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Kersfelöer Tageblatt

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tzersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger Dr öm Kreis hersfelS

mit den Beilagen: Helmatschollen / Illustriertes Anlerhaltungsblatt / Nach Feierabend / Serv unö Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Lagesfragen.

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Nr. 2S7

Mittwoch, den 2. November 1927

77. Jahrgang

Erziehung zum Staat

desto das- eine Ver-

Je mehr man sich dem Wahlkampf nähert, eifriger bemühen sich Parteien und Parteiführer, jenige zu finden, was man im politischen Leben Wahlparole nennt. Man ist jetzt noch reichlich in legenheit; denn man weiß aus langjähriger Erfahrung, daß gerade im deutschen Volk die W a h l m ü d i g k e i t eine weitverbreitete Krankheit ist, die nur durch eine recht schlagkräftige Wahlparole, nur bei einer besonderen Gelegenheit überwunden werden kann. Die Tatsache, daß solche Wahlmüdigkeit vorhanden ist, ist an sich beklagens­wert, mögen für sie auch noch so viel berechtigte oder un­berechtigte Gründe eine ziemlich fadenscheinige Erklärung abgeben. Denn in einem Staat, der sich selbst regiert, regiert auch das Volk und es muß die Formen nutzen, die es selbst sich gab und in denen es regiert. Die Wahr­nehmung des Wahlrechts ist der Ausdruck dafür, daß die Erziehung zum Staat wenigstens den ersten Schritt getan hat, und es stand darum jenseits jeder parteipolitischen Einschränkung, berührte die Schmerzen und Wünsche einer jeden Partei, wenn Reichskanzler Dr. Marx in einer Rede in M.-Gladbach einmal das Problem der Erziehung zum Staat zum Gegenstand seiner Ausführungen wählte.

Erziehung zum Staat ist nicht etwa zu verwechseln mit der Übermittlung staatsbürgerlicher, verfassungsrecht­licher, historischer, politischer Kenntnisse, sondern ist vor Mem Willenserziehung, ist Erregung des Ve r - antwortlichkeitsbewußtseins als Staats­bürger bis zur praktischen Betätigung dieses Bewußtseins. Voraussetzung für diese staatsbürgerliche Erziehung ist, wie Marx sagte, dieVermittlung und Ver­tiefung unanfechtbarer Erkenntnis übc. die realen Staats­notwendigkeiten". Die Ansichten übe das, was für den Staat notwendig ist, werden allerdings immer ausem- andergehen wie die Meinungen darüber, ob die vermittelte Erkenntnis anfechtbar oder unanfechtbar ist. Aber schließ­lich ist jedes Menschenwissen ein Stückwerk, nur muß der Wille vorhanden sein, es auszubauen und die Verant­wortung dafür praktisch zu übernehmen, so gut oder so schlecht die Erkenntnis sein mag. /

Es gibt in Deutschland noch kteme Kreise, dre das Wesen des Staates von heute bekämpfen der Kamps geht immer noch um die Staats form. Wenn bet diesem Kampf der zweite Wunsch, den Dr. Marx zum Ausdruck brächte und der zugleich auch der zweite Schritt auf dem Wege der Erziehung zum Staate ist, nämlich die Milde­rung der politischen K a m p f s i t t e n, die Er­ziehung zur Achtung vor der gegnerischen Überzeugung als Grundlage des Kampfes erreicht werden wurde, so leitet das schon zu dem letzten Ziel hinüber, das die eigent­liche Aufgabe jener Erziehung zum Staat ist: es ist der Wille zur E r h a l t u n g d e s n a t i o n a l e n S t a a t e s in seiner Einigkeit und Geschlossenheit als jener Lebensform, die sich das deutsche Volk, in jahr­hundertelangem Kampfe errungen und gerade m letzter Zeit nur mühsam erhalten hat. Des Deutschen größter Fehler ist, daß nur allzuoft bei ihm diese bei anderen Völ­kern selbstverständliche Erkenntnis nur sehr mangelhaft entwickelt ist und ebensooft die Wahrung dringendster na­tionaler Lebensnotwendigkeiten viel zu engen Parteipol,i- tiicben Interessen geopfert wird. Aber der Staat, die Ration - sie ist doch das Ganze, die Partei aber nur ein Teil des Volkes! Selbstbestimmung und Selbst­verantwortung darin muß man dem Reichskanzler un­bedingt zustimmen kann aber nur auf dem Boden dreier Erkenntnis entstehen.

