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Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Mnzeiger Dr den Kreis hersfelö
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mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurrweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 234
Donnerstag, den 6. Oktober 1927
77. Jahrgang
Die Diskonterhöhung.
• 23 o n einem Wirtschaftspolitiker.''
So ganz überraschend kam die Erhöhung des Diskontsatzes der Reichsbank denn doch nicht, wie vielerseits jetzt behauptet wird. Man braucht sich nämlich nur etwas genauer die Ausweise der Reichsbank anzusehen, in denen die immer kürzer werdende Golddecke für den ständig wachsenden Notenumlauf doch nicht verborgen bleiben kann. Hier liegt auch die von keiner Seite bestreitbare Begründung für die Diskonterhöhung: die Devisendeckung für den Notenumlauf weist eine so geringe Höhe auf wie nie zuvor. Neue Devisen müssen also herangezogen werden, besonders, da die Deckungsziffer für Reichsbanknoten und Rentenbankscheine bereits auf unter 39 gesunken ist, damit wieder den Stand vor der letzten Diskonterhöhung (10. Juni) erreicht hat, von dem sie sich nicht unbeträchtlich erholt hatte. Und in Wirklichkeit liegen die Dinge so, daß der Reichsbankdiskont gar nicht mehr maßgebend war, sondern im freien Geldverkehr beträchtlich höhere Sätze galten. Daraus erklärt es sich ohne weiteres, daß der Kredit der Reichsbank besonders gern in Anspruch genommen wurde, ihr Wechselportefeuille schwoll allzusehr an, damit auch immer mehr der Notenumlauf. Die Reichsbank ist einfach an das EndeihrerTätigkeit zur Kredithergabe gerückt. Es war also- schon sehr an der Zeit, an Umkehr zu denken.
Zweck der Erhöhung des Reichsbankdiskonts ist es, die Anlage ausländischen Geldes zu fördern, also Devisen heranzuschaffen — was ja eigentlich gegen die Kreditpolitik Dr. Schachts verstoßen würde —, und zwar in der Form des kurzfristigen Kredits. Aber was soll Dr. Schacht machen, wenn die Reichsbank jetzt nur noch über einen Devisenschatz von 150 Millionen verfügt? Die Passivität unserer Handelsbilanz, die Dawes-Ver- pflichtungen saugen ihm allzu schnell die Devisen fort und er muß daher alles daransetzen, unsere Währungnicht in Gefahr geraten zu lassen. Bliebe noch der schon einmal gewählte Ausweg der Kreditverknappung, der 1924 zwar zu sehr schmerzlichen, aber doch segens- ... L Ää®® lionenRentenbankscheineausdemVerkehr gezogen werden, an eine Erweiterung des Banknoten- umlaufs aber nur dann gedacht werden kann, wenn die Diskonterhöhung auf das ausländische anlagebedürftige Kapital als st a r k e r Anreiz wirkt.
Kreditverteuerung — als Folge der Heraufsetzung des Diskontsatzes — kann sich aber für den Konsumenten vorerst als eine recht segensreiche Maßnahme herausstellen. Das drastischste Beispiel bot ja die Kredit- verknappung 1924: ist der Kredit nämlich billig und ausgiebig vorhanden, so wird es dem Warenbesitzer nicht schwer, etwaigem Überangebot oder gesunkener Nachfrage, damit einem Sinken der Preise einfach dadurch zu begegnen, daß er unter Zuhilfenahme des Kredits „aus der Ware sitzenbleibt". Teurer Kredit aber zwingt dazu, die Lager zu öffnen, zwingt zu schnellerem Kapitalumsatz, zu möglichst raschem Warenabsatz. Wir denken als Verbraucher und Käufer noch mit stiller Wehmut und Sehnsucht an den ach so niedrigen Preisstand des Jahres 1924! Anders freilich liegen die Dinge in der Landwirtschaft, deren Betriebsform ja nur einen einmaligen Kapitalumschlag ermöglicht. Dort werden die Schwierigkeiten durch die Diskonterhöhung zweifellos noch vermehrt werden, besonders da die beabsichtigte Erntefinanzierung durch die Reichsbank wohl auch in diesem,Jahre meist auf dem Papier stehenbleiben wird, wenngleich eine der Ursachen, weswegen das Wechselportefeuille der Reichsbank derart angeschwollen ist, unzweifelhaft die ist, daß zwecks Mobilisierung der Ernte zahlreiche Wechsel eingereicht worden sind.
