Hersfel-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfeld mit den Beilagen: Leimatschollen / Illustriertes Anterhallungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
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Nr. ISO Donnerstag. Sen 4. August 1927 77. Jahrgang
planmätzige Deutschenhetze.
Es hieße die Augen vor einer Tatsache verschließen, wollte man leugnen, daß das Verhältnis zwischen Deutschland und den West machten in den letzten Monaten trotz der endgültigen Erledigung der Entwaffnungsfrage keineswegs ein besseres, sondern ganz zweifellos schlechter geworden ist. Die Auseinandersetzungen mit dem belgischen Kriegsminister d e Bro - q u e v i l l e waren der Auftakt zu der sachlich weit schärferen Auseinandersetzung mit Frankreichs Regierung, eine Auseinandersetzung, die in der Rede Poineards über die Vorgänge in O r ch i e s ihren Ausgang nahm, also ebensowenig wie die Beschuldigungen des belgischen Ministers von uns veranlaßt war, die wir aber nicht unwidersprochen lassen durften, um sie nicht Geschichte werden zu lassen. Die Antwort waren schwere Unfreundlichkeiten.
Und nun eine neue Unfreundlichkeit auch aus Eng - l a n d, wo schon der Unterstaatssekretär des Auswärtigen, Locker Lampson, uns erst vor wenigen Tagen sagte, daß an eine Räumung der Rheinlande vorläufig nicht zu denken sei. Das war noch nicht das Letzte; denn nun schreibt die sehr maßgebliche Londoner Zeitung, die „Times" einen Artikel, in dem sie sich auf den belgischen Standpunkt stellt, das vom deutschen parlamentarischen Untersuchungsausschuß veröffentlichte Material über die angeblichen deutschen Kriegsgreuel als „nicht ganz her Wahrheit entsprechend" bezeichnet und wo uns obendrein noch gesagt wird, daß die fortwährenden Unschuldsbeteuerungen Deutschlands nicht länger geduldet werden könnten, weil die Alliierten diese schon längst in aller Form als „unbegründet und unzulässig erklärt" hätten. Was könne mehr dazu beitragen, den Kriegsgeist zu verewigen, als solche Veröffentlichungen wie der Bericht der deutschen Kommission, während doch Poincarö in Orchies erklärt habe, den Kriegsgeist zum Vergessen bringen zu wollen! Aber die Deutschen hielten an ihm fest und das
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haarscharf dasselbe, was die belgischen Noten uns vor-
des Völker
warfen.
Um ein deutliches Wort zu gebrauchen: da bleibt uns der Verstand stehen! Man überhäuft uns mit Beschuldigungen über Gegenwart und Vergangenheit und wir sollen das alles geduldig einstecken. Daran rst nicht zu denken und wahrscheinlich findet schon Ende dieser Woche eine Sitzung des Reichskabinetts statt, die sich mit dieser ganzen politischen Situation beschäftigen wird und schon deswegen beschäftigen muß, weil im September die große Herbsttagung des Völkerbundes erfolgt. Wie verlautet, soll aber dort Dr. Stresemann als deutscher Delegierter die ganze Frage der Locarnoauswirkungen — der nicht vorhandenen — sowie dieser planmäßigen Hetze gegen Deutschland zur Sprache bringen. Er wird hierfür die Zustimmung aller deutschen Parteien haben.
Daran ändert nichts, wenn jetzt schließlich auch M Paris wieder einmal die Äußerungen gewisser Deutscher über eine angebliche deutsche Aufrüstung begeisterte Verwendung finden, um den „fchlechten Willen" Deutschlands zu „beweisen". Dieses Mal ist es der bekannte Professor Förster, der dem ahnungslosen Frankreich den Plan furchtbarer deutscher Kriegsrüstungen — gegen Polen be- fttmmt — enthüllt hat und natürlich überaus ernst genommen wird. Richt diesen Unsinn nehmen wir ernst, sondern nur, daß man diesen Märchen in Paris ohne weiteres Glauben schenkt oder wenigstens so tut. Denn dies ist das Entscheidende und vielleicht wird man nun verlangen, daß wir nicht 'einmal dagegen protestieren sollen! Es wird allmählich höchste Zeit, zum mindesten den Versuch zu machen, in Genf durch persönliche Rücksprache der leitenden Stäatsmänner wieder eine bessere Atmosphäre herzustellen. Denn noch immer gilt das Wort Bismarcks, daß die Völker die Kosten für die Fensterscheiben zu bezahlen haben, die ihre Presse einschlägt.
Wie verzichtet auf Medermhl
Amerikas präsidentensorgen.
it Wer wird Kandidat?
Im kommenden Jahr steht die Neuwahl des Präsi- denten der Vereinigten Staaten bevor. Bisher hatte man fast mit Gewißheit angenommen, daß der jetzige Präsident Eoolidge wieder für die Republikanische Partei kandidieren und mit größter Wahrscheinlichkeit wiedergewählt würde. ,Diese Gewißheit ist nun unerwartet durch die Verzichtleistung Coolidges auf seine Kandidatur erschüttert worden.
