Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 217
Freitag, den 16. September 1927
77. Jahrgang
[ Sachliche Arbeit.
Durch einen Beschluß seines Ältestenrates ist die 'Zwischentagung des Reichstages hinausgeschoben worden. Ursprünglich sollte der Reichstag nämlich schon gegen Ende September zu einer kurzen Tagung zusammentreten, um die dringlichsten Gesetzentwürfe, also die über das Reichsschulgesetz, die Beamten- besoldungsreform und die Entschädigung der Liquidationsgeschädigten, zu beschließen. Besonders der erste Entwurf mit seinen mannigfachen Schwierigkeiten — steht doch allein schon die Frage sehr weit im Vordergrund, ob er verfassungsändernd ist oder nicht — hat wohl die Veranlassung dafür abgegeben, daß die Einberufung des Reichstages noch weiter hinausge- schoben wurde. Namentlich die preußische Regierung will bei der bevorstehenden Beratung des Entwurfs im Reichsrat sehr erhebliche Bedenken gegen ihn geltend machen, ist aber mit der Ausarbeitung der Gegenvorschläge und Abänderungsanträge bisher noch nicht fertig geworden, so daß die Vertagung des Reichstagsbeginnes durch den Ältestenrat beschlossen werden mußte.
Trotz alledem wird es sich bei der voraussichtlich am 17. Oktober beginnenden Tagung des Reichstages nur um eine kurze Sitzungszeit handeln, da wohl damit zu rechnen ist, daß bis dahin die Klippen, die die Erledigung des Reichsschulgesetzes bedrohen, umschifft worden sind, obwohl neben Preußen auch noch andere Länder Einwendungen gegen den Reichsschulgesetzentwurf erhoben haben. Auch die Vorlage über die Reform der Beamtenbesoldung wird wohl nur eine kurze Beratungszeit in Anspruch nehmen, da eine Kritik gegen sie nur in einigen Nebenpunkten laut geworden ist. Alle Parteien waren sich ja darin einig, daß den Beamten geholfen werden muß, so daß Unebenheiten, die dem Entwurf etwa noch anhaften sollten, bald beseitigt sein dürften. Möglicherweise wird in der kommenden Zwischensitzung des Reichstages auch der Außenminister Dr. Stresemann Gelegenheit nehmen, einen Rückblick über die Genfer Konferenz abzu- statten; aber er kann wohl kaum damit rechnen, daß die Ereignisse in Genf TjeTTefr^efijöSCTf^
Völkerbund noch immer zu arbeiten beliebt, im deutschen Volk allzu großes Interesse erwecken werden.
Die Zwischentagung des Reichstages wird lediglich unter den Gesichtspunkt sachlicher Arbeit gestellt werden und — es ist gut so. Denn dann wird auch im kommenden Jahre die Entscheidung bei den Wahlen erleichtert werden, weil nicht ein Urteil gefällt werden wird über Wünsche, Hoffnungen und Versprechungen, die ja in Wahlzeiten so außerordentlich billig sind, sondern lediglich über das, was geleistet oder was verabsäumt ist.
Es ist in Aussicht genommen, nach der kurzen Zwischentagung den Reichstag bis zum 21. November zu vertagen. In der Zwischenzeit soll den Ausschüssen Gelegenheit zur Vorarbeit über wichtige andere Gesetzes- vorlagen, vor allem über das Steuervereinheitlichungsgesetz, gegeben werden, vorausgesetzt, daß es nicht wieder anders kommt. . .
Beratung über die Beamtenbesoldung.
Das Reichskabinett ist am Donnerstag zu einer neuen Beratung über die Besoldungsordnung zusammengetreten. Bei der Beratung fehlten die volksparteilichen Minister Dr. Stresemann und Dr. Curtius und der deutschnationale Minister Dr. Koch. Der preußische Finanzminister Dr. Höpker-Aschoff nahm an der Beratung des Reichs- kabinetts teil, weil die Verhandlungen des Preußenkabinetts über die Besoldungsordnung ergeben haben, daß noch eine Reihe von Einzelsragen durch Verhandlungen zwischen dem Reich und den Ländern geklärt werden müsse, ehe die Besoldungsordnung abschließend vom Kabinett genehmigt werden kann. Man beriet vor allem über die Form und den Umfang der Kürzungen, die an den Gehältern der ledigen Beamten vorgenommen werden sollen. Insbesondere erörterte man dabei die Frage, ob diese Kürzungen bei dem Ortszuschuß oder bei dem Grundgehalt um 10 Prozent durchgeführt werden sollen.
