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Hersfelöer Tageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Anzeigenpreis: die einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, die Reklamezelle 50 Pfennig. (Grunöfchrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preis­nachlaß gewährt. Zür die Schristleitung verant­wortlich: Kranz Klink in Hersfeld. Kernsprecher Nr. S

Monatlicher Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.S0 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer w o.so Reichs-Mark ^ druck und Verlag von Ludwig

/lmtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelö |_s»<. ^

mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche TageSfragen.

Nr. 183

Montag, den S. August 1927

77. Jahrgang

Das Spiel geht weiter.

Wenn die planmäßig begonneneEnthüllungs". aktion über angebliche deutsche Rüstungspläne oder über ebenso angebliche Verstöße gegen die Versailler Ent» waffnungsbestimmungen nicht einen so überaus ernst» haften politischen Hintergrund hätte, so wäre man bis- weilen versucht, über manches. zu lachen, was dabei an Beweismaterial" das Licht der erstaunt blickenden Welt erblickt, das aber in Paris. London und Brüssel überaus ernsthaft genommen wird. Oder man tut wenigstens so, als ob man es ernsthaft nimmt.

Da ist ein Geheimbericht des Generals G u i l l a u - m a t, den er an den französischen Kriegsminister Painlevs und den Außenminister Briand geschickt hat. Guillaumat kommandiert die französischen Streitkräste im besetzter» Rheinland und berichtet nun furchtbare Dinge alles Tatsachen" natürlich über die deutschen Rüstungen im besetzten Gebiet. Jawohl, im besetzten Gebiet, unter den Augen der 80 000 Franzosen, Engländer und Belgier. Da werden Sportgesellschaften, Reitervereine und ähnliches gegründet, alles nur, um die deutsche wehr­fähige Mannschaft und die Jugend militärisch auszu- bilden und ein Rekrutenheer zu schaffen. Denn sie mar­schieren, treiben körperliche Übungen, werden als Reiter und Geschützführer ausgebildet. Noch mehr aber, viel viel mehr: da zeigt sich, laut Guillaumat, unter der Be­völkerung dasdeutliche Bestreben", sich unter den ver­schiedensten Vorwänden zu bewaffnen. Freilich wagt der so sehr um feiner oder der Besatzungstruppen Sicherheit besorgte General nicht zu behaupten, di ß diesBestreben" auch Erfolg gehabt hat.

Noch aus einigen anderenTatsachen" werden die finsteren Pläne der deutschen Regierung deutlich sichtbar: sie hat Wege und Eisenbahnlinien ausbessern lassen, plant den Bau neuer Brücken alles natürlich nur, um die Schnelligkeit des deutschen Aufmarsches zu beschleu­nigen. Und wozu das Radio? Auch dieses dient nur dem Zweck, bte Schlagkraft des deutschen Heeres zu er­höhen. Sagt Guillaumat. Er sagt auch, daß das Flug-, nicht zuletzt das_SLgEu2wLse^M,ifj^M^j^S^ satzung bedeute. Man sieht also, von welch furchtbaren Gefahren diese umgeben ist, und das war alles nur mög­lich, weil man der deutschen Regierung Konzessionen machte, sie sich im besetzten Gebiet also in dem Sinne be- tätigen kann, den Guillaumat und der französische General­stab scharjäugig enthüllen.

Denn darunter guckt der Pferdefuß hervor: der Be­richt hält es auf Grund diesesBeweismaterials" für selbstverständlich, daß aus dem Rheinland die Besatzung vorerst nicht entfernt werden darf, deren Anwesenheit dieEntwicklung des deutschen Programms" zwar nicht verhindern, aber doch verzögern könne; wenn die Be­satzung abmarschiert sei, dann sei auch dies nicht mehr möglich.

Man hat sich in Deutschland den Kopf zerbrochen, welches die dunklen Quellen für die Anschuldigungen seien, die der belgische Kriegsminister de Broqueville gegen Deutschlands Abrüstung richtete; vielleicht war dieser Bericht Guillaumats auch eine von diesen Quellen. Mög­lich ist ja alles heutzutage, da man eine geschlossene Aktion gegen Deutschland in Gang gebracht hat, um eine ent­sprechende Atmosphäre auf der bevorstehenden Genfer Völkerbundtagung zu schaffen. Denn das ist dieses Treibens letztes Ziel und deswegen kann man über einen Bericht wie den oben angeführten des Generals Guillau­mat lerder nicht lachen. u

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Völkerbundrat im September.

