, liegt daran, daß die befohlene zwölfjährige Dienstzeit sehr viel höhere Kosten für Unterhalt und Ausbildung der Mannschaften verlangt. Nur wenige Fabriken, zwischen denen jede Preisdrückende Konkurrenz aus­geschaltet ist und die erst neu errichtet sind, außerdem nicht exportieren dürfen, stellen das für die Bewaffnung und Ausrüstung der Reichswehr nötige, daher sehr kost­spielige Material her. Die allgemeine Geldentwertung tut ein übriges. Unwahr ist schließlich, daß das Verhält­nis der Ausgaben für die 100 000 Mann zählende Reichs­wehr gegenüber dem Heeresetat ein unerklärlich hohes sei. Die Zahlen, die der belgische Wehrminister angibt, sind nämlich einfach nicht richtig.

Aber man braucht auf weitere Einzelheiten nicht ein- zugehen; alles dies sind Verdächtigungen, die der Grund­lage entbehren und in direktem Widerspruch zu den Fest­stellungen der Botschafterkonferenz und der Kontrollkom­mission stehen.Die'deutsche Regierung muß es auf das lebhafteste bedauern, daß Herr de Broqueville sie trotzdem öffentlich vor dem belgischen Parlament verwertet und damit ganz allgemein schwere Verdächtigungen Deutschland s verbunden hat." Unser Protest sei um so schärfer, weil die Anschuldigungen seitens des Wehr­ministers eines Staates erfolgten, mit dem wir durch Locarno und den Völkerbundauf die Grundlagen des Friedens und der vertrauensvollen Verständigung ge­stellt" sind.

Helfen wird uns das alles nichts. Schon kommt die belgische Antwort die alles aufrechterhält, die es aber ablehnt, dieanderen Informationsquellen" anzugeben. Man kennt aber in Deutschland nur zu gut diese dunk­len Kanüle, die freilich nur Schmutz und Schlim­meres ins Ausland führen, wo allerdings derartiges all­zugern in Empfang genommen und vor allem verwertet wird. Das Damoklesschwert einer Entwaffnungskontrolle soll nach wie vor über Deutschland Hängenbleiben und um die Stimmung der Welt dafür geneigt zu erhalten, benutzt man jedes, auch das schmutzigste Mittel. Das sind wir gewohnt und trotz Locarno und Völkerbund wird es ja in absehbarer Zeit nicht anders werden.

D.r deutsch-japanische Handelsvertrag.

Unterzeichnung in Tokio.

Der deutsch-japanische Handels- und Schiffahrts­vertrag ist in Tokio unterzeichnet worden. Er schließt sich in seinem Aufbau an den früheren Vertrag von 1911 an, ist aber ergänzt durch Bestimmungen über die Stellung der Konsuln, die in dem Vorkriegsvertrag fehlten. In bezug aus Niederlassung, Ausübung der Ge­werbe, Erwerb von beweglichem und unbeweglichem Ver­mögen, auf die Besteuerung, die Zölle usw. gewähren die vertragschließenden Staaten einander das Recht der Meistbegünstigung, in einzelnen Fällen auch die Gleich­stellung mit den Inländern. Von der Küstenschiffahrt ab­gesehen, die Japan stets der einheimischen Schiffahrt Vor­behalt, gilt in der Schiffahrt die vollkommene Gleichstel­lung mit der einheimischen Schiffahrt.

Der Geltungsbereich des Vertrages umfaßt alle Ge­biete und Besitzungen, die den vertragschließenden Stgqten gehören oder von ihnen verwaltet werden, er

Der M des Königs von Rnmnnien

Ferdinand von Rumänien t.

Nach langem schweren Leiden.

Der rumänische König ist in Sinaia im 62. Lebens­jahre gestorben. Schon seit dem Herbst des vorigen Jahres galt er als ein vom Tode Gezeichneter. Er litt an einem Darmkrebs, der bereits sehr weit fortgeschritten war, als er erkannt wurde. Innerhalb kurzer Zeit mußte sich der König drei schweren Operationen unterziehen, aber sie brachten nur scheinbare Besserung. Auch eine Radium­kur trug nur wenig zur Linderung des Leidens bei und die ausländischen Ärzte, die zur Behandlung hinzugezogen wurden, gaben nur wenig Aussicht auf Heilung. Am Sterbelager des Königs befanden sich die Königin und, mit Ausnahme des ehemaligen Kronprinzen Carol, der in freiwilliger oder erzwungener Verbannung lebt, alle Kinder des Königspaares. Der König war bis zum letzten Augenblick bei vollem Bewußtsein und hatte einen sanften Tod.

