kersfrl-er Tageblatt
^^^^^••^^^^^•^^^^^^^^^^^ Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezc^'i 1.20 ' Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für yersfeld : 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark ❖ Druck und Lerlag von Ludwig : ■ Kunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDZV. ♦
Anzeigenpreis: Die einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, die Reklamezeile 50 Pfennig. (Grnnöschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preisnachlaß gewährt. ❖ Zür die Schristleitung verantwortlich: Kranz Kunk in HersfelS. ❖ Kernsprecher Nr. 8
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfel- mit den Beilagen: Seimalschollen / Illustriertes Anlerhaltungsblatt / Nach Feierabend / Gerd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Korrweil / Wirtschaftliche Tagesfragen. _
Nr. 172
Dienstag, den 26. Juli 1927
77. Jahrgang
Was sie von uns wollen.
Poincarö hat wieder einmal eine seiner b e r ü h m - tenSonntagsreden gehalten; nun, auch daran hat man sich ja jn Deutschland gewöhnt wie an so manches andere. Er wird wohl so lange derartige Reden von sich geben, als er überhaupt reden kann und darf. Immerhin ist dabei erfreulich, daß er nichts weiter von uns verlangt, als daß wir uns als die Schuldigen für alle „Greueltaten" bekennen fallen, die uns die perverse Phantasie der Entente in die Schuhe schieben möchte. Und daß wir endlich „moralisch" abrüsten. Sozusagen ein anderes geistiges Kleid anziehen.
Andere sind etwas präziser in ihren Entwaffnungs- sorderungen Deutschland gegenüber. Mitten in das deutsch-belgische „Zwiegespräch", das sich an die Reden Broquevilles und Vanderveldes anknüpfte, brächte die bemannte Brüsseler Zeitung „La Ration Belge" einen Artikel unter der Überschrift: „Was Deutschland noch tun muß, um abzurüsten", der in aller wünschenswerten Deutlichkeit sozusagen einen ergänzenden Kommentar zu den belgischen Vorwürfen bildete. Man leugnet in diesem Artikel zwar nicht, daß die Zerstörung der 34 Unterstände im Osten vollzogen ist, nimmt es aber sehr übel, daß alsbald nach dieser Feststellung die Reichsregierung durch alle ihre „Pressetrompeten" habe verkünden lassen, die Entw affnungsverpslichtungen seien erfüllt und es gäbe daher keine Gründe mehr, ihr die Räumung der besetzten Gebiete zu verweigern; sogar Herrn de Broqueville zur Rede gestellt habe, weil er sich hinsichtlich der deutschen Entwaffnung nicht für voll befriedigt erklärte, überhaupt dieses Deutschland! Aber das englische Kriegsministerium habe sämtliche Abteilungsleiter des deutschen Großen Generalstabes eingeladen („unglaublich, aber wahr!"), einen Besuch in London abzustatten — und seitdem glaubt Deutschland, sich alles erlauben zu dürfen.
Nur gut, so fährt die „Nation Belge" fort, daß die öffentliche Meinung ganz genau weiß, wieviel noch von Deutschland ausgeführt werden muß, bis man erklären kann, daß die materielle Abrüstung — „gar nicht zu reden) von der moralischen" —, wirklich vollendet ist. Da ist erstens die .?.u!r^iL^,be«i <a*i <■#«*> über »as Kriegs gerat," dann weiter die N'euorganisation d e deutschen Polizei, eine besonders wichtige Sache) da es sich hier darum handelt, mit Hilfe der 18 Staaten, die das Reich bilden, 135 000 tatsächliche Militärpolizisten, die rekrutiert, ausgebildet, nach zwöls Jahren entlassen werden gerade wie die Reichswehrsoldaten, umwandeln zu lassen in tüchtige und „harmlose", auf Lebenszeit zu ernennende Polizeibeamte.
