Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 270
Freitag, den 1S. November 1927
77. Jahrgang
Ssr Storch auf einem Bein.
Die Reden vieler Staatsmänner sind oft unendlich langweilig. Man hört oder liest solche Reden höchst ungern, weil jeder Staatsmann — oder wer sich dafür aus- gibt — mit Vorliebe an des Franzosen Talleyrand spöttischen Witz zu denken scheint, daß die Worte dazu da sind, die Gedanken zu verbergen. Manchmal wird das mit solcher Geschicklichkeit ausgeführt, daß man in der Rede überhaupt keine Gedanken findet. Was ja wohl die Höhe diplomatischer Rednerweisheit ausmacht.
Diplomaten neuerer und neuester Schule „entgleisen" freilich bisweilen etwas, indem sie so reden, wie — um ein vulgäres Wort zu gebrauchen — ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das erfrischt geradezu und Zuhörer oder Leser freuen sich. Wenn z. B. der deutsche Außenminister an ein kleines drastisches Wort erinnert, das der frühere englische Premierminister Lloyd George, jetzt Führer der Liberalen Partei in England, einmal über die Locarno- Politik angewandt hat, so wirkt solche Drastik gerade in dem Kreise der Wiener Vertreter ausländischer Zeitungen, vor denen Dr. Stresemann sprach, sehr viel mehr, als wenn er ihnen „diplomatisch" gekommen wäre. Lloyd George hatte nämlich unter Beziehung aus den englischen Außenminister allein oder auf die deutschen, französischen, englischen Außenminister von einem Storch gesprochen, der in den Gewässern des Lago Maggiore auf einem Bein stehe und zufrieden die Ergebnisse von Locarno betrachte; es käme aber nun darauf an, nicht dauernd in dieser Stellung zu verharren. Stresemann vervollständigte dieses Bild noch dadurch, daß er meinte, daß auch mit dem Geklapper über die Erfolge von Locarno es noch nicht getan fei.
Das Bild kennzeichnet wirklich die ganze Situation viel besser als tausend Worte. Alles redet und preist „Locarno" — aber damit begnügt man sich auch. Stolz und selbstzufrieden schaut man aus die wunderschönen Verträge, die dort abgeschlossen sind. Aber mehr tut man nicht. Es werden sogar Reden darüber gehalten, Reden,
Dr. Stresemann [Q^rflük,dä^^^
und in Deutfchland jedenfalls wird es kaum jemanden geben, der ihm da irgendwie widerspricht. Wo bleibt aber die Tat? Die Räumung der Rheinlande, die allgemeine Abrüstung, die Niederlegung auch der sich immer höher auftürmenden wirtschaftlichen Hindernisse der Staaten gegeneinander?
Was hat man nicht bloß alles geschrieben über die Wiener Reise der deutschen Minister! Aber eine französische Zeitung hat es herausgekriegt, warum diese Reise erfolgte: das P a ß v i s u m zwischen, Deutschland und Österreich soll abgefchasft werden. Eine glorreiche Entdeckung! Denn — es besteht ja erfreulicherweise überhaupt nicht mehr. Und Dr. Stresemann sagt ganz keck und frei, er würde sich freuen, wenn das Paßvisum überhaupt zwischen sämtlichen Ländern der Erde abgeschafft würde; denn die Menschen, die man nicht gern hineinlassen will, kommen auch ohne Patz hinein und die anderen, die man gern hineinlassen will, werden durch den Paßzwang blotz geärgert. Über solches Wort Dr. Stresemanns werden sich z. B. in Italien sämtliche Haare auf -den Regierungsköpfen sträuben, vor allem deswegen, weil Dr. Stresemann völlig recht hat. Wer jemals — bis vor zwei Jahren — das zweifelhafte Vergnügen hatte, etwa von Bozen nach München zu fahren, hatte das noch zweifelhaftere Vergnügen, viermal den Patz vorweisen zu müssen im Verlauf von ein paar Stunden. Gerade so ist es mit der Zollabfertigung. Ein ganzes Beamtenkorps ist mit dieser „Arbeit" beschäftrgt und trotzdem ist es schon für jeden Touristen eme Klemrg- keit, von Südtirol aus über die ltalremsch-osterreichlsche Grenze zu hüpfen. ~ ,
Was Stresemann mit seinem klappernden Storch aus einem Bein sagen will, ist ja doch nichts anderes, als daß all diese — und andere Hemmnisse einer wirklichen Völkerversöhnung, einer Zusammenarbeit und eines Zusammenkommens der Staaten und Völker Europas fallen sollten. „Die beste Sicherheit für die Erhaltung des Friedens ist die Bekämpfung des Mißtrauens zwischen den Nationen; für uns in Deutschland ist der Gedanke, daß nur eine friedliche Entwicklung überhaupt drc Möglichkeit einer Wiederaufrichtung Europas gibt, eine Selbstverständlichkeit." Deutschland liegt ja mittendrin in Europa und wird am meisten davon betroffen, wenn dieses Mißtrauen trotz Locarno immer, noch besteht, vaß den Worten von damals die Taten seit damals gar so wenig entsprechen und immer weniger entsprechen. Nickst zuletzt in der Art, wie unsere Beziehungen zu Österreich beurteilt und behandelt werden.
