Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 188 (erstes Nitt)
Gonnabeuö, den 13. August 1927
77. Jahrgang
Um ein Haar.
Gefahr für die Londoner Börse — Das letzte Stünd- Lem? — Justiztragödie. — Das Weltgewissen.
Viel hätte nicht gefehlt, und die Welt wäre in diesen Tagen von der niederschmetternden Nachricht überrascht worden, daß die Londoner Börse vom Erdboden verschwunden sei. In ihrer nächster Nachbarschaft war ein großes Burau- und Geschäftshaus, anscheinend infolge von Bauarbeiten in dessen unmittelbarer Umgebung, auseinandergeborsten und zur Hälfte zusammengestürzt, und mißtrauische Beobachter wollten bereits in den Mauern des Börsengebäudes gefahrdrohende Risse und Sprünge entdeckt haben. Um ein Haar wäre es von den Gewalten der Tiefe verschlungen worden. Jetzt sind wohl schon wieder fleißige Hände an der Arbeit, um zu halten, was noch zu halten ist. Aber die Sorge der Londoner City um das Schicksal dieses Hauses, in dem ihre gewaltige, die ganze Welt umfassende Geldwirtschaft um sichtbarsten zum Ausdruck kommt, ist damit natürlich noch lange nicht überwunden.
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Kein Zweifel, wäre der Londoner Börfenpalast plötzlich, über Nacht, vom Erdboden verschlungen worden, die ganze Welt wäre bereit gewesen, dieser Katastrophe, wenn dabei auch nicht ein einziges Menschenleben zugrunde gegangen wäre, ungeheure sinnbildliche Bedeutung beizu- messen. Denn bis vor wenigen Jahren verkörperte die Londoner Börse wie kein anderes Gebäude der Welt die alles bezwingende Macht des Kapitals, und wenn sie diese ihre überragende Stellung feit den Wirtschafts- und handelspolitischen Auswirkungen des Weltkrieges auch an die eigentliche Börsenstadt von Newyork, die Wallstreet, abtreten mußte, so ist sie immerhin doch auch jetzt noch namentlich für die europäischen Feinde der kapitalistischen Entwicklung so ziemlich der Inbegriff aller der Kräfte, denen sie Kampf bis zum Weißbluten geschworen haben. Man braucht sich nur des Ingrimms zu erinnern, mit dem die führenden Männer der Moskauer Sowjetherr- schaft auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch England geantwortet haben, um -'ich einen, Begriff machen zu können von dem ungeheuren Trrumphgeschrei, das die Vernichtung des Londoner Börsenhauses an der Newa und an der Wolga unfehlbar ausgelöst hätte. Man weiß ja, daß die sozialen Umwälzungen, die dem Weltkrieg allenthalben auf dem Fuße gefolgt sind, bei weitem nicht alle Blütenträume reifen ließen, die sich im Sturm und Drang dieser Zeiten mit ihnen verknüpft hatten. Im Gegenteil, aus der kapitalistischen Wirtschaft rückten wir in die von dem damaligen Reichskanzler Dr. Wirth foge- nannte h o ch k a p i t a l i st i s ch e Entwicklung auf, mit der Wirkung, da die Macht der großen Weltbörsen, und damit in erster Reihe der Londoner Börse, sich ins Unge- messene steigerte. Hätte sich jetzt plötzlich die Erde aufgetan und dieses eine Wahrzeichen der britischen Weltmachtstellung — es gibt natürlich noch andere neben ihm — in ihren unergründlichen Schlund herabgezogen, der Lauf der Weltgeschichte hätte wirklich für einen kurzen Atemzug wenigstens stillgestanden, und gewiß wären die öffentlichen Zeichendeuter alsbald auf den Markt gesprungen, um der Menschheit zu verkünden, daß nun das letzte S t ü n d l e i n des Kapitalismus geschlagen und daß so von jetzt und von hier ab eine neue Wende in der Mensch- Heitsentwicklung begonnen habe.