Weiter: die Schleifung der rheinischen Befestigungen, die von ihrer Durchführung weit entfernt ist, da viele dieser Befestigungen erst nach dem Abmarsch der Besatzungstruppen geschleift werden. Eine unsagbare Naivität des belgischen Blattes! Deutschland wäre demnach auch dann noch nicht hinsichtlich seiner Abrüstung seinen Verpflichtungen nachgekommen, wenn jene Truppen das Rheinland geräumt haben! Aber noch mehr: Zur weiteren Abrüstung gehört die Veräußerung der 1500 ehemaligen Kasernen der kaiserlichen Armee. 700 davon seien vollkommen in dem früheren Zustand erhalten zum Gebrauch durch die Polizei und größere Behörden; es bleibe noch übrig, die andern 800 zu zerstören oder so umzubauen, daß sie für neue militärische Formationen unbrauchbar werden. Nun, die Reichswehr mag ja Wohl in Bürgerquartieren wohnen!
überhaupt die Reichswehr! Da verlangt man, daß ihr Ausbildungsreglement abgeändert wird; denn das sei viel zu sehr darauf eingestellt, die Reichswehr den Gebrauch von Waffen zu lehren, die ihr verboten sind, z. B. Flugzeuge, Tanks, Infanteriegeschütze, Panzerautos, Gas, Fahrräder (?) u. dgl. Vor allem aber sollen die Lehrgänge aufhören, die in der fortgesetzten Auswahl der Besten dazu bestimmt sind, Generalstabsoffiziere heranzubilden, und in allererster Linie müsse endlich der Große General- st a b selbst zum Verschwinden gebracht werden, der unermüdlich seine Revanche-Ideen verfolge und den die Kontrollkommission trotz ihrer siebenjährigen Bemühungen nicht habe zerstören können. Voller Entrüstung setzt das belgische Blatt hinzu, das englische Kriegsministerium habe durch jene Einladung endgültig diese unheilvolle Einrichtung anerkannt, die, wie man behaupten könne, an allem Unglück schuld sei.
Man sieht also: eine lange Wunschliste all unserer „Verstöße" gegen die Entwaffnungsbestimmungen! Das Blatt sagt, die Zerstörung der Unterstände sei nur ein einziger Schritt zur Abrüstung des Reiches gewesen, dem noch viele andere zu folgen haben. Wir Deutsche wissen ja aus gleichfalls siebenjähriger Erfahrung, daß diese Liste immer länger wird, hinten immer neue Fortsetzungen erhält, sobald die in ihrem vorderen Teile aufgestellten Forderungen erfüllt sind.
Und dann verlangt man von uns obendrein, wir sollen „moralisch abrüsten"!
*
Französische Redehochflut.
Außer PoincarS waren letzten Sonntag in Frankreich, wie das dort an den „Ruhetagen" jetzt so üblich ist, noch mehrere andere Staatsmänner am Reden, aktive und in- aktive. Die wichtigste Rede hielt in seinem Wahlkreise I u p i l l e s der frühere Ministerpräsident C a i l l a u x.
Europa- sagte SS» werde uweraebeo. wenn nickt endlich
König Ferdinands Beisetzung
Das Leichenbegängnis
des Königs von Rumänien.
Die neue Thronfolgesrage.
In Gegenwart von drei Erzbischöfen, zwölf Bischöfen und etwa hundert Priestern fand im Schlosse C o t r o - c e n i zu Bukarest das feierliche Totenamt für den verstorbenen König statt. Am Sarge knieten alle Mitglieder der königlichen Familie und die Prinzen von Hohen- zollern und Hohenlohe.
Nach dem Totenamt wurde der Sarg von Generälen und Adjutanten des Königs zu der Geschützlafette getragen, aus der die Leiche unter dem Trauersalut von 101 Schuß und unter dem Geläute der 400 Kirchen Bukarests durch die Straßen Bukarests geführt wurde. Dem Trauerkondukt schritt der Bürgermeister von Bukarest voran. Ihm folgten eine Schwadron der Leibwache, die Geistlichkeit, die Kriegsinvaliden und die Fahnen sämtlicher rumänischen Regimenter. Hinter dem Sarge schritten die königliche Familie, die Mitglieder des Regentschaftsrates und der Regierung, das Diplomatische Korps und die Vertreter des Parlaments. General Prezan, der frühere Oberlommandierende der Armee, trug die Krone, der älteste General der Armee das königliche Szepter.