D i e T a g e s 0 r d n u n g.

- Aus der bekanntgegebenen Tagesordnung der Sep­tembertagung des Völkerbundrates in Genf ist zu ent­nehmen:'Der Rat tritt am 1. September unter Vorsitz des chilenischen Vertreters Villegas zusammen und wird sich vorerst mit den Tätigkeitsberichten der verschiedenen Aus­schüsse für Wirtschaft, Finanz, Kolonialmandate, geistige Zusammenarbeit und internationale Notstands­hilfe und mit den Ergebnissen der Verkehrs- und Welt­wirtschaftskonferenz beschäftigen. Die Danziger Frage wird auch ausführlich behandelt werden. Hrer kommt zuerst der Bericht des Luftausschusses, der Militär­kommission in Betracht, der sich bekanntlich im vorigen Monat in sehr zweideutiger Weise über die Frage der Zivilluftfahrt auf dem Danziger Gebiet ausgesprochen hat. Eines der schwierigsten Probleme dürfte der unga­risch-rumänische Optantenstreit werden, der sich seit 1923 hinzieht und im März und Juni dieses Jahres nicht gelöst werden konnte. Endlich kommt die Differenz zwischen der griechischen Regierung und der deutschen V u l k a n w e r f t bezüglich der Erbauung eines von der griechischen Regierung bestellten Kreuzers zur Verhand­lung, den Griechenland jetzt unter Berufung auf Artikel 190 und 192 des Versailler Diktats nicht übernehmen will.

Neue Erklärung Eoolröges.

Rücktritt vom Amt am 4. März 19 29.

Im Anschluß an den Abbruch der Genfer Marine­konferenz war berichtet worden, daß Präsident Coolidge 1929 eine neue Abrüstungskonferenz einberufen werde. Diesen Gerüchten tritt jetzt Coolidae selbst entaeaen.

Die Affenfatspanik in Amerika

Vombenexplofionen in

Rewtzork und Philadchhia.

Vier Untergrundbahnhöfe zerstört.

In großen Schrecken ist namentlich die Bevölkerung der großen nordamerikanischen Städte gesetzt worden. Fast gleichzeitig wurden Bombenanschläge an verschie­denen Stellen verübt, die große Zerstörungen anrichteten und auch Menschenleben vernichtet haben sollen, obwohl darüber zunächst keine Mitteilungen ausgegeben werden.

Auf der Newyorker Untergrundbahn erfolgten in der Nacht vier gewaltige Explosionen. Die Anschläge ereig­neten sich auf der Broadway-Linie, 28. Straße, und auf der Fourth-Avenue-Linie, 23., 28. und 33. Straße. Nach den ersten Berichten wurden durch die Broadway-Explo- sion sieben Personen verletzt. Nicht nur der Untergrund­bahnverkehr wurde unterbrochen, sondern auch der Straßenbahnverkehr. Der Broadway war in der Nähe der Explostonsstelle mit Glassplittern und mit Waren be­deckt, die durch die Gewalt des Luftdrucks aus den Laden­fenstern herausgeschleudert worden waren. Die Polizei nahm Absperrungen vor, um Plünderungen der in Mit­leidenschaft gezogenen Länden und Banken zu verhüte,». Die Polizei gibt an, es hätten nur zwei Explosionen statt- gefunden.

Die Erregung auf den Untergrundbahnlinien stieg ins Ungeheure. Die Züge mußten überall angehalten werden. Sechs Häuserblocks weit wurden in den Wolken­kratzern die Fenster zertrümmert, in Hotels und Restau­rants wurden die Gäste von ihren Stühlen geschleudert. Eine Person wurde verhaftet, doch scheint es sich dabei nur um einen Plünderer und nicht um einen Attentäter zu handeln. Von den Verbrechern selbst fehlt jede Spur.