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Um ein Haar hätte auch in einer dieser heißen Augustnächte eine Justiztragödie ihr Ende gefunden, die Wohl zu den merkwürdigsten der ganzen Menschheitsgeschichte gezählt werden kann. Oder wo hätte man sonst schon davon gehört, daß zwei rechtskräftig zum Tode Verurteilte sechs Jahre lang für die ihnen bestimmte Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl aufgespart werden, um schließlich, knapp anderthalb Stunden vor dem endgültig festgesetzten Vollstreckungsakt, abermals auf zwölf Tage dem Henker entzogen zu werden? Und das noch dazu gerade in dem Lande, das der Ver- menschlichung des Strafvollzugs sehr wertvolle Dienste geleistet hat. Die Staats- und Gerichtsbehörden der Vereinigten Staaten haben sich in diesen Tagen von der öffentlichen Meinung fo ziemlich der ganzen Welt allerhand schlimme Dinge nachsagen lassen müssen, und nicht einmal den anarchistischen Bombenschmeißern in den verschiedensten Ländern ist es gelungen, den gewaltigen Strom von Sympathiekundgebungen für die beiden Todeskandidaten wesentlich einzudämmen. Sogar Mussolini, der doch sonst für Leute dieser Art gewiß nichts weniger als menschliche Rührung empfindet, hat sich telegraphisch für die Aufhebung der Todesstrafe gegen Sacco und Vanzetti ins Zeug gelegt, und mit einigem Recht darf man nun Wohl aus der abermaligen Hinausschiebung der Hinrichtung den Schluß ziehen, daß die amerikanische Justiz es nun zu diesem Äußersten doch nicht mehr kommen lassen will. Wie sie diesen Rückzug zu maskieren gedenkt, ist ihre Sache. Als undenkbar muß es aber, gleichviel, ob man den Urteilsspruch für begründet halten mag oder nicht, bezeichnet werden, daß der elektrische Stuhl jetzt noch in diesem Fall zur Anwendung kommt, wo eine Tat zu büßen ist, die durch die s e ch s j ä h r r g e Nichtvollstreckung der zuerkannten Strafe ganz gewiß schon mehr als reichlich von den Verurteilten abgebußt worden ist. Hier darf man Wohl einmal mit Recht von dem Weltgewissen sprechen, das bei dem Gedanken, der Henker könnte jetzt noch, das Seinige zu tun, beauftragt werden, nicht so leicht zur. Ruhe kommen wurde.
„Das junge Deutschland"
Eröffnung her Zungdeuffchland- Ausstellong.
Im Schloß Bellevue zu Berlin.
Die neuerrichtete Festhalle im Park des Schlosses Bellevue sah Freitag in ihren Räumen die Eröffnung der Ausstellung „Das junge Deutschland". Unter den Ehrengästen sah man zahlreiche Vertreter der Reichs-, Staatsund Gemeindebehörden und sonstige hervorragende Persönlichkeiten, so Reichskanzler Marx, Reichsinnenminister von Keudell, Reichsminister a. D. Külz, Ministerpräsident Deist von Anhalt, Dr. Deit- m e r, Weihbischof von Berlin. Der Vorsitzende des Reichsausschusses der deutschen Jugendverbände, Ollen- Hauer, wies in seinen Eingangsworten auf den Zweck der Ausstellung hin. Die Ausstellung soll nicht nur für den Gedanken der Freizeit der Jugend werben, sondern darüber hinaus die Leistung der deutschen Jugend im Rahmen der allgemeinen Volksentwicklung auszeigen. Mit einem Gelöbnis, daß das „Volk von morgen" an der Herbeiführung wahrer Volksgemeinschaft mitarbeiten wolle, schloß Ollenhauer seine Rede.
MichskasTZler Dr. Mar§
erklärte im Auftrag des Reichspräsidenten, daß dieser durch sein dringendes Urlaubsbedürfnis zu seinem größten Bedauern verhindert sei, die Ausstellung selbst zu eröffnen. Der Reichskanzler knüpfte dann an die Verfassungsfeier an und fuhr darauf fort:
Seit Jahren sehen wir mit Freuden, wie die Kraft der deutschen Jugend sich erneuert, wie ein neuer Geist in ihr erwacht, der nach kultureller Geltung strebt, ein
Feiern im Auslande.