Nicht immer werden in Wahlzeiten aber die letzten und höchsten Schicksalsfragen einer Natron entschieden und man mag vielleicht der Meinung fein, daß es sich öfter dabei um sehr eigennützige Probleme emzelner Klassen, Stände oder Parteien handelt. Unendlich schwierig ist es dann, gegeneinander abzuwägen, was dem Sonder- interesse zu gewähren ist, ohne gegen das AllgemeiNlitter- esse zu verstoßen. Solch ein Urteil mag es richtig werden oder falsch bleiben - hat aber auch seinerseits wieder als Voraussetzung den Willen, unbedingt das Wohl des Ganzen über das Sondermteresse von Partei, Stand oder Klasse zu erheben. Selbst daran fehlt es immer und immer wieder, wenn sich selbst nur darum handelt, durch Stimmabgabe ein solches Urteil zu fallen.

Erziehung zum Staat ist also Erweckung de!- Gefühls der V e r a n t w o r t u n g, die der Staats­bürger dem Ganzen gegenüber nicht bloß dunkel 3n empfinden, sondern klar zu entwickeln, vor allem aber praktisch zu betätigen hat. So manches Mal ist schon empfohlen worden, an die Stelle des Wahlrechts die Wahl p f l i ch t zu setzen, aber das wäre keine Erziehung zum Staat, sondern nur ein Beweis dafür, daß em Volk nicht oder nicht mehr bereit oder fähig ist, feine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen.

parteipoli- Staat, die

Ideal der Volksgemeinschaft.

^n seiner Rede in M.-Gladbach, in der er sich mit staatspolitischen Fragen beschäftigte, gab Dr. Marx ferner Meinung dahin Ausdruck, daß politischer Kampf fern müsse, aber er müsse auf der Achtung vor der gegnerischen Überzeugung gegründet sein. Mit wärmster Zuversicht sprach Reichskanzler Dr. Marx die Erwartung aus, daß das deutsche Volk, das in den letzten Jahren so außer­ordentlich Großes für feinen politischen, wirtschaftlichen und geistigen Neubau geleistet habe, auch diese, zum Ideal der Volksgemeinschaft führende innere

Vor wichtigen Beschlüssen

Reichslabinett und Reparationssrage

Schaffung eines Reparationskommissariats

Das Reichskabinett wird in den nächsten Tagen wieder zu einer Sitzung zusammeptreten, nachdem Reichskanzler Dr. Marx von seiner Rheinlandreise und Reichsaußen­minister Dr. Stresemann aus Dresden wieder in der Reichshauptstadt eingetroffen sein werden. Neben laufen­den Angelegenheiten wird sich das Reichskabinett mit der Wiederaufnahme der deutsch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen beschäfti­gen, die schon vor längerer Zeit abgebrochen worden sind, da in der Frage des sogenannten Niederlassungsrechtes der Deutschen in Polen und der Einfuhr polnischer Er­zeugnisse nach Deutschland, insbesondere von Schweinen und Kohlen, damals keine Einigung erzielt werden konnte. Wie es heißt, soll in der Frage des Niederlassungsrechts bereits eine Annäherung zwischen der deutschen und der polnischen Auffassung zu verzeichnen sein und auch der Kohlenexport soll keinen Schwierigkeiten mehr unter­liegen, da Polen für seinen Kohlenüberfluß inzwischen ein Absatzgebiet in der Tschechoslowakei gefunden hat, wäh­rend bL Hoch der Schweineausfuhr nach Deutschland noch immer stark umstritten ist.

'Erneuerung, eine wahrhaft staatsbürgerliche Einstellung sich erkämpfen werde. Und vor allem müsse die I u g e n d , auf der Deutschlands Zukunftshoffnungen ruhen, dieses hohe Ziel des einigen Nationalstaates, der sich auf gegen­seitiger Achtung der Volksbürger und auf der einmütigen klaren Erkenntnis der staatspolitischen Notwendigkeiten aitfbctue, mit allen Kräften zu erreichen suchen.