Vom Bahnhof Bukarest brächte ein Eisenbahnzug die sterblichen Überreste des Königs nach Kurtea de Arges, einer kleinen Provinzstadt am Fuße der Kar^ pathen, die im 17. Jahrhundert die Hauptstadt der Walachei war. Auf dem Bahnhof von Kurtea hatten die Geistlichkeit, die Vertreter der örtlichen Behörden sowie Ab-
Vernunst einziehe, und die Vernunft werde einziehen, weil die Notwendigkeit eines engen Zusammenwirkens der Völker des alten Kontinents von fast allen Staatsmännern proklamiert worden isL
steye nicht in Worten, sondern in Taten. Es gebe keinen größeren Gewinn für ein siegreiches Volk als den moralischen, und diesen erlange der, der rechtzeitig die in dem Fleisch einer Nation steckenden Dornen herausziehe, die den einen schmerzen, ohne denr anderen etwas anderes ein- zutragen als falschen und gefährlichen Schein. Die französischen Volksmassen hätten das Gefühl dafür, sie seien tief mit der Politik vonLocarno verbunden.
Auch H e r r i o t und Painlevö, der Unterrichtsminister und der Kriegsminister des Kabinetts PoincarS, hielten wieder Friedens- und Versöhnungsreden, Herriot in Vaillh bei der Einweihung eines Gefallenendenkmals, Painlevö bei einem Turnerfest in Royon. Herriot meinte, daß man jetzt das Friedens st atut vorbereiten müsse, das eines Tages in Europa und der ganzen Welt regieren werde. Und schließlich sprach auch noch Paul- B o n c o u r, der bekannte sozialistische Abgeordnete, gegen den Krieg und im Geiste der Völkerverbrüderung.
MIM Hörsings vom Sberpräsidim.
Reichskonferenz des Reichsbanners.
Der Oberpräsident der Provinz Sachsen, Otto Hör- sing, hat bei der preußischen Regierung sein Rücktritts- gesuch eingereicht. Der Grund soll in der Absicht Hör- sings zu suchen sein, sich der Leitung des Reichsbanners, dessen Bundesführer er ist, voll und ganz widmen zu
Ob der Rücktritt Hörsings freiwillig erfolgt ist, ist fraglich. Hörsing, der Sozialdemokrat und eine stark um-
Hörsing. Severing.
kämpste politische Persönlichkeit ist, hat bekanntlich in seiner Eigenschaft als Reichsbannerführer in einem Aufruf an das Reichsbanner zu den blutigen Vorgängen in Wien Stellung genommen, indem er die Maßnahmen der Wiener Polizei als ungeeignet bezeichnete und betonte, daß „die Hilflosigkeit der österreichischen Regierung das Unheil zu einer Katastrophe habe werden lassen". Die Reicbsreaieruna bat daraufhin auf d i p l o -
gesandte von 12 000 Gemeinden Aufstellung genommen. Wiederum wurde der Sarg von Generälen auf die Geschützlafette gestellt, wiederum ertönten der Trauersalut von 101 Schuß und das Trauergeläut der Glocken. Etwa 1000 Priester begleiteten den Zug nach dem Kloster, in dem König Ferdinand neben den Gräbern König Carols und der Königin Elisabeth (Carmen Sylva) seine letzte Ruhe finden soll.
Proklamation des NegenischastsraSes.
Nach der Beisetzung des Königs veröffentlichte der Regentschaftsrat eine Proklamation, in der er die Verdienste des verstorbenen Königs würdigt und die Gefühle der Dankbarkeit für die Dynastie zum Ausdruck bringt. Am Schlüsse der Proklamation gibt er das feierliche Versprechen, daß er dem König Michael die Möglichkeit geben wolle, über ein Land zu herrschen, das durch seinen Fortschritt die Hoffnungen der Vorfahren erfülle.
Viel erörtert wird die Tatsache, daß zurzeit R u - mänien ohne Thronfolger ist. Bisher war im Lande das Gesetz der direkten Rachsolge in Kraft. Run aber, da der Thronfolger Michael zum König proklamiert wurde, regt sich wieder die Sorge um das Kommende. Der Ministerrat »oll beschlossssen haben den Prinzen Nikolaus, des verstorbenen Königs jüngsten Sohn, zum Thronfolger zu ernennen. Es müßte zu diesem Zweck eine Gesetzesvorlage erledigt werden, wonach auch die Seitenlinie zur Thronfolge berechtigt wäre. Im übrigen wird nach wie vor betont, daß die über Pläne des ehemaligen Kronprinzen verbreiteten Gerüchte vollkommen falsch seien.