Bei der abendlichen Verfassungsfeier, die in der Funkhalle in Berlin von der Reichsregierung, der preußischen Staatsregierung und der Stadt Berlin gemeinsam abgehalten wurde, hielt nach der Festrede des preußischen Ministers Prof. D. Dr. Becker Reichskanzler Dr. Marx eine Ansprache, in der er u. a. sagte:
„Wir feiern den 11. August mit vollem Recht, denn das Werk von Weimar brächte Ordnung in das Chaos. Heute gibt es keinen seiner staatsbürgerlichen Verantwortungen bewußten Deutschen mehr, der daran dächte, an den Grundlagen der Verfassung von Weimar zu rütteln . . . Wer die Achtung vor der Verfassung untergräbt, schädigt das deutsche Vaterland . . . Freudig und offen müssen sich alle Kreise zum neuen Staat bekennen."
Dem Reichspräsidenten sind zum Verfassungstage Glückwunschtelegramme fremder Staatsoberhäupter zugegangen; es gratulierten Präsident Coolidge, König Fuad von Ägypten, der SchahvonPersien und die Präsidenten von Kolumbien und Kuba. Der Reichspräsident hat diesen fremden Staatsoberhäuptern telegraphisch seinen Dank zum Ausdruck gebracht. Außerdem sind von zahlreichen deutschen Vereinen und Verbänden im Ausland telegraphische Glückwünsche eingegangen. Beim Reichsaußen- m i n i st e r gaben die Berliner Vertreter aller ausländischen Regierungen ihre Karten ab.
Im Auslande feierten alle Vertretungen des Deutschen Reiches den Verfassungstag in würdigster Weise durch Emvfänge und Feste, an denen überall Vertreter der deutschen Kolonie der betreffenden Landeshauptstadt in großer Zahl teilnahmen. Nachrichten über solche Ver- fassungsseiern liegen aus Paris, Kopenhagen, Rom usw. vor.
Wegen der unerfreulichen Vorgänge in Halle, wo der Universitätsprofessor Dr. M e n z e r in seiner Festrede schwere Angriffe gegen den preußischen Kultusminister Dr. Becker richtete, soll eine Untersuchung ein- geleUet werden.
Eme Bsischast der Kirchen.
Von der Lausanner Kirchenkonferenz.
Zum Schluß des Lausanner Weltkonzils wurde eine gemeinsame Entschließung angenommen. Im Gegensatz zur Stockholmer Botschaft stellt sie die zentralen Grundsätze des christlichen Glaubens in den Mittelpunkt. Die Botschaft des Evangeliums sei mehr „als eine philosophische Theorie, mehr als eine theologische Lehre, mehr als ein Programm irdischer Wohlfahrt". Die Botschaft demonstriert dann in 13 Sätzen das Festhalten der Konferenz an dem Evangelium als der zentralen Kraftquelle und der Gabe Gottes an die heutige Zeit. Sie bezeichnet das Evangelium als den einzigen Weg, „auf welchem die Menschheit Befreiung von dem sie jetzt verwüstenden Klassenhaß und Rassenhaß finden kann, wie auch die Veredelung des Volkslebens und der Freundschaft unter den Völkern".
Die Kundgebung schließt mit dem Satz: „In liebevollem Verständnis für das Elend unseres Zeitalters. für
Geist der Gerechtigkeit und Gemeinschschaft, der zusammen- sührt und zusammenhält. Der deutschen Jugend die Staats- und Wirtschaftsordnung zu bereiten, die dem jungen Volke Recht, Freiheit und Wohlfahrt gibt, ist der Führer des Reichs schwerste und höchste Pflicht. Möge die Ausstellung dem hohen Ziele dienen, ein Stück wissenschaftlicher und praktischer Arbeit für die Jugend zu leisten, möge sie ein Auftakt sein zu gemeinsamer Arbeit der Jugend aller Volkskreise.
Nun erklärte der Reichskanzler die Ausstellung für eröffnet und es folgte ein allgemeiner Rundgang durch die Ausstellungsräume. Dabei nahm das Wort
Michsmnenmrnist§r von Keudell, der u. a. sagte: Dem, was der Herr Reichskanzler vorhin gesagt hat, möchte ich einige persönliche Gedanken hinzufügen, die sich aufdrängen, wenn man sich mit den Problemen der Jugendbewegung befaßt. Unwillkürlich hat man das Empfinden, daß die Jugend vor 30, 40 Zähren viel harmloser, naiver und vielleicht auch freudvoller war. Die heutige Jugend ist viel weiter, die Arbeit unserer Jugendbewegung viel positiver im Vergleich zu den Zeiten, die wir Älteren durchlebt haben. Zweifellos spielt in dieser Struktur der Jugendbewegung die Rot und Qual unseres gesamten Volkes mit, die wir durchlebt haben und die ihren stärksten Ausdruck in der für Pressionen empfänglichen Jugend gefunden hat/ Die Reoe des Reichsinnenministers klang aus in der Aufforderung zur Duldung und Toleranz unter Wahrung aller natto- nalen ^nteresseM er ^ ^ ^iem Beschluß sangen Studenten vierstimmige Sätze alter Musik. Während des Verlaufs der Ausstellung sollen Ausführungen unb festliche Veranstaltungen der Jugendverbände vor sich gehen.