Die Nachricht vom Tode des Königs hat, da sie nicht uyerwartet kam, im Lande keine Aufregung hervor­gerufen. Es wird versichert, daß in Bukarest und im ganzen Lande vollkommene Ruhe herrsche. Die Regie­rung soll trotzdem die Grenzen des Landes gesperrt und den Kriegszustand erklärt haben. Die Presse ist

unter Zensur gestellt. Ministerpräsident B r a t i a n u hatte schon vor mehreren Tagen weitgehende militärische und polizeiliche Maßnahmen getroffen, um für den Fall des Ablebens des Königs gegen jede Eventualität gerüstet zu sein. Der für den Fall des Todes des Königs vor­gesehene

Regentschastsrai,

der seinerzeit eingesetzt wurde, weil der in Aussicht ge­nommene Thronfolger, der Sohn des ehemaligen Kron­prinzen Carol, minderjährig ist, hat bereits sein Amt an­getreten. Der Rat besteht aus dem Patriarchen von Bukarest, dem Präsidenten des Kassationshofes und dem Prinzen Nikolaus, des Königs zweitem Sohne. Die Leiche des Königs wird in das königliche Schloß Cotroceni übergeführt und dort aufgebahrt, um dann in der Gruft der rumänischen Könige im Kloster Curtea de Arges bei­gesetzt zu werden.

Reichspräsident von H i n d e n b u r g hat in der rumänischen Gesandtschaft in Berlin sein Beileid zum Ableben des Königs aussprechen lassen. Namens des

gilt daher auf japanischer Seite auch für Korea, Formosa, das Kwantungpachtgebiet, Südsachalin und die Südsee­mandatsgebiete.

Gleichzeitig mit dem Vertrage wird die Vereinbarung in Kraft treten, die im August 1926 über die Einfuhr deutscher Farben nachJapan zwischen der japa­nischen Regierung und der deutschen Farbenindustrie ab­geschlossen wurde. Danach wird die deutsche Farben- einfuhr in Japan nicht mehr unter das seit 1924 bestehende Lizenzsystem fallen, sondern die gleiche Behandlung ge­nießen, wie die Angehörigen der übrigen Farben iinpor- tierenden Länder. Eine Reihe von Farben, die in Japan bereits hergestellt werden können, werden von der deut- schen Farbenindustrie nicht nach Japan eingeführt werden.

Durch den Genuß der Meistbegünstigung wird vor allem die deutsche K a m m g a r n i n d u st r i e in die Lage versetzt, den Wettbewerb mit den Hauptkonkurrenz, ländern auf dem japanischen Markt auf der Grundlage des ermäßigten Zollsatzes der im franzostsch^apannchen Handelsvertrag enthalten ist, zu fuhren. Auch die Jus= fuhr von Automobilen, Parsumenen, Seifen und Feld- stechern von Deutschland nach Japan wird durch den Ver- trag erleichtert.

Reichskanzlers sprach Staatssekretär Pünder und namens des Auswärtigen Amtes Staatssekretär v. Schubert bei der Gesandtschaft vor. Der deutsche Gesandte in Buka­rest ist angewiesen worden, an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen.

*

Das Charakterbild des verstorbenen Königs.

König Ferdinand von Rumänien war ein Hohenzoller aus der sigmaringischen Linie. Sein Vater war jener Fürst Leopold, dessen spanische Thronkandidatur 1870 Frankreich den Anlaß zum Kriege mit Deutschland gegeben hat; der Bruder seines Vaters war es, den sich das rumä­nische Volk zum Herrscher wählte, und der in seiner langen Regierungszeit Rumänien erst zu einem europäischen Staat gemacht und zu hoher Blüte geführt hat. Er, her erste Hohenzoller auf dem rumänischen Thron, hatte sich eng an Deutschland und Ssterreich-Ungarn angeschlossen, aber der Ausbruch des Weltkrieges führte Rumänien nicht an unsere Seite; gegen den Widerstand der rußland- und frankreichfreundlichen regierenden Gesellschaft konnte sich der 75jährige König nicht durchsetzen. Das brach ihm das Herz. Als er am 10. Oktober 1914 starb, bestieg sein Neffe Ferdinand den Thron. Es war sofort offenes Ge­heimnis, daß seine Frau, die ehrgeizige Königin Marie, eine englische Prinzessin, die ihr deutsches Koburger Blut verleugnete, ihren Mann an Entschlossenheit weit über­ragte und immer zielbewußter ein Hinüberschwenken auf die Seite der Entente vorbereitete. Im August 1916, als die Mittelmächte zusammenzubrechen schienen, trat dann Rumänien gegen uns in den Krieg. Freilich bekam ihm das sehr übel, und bald war Ferdinands ganzes Land erobert. Der Krieg brauste hinweg über die fruchtbaren Gefilde nördlich der Donau, bis unser Vormarsch um die Wende des Jahres 1916/17 zum Stehen kam.

