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hersMer Tageblatt

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tzersselder KreisblaN

Amtlicher /lnzeiger für vm Kreis HersfelS

Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.20 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Aersfeld 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfew, Mitglied des VDZV.

mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb nnd Scholle / Anterhaltong und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. HO (erstes Blitt)

Sonnabend, den 23. Juli 1927

77. Acchraang

Abrechnung.

Ein grausiges Schauspiel. Notenkrieg mit Belgien. Schlaflose Generale.

9er Seipf oi die PmmWung

Noch ist es gar nicht lange her, daß im Reichstage von der notwendigen Ungleichung unserer R e ch t s z u st ä n d e an die entsprechenden Verhältnisse der Ostereichischen Republik die Rede war. Es handelte sich um den Entwurf eines neuen deutschen Strafgesetz­buches und die Sozialdemokratie war es, die damals mit besonderem Nachdruck erklären ließ, sie werde alles daran- setzen, um die angestrebte Rechtsgleichheit auch in dem Punkte zu erreichen, in dem der deutsche Entwurf an unseren überlieferten Rechtsanschauungen festhielt, wäh­rend das geltende österreichische Strafrecht bereits einen Schritt nach vorwärts getan habe: in der Frage der Todesstrafe. In Österreich hat die siegreiche Revo­lution, noch ehe sie die Macht wieder an die bürgerlichen Parteien abgeben mußte, einfach die Abschaffung der Todesstrafe verfügt, während bei uns weder die Volks­beauftragten von einst noch die späteren Linksregierungen diesem Beispiel nachgeahmt haben.

Nun hat e i n blutiger Vormittag in der Hauptstadt der ehemaligen Donaumonarchie mehr Todesopfer ge­fordert, als bei uns wohl in Jahrzehnten dem Richt- schwert des Henkers überliefert werden. Und nicht die geordnete Justiz des Staates hat dabei mitgewirkt, daß dieses grausige Schauspiel der Welt geboten wurde. Es sind vielmehr am hellichten Tage Menschen erschlagen und erschossen, richterliche und polizeiliche Be­amte niedergemacht worden und einen Augenblick schien es beinahe, als hätte das letzte Stündlein dieses Staats­wesens nun wirklich geschlagen, das die Väter des Ver­trages von Trianon so willkürlich und sinnlos, man kann sagen mit offenbarer Absicht, seine Lebensunfähigkeit unter allen Umständen sicherzustellen, zusammengeschustert haben. Wenn schon der Staat nicht soll Herr sein dürfen über Leben und Tod seiner Bürger, so sollten noch viel weniger seine Bürger, am allerwenigsten aber die Straße sich zum Herrn answersqy^üper H.eu, a» Lüd der «tztnatMiener. Denn ehe der Staat einen Verbrecher aufs Schafott schickt, wird seine Schuld oder Unschuld auf das sorgfältigste geprüft, und erst wenn auch die höchste Gnadeninstanz der Volksgesamtheit ihr Siegel auf das Todesurteil drückt, darf der Scharfrichter seines traurigen Amtes walten. Wenn aber die Ab­rechnung über ein angebliches Fehlurteil, über einen an­geblichen Akt der Klassenjustiz'auf die Straße verpflanzt wird, dann kann niemand mehr die Verantwortung für das Unheil übernehmen, das notwendig entstehen muß und dgs in diesem Falle den ohnehin nur äußerst schwach gezimmerten Österreichischen Staat in seinen Grundfesten erzittern ließ.

Jetzt will es, sozusagen, niemand gewesen sein und jede Partei möchte der Gegenpartei die alleinige Verant­wortung für das Geschehene aufbürden. An großen Worten wird es in der bevorstehenden Parlamentsdebatte gewiß nicht fehlen, ihr Außgang aber steht wohl von vornherein unzweifelhaft fest; denn er entscheidet sich nicht je nach der Aufklärung, die sie bringen wird (oder viel­mehr: die sie nicht bringen wird, da noch selten durch bloße Redeschlachten Klarheit über solche vom Massen- wahn beherrschten Vorgänge erbracht worden ist), sondern nach den gegebenen politischen Machtverhältnissen, die in diesem Falle für die Justiz und gegen die Empörer einstehen werden, denen schon der Bundeskanzler Dr. Seipel so entschiedenen Widerstand geleistet hat.