I malischem Wege in Wien sich wegen dieser Äußerungen Hörsings entschuldigen lassen, die auch als Entgleisung von der demokratischen und Zentrumspresse g e - ____„ssr-^wevÄ rSittbänger neben den Sozialdemo- kraten zum Teil Mitglieder des Reichsbanners sind.
Auch Hörsing selbst hat auf der Reichskonferenz des Reichsbanners „Schwarz-Rot-Gold", die in Magdeburg tagte, den von ihm erlassenen Aufruf als unglücklich stilisiert bezeichnet. Sachlich wollte er allerdings von seinen Ausführungen nichts zurücknehmen. Auf dieser Taguug gab Hörsing dann auch seinen Rücktritt vom Oberpräsidium bekannt, um, wie er sagte, sich ganz der Führung des Reichsbanners widmen zu können, da er dann nicht mehr durch seine Eigenschaft als Staatsangestellter in dieser Amtsführung gehindert wird. Ihm komme es vor allem darauf an,'sich frei ausfprechen zu können und zu handeln als Führer des Reichsbanners, dessen Grundlagen niemals vergessen werden dürften. Ein Zentrums- redner und ein Demokrat sprachen dem Führer des Reichsbanners ihr Vertrauen aus und betonten, daß nunmehr für ihren Führer gänzliche Ellbogenfreiheit geschaffen worden sei.
Eine von der Reichskonferenz zum Schluß der Verhandlungen einstimmig angenommene Entschließung dankt Hörsing für sein mannhaftes Auftreten, das die Lebensnotwendigkeiten der Republik allen anderen voran- stelle. Der Kampf des Reichsbanners gegen Monarchisten und Kommunisten werde unter Hörsings Führung noch kraftvoller und planmäßiger als bisher fortgeführt werden. Außerdem beschloß die Reichskonferenz, dem Reichspräsidenten an seinem 80. Geburtstag die Achtung und Verehrung auszusprechen, die „ihm als dem auf Grund der republikanischen Verfassung berufenen Präsidenten zukommt". Zu einer Beteiligung an der Hindenburg-Spende soll auf die Mitglieder kein Zwang ausgeübt werden.
Wer der Nachfolger Hörsings als Oberpräsident der Provinz Sachsen werden wird, wird sich erst in den nächsten Tagen entscheiden. An erster Stelle wurde der Name des ehemaligen preußischen Innenministers Severing genannt; doch soll dessen Ernennung wieder fraglich geworden sein, da der Gesundheitszustand Seve- rings noch viel zu wünschen übrigläßt. Als weitere Kandidaten kommen der sozialdemokratische Abgeordnete, der ehemalige deutsche Gesandte in Brüssel, Landsberg und andere linksstehende Persönlichkeiten in Frage.
Ein westfälischer Schacht eingeffiirzt.
Grubenunglück bei Reckltnghausen.
Der neue Schacht 3 der Zeche „Auguste Viktoria" in Hüls bei Recklinghausen ist durch den Bruch der Säulen, auf denen der Schacht ausgebaut war, vollkommen vernichtet. Der Schachtturm und die Fördermaschinen find in die Tiefe gestürzt. Daher find von dem Schacht 3 aus nach Schacht 1 und 8 große Wasser- und Schlammassen in die Hauptverbindungsstrecke eingedrungen. Die Nachtschicht sowie die ganze Belegschaft über Tage von 30 Mann verließen fluchtartig die Anlagen.
Es ist auch noch gelungen, die in Schacht 1 und 2 befindlichen Leute zutage zu fördern, mit Ausnahme von fünf Personen, die selbst die Rettungsmannschaften nicht mehr hervorziehen konnten. Dabei gerieten die Rettungsmannschaften selbst in Lebensgefahr. Sie wurden mit Zustimmung des Betriebsrates zurückgezogen. Die Unglücks- stelle ist in einem Umkreis von einem Kilometer durch ein