Präsident Coolidge hatte die Pressevertreter in Rapid- City, wo er sich aufhielt, ersucht, ihn aufzusuchen. Als die Pressevertreter im Arbeitszimmer des Präsidenten erschienen waren, trat Coolidge an das Ende eines langen Tisches, forderte die Pressevertreter auf, sich in einer Reihe
Präsident Coolidge.
hinter ihm aufzustellen und sagte: Ich habe eine kurze Erklärung für Sie. Jedem Pressevertreter wurde daraus die mit Schreibmaschine auf kleinen Blättern geschriebene Erklärung überreicht, daß Coolidge nicht die Absicht habe, für die Präsidentschaft 1928 zu kandidieren. Der Erklärung war keine weitere Begründung angefügt.
Die Verzichtleistung Coolidges hat auf die ameri- nische Öffentlichkeit als eine der größten politischen Überraschungen der neueren Geschickte gewirkt. Die Presse gibt
gerichtet sein müssen, also aus den Schutz von Naturdenkmälern, von seltenen oder gefährdeten Tier- und Pflanzen- arten. Starre Verbote werde das Gesetz vermeiden müssen. Der Schutz müsse beweglich gehalten werden: da der Naturschutz Widerstreitende Interessen der Landwirtschaft, der Gewerbefreiheit, des Bergbaues, des Verkehrs, des Eigentums und sonstiger Berichtigungen usw. auslöse, seien Vorbehalte nötig, die einen Ausgleich der Interessen ermöglichten. Erziehung des Volkes und insbesondere der Jugend müßten allmählich dazu führen, daß die Opfer, die im Interesse dess Naturschutzes nötig seien, freiwillig gebracht würden. Landtagsabgeordneter Held gab der Überzeugung Ausdruck, daß das Gesetz im Landtage sehr schnell verabschiedet werden könne, und schlug eine entivreckende Entschließung vor.
die 'verschiedensten Beweggründe für das Vorgehen Coolidges an, weiß aber offenbar keinen genügenden Aufschluß zu geben.
Die Erklärung geschah am vierten Jahrestage der Übernahme der Präsidentschaft durch Coolidge nach dem Tode Hardings. Coolidge übernahm damals als Vizepräsident gesetzmäßig den obersten Posten der Union und wurde dann 1924 gewählt.
Coolidges Beweggründe.
Nach einigen Stimmen soll Coolidge nicht unbeeinflußt geblieben sein von der gerade in der letzten Zeit in der amerikanischen Öffentlichkeit und auch in der Republikanischen Partei wachsenden Bewegung gegen eine noch- malige Kandidatur, die sich nicht gegen die Person Cooüdges richtete, sondern gegen das Prinzip einer drei- m a l i g en Amtstätigkeit. Ferner haben die Farmer des Westens seit langem verlangt, daß die Republikanische Partei endlich einen Kandidaten aufstelle, der sich der Interessen der amerikanischen Landwirtschaft und der Baumwollpflanzer annehme. Auch liegt es nahe, den Entschluß mit dem Scheitern der Genfer Dreimächtekonferenz in Zusammenhang zu bringen, deren Zustandekommen sich Coolidge besonders angelegen sein ließ. Seine Abrüstungsideen für die See- streitkraste haben aber dort ein vollständiges Fiasko erlitten.
Nur ein Schachzug?
Die Tatsache, daß Senator Borah noch vor wenigen Wochen erklärte, er könne in Coolidges Kandidatur für 1928 keine Verletzung der Tradition sehen, wird von den Verfechtern dieser Meinung mit dem unklaren Wortlaut der Erklärung Coolidges zusammengehalten und daraus der Schluß gezogen, daß der Präsident nur Gegenäuße- rungen seiner Parteigänger herausfordern wolle. Daß er in der Erklärung einen klaren Text vermied, gilt diesen Kreisen als ein hinreichender Beweis, daß der Präsident umzustimmen sei, wenn genügend starke Gruppen trotz seiner Erklärung seine Kandidatur verlangen sollten.
Andere Präsidentschaftskandidaten.
Der gegen Coolidge genannte Kandidat des linken Flügels der Republikanischen Partei (Farmer und Baum- wollpflanzer) ist der Senator L o w d e n, der im vorigen Jahre eine große landwirtschaftliche Studienreise durch Europa gemacht hat, um das Genossenschaftswesen und die öffentlich-rechtliche Organisation des landwirtschaftlichen Kredits zu studieren. Die Großindustrie würde beim Ausscheiden Coolidges wahrscheinlich für den Staats- sekretär für den Handel, H o o v e r, eintreten. Seit längerer Zeit ist der jetzige Vizepräsident General Dawes als Nachfolger Coolidges genannt worden, ebenso der eere Staatssekretär Hughes und der Sprecher des räsentantenhauses Lonawortb.
Konferenz die Wirkung der Zersplitterung der christlichen Kirchen besonders in Amerika im Laufe der letzten Jahrhunderte schilderte. Das letzte Ziel der Konferenz sei oS, zu untersuchen, wieweit eine
Annäherung der verschiedenen Kirchengruppen
in Fragen der Lehre und der Kirchenverfassung mögpch sei.