In dem Augenblick, wo Österreich sich wieder einmal schwersten inneren Erschütterungen ausgesetzt sieht, wird die deutsche Regierung plötzlich gezwungen, in eine Art Notenkrieg mit der belgischen Regierung einzutreten, deren Kriegsminister es für richtig befunden hat, die Abrüstungsfrage von neuem auf die europäische Tagesordnung zu stellen.

Er kann zwar nicht leugnen, daß wir abgerüstet haben; stünde doch sonst das Zeugnis der Interalliierten Militärkontrollkommission sofort gegen ihn zur Ver­fügung. Aber er behauptet, wir seien bereits wieder mitten in einer neuen Aufrüstung begriffen, und läßt sich in dieser angeblichen Überzeugung auch durch die bestimm­testen, durch untrügliches Tatsachen- und Aktenmaterial gestützten Gegenerklärungen der deutschen Regierung nicht irremachen. Belgien zergt sich, genau wie wir es von Herrn Poincarö seit Jahren gewöhnt sind, um die Sicher­heit seines Gebietes auf das ernstlichste besorgt, und selbst wenn wir die kleine Reichswehr, die man uns ge­lassen hat, auch noch auf dem Altar der Völkerversöhnung opfern wollten, in Paris und in Brüssel würden die Generale doch keinen ruhigen Schlaf finden, aus Furcht vor den Millionenheeren, die über Nacht plötzlich einmal aus deutschen Wäldern über die Grenze vorbrechen könnten. Wir mögen lachen oder den Kopf schütteln über so ängstliche Gemüter, denen selbst ein Frieden von Ver­sailles kein sanftes Ruhekiffen zu bieten vermag; eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen wird niemals zum Ziel führen, da sie ja die wahren Absichten, aus denen heraus sie immer wieder mit neuen Verdächtigungen gegen uns vorgehen, nicht verraten dürfen.

Wie es aber bei diesem Zustand der Dinge zu der allgemeinen Abrüstung kommen soll, auf die wir nach den wiederholten Feststellungen unserer Regierungs- vertretex in Gens nunmehr ein verbrieftes Anrecht haben.

Mister Schaßel für erhöhtes Porto.

Sitzung des Verwaltungsrats der Reichspost.

Der Verwaltungsrat der Deutschen Reichspost trat am Freitag zusammen, um endgültig Beschluß über die Gebührenvorlage zu fassen. Die Verhandlungen waren nicht öffentlich. Reichspostminister Dr. Schätzel hielt ein­leitend eine Ansprache, in der er nochmals die Gründe für die nach seiner Meinung notwendige Portoerhöhung dar- legte. Bei der Reichspost sei, so meinte der Minister, ein ungedeckter Mehrbedarf von 427 Millionen festgestellt. Auf Anleihen können gesunder Geschäftsführung nur Anlagen genommen werden, nicht aber Mehrausgaben laufender Natur, wie z. B. für Erhöhung der Beamten­besoldung, der Wohnungsmiete und der Löhne, für die allein ein Betrag von 216 Millionen Mark erforderlich ist. Das wäre Bankerottwirtschaft, die nicht ver­antwortet werden könnte.

Der Minister kam dann aus die Geschäftsführung der Reichspost zu sprechen und betonte hierbei, das? seit 1926 trotz Steigerung des Verkehrs 5000 Kräfte eingespart worden seien. Dann fuhr Dr. Schätzet fort:

Ich kann bestimmt erklären, daß die Ausgaben der Deutschen Reichspost schon heute oft über die Grenze des Vertretbaren hinaus abgedroffelt sind, schon aus Mangel an den erforderlichen Mitteln. Wir haben alle Möglich­keiten erschöpft, bevor wir mit dem Vorschläge der Ge- bührenerhöhung hervorgetreten sind. Der ungedeckte Mehrbedarf der Deutschen Reichspost ist so groß, daß ohne Gebührenerhöhung die Mittel fehlen würden, um die be­vorstehende Besoldungserhöhung auch auf die 350 000 Beamten, Angestellten und Arbeiter der Deut­schen Reichspost zu erstrecken, daß ferner lebenswichtige Arbeiten eingestellt und etwa 12 000 Arbeiter entlassen ""- "*

das wissen die Götter. Statt der allgemeinen Abrüstung scheinen unsere Gegner von 1914 eine dauernde Militärkontrolle in Deutschland einrichten zu wollen. Wenn das so weitergeht, wird auch hier einmal eine Ab­rechnung notwendig werden, bei der, aller Voraussicht nach, nicht Deutschland, sondern der Völkerbund der leid­tragende Teil sein würde. Dr. Sy.

