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Umfelder Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Mzeiger Dr den Kreis HersfelS

mit den Beilagen: Helmatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Monatlicher Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.89 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfel- 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark Druck und Verlag von Ludwig Zanks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des vdzv.

Nr. 252 Donnerstag, den 27. Oktober 1927 77. Jahrgang

Entschleiertes Geheimnis.

Man hätte ja gar nicht mit so viel Geheimnistuerei zu arbeiten brauchen; erst dadurch entstand dieSensa­tion", die gar keine ist. Denn eine Sensation ist es wirklich nicht, wenn der Reparationsagent der Reichs­regierung gegenüber seineBedenken" hinsichtlich der Weiterentwicklung der deutschen Finanzen geltend macht; das tat er schon in den von ihm herausgegebenen Be­richten, Zeitungsinterviews und sonstigen Artikeln. Eine Sensation aber war es, daß er auch das ausführte, was er noch in seinem diesjährigen Junibericht mit den Worten angedeutet hatte:Es ist nicht etwa Mangel an Einnahmen, sondern das beständig steigende Niveau der Ausgaben, das mit künftigen Haus­haltsschwierigkeiten droht; es ist mithin von allen Seiten betrachtet wichtig, daß hier zu rechter Zeit Einhalt geboten wird." Daß er jetzt den angedrohten Schritt ausführt, Einhalt zu gebieten", ist die eigentliche Sensation, nicht aber die weitere Tatsache, daß der Reichsfinanzminister Dr. Köhler den Reparationsagenten ersuchte, ihm die mündlich vorgetragenenBedenken" in einer besonderen Denkschrift niederzulegen, die dann Gegenstand aus­giebigster Antwort werden sollte. Die Reichsregierung wird mit diesem Zwischenbericht Parker Gilberts erst an die Öffentlichkeit treten, wenn auch die Antwort darauf fertiggestellt ist.

Obwohl dieser Bericht sich kaum wesentlich von dem des Junis d. I. unterscheiden wird, der wegen der Schärfe der in ihm geäußerten Kritik an der Finanzwirtschaft des Reiches bereits Gegenstand zahlreicher Befprechungen zwischen Dr. Köhler und Parker Gilbert war, kann man sich vorstellen, wie erst der endgültige Bericht des General­agenten über das dritte Reparationsjahr, der in wenigen Wochen fällig ist, nach dem ausfallen wird, was Parker Gilbert gegen die deutsche Finanzgebarung inzwischen vorbrachte. Im Sachverständigengutachten, das den Dawes-Plan herbeiführte, heißt es:Die Pflicht, die Stabilität des deutschen Haushalts aufrechtzuerhalten und sie auf jede mögliche Weise vor Entwicklungen, die zur Gefährdung des HaushaltsausalejM führen k ü n n e n (!), zu schützen, ist eine Aufgabe, die in erster Linie der deutschen Regierung selbst zukommt und deren Erfül­lung man in ihrem eigensten Interesse annehmen darf. Nichtsdestoweniger (?) muß jedoch nach dem Plan jede Tendenz sorgfältig beobachtet werden, die die Stabilität des Haushalts bedrohen könnte." Da er diese Tendenz als vorhanden ansah, hat er eben einge­griffen oder, wie dieNew Bork Times" schrieb, sich in die innere deutsche Politik eingemischt. Auf Einzelheiten kommt es also dabei nicht an, sondern nur auf die an­gebliche Tendenz in der Entwicklung des deutschen Haus­halts, in erster Linie dabei auf eine etwa drohende Zahlungsunfähigkeit Deutschlands für Reparationszwecke, und weiter auf die Tendenz seiner Verhandlungen mit dem Reichsfinanzminister. Parker Gilbert glaubt nicht an eine weitere so günstige Entwick­lung der deutschen Wirtschaft und Finanzen, daß die großen zusätzlichen Ausgaben, die auf der Ausgabenseite des Reiches demnächst auftauchen würden, ohne weiteres aus erhöhten Einnahmen gedeckt werden könnten. Dr. Köhler ist gegenteiliger Ansicht. Der Reparationsagent hält die gegenwärtig gute Wirtschaftskonjunktur in Deutschland um so mehr für eine bald vorübergehende, als die Verschuldung von Reich, Ländern und Ge­meinden bereits ein überaus großes Ausmaß erreicht habe und schleunigst gedrosselt werden, müsse. Zweifellos hat er auch wie schon wiederholt über dieUndurch- sichtigkeit des deutschen Etats" geklagt und gerttchtweise verlautet, daß er auch seiner Ansicht Ausdruck gegeben habe, den Ländern und den Gemeinden werde ein allzu hoher Prozentsatz der Reichseinkünfte über- wiesen. Damit würde er allerdings gerade die gegen­teilige Meinung haben, als sie die Länder und die Gemein­den in zahlreichen Kundgebungen zum Ausdruck brachten.