Das Reichskabinett beschäftigte sich ferner mit der praktischen Durchführung der Beamtengehaltserhöhung. Die Reichsregierung will, daß vom 1. Oktober an Vorauszahlungen auf die neue Gehaltserhöhung bei der ganzen deutschen Beamtenschaft durchgeführt werden sollen.
KuWimen zu Sindenhmgs GeMMg.
Eine amtliche Erklärung.
Die Vorbereitungen für den Tag, an dem der Reichspräsident auf ein 80jähriges Leben zurückblicken kann, sind überall im Gange. Der 2. Oktober foll das ganze Volk vereint finden in der Teilnahme an dem Ehrentage des Mannes, der an erster Stelle im Reiche steht. Den bisherigen zahlreichen Hinweisen, wie dieses Ereignis würdig begangen werden soll und vor allen Dingen im Sinne des Gefeierten, was er ja durch ferne eigenen Worte mehrfach klar umriffen hat, reiht sich eine soeben erscheinende von den Berliner Reichsbehörden ausgegebene Erklärung folgenden Wortlauts an:
Wie den zuständigen Stelle« bekanntgeworden ist, find vielfach Zweifel darWer aufgetaucht, in welcher Weise der 80. Geburtstag des Reichspräsidenten würdig gefeiert Mrden kann. Mer diMFrage HM das BeuM-
VeW licht mehr im Wlhcrbmdriil
Mederlage Velgieus in Genf.
Sein Ausscheiden aus dem Rat.
Die Völkerbundversammlung am Donnerstag, die sich mit der Wiederwahl Belgiens in den Völkerbundrat beschäftigte, endete mit einer Sensation. Belgien, das sich zur Wahl für den Völkerbundrat wieder gestellt hatte, wurde nicht wiedergewählt, da es von 48 abgegebenen Stimmen nur 29 aus sich vereinigte, es zu seiner Wiederwahl aber eine Zweidrittelmehrheit von 32 Stimmen notwendig hatte.
Nach Verkündung des Abstimmungsergebnisses betrat Vandervelde die Tribüne, um eine kurze Erklärung abzugeben, dahin lautend, Belgien habe seine Kandidatur nach Ablauf seiner Ratsperiode auf Wunsch einer Anzahl anderer, besonders der Locarnomächte, aufgestellt. „Die Mehrheit hat sich dagegen entschieden," so führte er aus „Die belgische Delegation ist aber durchaus davon überzeugt, daß das negative Votum auf Grundsätze zurück- geht, die durchaus achtenswert sind und nichts mit irgendwelchen unfreundlichen Gefühlen gegen Belgien zu tun haben. Weiter möchte ich erklären, daß dieses Abstimmungsergebnis uns in keiner Weise verhindern wird, in der aktivsten, aufrichtigsten und entschiedensten Mitarbeit an dem großen Werke des Völkerbundes fort- zufahren wie in der Vergangenheit." Während dieser Erklärung und nach ihrer Beendigung wurde Vandervelde ein außergewöhnlich lebhafter Beifall zuteil.
In dieser Niederlage Belgiens erblickt man in Völkerbundkreisen einen neuen Schlag der kleinen Staaten gegen die Großmächte, gegen die ja die Mißstimmung auf der jetzigen Tagung sich schon besonders fühlbar gemacht hat. Die kleinen Staaten wollten mit dieser Abstimmung zeigen, daß sie nicht gewillt seien, sich noch weiterhin den °,»»..^..ün^ .-- ;- —.-■'-■-..».,. -<—„.. .; —— nochmaligen Kandidatur für den Völkerbundrat ermuntert hatten, ohne weiteres zu beugen. Das Ausscheiden Vanderveldes aus dem Rat wird allerdings auch andererseits vielfach bedauert, da gerade der belgische Außenminister in allerlei schwierigen Situationen oft als erfolgreicher Vermittler aufgetreten ist.
Rüstet ab!
Den Beratungen des Abrüstungsausschusses wird nach wie vor das größte Interesse der Völkerbundver- sammlung entgegengebracht, was schon daraus zu ersehen ist, daß seinen Sitzungen nicht nur vollzählig die Ausschußmitglieder, sondern auch die Führer der Abordnungen beiwohnen. In diesem Ausschuß brächte Nansen einen
Ministerium des Innern bereits vor einiger Zeit ein Rundschreiben an die Länderregierungen gerichtet, das dem Wunsche des Reichspräsidenten entspricht, vonbesonderenFeiernaus diesem Anlässe a b z u s e h e n. Die Reichsregierung werde daher weder in Berlin noch in sonstigen Orten Deutschlands amtliche Feiern veranstalten und bittet die Landesregierungen gleichfalls, aus solche Feiern zu verzichten. Dem Ersatz der Feiern solle die Hindenburg-Spende dienen.