Das Erbs her Königin Alexandra.

Ein Streit zwischen europäischen Königshöfen.

Erst jetzt ist die Verteilung der Hinterlassenschaft der englischen Königin Alexandra, der Ge­mahlin des bekannten Königs Eduard VII. vorge­nommen worden. Die Königin Alexandra war eine Tochter des dänischen KönigK Christian IX. den man mit Recht. den Schwiegervater von Europa nannte. Eduards Witwe hinterläßt nicht weniger als 80 Mil­lionen Kronen, das sind etwa 90 Millionen Mark. Sie hat in ihrem Testament dem norwegischen Kron­prinzen Olaf den größten Teil rbres gesamten Vermögens zugesprochen, die englische Königsfamilie hat aber dagegen Einspruch erhoben, über die meisten Besitztümer, Kunst­schätze an Malerei, Juwelen, Antiquitäten usw., hatte näm- lich die englische Königinmutter nur ein Verfügungsrecht zu Lebzeiten, währet nach ihrem Tode aus Wunsch Edu­ards VII. diese Schätze unter König Georg V., die Köni­gin Mary, den Prinzen von Wales und die Prinzessin Mary verteilt werden sollten. Es entstand nun ein Streit zwischen London und Oslo, der jetzt geschlichtet worden ist.

Danach erhält der norwegische Kronprinz außer einem Teil des baren Geldes nur das kostbare Silberservice, das der Newyorker Bankier Morgan der englischen Königin einst geschenkt hatte, und die Königin Maud von Norwegen erhält ein paar Malereien von Rubens und Velasquez, die zusammen einten Mindestwert von 30 Millionen Kronen haben sollen und der Köni­gin einst von Rothschild verehrt worden sind. Die übrigen Kostbarkeiten dieser Sammlung fallen dem eng­lischen Königshause zu, darunter auch ein prachtvolles Geschenk Kaiser Wilhelms I. an Eduard VI

König Ferdinands letzte Fahrt.

Prinz Carol auf Pflichtteil gesetzt.

Die Leiche des verstorbenen Rumäneukönigs ist vo« Sinaia nach Bukarest übergeführt worden. Im Schloß zu Sinaia waren Tausende von Personen an der sterb­lichen Hülle des Königs, die in die Uniform emes Jäger­generals gekleidet war, vorübergezogen. Als der Sarg Sann aus einer Geschützlafette zum Bahnhof gebracht wurde, bildete aus den Straßen eine endlose Menschen- menae darunter Schulkinder und Abordnungen aus dem ganzen Lande, Spalier. Hinter dem Sarge schritten die königliche Familie und die Mitglieder der Regierung. Bis Bukarest waren alle Stationsgebäude mit schwarzen Tüchern behängt. Die Ankunft des Zuges in Bukarest- Cotroceni wurde der Bevölkerung durch 101 Kanonen­schüsse verkündet. Aus dem Bahns eig warteten die Mit­glieder des UegentschsktsratLs. d»e Mitglieder der Re-

Die Ursache der finanziellen Schwierigkeiten der Deutschen Reichspost ist nicht von heute. Sie liegt letzten Endes darin, daß seit der Stabilisierung der Wäh­rung die Einnahmen der Deutschen Reichspost aus den Gebühren nicht mit der zunehmenden Höhe der Ausgaben Schritt gehalten haben. Die Deutsche Reichspost mußte ihre gewaltigen Ausgaben zu 100 Prozent bezahlen und nahm hiergegen aus den Gebühren nur durchschnittlich etwa 60 Prozent ein.

Das ungeheure finanzielle Opfer, das die Deutsche Reichspost hiernach seit der Stabilisierung durch Beibe­haltung des 1y-Pf.-Briefportos der deutschen Währung und der deutschen Wirtschaft gebracht hat, ist ihr nickt ge­dankt worden. Es ist ein bitteres Unrecht, das? die deut­sche Öffentlichkeit der Reichspost darüber Vorwürfe macht, daß sie nunmehr endlich ihre Tarife den Ausgabesätzen angleicht. Die Deutsche Reichspost geht doch hiermit nicht vor, sondern hol» ausschließlich nach, was alle Kreise der gesamten den.scheu Wirtschaft, groß und klein, meist in viel höherem Ausmaße längst vor ihr vollzogen haben. Wer in der deutschen Wirtschaft seine Preise selbst erhöht hat, dem fehlt das Recht, gegen die Gebührenerhöhung der Reichspost zu protestieren.