Ungefähr um dse nsiMiM- ^ij^ie baH^iitrakft»««* Berichte besagten, wurde ein Bombenattentat auf die Emanuel-Presbyterien-Kirche in Philadelphia unter­nommen, das ebenfalls große Verwüstungen anrichtete. Der um die Kirche liegende Block von 15 Straßen wurde in Mitleidenschaft gezogen. Der Luftdruck war so stark, daß sogar einige Straßenbahnwagen umgeworfen wur­den. Der Attentäter warf die Bombe von der Straße aus mitten in den Kirchenraum; er konnte entkommen, ohne erkannt zu werden.

Bei Durchsuchung der Kirche in Philadelphia fand man noch eine zweite Bombe, die nicht explodiert war. Sie bestand aus einer Kanne mit Nitroglyzerin und war mit einer Zündkappe versehen, die offenbar versagt hatte. Die Bombe wurde Sachverständigen zur Untersuchung übergeben und man hofft dadurch den Urhebern der Atten­tate auf die Spur zu kommen.

Eine der Explosionen in Newyork entstand dadurch, daß der Untergrundbahnzug über eine auf den Schienen liegende Bombe hinwegfuhr, die bei der Berührung mit den Rädern des ersten Wagens in die Luft ging. Dabei wurden der Zugbegleiter und ein Passagier schwer ver­letzt. Auf der anderen Station ist die Bombe auf eine bestimmte Zeit abgestimmt gewesen; sie explodierte in der Nähe des Schalters, wobei eine Fahrkartenverkäuferin ebenfalls schwer verletzt wurde.

Anarchistische Racheakte.

Allgemein ist die Meinung, daß es sich bei den Bombenanschlägen um Racheakte der Anarchisten handelt, die ihre Ursache in der Angelegenheit SaccoVanzetti haben. Jedoch wird behauptet, daß durch solchen Terror die Möglichkeit der Begnadigung für die beiden Ver­urteilten nicht vermehrt, sondern auf ein Nichts ver­mindert ist. Die Bevölkerung ist aufs äußerste erbittert. Die Hinrichtung Saccos und Vanzettis soll in der Nachi vom 10. zum 11. August stattfinden. Den Verteidigern Saccos und Vanzettis ist auch Professor Francis Bahre von der Harvard-Universität beigetreten, ein Schwieger­sohn Wilsons. In den nächsten Tagen sind weitere Schritte der Verteidigung beim Obersten Staatsgerichts­hof von Massachusetts und beim Obersten Gericht in Washington geplant, um die Aufschiebung der Hinrich­tung zu erreichen. Aufsehen erregte die Meldung, daß die Argentinische Kammer einen Beschluß gefaßt hat, beim Washingtoner Parlament zugunsten Saccos und Vanzettis zu intervenieren.

Vorsichtsmaßregeln.

Infolge der Attentate in Newyork und Philadelphia sind in allen größeren Städten Amerikas sofort umfang­

In seiner Sommerfrische in Rapid City hat er Presse- Vertretern gegenüber erklärt, daß er nicht die Absicht habe, noch eine Seeabrüstungskonserenz einzubcrufen, da er am 4. März 1929 zurücktreten werde. Diese Erklä­rung wird allgemein so gedeutet, daß der Präsiden! unter keinen Umständen eine Wiederwahl annehmen werde.

Nur der Vollständigkeit halber sei mitgeteilt, daß in Amerika die phantastischsten Meldungen über neue Flottenbaupläne der Vereinigten Staaten im Umlauf sind.

reiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden. Das Oberste Gericht in Washington erhält jeden Tag einen Stoß Drohbriefe, in denen weitere Attentate angekündigt werden. Alle Untergrundbahnstationen in Newyork sind von der Polizei besetzt worden, da man weitere Attentate gefürchtet. D e gesamten Polizeikräfte Newyorks in Stärke von 14 000 Mann sind zum Schutz der öffentlichen Gebäude, Bahnstationen, Museen und Börsen mobilisiert worden.

Neue Bombenanschläge.

' In Baltimore und Argentinien.

Die Erregung in Nordamerika wurde noch gesteigert durch Mitteilungen über einen Versuch, das Haus des Bürgermeisters von Baltimore durch eine Bombe in die Luft zu sprengen. Während der Bürgermeister sich gerade außerhalb der Stadt aufhielt, befanden sich seine Gattin, seine Kinder und andere Angehörige im Hause. Die Bombe explodierte in der Nähe der Veranda, die sie zerstörte. Verletzt wurde niemand. Die Feuerwehr fand in dem Wohnhause des Bürgermeisters noch eine zweite Bombe.