Im übrigen hat die Reichsregierung in dem Rundschreiben den Landesregierungen vorgeschlagen, folgendes zu veranlassen: 1. Beslaggung sämtlicher Dienstgebäude des Landes und der Stadtgemeinden. 2. Veranstaltung schlichter Schulfeiern am Sonnabend, den 1. oder am Montag, den 3. Oktober, Ausfallen des Schulunterrichts im Anschluß an diese Feiern. 3. Fühlungnahme mit den Kirchenbehörden, damit am 2. Oktober 1927 des Geburtstages in den Kirchengebeten gedacht wird.
Gegen Zersplitterungen bei der bevorstehenden Feier wendet sich eine Veröffentlichung der Hindenburg- Spende, in der die von der Stadt Frankfurt am Main beschlossene eigene städtische Hindenburg-Stiftung zu Studien- und Stipendienzwecken besprochen wird. Eine solche Stiftung fei zweifellos nur zu begrüßen. Richt zu begrüßen sei es jedoch, daß sich die Stadt Frankfurt a. M. nunmehr von der allgemeinen Hindenburg- Spende ausschließen will. In Frankfurt a. M. begründe man dies damit, daß die Erfahrungen der letzten Jahre die Errichtung eines neuen, von Berlin aus zentral verwalteten Dotationsfonds für Wohlfahrtszwecke nicht als zweckmäßig erscheinen lassen und daß man dafür eine den örtlichen Bedürfnissen entsprechende Einrichtung schaffen wolle. In Wirklichkeit handele es sich bei der Hindenburg-Spende um eine vom ganzen deutschen Volke dargebrachte Ehrengabe für den Reichspräsidenten zur Verwendung für Kriegsbeschädigte und Kriegshinter- blieüene. Die Geschäftsstelle der Hindenburg-Spende bitte deshalb alle städtischen Körperschaften, sich durch das Vorgehen der Stadt Frankfurt a. M. nicht beirren zu lassen, sondern vielmehr dazu beizutragen, daß ein gutes Ergebnis der Hindenburg-Spende erzielt werde.
MeAiMirkung-erhöherenpokßebühren
Sitzung des Verwaltungsrats der Reichspost.
Der Verwaltungsrat der Reichspost ist unter dem Vorsitz des Reichspostministers Dr. Schätze! zu nner Sitzung zusammengetreten. Zunächst gab der Minister
Vorschlag ein, der im Grunde dahin geht, die zwangsläufige Schiedsgerichtsbarkeit auf alle denkbaren juristischen wie politischen Streitfälle auszudehnen und damit, wie er sagte, einen neuen Schritt zur Verwirklichung von Sicherheit und Abrüstung zu tun. Der Vorschlag bezweckt die Schließung der noch in den Statuten des Ständigen Internationalen Gerichtshofes vorhandenen Lücken. Nansen selbst bezeichnete seinen Vorschlag als einen Versuch zur Zusammenfassung der bisherigen Verhandlungsergebnisse. Er schloß sich im übrigen dem Standpunkt des deutschen Redners Grafen B e r n st o r f f, der vor ihm eine eindrucksvolle Abrüstungsrede gehalten hatte, über die unbedingte Forderung zur Rüstungsver- minderung und nicht bloß zur Rüstungseinschränkung an. Aus den Ergebnissen der Weltwirtschaftskonferenz zog er unter Wiedergabe der erdrückenden Zahlen zu dem jährlichen Rüstungsaufwaud —19 Milliarden Goldfrank,davon 12 Milliarden allein für Europa — den Schluß für die d: n-gende Forderung nach tätiger Inangriffnahme des Nüstungsabbaues.
Dauzigs Westerplatte.