An sich gibt also die Diskonterhöhung nur der nicht mehr zu leugnenden Tatsache Ausdruck, daß auf dem Geldmarkt eine sehr scharfe Anspannung besteht. Ebensowenig oder vielmehr gerade darum läßt sich auch nicht leugnen, daß am Horizont unserer Wirtschaftskonjunktur dunkle Wolken aufsteigen. Unsere wich- . tigsten Industrien wie Kohle und Eisen sind im großen und ganzen auf den Jnlandsabsatz beschränkt; dazu gärt und rumort es überall in der Arbeitnehmerschaft und der Winter naht, der uns sicherlich ein Anschwellen der Ve- schäftigungslosigkeit bringt. Die Aussichten sind also nicht gerade rosig.
26000 schriftliche Glückwünsche an Hindendurg.
Bei dem 80. Geburtstage des Reichspräsidenten sind an seine Adresse rund 4000 Gratulationsdepeschen und 22 000 briefliche Glückwünsche eingelaufen, wie nach jetzt erfolgter Zählung festgestellt wurde.
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Die Hindrnburg-Wohlfahrtsbrief marken und Hindenburg-Jubiläumspostkarten, die seit dem 26. September in Umlauf sind, erfreuten sich in der ersten Vertriebswoche einer überraschend großen Nachfrage. Viele Postämter hatten bereits am Geburtstage ihren gesamten Vorrat an Markenheften, Postkarten sowie an 25- und 50 Pfennig-Marken ausverkauft. In Berlin war der Stratzenverkauf auf der Feststraße -zum Stadion am Geburtstage äußerst lebhaft. Die freiwilligen Helfer, die sich hierfür zur Verfügung gestellt hatten, konnten große Bestände restlos absetzen.,
Der neue deutsche Greanflog
Die Aufgaben der„D.1230".
Im Schwimmflugzeug nach Amerika.
Die öffentliche Meinung ist den Ozeanflügen nicht mehr hold. Es ist nicht bei dem einen Unfall von Nungesser und Coli geblieben, mehr als ein Dutzend tapferer Piloten sind in Sturm und Wellen umgekommen und jede Suche nach ihnen wa» vergebens. Soll man unter diesen Umständen überhaupt noch einmal ein derartiges Wagnis beginnen? so fragt die Welt.
Die Piloten des L>chwimmflugzeuges „D. 1230", die jetzt einen neuen Atlantikflug beginnen, vertrauen auf ihre Maschine. Der Unsicherheitsfaktor ist um ein erhebliches Maß vermindert worden, denn die Flieger planen (abgesehen von der Zwischenlandung in Amsterdam) in Lissabon, auf den Azoren und in Neufundland Station zu machen. So ist denn die größte Wasserstrecke, die sie zu überqueren haben (Azoren—Neufundland) nicht größer als 2500 Kilometer, d. h. nicht viel mehr als halb so groß wie die von Neufundland nach Irland, die man bisher immer zurückzulegen versuchte. Aber noch weitere günstige Momente kommen den Piloten der „D. 1230" zugute. Das Flugzeug hat eine Funkempfangs- und Sende- st a t i o n, die auch gebraucht werden kann, wenn die Maschine auf dem Wasser treibt und der Motor stillsteht. Ebenso besitzt die „D. 1230" eine drahtlose Peilein - r i ch t u n g, die zur Orientierung dient und einst Eckener bei dem Flug mit dem Luftschiff „Z. R. 3" außerordentlich half. Selbstverständlich führen die Führer auch mehrere Gummiboote und Gummiballons mit sich, um bei einem Defekt des Flugzeuges einige Zeit rudern zu können.
Von den vier Piloten interessiert wohl am meisten die einzige Dame, die das Unternehmen mitmacht. Es ist dies die österreichische Schauspielerin Lilly D i l l e n z , -LoMerZehnes.cheküMtW Kunstmalers und Gattin eines Wiener Architekten. Sie unternimmt die Reise in vollem Einverständnis mit ihrem Gatten und will überdies durch ihren Mut zeigen, daß die Frau in der heutigen Zeit den Männern nicht nachsteht. Das kleine Österreich will dem großen Bruderstaate Deutschland auch bei diesem Unternehmen, von dem die Welt sprechen wird, gern zur Seite stehen. Wie es heißt, sollen einige Freunde der Schau
Mich lmö langer.