feinen Drang nac^ i.. ‘iMuellex Ehrlichkeit, nach s o zi - aler Gerechtigkeit und stach neuer Geistig- keit bietet die Kirche dieses Eangelium auch heute an a l s A n t w o r t aus die Nöte derer, die im gottgewollten Ringen zur Wahrheit emporstreben."
Letzte Vorbereitungen in Deffam
Begleitung der Flieger bis Irland geplant.
Der Freitag war der letzte Tag der Vorbereitungen für den Ozeanflug. Die Maschinen sind nunmehr, nachdem sie noch einmal gründlich überholt wurden, wieder zusammengesetzt und machen die letzten Probeflüge, um neben der allgemeinen Prüfung namentlich das Funkgerät auszuprobieren. übrigens sind die in den letzten Tagen von anderer Seite verbreiteten Nachrichten, daß die Flugzeuge auch Sender an Bord führen, falsch; sie führen vielmehr nur Empfangsgerät mit.
Am Sonnabend werden sich wohl die Flieger vor allen Dingen ausruhen. In Kreisen der Leitung der Junkers-Werke rechnet man für Sonnabend abend mit dem Start, wenn nicht außergewöhnliche Verschiebungen der Wetterlage eintreten. Der Start soll aber noch bei Tageslicht erfolgen. Nach dem Aufstieg eines der beiden Flugzeuge wird zunächst ein lichtloses Flugzeug starten, und zwar die größte Junkers-Maschine, die 15 Passagiere faßt. Vor allem aber foll diese Maschine, die dann bis zum Aufstieg des zweiten Flugzeuges in der Luft kreist, die „Europa" und die „B r e m e n^ b t s nach Irland begleiten, um den Besatzungen der beiden Ozeanmaschinen während dieses ersten Teiles des langen Fluges die Arbeit der Orientierung während der Nacht bis zum Morgengrauen abzunehmen. Deshalb wird das lichtlose Flugzeug mit großen Scheinwerfern ausgerüstet, die den Ozeanmaschinen den Weg weisen. Auf diese Weise soll die Kraft der Ozeanflieger zunächst geschont werden, da die Schwierigkeiten des Fluges ohnehin so groß sind, daß sie ihre Nerven bis zum letzten brauchen werden. Auch die lichtlose Maschine hat kein Sendegerät an Bord.
Die Route des ersten Teiles des Fluges geht über Magdeburg, Hannover, Amsterdam. Wie sie über "bett Ozean verläuft, hängt von den Wetterverhältnissen ab. Der amerikanische Botschafter Schurman empfing den Ozeanflieger Könnecke und dessen Begleiter, Gras Solms. Der Botschafter erkundigte sich mit großem Interesse nach den von Könnecke getroffenen Vorbereitungen für den Flug und erklärte, er beabsichtige, dem Start des Flugzeuges von Berlin beizuwohnen, um den Fliegern persönlich Lebewohl zu sagen und seine besten Wünsche für ein Gelingen des Fluges auszusprechen. Könnecke wird aber voraussichtlich später über den Ozean fliegen als seine Dessauer Kollegen.
Die „Miß Columbia" wartet in Paris nur noch auf günstige Wettervoraussagen, die den Flug über den Ozean erlauben. Drouhin hat indessen erklärt, daß er nicht die Absicht habe, in Philadelphia zu landen, wie Levine es gewünscht haben soll. Er sei zu einem Fluge Paris— Newyork verpflichtet worden und er wolle diesen Flug ausführen. — Über dem Militärflugplatz von Versailles stürzte Leutnant G u i l b a u t mit seinem Jagdflugzeug ab und war sofort tot. Guilbaut, der als einer der besten französischen Flieger galt, sollte im September einen Flug Paris—Peking über Moskau ausführen.