Hersfelder Tageblatt
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tzersfelüer Kreisblatt
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Nr. 212
«Erstes Blatt)
Sonnabend, den 10. September 1927
77. Jahrgang
Siresemann über Weltpolitik.
Ein neuer polnischer Vorstoß.
Die Einbringung der neubearbeiteten polnischen Friedensresolution durch Deutschland, England, Frankreich und Polen, die schon ziemlich gesichert schien, ist durch einen neuen Vorstoß Polens zunächst hintertrieben worden. Die polnische Abordnung überreichte den verschiedenen beteiligten Delegationen einen Abänderungsantrag zu der Völkerbundresolution, in dem die Polen die Einfügung einer Empfehlung von Nichtangriffspakten wünschten, d. h., ein Zurückkommcn aus den Grundgedanken des ursprünglichen polnischen Antrages. Die deutsche Abordnung hat nach längerer Prüfung diesen Abänderungsantrag abgelehnt.
Dabei war die Erwägung maßgebend, daß durch eine solche Fassung einer Völkerbundentschließung das Ver- tragswerk von Locarno eine Abschwächung erfahren müßte, das nach übereinstimmenden Erklärungen Briands und Chamberlains in den vorausgegangenen Debatten über die Formulierung der geplanten Resolution gegenüber Beanstandungen dahin charakterisiert wurde, daß das Werk selbst wie auch die deutsche Haltung jede wünschenswerte Garantie nach Osten wie nach Westen böten. Auch England soll diesem neuen polnischen Abänderungsantrag durchaus feindlich gegenüberstehen und es hecht, daß'Polen angesichts dieses gemeinsamen Widerstandes der Großmächte seine neue Anregung zurückgezogen haben soll.
Falls keine Einigung zustande kommen sollte, will man alle vorliegenden und noch zu erwartenden Anträge znr Frage der Sicherheit und Abrüstung in üblicher Weise den Weg durch die Versammlungsausschüffe nehmen lassen.
Unterdessen nehmen die öffentlichen Sitzungen der Völkerbundversammlung ihren Fortgang, ohne daß sie indessen in der Öffentlichkeit allzu großes Interesse erwecken. Der englische Delegierte Doung glaubte, daß durch die Weltwirtschaftskonferenz ein Schritt vorwärts zum Hand- in-Hand-arbetten der Völker getan worden sei. Besondere Beachtung fand in der Versammlung die Rede des 83- jährtgeu,ungarischen Delegierten Grafen Apponyi, der erklärte, daß es den Bankrott des Völkerbundes bedeuten würde, wenn ihm die Aufgabe der Abrüstung nicht gelänge. Es sei eine Illusion, auf die Dauer einen Zwang auf das Schicksal einzelner Völker ausüben zu können.
Der belgische Außenminister Vandervelde trat aufs wärmste für eine tatsächliche Rüstungsbeschränkung ein und forderte unter dem Beifall hauptsächlich der kleineren Staaten die geschäftsordnungsmäßige Behandlung der vorliegenden und in Aussicht stehenden Anträge zur Sicher- heits- und Abriistungsfrage in dem Ausschuß. Der italienische Delegierte Cavazzoni sprach über die sozialen Aufgaben des Völkerbundes. Er betonte die Bedeutung der Organisation der christlichen Gesellschaft in traditionellen Gedankengängen, empfahl eine soziale Organisation auf diesem Gebiet nach italienischem Muster, unterstrich den erzieherischen Wert der Junggesellensteuer und forderte einen verschärften Kampf gegen die Rauschgifte. Der zweite norwegische Delegierte, Lange, Generalsekretär der Interparlamentarischen Union, verweilte besonders bei dem Problem der Schiedsgerichtsbarkeit,_ dessen Entwickelung erhebliche Verbesserungen der politischen Lage und Fortschritte auf dem Gebiete der friedlichen Beilegung der Differenzen gezeitigt habe, und erklärte, er betrachte auch Teilergebnisse in der Richtung auf die Ziele des Genfer Protokolls in bezug auf Schiedsgericht, Sicherheit und Abrüstung als wichtig und wertvoll. Er forderte die energische Fortsetzung der Vorarbeiten des Abrüstungsausschusses, die eine große erzieherische Wirkung auf die öffentliche Meinung aller Länder ausüben könnten, um eine Atmosphäre zu schaffen, die im gegebenen Augenbick das Zurückgreifen auf die Grundsätze des Genfer Protokolls mit Aussicht auf Erfolg gestatte.