Es hieße die Dinge nicht mit klaren Augen betrachten, wollte man leugnen, daß zwischen der deutschen Reichs­regierung und dem Reparationsagenten eine so verschie­denartige Auffassung der augenblicklichen und künftigen Wirtschafts- und Finanzlage Deutschlands besteht, daß man geradezu von einer Spannung reden muß. Lei­der ist Parker Gilbert dabei der Stärkere.

Lohnwünsche der Eisenbahner.

Erneute Verhandlungen.

Die Gewerkschaften der Eisenbahner und die Haupt­verwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft ver­handelten erneut miteinander. Gegenstand der Be- sprechung war die Forderung der Eisenbahner auf eine zwischentarifliche Lohnerhöhung für die Eisenbahn- arbeiter und die ihnen nahestehenden Angestelltenschichten.

Die Gewerkschaftsvertreter betonten, daß sie trotz der entschieden ablehnenden Haltung der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft unbedingt an ihrer Forderung, die Löhne im allgemeinen zu erhöhen, fest­halten müßten. Da sie jedoch aus der klaren Einstellung der Hauptverwaltung annehmen müßten, daß zurzeit eine allgemeine Lohnerhöhung nicht zu erreichen sei, verlangten sie ihrerseits die Einführung der Dienst­att e r s z u l a g e, wie sie schon seit längerer Zeit bei der Deutschen Reichspost eingeführt sei. Darüber hinaus solle das Wirtschaftsgebiet I in das Wirtschaftsgebiet H gehoben werden.

Die Vertreter der Hauptverwaltung erklärten daru.

6WMOW in MmeriN

Ein 12000-Tonnen-Dampfer gesunken.

Mehrere hundert Personen werden vermißt.

Der italienische DampferPrincipessa Mafalda" ist 130 Kilometer von Bahia entfernt auf einen Felsen aus­gelaufen, explodiert und gesunken. An Bord befanden sich nahezu 1200 Personen, darunter 968 Passagiere. Das Unglück ereignete sich um 7 Uhr abends südamerikanischer Zeit, als gerade die meisten Passagiere sich beim Abend­essen befanden. Durch die eintretende Dunkelheit wurde das Rettungswerk außerordentlich erschwert. Die Passa­giere stürzten sich auf die Boote und Planken, andere sprangen in Schwimmwesten über Bord. Der Dampfer gab sofort Hilfe(S. O. S.)-Rufe, auf die vier große Schiffe sofort herbeieilten. Zuerst traf der französische Dampfer Formose" ein, der 120 Schiffbrüchige aufnahm. Weiter­hin kam der deutsche DampserAthena" zu Hilfe, der 400 Passagiere an Bord nehmen konnte. Als dritter half das englische SchiffEmpire Star" den Passa­

gieren der sinkendenMafalda". Die Scheinwerfer des brasilianischen KreuzersRio Grande do Sul" ermög­lichten es, in weitem Umkreise nach den noch überlebenden Schiffbrüchigen bis nach Mitternacht zu suchen. Trotz der aufopfernden Tätigkeit der Besatzungen aller zu Hilfe gekommenen Schiffe sind aber mehrere hundert (etwa 200 bis 400) Passagiere des italienischen Dampfers in den Wellen umgekommen.

Bergungsarbeiten bei Nacht.

Das Nettungswerk gestaltete sich außerordentlich dramatisch, da dieMafalda" in sehr kurzer Zeit unter­ging. Sofort nach der Explosion legte sich das Schiff zur Seite. Alles lief zu den Rettungsbooten, so daß die Offiziere mitderWaffeinderHaudfür Ordnung sorgen mußten. Nach einem alten Seemannsbrauch müssen zuerst Frauen und Kinder bei einem Schiffsunter­gang in die Rettungsboote gebracht werden, dann die männlichen erwachsenen Passagiere, darauf die Schiffs­besatzung und dann erst der Kapitän.

Die Pasiagiere bestanden zum größten Teil aus italienischen Auswanderern, die im fernen Amerika eine neue Heimat finden wollten. Auch der berühmte Tenor Giglisoll sich auf dem Dampfer befunden haben, um in Äuenos Aires Konzerte zu geben. Soweit bisher bekannt ist, waren keine Deutschen an Bord derMafalda".

Das Totenschiff.

Der 12 000-Tonnen-Dampfer gehört zu den modern­sten Schiffen, die die italienische Handelsflotte besitzt.

daß auch diese Forderung nicht erfüllt werden könne, sondern es bei dem Zugeständnis der Verhandlungen nur über Ortslohnzulagen verbleiben müsse. Die Wortführer der Gewerkschaften erwiderten, trotz scharfer Bedenken seien sie auch bereit, an dieser Möglichkeit mitzuarbeiten unter Heranziehung der Bezirksleiter der Organisa­tionen, obwohl das Zugeständnis höchstens einem kleinen Teil der Arbeiter geringe Hilfe bringen könne. Die Ge­werkschaften könnten aber dessenungeachtet nicht auf das Verlangen einer allgemeinen zwischentariflichen Regelung verzichten, die absolut notwendig sei.