Den Ausführungen des Ministers folgte eine lebhafte Aussprache,

in der von verschiedenen Seiten betont wurde, daß die Leistungen der Post erheblich heruntergegangen seien. Es wurden zahlreiche Stimmen gegen die Gebührener­höhung laut, doch ist kaum daran zu zweifeln, daß sich der Verwaltungsrat schließlich den Wünschen des Post­ministers beugen wird. Ein Antrag der Kommunisten, der die Zurückziehung der Verlage verlangte, wurde ab­gelehnt. Ein lebhafter Streit geht auch noch um den Termin der Inkraftsetzung d^r Vorlage

gierung, der Metropolit, die Vertreter aller Zivilbehörden und der Chef der Armee. Zwischen dem Bahnhof und dem Schlöffe Cotroceni bildeten Truppenabteilungen Spalter. Der Sarg wurde von den Adjutanten des verstorbenen Königs getragen und in dem Goldenen Saal des Schlosses ausgebahrt.

König Ferdinand hat dem Ministerpräsidenten B r a- t i a n u ein Schreiben hinterlassen, in dem es heißt: Gott hat gewollt, daß die Krone auf das Haupt meines Enkels, der noch ein Kind ist, übergeht. Ich bitte alle guten Bürger, Die Ruhe und Wohlfahrt des Landes fördern zu helfen. Ich kann der Zukunft nicht ins Auge sehen, ohne mit väterlicher Liebe an meinen ge- liebten Sohn Carol zu denken. Ich zweifle nicht daran, daß er, wie jeder gute Rumäne, der sein Vater­land liebt, sich bemühen wird, während der Regierung seines Sohnes und seiner Nachfolger den Fortschritt Rumäniens zu erleichtern. Was mich betrifft, so habe ich mir nur deswegen, weil ich die Ruhe des Landes nicht stören wollte, die väterliche Genugtuung versagt, ihn wiederzusehen. In dem gleichen Gefühl bitte ich ihn. seiner Verpflichtung gemäß, nicht in das Land zurückzukehren, außer, wenn bie Behörden es ihm gestalten sollten/ Es wird jetzt auch bekannt, daß dem am 2. Juli 1925 niedergeschriebenen

Testament des Königs,

das in Sinaia eröffnet wurde und das die Verteilung von Legaten an die Mitglieder der königlichen Familie und an verschiedene Körperschaften bestimmt, ein vom 11. Januar 1926 datiertes Kodizill angehängt ist, in dem folgende Erklärung steht:

Gott hat es gefallen, das Land, midi und die Königin durch einen großen Schmerz zu trüben, indem Prinz Carol aus die Thronfolge verzichtete. Ich werde nie den Schmerz überwinden, den ich in dem Augenblick empfand, in dem ich gezwungen wurde, diesen Entschluß zu billigen, der leider unvermeidlich war."

Aus dem Testament ist ersichtlich, daß Prinz Carol so gut wie enterbt wurde und daß er nur sein Pflichtteil erhält, das ihm in Gold und Effekten aus­gezahlt werden soll; den Rest des Vermögens, das dem Prinzen zufallen sollte, erhält sein Sohn Michael, der neue König. Sehr bemerkenswert ist eine Meldung des PariserMatin", nach derKönig Carol" den Wunsch ausgedrückt haben soll, zu den Begräbnisfeierlich- keiten nach Bukarest zu kommen; er habe jedoch keine Ant­wort erhalten. Die WendungKönig Carol" läßt darauf schließen, daß der in Paris lebende Prinz sich für den rechtmäßigen König von Rumänien hält und daß der bisherige ruhige Verlaus des rumänischen Thron­wechsels vielleicht doch noch in unerwarteter Weise gestört werden könnte.

pieck aus Oesterreich ausgewiesen.

Traverse irrn in Wien.

In Wien sind jetzt auch ^ie Polizeibeamten, die wäh­rend der blutigen Tumulte getötet wurden, nach einer würdigen Feier, an der der Bundespräsident und der Mndeskgnzlex teilnahmen, bestattet worden. Auch der