1918 konnten wir mit Rumänien noch den Bukarester Frieden schließen,, aber die Ereignisse des Oktobers 1918 warfen alles über den Haufen. Ungarn verlor einen großen Teil seines Gebietes anGroß-Rumänken", wie es sich jetzt nennen konnte; dem besiegtenSieger" wurde reiche Beute zuteil.

Aber der König blieb machtlos; Parteiführer herrsch­ten und saugten das Land aus, das ab und zu von kom- monistischen Unruhen durchschüttelt wurde. Mit Ruß­land lebte man in arger Spannung, weil sich Rumänien in dem großen Wirrwarr des Jahres 1919 Bessarabien sicherte und dort eine rücksichtslose Entrussifizierung durch, führte. Ebenso verfuhr man gegen die Deutschen in dem neuerworbenen Siebenbürgen und gegen Die Ungarn in demeroberten" Gebiet.

Energielos, wie er war, tat der König auch nichts gegen die fortdauernden Skandale im eigenen Haus. Die Königin führte ein eigenes Leben, das zahllose Gerüchte zeitigte, und was alles sein ältester Sohn Carol auf- stellte, ist noch in guter Erinnerung, und in Erinnerung sind auch noch die Polemiken, die sich an die vielbesprochene Amerikafahrt der trotz ihrer 52 Jahre noch immer lebens- lustigen Königin knüpften. Wie sich die Lage in Rumänien jetzt gestalten, und ob sich der Übergang von der alten zur neuen Regierung reibungslos und ohne innere Wirren vollziehen wird, wer vermöchte es zu sagen?

Die letzten Worte des Königs von Rumänien.

B u l a r e st. über den Tod des Königs von Rumänien wird ein Kommuniqud ausgegeben, in dem es heißt, daß sich der allgemeine Zustand des Königs infolge seines allen Leidens und der im März ausgetretenen Luftröhren- und Lungenentzündung ständig verschlimmert hat. Appetitlosigkeit, Blutarmut und Atemschwleriakeuen erschwerten die Herztätig­keit, was in der Nacht zum 20. Juli zu einem Kollaps führte, an dessen Folgen der König um 2.50 Uhr in den Armen der Königin verstarb. Der König war bis zum letzten Augenblick bei vollem Bewußtsein und verschied ohne Schmerzen. Seine lebten Worte, die an die Königin gerichtet waren, lauteten: Ich fühle mich sehr müde."

Beisetzung -er Todesopfer in Wien.

Was wird aus dem Justizpalast?

Der größte Teil der Todesopfer des Aufstandes in Wien ist am Mittwoch nachmittag feierlich beigesetzt wor­den. Auf dem großen halbrunden Platz vor dem Haupt­portal des Zentralfriedhofes fand die von der Gemeinde Wien veranstaltete Trauerfeier statt. Bürgermeister Seitz und der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Ellenbogen hielten Gedächtnisreden. Alle Schulgebäude, Amtshäuser, Wohlfahrtsanstalten usw. trugen anläßlich der Trauer­seier schwarze Fahnen. Zum Zeichen der Trauer für die Opfer ruhte in allen Betrieben die Arbeit von 2 Uhr nach- an eine Viertelstunde lang. Nur Straßenbahnen und Eisenbahn verkehrten ohne Unterbrechung. Der Re- publtkanische Schutzbund hatte umfassende Vorkehrungen getroffen, um neue Unruhen sofort im Keime ersticken zu können. Inzwischen hat sich die Zahl der Todesopfer auf 99 erhöht, und es muß damit gerechnet werden, daß auch diese Zahl noch eine Erhöhung erfahren wird, da der Zu­stand einiger Schwerverletzter überaus ernst ist. Die Ge­samtzahl der Verwundeten wird auf etwa 1000 angegeben.

Der.Nervosität der letzten Tage in Wien jetzt eine