Unter den Punkten der Tagesordnung des Rates am Donnerstag boten die wichtigen Danziger Fragen das Hauptinteresse. Die Hauptfrage zu Danzigs Antrag auf Verlegung des polnischen Munitionsdepots von der Westerplatte war einem Juristenkomitee übergeben worden, das zunächst lediglich zu prüfen hatte, ob die Aufhebung eines früheren Ratsbeschlusses zulässig sei. In diesem Sinne ist die Entscheidung, und zwar sowohl des Juristenkomitees wie des Rates selbst zugunsten von Danzig gefallen. Das Juristenkomitee hat sich jedoch zur Entscheidung darüber nicht für befugt gesehen, ob ein solcher neuer Tatbestand vorliegt, und der Rat ist ebenfalls heute nicht in die Sachwürdigung ein-
^emnach wird Danzigs These anerkannt, daß Rats- Seschlüsse bei Vorliegen neuer Tatsachen nachprüfbar sind. Die Entscheidung des Rates ist aber insofern nicht günstig, weil Danzig aus formalistischen Gründen gezwungen wird, ein neues Verfahren vor dem Völkerbund- kommissar in Danzig zu beginnen, statt daß sich der Rat sofort damit beschäftigt hätte. Dadurch wird eine unerwünschte Verzögerung eintreten.
Die Frage der Exterritorialität der Westerplatte und das Klagerecht Danziger Staatsangehöriger im polnischen Eisenbahndienst vor Danziger Gerichten, erstere auf Antrag Dr. Stresemanns, wurden vertagt, sollen aber noch im Laufe der jetzigen Session, also vom neuen Rat entschieden werden.
eine Übersicht über die Auswirkung der letzten Gebühren- erhöhung. Er stellte dabei fest, daß ein Verkehrstück g a n g dadurch n i ch t e i n g e t r e t e n ist. Die Gebühren sind in der veranschlagten Höhe eingegangen.
Hierauf genehmigte der Verwaltungsrat die Richtlinien für den Sparkommissar, der, wie bei den anderen Reichsverwaltungen, nunmehr auch die Geschäftsführung der Reichspostverwaltung nachprüfen soll.
Diese Richtlinien schließen sich an die vom Reichskabinett aufgestellten Richtlinien an. Sodann wurden noch geringfügige Abänderungen der Postscheckordnung und der Satzungen der Versorgungsanstalt für Postbeamte behandelt.
über die finanzielle Wirkung der Postgebührenerhöhung Se der Postminister im einzelnen aus: Die zu erwartenden
-einnahmen aus der Gebührenerhöhung werden durch die bevorstehenden Mehrausgaben, namentlich auch für die Beamtenbesoldung, größtenteils aufgebraucht werden, so daß die Finanzlage der Deutschen Reichspost nach der Gebühron- erhöhung sehr ernst bleiben wird. Gegenüber dem bei der Beratung der Gebührenvorlage festgestellten Bedarf bleibt nach wie vor eine große ungedeckte Spanne bestehen. Daneben ist eine Anleihe in dem vorgesehenen Betrage von 174 Millionen Mark erforderlich. Es wird großer Anstrengungen bedürfen, um in der nächsten Zeit durchzukommen, wenn die Voraussetzungen des Reichspostsinanzgesetzes aufrechterhalten werden sollen, daß nämlich die Deutsche Reichspost unabhängig vom übrigen Reichshaushalt sich selbst decken und ihre Ausgaben durch eigene Einnahmen bestreiten soll. Die Befürchtung, daß die Gebührenerhöhung einen außergewöhnlichen Verkehrsrück- gang hervorrufen werde, hat sich nicht bewahrheitet. Auch kann mit Genugtuung festgestcllt werden, daß die zahlreichen Voraussagen einer Inflation sich nicht verwirklicht haben.
Der Beginn der BesatznngSöermjnderung.
Paris. Nach einem in der „France militaire" ver- offcntlichtcn Erlaß des französischen Kriegsministeriums wird am 25. Oktober 1927 die Stärke der französischen Rheinarmee verringert. Die französische Besatzung zählt nachher unter dem Armeeoberkommando noch zwei vollständige Armeekorps, eine nicht vollständige Kavalleriedivision, eine gemischte Luftbrigade und zahlreiche Armeetruppcn. Die angekündigte Verringerung wird höchstens 3000 Köpfe betragen. Es muß daher angenommen werden, daß noch weitere Anordnungen folgen, um die angekündigte Herabsetzung der französischen Besätzungsstärke um insgesamt 8000 Köpfe zu erreichen.
AichW'ndlge Mitglieder des Völkerbundrats.
Gens. Zu nichtständigen Mitgliedern des Völkerbund- rates wurden Donnerstag um 18,35 Uhr gewählt: Cuba, Finm- land und Canada.