Mimsierbesprechung in Berlin.
Unter dem Vorsitz des Reichskanzlers war am Freitag die in Berlin anwesenden Reichsminister versammelt, um die aus Genf eingelangten Berichte Dr. Stresemanns entgegen und zu den Ergebnissen der bisherigen Verhandlung der deutschen Abordnung mit Briand und Chamber-- lain über die polnische und die holländische Resolution Stellung zu nehmen. Im Reichskabinett ist die Haltung der deutschen Delegation in Genf durchaus gebilligt worden. Als wesentliches Ergebnis der Taktik Stresemanns sieht man es an, daß die Polen durch sie gezwungen worden seien, zu bekennen, daß es ihnen mit ihrem Anträge lediglich darum zu tun gewesen sei, Deutschland zu der Konzession eines Ostlocarnopaktes zu nötigen. Deutschland habe durch die Bereitwilligkeit, den Antrag auf generelles Verbot eines Angriffskrieges mitzuunterzeichnen, neuerlich den Beweis erbracht, daß es keine aggressiven Absichten hege. Deutschland könne und werde aber andererfeits nicht auf die friedlichen Möglichkeiten verzichten, die sich aus dem Artikel 19 des Völkerbundstatuts für seine Grenzen mr Osten ergeben.
Deutschlands Wahl in die Mandatskommission.
Der Völkerbundrat nahm den Bericht des Holländischen Außenministers über die Tätigkeit der ständigen Mandats- kommission entgegen. Der Rat nahm ohne Debatte den Antrag der Mandatskommission an, dw Zahl der standrgen Mitglieder der Kommission durch Zuwahl eines deutschen
Wsskommen in Qersfßfd!
Seit den Zeiten Lullus ist Hersfeld eine Stätte christlicher Kultur, von der viel Segen hinausgegangen ist in alle benachbarten Länder. Hersfelds Name wurde weit und breit bekannt. Hohe geistliche und weltliche Würdenträger waren oft hier zu Gaste, und zahlreiche Laien aus der breiten Masse des Volkes kamen hierher, um bei dem heiligen Lullus, Wigbert und Witta Gesundheit und Kraft für Leib und Seele zu erflehen. Als dann nach jahrhundertelangem Glanz und Ansehen der religiöse Verfall eintrat und Luther im 16. Jahrhundert Glaubens- und Gewissensfreiheit für das deutsche Volk erkämpfte, da gehörte Hersfeld zu den ersten Orten unseres Hessenlandes, die seiner Lehre zustimmten. Der große Reformator fand bei seiner Rückreise von Worms begeisterte Aufnahme in Hersfeld und mußte auf Drängen des Abtes Krato in der Stiftskirche eine evangelische Predigt halten. Zu dieser wirkte Zeit in unserer Stadt der Magister Adam Kraft. Er ist der eigentliche Reformator Hersfelds. Sein mannhaftes Eintreten für das Werk Luthers machte einen solch starken Eindruck aus den Landgrafen Philipp, daß er ihn zu seinem Hofprediger ernannte, und von da an wurde Krafts Name auch mit der Reformation in ganz Hessen innig verbunden. In der schweren Zeit des Dreißigjährigen Krieges brächte das Eingreifen Gustav Adolfs auch für Hersfeld Segen. Die Stadt, die eine tapfere Vorkämpferin und standhafte Verteidigerin der Reformation gewesen war, blieb evangelisch. In der späteren Zeit wirkte noch mancher große evangelische Mann in Hersfeld. Der bedeutendste unter ihnen war Konrad Mel, der Inspektor an unserer Klosterschule. Sein Name wird heute noch oft genannt, und das von ihm verfaßte Gebetbuch findet man noch in vielen evangelischen Familien.
Vielen Gästen, die zu den Festtagen des Gustav- Adolf-Vereins in unserer Stadt weilen, ist die Hersfelder Klosterschule eine bekannte Stätte. Hier haben sie sich das Rüstzeug geholt, das sie zu ihrem erfolgreichen Wirken in ihrem Amte nötig haben.
Auf dem echten evangelischen Boden unserer Lullus- stadt werden alle unsere Gäste für ihre Person und ihre Bestrebungen warme Sympathien finden. Sie können dessen gewiß sein, daß die besten Segenswünsche aller Evangelischen in Hersfeld sie bei ihren wichtigen Beratungen begleiten.