Wie aus Montevideo gemeldet wird, wurde eine nicht explodierte Bombe vor der dortigen Zweigstelle der Newyorker National City-Bank gefunden.

In einem Restaurant in C h i k a g o und einem kleinen Laden in Rochester erfolgten Explosionen. Die Polizei bringt diese Fälle jedoch nicht mit der Sacco-Van- zetti-Angelegenheit in Zusammenhang.

Gewaltakte in Argentinien.

Die Bewegung für einen Generalstreik als Sym­pathiekundgebung für Sacco und Vanzetti dehnt sich in üixg^r-iitiian mrs,^-.<-«.»<11 ^,mnu mj^iinui# werden Gewaltakte gemeldet. In Pergamine in der Provinz Buenos Aires wurde vor einem Automobilgeschäft eine Bombe geworfen. Die Schaufenster wurden zertrümmert. Eine weitere Bombe wurde auf eine Eisenbahnstrecke geschleudert, richtete jedoch nur unbedeutenden Schaden an.

In den Straßen fanden Demonstrationen statt. Die Ladenbesitzer wurden gezwungen, ihre Läden zu schlie­ßen. Diejenigen, die nicht geschlossen waren, wurden mit Steinen beworfen.

Ein unter dem Verdacht, an den Newyorker An­schlägen beteiligt gewesen zu sein, festgehaltener Mann hat ausgesagt, er heiße Maurice L. Seigel, sei 30 Jahre alt und von Beruf Zahnarzt. Er sei vor 14 Jahren aus Rußland eingewandert. Seigel bestreitet, irgendwie an dem Fall Sacco-Vanzetti interessiert zu sein.

Sämtliche Untergrundbahnstationen stehen unter be­sonderer Bewachung, auch sämtliche öffentliche Gebäude, Gerichtsgebäude, Börsen, Kirchen, Klubhäuser und die wichtigsten Bureaus und Wolkenkratzer. Die unifor­mierte Polizei und die Kriminalpolizei haben Befehl, alle Personen, die verdächtige Pakete tragen, anzuhalten und deren Inhalt zu untersuchen. Für sämtliche Groß­städte des Ostens, z. B. Boston, Philadelphia und Balti­more, wurden ähnliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Verschiedene Personen wurden verhaftet, aber nach der Vernehmung entlassen. Bei den Explosionen auf den beiden Newyorker Untergrundbahnstattonen wurden mindestens 20 Personen verletzt, davon zwei schwer. Auf dem Untergrundbahnhof 4. Avenue war die Bombe in den Toilettenräumen versteckt worden.

Das Attentat in der Presbyterianerkirche in Phila­delphia ist zweifellos darauf zurückzuführen, daß der Geist­liche am letzten Sonntag über den Fall Sacco und Van­zetti predigte und denroten Radikalismus* in scharfen Ausdrücken verurteilte.

Der Sekretär des Gouverneurs Fuller erklärte, der Gouverneur werde über die Petition, in der er um Ein­leitung eines neuen Prozesses in der Sache Sacco-Van­zetti ersucht werde, erst am Montag entscheiden.

Bewachung der amerikanischen Botschaft in Paris.

Die amerikanische Botschaft und die übrigen Dienst­stellen der amerikanischen Regierung in Paris werden im Hinblick auf den Fall Sacco und Vanzetti scharf bewacht. Außer der Delegation des internationalen Gewerkschafts­kongresses ist auch eine Delegation der Internationalen Roten Hilfe auf der amerikanischen Botschaft erschienen, um für die Begnadigung Saccos und Vanzettis einzu- treten. Der Ministerrat hat beschlossen, alle öffentlichen Kundgebungen zugunsten Saccos und Vanzettis zu berieten.

Japanischer Vorstoß in China. ,

Zusammengehen mit England?

Wie in Schanghaier politischen Kreisen verlautet, soll sich Japan zur Aufstellung gewisser Forderungen ent- schlossen haben, die den kriegführenden chinesischen Par­teien zugestellt werden sollen.

Es soll angeblich für den Fall, daß keine Einigung zwischen dem chinesischen Norden und dem Süden zu- stände kommt, die Beibehaltung der Truppen.