Deutschlands Sotschessir in Washington.

Die meisten Aussichten, der Nachfolger des verunglückten Botschafters von Maltzan in Washington zu werden, hat gegenwärtig Botschaftsrat von Prittwitz und Gaffron, der jetzt der deutschen Botschaft; in Rom nitäebäxL-.^ - - - ,^_J>. jwrr wrt^^ von Prittwitz und Gaffron wurde am 1. September 1884 als ältester Sohn des Meisten Max von Prittwitz und Gaffron in Stuttgart geboren. Nach vollendetem rechtswissenschaftlichen Studium wandte er sich

der diplomatischen Laufbahn zu, kam vor dem Kriege zu den Botschaften in Washington und Petersburg und war in der letzten Zeit im Kriege in der Reichskanzlei tätig. 1920 kam er als Konsul nach Trieft und 1921 als Botschaftsrat zur deutschen Botschaft in Rom. Er vermählte sich 1920 mit Marie Luise Gräfin Strachwitz, einer Tochter des im Sep­tember 1914 an den Folgen einer Verwundung verstorbenen Rittmeisters d. L. Grasen Adalbert Strachwitz von Grotz- Zauche und Camminetz. Innenpolitisch steht Herr von Pritt­witz aus dem linken Flügel der Mittelparteien.

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Rußland bei den

Abrüsinngsberainngen.

Anmeldung der Vertreter.

Bei dem Generalsekretär des Völkerbundes ist von Ibern russischen Volkskommissar für das Äußere, Tschi- t s ch e r i n, folgende Anmeldung eingelaufen:

Nach Empfang der Note des Völkerbundrates vom 12. Dezember 1925, in welcher die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken eingeladen wurde, sich in der Vor­bereitenden Abrüstungskommission vertreten zu lassen, und nach der in dieser Sache gewechselten Korrespondenz war es der Union der SSR. nicht möglich, an der Arbeit der Vorbereitenden Kommission teilzunehmen, weil diese auf schweizerischem Boden einberufen worden war. Da der Zwischenfall zwischen der Union oer SSR. und der Schweiz durch das Protokoll vom 14. April gelöst ist,

Tue wichtigste Entscheidung, die das Reichslabinett in den nächsten Tagen zu treffen haben wird, wird seine Antwort auf die Denkschrift des Reparationsagenten Parker Gilbert sein. Diese Antwort soll jetzt erteilt werden, nachdem die mündlichen Verhandlungen zwischen dem Reichsfinanzminister, dem Reichsaußenminister und dem Reparationsagenten über die letzten Ausstellungen Parker Gilberts zum Ausgabenetat des Reiches beendet worden sind. Als ein Ergebnis der letzten Verhandlungen zwischen den Reichsstellen und dem Reparationsagenten scheint die Schaffung der Stelle eines besonderen Reichs- kommissariats für Reparationen herauszuspringen. Dieser Reparationskommissar soll vor allem die Aufgabe haben, den Verkehr mit dem Reparationsagenten zu besorgen und eine enge Fühlungnahme zwischen den drei haupt­sächlich an der Reparationsfrage beteiligten Reichs­ministerien, also dem Reichsfinanzministerium, dem Aus­wärtigen Amt und dem Reichswirtschaftsministerium, her­zustellen.

Für den Posten des Reparationskommissars wird be­reits ein ernsthafter Kandidat genannt. Es handelt sich um den früheren Staatssekretär Bergmann, der sich während seiner Tätigkeit in Paris und in Berlin mit Reparationsfragen befaßt hat. Dr. Bergmann würde dann wieder in den aktiven Reichsdienst zurückkehren.

habe ich die Ehre, Ihnen mitzuteiten, daß die Regie- rung der Union der SSR. bereit ist, an der Vorbereitenden Abrüstuugslommission teilzunehmen, und Sie bittet, ihr gefälligst den Zeitpunkt der nächsten Zusammenkunft der Vorbereitenden Kommission sowie deren Tagungsort bekanntzugeben.