Mttglleves von neun aus zehn zu erhöhen. In einer späteren geheimen Sitzung wird der Völkerbundrat entsprechend seinem Beschluß auf der Junitagung die Wahl des neuen deutschen Mitgliedes der Mandatskommission vornehmen.
Rede Dr. Giresemanns.
In der Freitagnachmittagsitzung der Völkerbundversammlung, die um 16 Uhr 40 Minuten vor einem Hause mit dichtgedrängten Tribünen begann, ergriff als erster Redner Reichsminister Dr. Stresemann das Wort. Er führte u .a aus:
Aus der Debatte, die in diesen Tagen geführt worden ist, ragen drei Fragen hervor. Darunter verstehe ich einmal die Initiative, die der Völkerbund auch in der Frage der Wett- wirtschastskonferenz ergriff, und die beiden großen Fragen, die die Völkerbundpolitik beherrschen und die öffentliche Meinung der Welt auf das schärfste bewegen: die Frage der Sicherheit und die Frage der Abrüstung. Der Vertreter von Großbritannien, Sir Edward Hilton Young, hat mit vollem Recht hingewiesen auf die starke Bedeutung, die der Weltwirtschaftskonferenz und ihren Ergebnissen zuzumessen ist. Man steht in der Öffentlichkeit großen internationalen Konferenzen vielfach skeptisch gegenüber. Diese Skepsis ist in bezug aus die Weltwirtschaftskonferenz sicherlich nicht angebracht. In die Initiative für diese große Idee teilten sich ein führender Staatsmann mit einer Persönlichkeit, die mit ihren großen staatsmännischen Qualitäten auch die Erfahrungen des praktl- tischen Wirtschaftslebens vereint. Und in der Tat reichten sich Politik und Wirtschaft in der Arbeit der Konferenz die H a n d. Ich vertrete persönlich die Ansicht, daß alle großen materiellen Fragen, so bedeutsam sie auch sein mögen, niemals die Gemüter der Menschen, die schließlich Bölkerschicksale for
men, so bewegen oder hinreißen können, wie die Frage der Politik.
Aber auch, wer auf diesem Standpunkt steht, wird anerkennen und zugestehen müssen, daß niemals die politischen Beziehungen der Völker durch die Wirtschaft mehr beeinflußt werden als in der Gegenwart, leider nicht nur im Sinne des Zusammenwirkens, sondern vielfach des Aufeinanderplatzens großer Interessengegensätze.
Neben dem Gedanken des Krieges steht der Gedanke des Wirtschaftskrieges,
neben dem Gedanken des Kampfes der Gedanke des Wirtschaftskampfes. Oft korrespondiert durchaus mit den Bestrebungen des Völkerbundes die Idee, die Verständigung und die Zusammenarbeit auch auf diesen Gebieten zur Wahrheit werden zu lassen. Ich möchte in diesem Stadium der Verhandlungen nicht aus die Einzelheiten, die Ergebnisse der Welt- Wirtschaftskonserenz eingehen, aber ich darf in Übereinstimmung mit der Auffassung deutscher und, wie ich glaube, auch französischer Sachverständiger das eine sagen, daß das
Zustandekommen des deutsch-französischen Handelsvertrages durch die Zusammenarbeit der Weltwirtschaftskonserenz und der von ihr ausgehenden Ideen wesentlich erleichtert worden ist. Seit über 50 Jahren hat ein Handelsvertrag zwischen beiden Ländern nicht bestanden.
Die Differenzierung der wirtschaftlichen Arbeit macht das Zustandekommen solcher Verträge, in denen um Tausende von Positionen gerungen wird, fast unmöglich, wenn die Unterhändler sich auf den Standpunkt stellen, daß sie Interesse gegen Interesse zu verteidigen haben. Lassen Sie uns hoffen, daß dieser Geist der Verständigung und der Zusammenarbeit auch in anderen Beziehungen helfen möge, um durch die Verbindung wirtschaftlicher Gemeinschaften der Verständigung der Völker selbst zu dienen. Lassen Sie uns die Arbeit, die hier begonnen ist, praktisch weiterführen und uns hossen, daß die an sich schon unter den Wirkungen der großen Weltereignisse verarmten Staaten, die von ihren Bürgern weit größere Abgaben fördern müssen, als der Staat es je in früheren Zeiten tat, ihre Lage nicht als Bollwerke ansehen, die gegen jeden Einbruch anderer Staaten zu verlei- diMN sind, sondern, dKtz brechen Außenministern vorgeworfene Art, auch auf die Interessen anderer Rücksicht zu nehmen, Ergebnisse des gegenseitigen Güteraustausches sein mögen.