Zum ersten Verhandlungsgegenstand der Konferenz erfolgten kurze Ansprachen programmatischer Natur der verschiedenen Kirchengruppen. Für die deutsche Kirche sprach zunächst Professor Dr. E l e r t - Erlangen. Er brächte die Sympathien des deutschen Luthertums an den Bestrebungen der Konferenz zum Ausdruck und begrüßte es, daß man end- lich einen Versuch mache, das Übel der unseligen Kirchen« Zerrissenheit an der Wurzel zu fassen. ;
Ein NaimschLchgesetz notwendig.
Vorlage im Preußischen Landtag.
Der zweite Deutsche Naturschutztag in der K a s s e l e r Stadthalle wurde mit einem Begrüßungsabend eröffnet. In der Ansprache des Vorsitzenden, Staatsrat von Reuter-München, kam besonders die Notwendigkeit eines gesetzlichen Schutzes der Naturschutzbestrebungen und einer Vertiefung der Erkenntnis von den Aufgaben des Naturschutzes in weiten Kreisen der Bevölkerung zum Ausdruck.
Bei den sachlichen Verhandlung^ sprach für die Reichs« und Staatsregierung Staatssekretär Dr. Lam- mers. Er führte aus: Die preußische Staatsregierung, die die kulturelle Bedeutung des Naturschutzes durchaus bejahe, sei von der Notwendigkeit einer gesetzlichen Ordnung überzeugt. Ein Naturschutzgesetz werde dem Preußischen Landtag demnächst zugehen. Nach Begrüßungsworten des Oberbürgermeisters Dr. S t a d l e r - Kassel machte Professor Dr. F r e y e - Leipzig den Versuch, den Bestrebungen des Naturschutzes eine wissenschaftlich vertiefte Grundlage zu geben. In einem Vortrag „Wachs- tuyr und Werk" führte Ministerialrat Dr. S ch n i tz l e r - Berlin aus: Das Gesetz werde vornehmlich auf die Er- baltuna der wichtigsten ZeMM untern Vemangenhett
Eröffnung der Welikirchenkonserenz.
90 Kirchengruppen in Lausanne.
Die Weltkirchenkonferenz für Glauben und Kirchenversaf- fung ist in der Aula der Universität Lausanne feierlich eröffnet worden. Insgesamt sind 50 Länder mit 439 offiziellen Delegierten vertreten. Unter den Abordnungen der 90 Kirchen- gruppen, die Vertreter entsandt haben, bemerkt man hervorragende Führer der östlichen Kirche sowie der englischen Staatskirche. Von der deutschen Delegation feien besonders erwähnt Professor Hermelink-Marburg, Professor Heller-Marburg, Dr. Gorgarten-Dorndorf, Prälat Schöll- Stuttgart, der Leiter der Berliner Stadtmission, D. Philipps, und Reichsjugendwart Dr. Stange-Kassel, der Führer deS evangelischen Jungmännerwerks in Deutschland. Generalsuperintendent Zöllner-Münster vertritt inofsizi-ll den Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß, dessen off enteile Beteiligung auf Grund seiner Verfassung nicht möglich war. Das Präsidium hat der amerikanische Bischof Brent-Newyork.
„Zu einer Aussprache, nicht zum Wortstreit haben wir uns hier vereinigt. Aussprache hebt die Berührungspunkte hervor, Wortstreit übertreibt die Unterschiede," dieses Motto stellte Bischof Brent der Konferenz in seiner Erkssnungs- rede voran.
Vor der ersten Geschäftssitzung fand in der überfüllten Kathedrale ein FestLottesdienst statt bei dem der Präsident der
Kommt ein Abschluß mit Frankreich?
Die wichtigst.e n Punkte des Provisoriums.
Serruys, der Präsident der französischen Handels- Vertragsdelegation, hat sich über den Stand der d e u t s ch - französischen Handelsvortragsverhand- lungen, die vor dem Abschluß stehen sollen, geäußert. Er erklärte, daß sich das in Aussicht genommene neue Abkommen von dem am 30. Juni abgelaufenen Provisorium vor allem dadurch unterscheide, daß es
1. die Gesamtheit der für den Güteraustausch in Frage kommenden Produkte beider Länder umfassewäh- rend in dem alten Provisorium nur etwa 20 Prozent der CorlHeaSaugfutte berücksichtigt gewesen seien; 2. daß es die Beschränkung des beiderseitigen Güteraustausches durch Kontingente fallen lasse, um auf der Basis einer gegenseitigen Meistbegünstigung beide Länder auf den gleichen Fuß wie ihre sämtlichen Konkurrenten zu stellen; daß es Bestimmungen enthalte, die sonst nur ein end- gültiger Handelsvertrag auszuweisen habe (Nieder- laffungsrecht, Frage der Konsulate und deutsche Ausfuhr nach den französischen Kolonien).
Unter diesen Umständen würde das neue Abkommen bereits als endgültiger Vertrag angesehen werden können, wenn die vom französischen Parlament erteilte Er- mäÄLjgunL Mir Abänderung des fran-