Die Befugnisse beider Teile.
Bei der Länderkonferenz, die unter Vorsitz des Reichskanzlers durch die bei Gelegenheit des Hindenburg-Geburtstages in Berlin versammelten Länder- minister und Staatspräsidenten stattfand, bildeten den Hauptteil die Erörterungen über das staatsrechtliche Verhältnis zwischen Reich und Ländern.
Es wurde bei der Ministerberatung schließlich einstimmig ein Beschluß gefaßt, eine Sonderkonferenz einzu- berufen, die über die Fragen weiterverhandeln soll. Zur Ausführung dieses Beschlusses ist dem Vernehmen nach bereits ein Rundschreiben von der Reichskanzlei aus versandt worden. In dem Rundschreiben werden geeignete Persönlichkeiten zur Übernahme von Ausführungen zu der Angelegenheit ersucht, welche die Sonderkonferenz be- Sgen wird, die Frage: So« größere Einheitlichkeit des
s herbeigeführt oder das staatsrechtliche Eigenleben der Länder mehr betont werden?
Der Ausgangspunkt zu dem Vorgehen ist nach verschiedenen Mitteilungen nicht beim Reiche zu suchen, sondern die Anregung ging von den Ländern aus. Der regierende Bürgermeister von Hamburg, Petersen, wies darauf hin, daß der bestehende Zustand nicht länger andauern könne. Der preußische Ministerpräsident vertrat die Anschauung, daß die jetzige Entwicklung natur- notwendig zum Einheitsstaat führen müsse. Der bayerische Ministerpräsident Held trat für die völlige Wiederherstellung der Finanzhoheit der Länder ein und forderte vollständige Aufgabe der Erzbergerschen Finanzreform. Die Länder müßten in Finanzfragen die frühere Selbständigkeit haben. Dagegen traten die Vertreter Hessens, Lübecks und Mecklenburg - Schwerins dem Hamburgischen und preußischen Standpunkt bei. In Hessen soll übrigens seit längerer Zeit der Gedanke erörtert werden, Hessen als Reichsland erklären zu lassen. __________
Die Deckung der Besoldungserhöhung.
Die zuständigen Reichsratsausschüsse setzten die Be- über die Frage der Besoldungsreform fort. An der Mittwochsttzung nahmen auch die Finanzminister der Lander persönlich teil, um zu versuchen, die Fraae-der Aufbringung der Mittel für die Durchführung der Be. foldungsreform zu klären. Auch fand nochmals eine Kon- serenz des Reichsfinanzministers mit den Finanzministern der Lander statt, deren Beratungen ebenfalls der finanziellen Deckung der Befoldungsvorlage galten. Von den Vorschlägen, die zur finanziellen Entrüstung der Länder gemacht worden sind, sind folgende zu erwähnen: Der Ertrag der Gc- ^""kesteuer soll ausschließlich den Ländern zugute kommen. Die H a u s z i n s st e u e r soll in stär- kerem Umfange zur Deckung des allgemeinen Finanz
spielerin sich auch finanziell an dieser Atlautiluver- querung beteiligt haben, um den guten Willen Deutsch- Österreichs zu betonen.
Nach dem Start in Norderney nahm man eine Zwischenlandung in Amsterdam vor, um sich dort noch einmal über die Wetterverhältnisse orientieren zu können. Diese Landung ist aus Anraten der Deutschen Lufthansa und der Junkerswerke geschehen und sollte zeigen, daß es bei diesem Flug auf einen Langstreckenrekord durchaus nicht ankommt. Das Ziel der Fliegerei im 20. Jahrhundert ist nicht mehr das Erreichen von Rekorden, sondern es sollen vielmehr der Beweis für die absolute Sicherheit der Aeronautik geschaffen und Erfahrungen für den ständigen Atlantikflugverkehr gesammelt werden.
Das Ende der „Miß Columbia".