Diese Änderung im Standpunkt der Sowjetregierung zu den Abrüstungsfragen hat in den politischen Mittel­punkten aller europäischen Staaten große Aufmerksamkeit gefunden, obwohl m^ darauf vor^ereitet war. Rußland , hat bereits vorher eine Kommission zur Weltivirtschafts-^ konferenz nach Genf geschickt und meldet sich selbe^Lu oen Abrüstungsbesprechungen an. Der Vorbereitende Aus­schuß für die Rüstungsfragen soll am 30. November in Genf zusammenkommen und so weit wie möglich die Arbeiten für die im nächsten Sommer zu erwartende. definitive Abrüstungskonferenz fördern. Mrt dem Beitritt Rußlands zu den Vorbereitungen fehlt keiner der großen Staaten mehr, da die Vereinigten Staaten an einer Weltregelung der Rüstungsbeschrän­kung mitwirken.

Die deutsche Stellungnahme.

In einer Betrachtung über den Entschluß der Sowjet­regierung, an den Arbeiten der Vorbereitenden Ab­rüstungskommission teilzunehmen, schreibt die dem Reichs­außenminister nahestehende Deutsche diplomatisch-politische Korrespondenz u. a., das Fehlen Rußlands bei den bis­herigen Verhandlungen über dieses Kernproblem des Völkerbundes habe vielfach die Begründung abgegeben für Bedenken und für eine Zurückhaltung einer ganzen Reihe von Mächten gegenüber der Aufgabe einer Rüstungsverminderung. Der deutsche Standpunkt wird durch die Korrespondenz folgendermaßen gekennzeichnet.

Im Interesse der Universalität des Völkerbundes im allgemeinen und der Abrüstungsarbeit, die ohnehin schon mit so vielen Schwierigkeiten und Einzelbedürfniffen be­lastet ist, im besonderen ist die Ausdehnung der Teil­nehmerzahl möglichst aus alle Nationen der Erde das erstrebenswerte Ziel. Im Hinblick aus die besonderen Schwierigkeiten, die das Fehlen einer großen, dem Völker­bund nicht angehörendrn Militärmacht am Genfer Be­ratungstische schon bisher hervorgerufen hat und weiter­hin hervorgerufen hätte, ist eine ehrliche Mitarbeit der Vertreter Moskaus selbstverständlich lebhaft zu begrüßen.

Aufnahme in England.

Der Beschluß Sowjetrußlands, an der Vorbereitenden Abrüstungskonferenz in Gens teilzunehmen, wird von der liberalen Presse mit Genugtuung begrüßt.Da i l y Chro - niete" schreibt, nun sei der erste große Schritt getan, um eine wirksame Abrüstungspolitik zu ermöglichen. Auch Daily News" sagen, ohne die Mitbeteiligung Sowjet- rußlands wäre jede Abrüstung doch nur illusorisch gewesen. Eines der schwerwiegendsten Argumente gegen eine wirkliche Abrüstung in der Welt sei jetzt aus dem Wege geräumt. Unter den bisherigen Umständen, mit der Gefahr eines von Jahr zu Jahr stärker werdenden Rußlands, hätte man auch von den führenden europäischen Mächten und vor allen Dingen den kleineren Staaten unmöglich verlangen können, daß sie ihre Bewaffnung wesentlich einschränkten.W est - m inst er Gazette" meint: Nach zehn Jahren der Iso­lierung scheint es, daß in Rußland eine neue Auffassung sich geltend macht, und daß es jetzt in ein gutnachbarliches Ver­hältnis zu den anderen europäischen Nationen zu gelangen sucht.

Eine russische Stimme. j

Die Moskauer offiziöseJswestija" erklärt: Der- Sowjetregierung sind aus dem Völkerbundsekretariat keiner­lei amtliche Mitteilungen über diese Frage zugegangen. Um aber ihren wiederholt zum Ausdruck gebrachten grundsätz­lichen Standpunkt hinsichtlich ihrer Bereitschaft, die Sache des Friedens in jeglicher Weise zu fördern, endgültig festzulegen, hat die Sowjetregierung das Sekretariat des Völkerbundes amtlich davon in Kenntnis gesetzt, daß die Beilegung des fowjetrufsisch-schweizerischen Konflikts es ihr gestatte, an den Arbeiten der Vorbereitungskommission teilzunehmen,