Damit wurden die Verhandlungen beendet.

Lohnforderungen der Reichsarbeiter.

Im Reichsfinanzministerium fanden in Anwesenheit des Reichsfinanzministers Dr. Köhler und des Staatssekretärs Dr. P o p t tz Verhandlungen mit dem Verband der- Ge­meinde- und Staatsarbeiter über die Forderungen der in den Retchsbetrieben und -behörden beschäftigten Arbeiter aus eine allgemeine Ausbesserung der Löhne statt. Die Vertreter des Reichsfinanzministeriums ließen durchblicken, daß nicht eine allgemeine Lohnerhöhung in Frage käme, sondern ledig­lich ein Ausgleich durch Ortslohnzuschläge. Der Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter wird unter sich zusammen- treten, um das vom Reichsfinanzminister gewünschte Material zusammenzustellen.

Die Riesendampfer von 20 000 Tonnen und darüber ver­kehren fast nur auf dem nördlichen Atlantik zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Die Größe von 12 000 Tonnen ist bei Dampfern, die nach Südamerika fahren, ziemlich selten. DieMafalda" befaß eine außer­ordentlich luxuriöse Ausstattung in den Sälen und Ka­binen. Natürlich faßte das Zwischendeck die meisten Passagiere; hier befanden sich die Auswanderer. Unter den Zwischendeckpassagieren sollen übrigens die meisten Toten zu beklagen sein. Der Dampfer war 150 Meter lang, 17 Meter breit und fuhr mit einer Geschwindigkeit von 18 Seemeilen.

Die letzten Schiffskatastrophen.

Ein derartiges Unglück, wie jetzt bei Bahia, hat sich in der Geschichte der Schiffahrt seit 13 Jahren nicht er­eignet. Damals ging der DampferEmpreß ofIre - l a n d" bei Nacht und Nebel im St. Lorenzstrom (Kanada) unter. Dabei sind über 1000 Personen ertrunken. Un­vergeßlich wird der Untergang des englischen Schiffes Titanic" bleiben, das auf seiner Jungfernreise von Liverpool nach Newyork auf einen Eisberg stieß. Die Titanic" hatte 2000 Passagiere an Bord und war im Jahre 1912 der größte Handelsdampfer der ganzen Welt. Über 1600 Passagiere ertranken, weil sich nicht genügend Rettungsboote an Bord befanden. U. a. erttank auch der amerikanische Multimillionär Astor, der sich gerade auf seiner Hochzeitsreise befand, über dem DampferMa­falda" schwebte schon immer ein Unglücksstern. Das Schwesterschiff des Dampfers ging schon beim Stapellauf unter. Vor sieben Jahren wurde bereits gemeldet, daß dieMafalda" auf eine Mine aufgelaufen wäre. Die Nachricht wurde später dementiert, aber jetzt ist der Untergang des schönen Schiffes traurige Gewißheit ge- worden.

Eröffnung des Reichsarbeitsgerichts.

Einheitliches Arbeilsrecht.

Im Reichsgericht zu Leipzig trat Mittwoch das Reichsarbeitsgericht zu seiner ersten Sitzung zusammen. Senatspräsident O e g g als Vorsitzender beleuchtete in kurzen Worten den Werdegang der Idee des Reichs­arbeitsrechts und führte weiter aus, vor allem in der Zeit des Wiederaufstiegs Deutschlands zu neuer Kraft und Größe sei die gemeinsame Arbeit aller Voraus­setzung. So sei denn über den Landesarbeitsgerichten ein Gebäude aufgeführt worden, das Reichsarbeits­gericht, das berufen sei, auf dem Gebiete des Arbeits­rechts einheitliche Grundrechte zu entwickeln, die den Unterinstanzen als Richtschnur dienen könnten. Es gelte nicht nur, die einzelnen Vorschriften des Arbeitsrechts anzuwenden, sondern auch die gemeinsamen Rechts­gedanken herauszunehmen und eine sichere Grundlage zu schaffen für ein künftiges einheitliches Arbeits­recht. Besonders herzlich begrüßte der Vorsitzende die beiden Beisitzer aus den Kreisen der Arbeitgeberschaft und der Arbeitnehmerschaft, die Reichsarbeitsrichter Dr. Fromm und Dr. N ö r p e l aus Berlin. Die Rede klang in dem Wunsch aus, daß die gemeinsame Arbeit vor dem Reichsarbeitsgericht dazu berufen sein möge, das neue deutsche Arbeitsrecht zum Segen für die Arbeiter und für das deutsche Recht, zum Segen für das ganze deutsche Vaterland werden zu lassen.

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