Der Ozeanflieger Levine hat nicht nur einmal Pech gehabt. Als er den Rückflug von Paris nach Newyork antreten wollte, verließ ihn sein altbewährter Freund Chamberlin. In Frankreich fand er keinen Piloten, der das Flugzeug „Columbia" zurück nach Amerika steuern wollte, und er entführte das Flugzeug dann selbst nach England. Aus dem Atlantikflug wurde auch hier nichts, und der nun in Aussicht genommene Ostindienflug endete bereits in Wien. Jetzt wollte Levine in Rom Mussolini und den Papst für seine Pläne interessieren, aber noch ehe das gelang, ist er in der Nähe von Ciampino bet Rom abgestürzt. Das Flugzeug ist stark beschädigt, die Insassen sind glücklicherweise mit heiler Haut davon- gekommen. An eine Wiederherstellung der „Miß Columbia" kann aber nicht mehr gedacht werden.
Die Welisiieger wieder in Detroit.
Brock und Schlee, die seinerzeit von Detroit aus über den Atlantik nach England geflogen sind und dann den Japan in Etappen überzogen haben, sind nunmehr in Detroit gelandet und haben ihre Weltreise beendet. Allerdings haben sie von Japan aus nicht mehr das Flugzeug benutzt, da ihre Frauen und Kinder sie angefleht haben, doch nicht den waghalsigen Pazifikflug zu unternehmen. Die Leistung, von Detroit in westöst- licher Richtung bis nach Tokio zu fliegen, steht aber in der Fluggeschichte bisher einzig da und verdient auch Anerkennuua.
bedarfes herängezogen werden. Unter Umständen soll dre Umsatzsteuer erhöht werden.
.. Preußen und Sachsen sind bereit, für ein halbes Jahr die Mehraufwendungen der Beamtenbesoldung selbst zu übernehmen. Die anderen Länder erklären sich aber zu dieser Leistung nicht fähig.
Die Kämpfe in Mexiko.
Um die Kandidatur Obregons.
Obwohl die amtlichen Nachrichten aus Mexiko besagen, daß der Aufstand bereits vollständig niedergeworfen & leise Zweifel daran nicht unberechtigt. Schon die Mitteilung der Berliner mexikanischen Gesandt- schaft, ihre Regierung habe die volle Sicherheit, die Aufruhrbewegung in kurzer Zeit zu unterdrücken, klingt bedeutend weniger sicher. Präsident Calles hat die strengste Zensur angeordnet, doch ist immerhin durchgedrungen, daß der aufständische General Gomez sich tn Veracruz einstweilen behauptet und vollständig Herr dieses Teilgebietes ist.
Dagegen scheint es sich zu bestätigen, daß der ebenfalls aufständische General S e r r a n o von den Regierungstruppen gefangen, vor ein Kriegsgericht gestellt und bereits erschossen worden ist. Die Regierung gab Befehl, dre Guter der Aufständischen überall zu beschlagnahmen ""b sie zur Bestreitung der durch die Niederwerfung des Aufruhrs verursachten Unkosten zu verkaufen. Die Leichen von Serrano und von dreizehn seiner Anhänger sollen öffentlich ausgestellt worden sein. Präsident Calles überwacht persönlich die militärischen Operationen gegen die Rebellen von Schloß Chapultepee aus, wo er sich mit dem Kriegsminister und den militärischen Leitern aufhält. In Mexiko-Stadt wurden 23 Mitglieder der höchsten Gesellschaft verhaftet, darunter zwölf Frauen.
Schwere neue Kämpfe und ein Eisenbahnüberfall sollen sich ganz in der Nähe der Hauptstadt, bei Texcoco, abgespielt haben. Auch in den Staaten Sinaloa und Tepic haben Kämpfe stattgefunden. Wie weiter gemeldet wird, haben starke Abteilungen der Yaqui-Jndianer von den Vereinigten Staaten aus die mexikanische Grenze überschritten. Der Aufstand richtet sich hauptsächlich gegen die Präsidentschaftskandidat»! des Generals Obre- gon, der früher bereits Präsident war und der mit dem jetzigen Präsidenten zusammenarbeitet.
Sie deutsch-französischen Beziehungen.
Das Urteil eines Franzosen.
Der französische sozialistische Abgeordnete Jules Uhry sprach sich in einer längeren Unterredung mit dem Korrespondenten der Dresdener Neuesten Nachrichten über die Vorgänge der jüngsten Tage in Paris im Zusammenhang mit der Hindenburg-Feier aus. Die Ausführungen dieses einflußreichen Abgeordneten sind um so bedeutsamer, als er