Lassen Sie mich daher der Hoffnung Ausdruck geben, daß die Weltwirtschaftskonferenz in der Welt verstanden sein möge nicht als die Zusammenballung dessen, was man so oft tue kapitalistischen Interessen der Völker nennt. Wir werden nicht zu einer Befriedung im sozialen Leben der Völker gelangen, wenn sich nicht die Erkenntnis durchringt, daß
Kapitalismus und Arbeit
nur gedeihen können, wenn es unter dem gemeinsamen Gesichtspunkte vernünftiger Wirtschafts- und Produktionspolitik und gleichzeitiger vernünftiger sozialer Gesetzgebung geschieht. Das sind die Gedanken, die hinüberführen zu dem
Internationalen Arbeitsamt.
Der Weltkrieg war wohl das größte revolutionäre Ereignis, das Jahrhunderte gesehen haben. Er sah die höchste Anstrengung des kriegerischen Geistes, endete aber in einem großen Fragezeichen, mit dem die Gedanken der Menschheit nicht abschließen, sondern das sie vor neue Probleme stellt.
Aus diesem Gegensatz der Meinungen, diesem Wirrnis der Welt, aus diesen ganzen wirtschaftlichen Umwälzungen, die das wirtschaftliche Verhältnis der Erdteile zueinander vielfach völlig umgekehrt hat, ragt eine Erkenntnis hervor, die von uns positiv gelöst werden muß, wie immer auch
die Entwicklung der Völker und Staaten gehen mag.
Die Erkenntnis, daß der Krieg weder der Wegbereiter zu einer besseren Zukunft, noch überhaupt der Regulator der Entwicklung sein kann; die Erkenntnis, daß er nach allem menschlichen Ermessen nur neues Elend, neue Wirrnisse und schließlich die Anarchie schaffen würde.
Gewiß ist diese Auffassung nicht Gemeingut aller Menschen. Auch wenn man von der Einstellung eines Volkes spricht, kann man nicht für den letzten seiner Bewohner sprechen. In jedem Lande ringen die Anhänger der alten Ideen und Meinungen mit denen, die einen neuen Weg ins Freie suchen.
Innerhalb des deutschen Volkes kann über die Zustimmung zum Grundgedanken der Verständigung und des Friedens nicht einen Augenblick ein Zweifel sein. Von allen Machten in dem alten Erdteil Europa am meisten der Sicherheit bedürftig, um ein wachsendes Volk aus enger gewordenem Boden zu erhalten, wünschen wir nicht nur Mittätige, sondern Vorkämpfer zu sein auf dem Wege derjenigen Bestrebungen zu dem allgemeinen Frieden, für die der Völkerbund sich einsetzt.
Nicht rauschende Reden, sondern Taten allein werden entscheiden über den Fortgang der Entwicklung. Aber ich glaube, daß Deutschland ein Recht hat, sich als mittätiges Volk in dieser Entwicklung zu fühlen. Die Locarnoverträge stehen nicht außerhalb, sondern innerhalb des Völkerbundes. Es ist unverständlich, wenn manchmal Zweifel daran laut geworden sind, ob das in Locarno begründete Werk nur einige oder alle beteiligten Völker umfaßt.
Ich darf mich in dieser Beziehung nur den Erklärungen anschließen, die der französische und der englische Außenminister vor kurzem zum Ausdruck gebracht haben, daß es ihre weittragende Wirksamkeit im Westen und für den Osten hat, wie überhaupt diese Verträge die großen Grundgedanken des Völkerbundes in besonderer Form zur praktischen Anwendung bringen. Wir sehen in diesen im Völkerbund wurzelnden Friedenssicherungen den unter den heutigen Realitäten gegebenen Weg, Bestehendes vor Krieg und Kamps zu schützen, aber auch die künftige naturgemäße Entwicklung der Verhältnisse zwischen den Völkern durch friedliche Mittel so zu gestalten, daß das Höchstmaß der Verständigung zwischen ihnen gewährleistet wird durch Beseitigung dessen, was sie in dieser oder jener Frage gegenwärtig noch trennt.
Darüber, wie man die allen wünschenswerte Entwicklung wettertreiht. sind verschiedene Gedanken in.der vorangegange-