Locarno ist der Versuch, den Blick abzullre^n von den Ereignissen, die der Weltkrieg und die Nachkriegszeit gebar, den Blick nicht mehr nach rückwärts zu richten, sondern ihn nach vorwärts zu lenken. Um das Bild zu vervollständigen: es ist sozusagen erst mit dem emenAuge geglückt, das andere schielt immer noch nach rückwärts in die Vergangenheit zurück. Und darum — bleibt der Storch auf dem einen Bein stehen, setzt das andere nicht nieder, um vorwärtszuschreiten. Darum bleibt es beim Klappern — vorläufig. Aber gerade wir Deutsche hoffen darauf, daß endlich einmal die Stunde kommt, da a u v den Worten die Tat wird und die Einsicht sich durchsetzt: wenn Europa nicht den Weg hinausfindet au^ dem Druck der Nachkriegspsychose, dann wird nicht bloß Deutschland, sondern werden alle europäischen Volker und Staaten politisch wie wirtschaftlich schwersten Schaden davon haben. _
Der Reichskanzler in München
Bayerns Wille zum Sigenstaat.
Dr. Marx' Besuch in der bayerischen Hauptstadt.
Die Wiener Reise des Reichskanzlers Dr. Marx und des Reichsaußenministers Dr. Stresemann hat nunmehr ihren Abschluß gefunden. Vor der Abreise besuchten Dr. Marx und Dr. Stresemann zusammen mit Bundeskanzler Dr. Seipel Klosterneuburg, wo sie in der Stiftskirche einem feierlichen Pontifikalamt bei- wohnten. Hierauf wurde vorn Kirchenchor auf besonderen Wunsch des Reichskanzlers Dr. Marx die Messe in E^loü von Anton Vruckner aufgeführt. Nach dem Hochamt besichtigten die Gäste das Stift. In der Bibliothek trugen sie sick in das Gedenkbuch ein.
Während der Reichsaußenminister sich von Wien aus unmittelbar nach Berlin begeben hat, hat Reichskanzler Dr. Marx noch in München Station gemacht, um zum ersten Male seit seiner Kanzlerschaft der bayerischen Staatsregierung einen Besuch in der bayerischen Landeshauptstadt abzustatten.
Der Begrüßung durch Ministerpräsident Dr. Held folgte ein Empfang in den Repräsentationsräumen im Palais des Ministerpräsidenten, der die Gäste Dr. Helds mit einem großen Kreis prominenter Persönlichkeiten des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens Bayerns und den Vertretern der bayerischen Presse vereinte. Der Reichskanzler unterhielt sich besonders eingehend mit Kardinal von Faulhaber.
Nach einer kurzen Rundfahrt durch die Stadt besuchten Reichskanzler Dr. Marx und Ministerpräsident Dr. Held am Donnerstag das Deutsche Museum. Im Ministerium des Äußern nahm der Reichskanzler die Vorstellung der Staatsminister entgegen, während ihm
Deuische KhänNKn mit Polen.
Beginn der Aussprache.
In Berlin ist im Austrage der polnischen Regierung Ministerialdirektor Jakowski aus Warschau eingetroffen, um die Vertretung seines Landes wahrzunehmen bei den nun beginnenden Besprechungen über die deutsch-polnischen Handelsbeziehungen. Aus deutscher Seite nimmt Reichsautzenminister Dr. Stresemann, der aus Wien zurückgekehrt ist, an den Verhandlungen teil. Ministerialdirektor Jakowski wurde bereits Donnerstag vom Reichsautzenminister empfangen und hatte eine eingehende grundsätzliche Aussprache über die Wiederaufnahme der gegenseitigen Handelsbeziehungen.
Freitag findet ein Essen zu Ehren Jakowskis bei Dr. Stresemann statt, an dem auch der deutsche Gesandte in Polen, der zur Teilnahme an den Vorbefprechungen nach Berlin gekommen ist, teilnimmt.
Die Verhandlungen des deutschen Gesandten Rauscher in Warschau haben bereits zu einer Einigung über die polnische Holzeinfuhr nach Deutschland geführt, die dahin geht, daß beide Seiten noch vor dem Abschluß des Handelsvertrages an einen Abbau gewisser Einfuhrverbote und Schutzzölle gehen. Vorläufig betrifft diese Abmachung das polnische Holz und eine ganze Reihe deutscher Fertigfabrikate. Einige rein ver- waltungstechnische Maßregeln für den Grenzverkehr sind auch behandelt worden.
Die polnischen Wünsche
zählt ein Artikel des Warschauer offiziösen Blattes „Epoka" auf. „Epoka" unterstreicht den Verständigungswillen Polens. Das Regierungsblatt erklärt, man dürfe wohl hoffen, auch bei der deutschen Reichsregierung Entgegenkommen in der K o h l e n f r a g e und der Frage des Viehvertrages zu finden. Polen stelle dem Deutschen Reiche keinerlei Zumutung, die etwa den Beschlüssen der Weltwirtschaftskonferenz widerspräche. Die Aufnahme der amerikanischen Anleihe habe an dem polnischen Standpunkte zur Handelsvertragsfrage nichts geändert. Nach wie vor sei man in Warschau der Meinung, daß der Vertrag im Interesse beider Teile und der europäischen Ge- famtwirtschaft gelegen sei.
Reichspräsident v. Hindenburg hat an den Staatssekretär a. D. L e w a l d, der bisher die deutschpolnischen Ausgleichsverhandlungen leitete und nun zurückgetreten ist, ein Schreiben gerichtet, in dem der Reichspräsident dem Scheidenden seinen herzlichsten Dank aus- spricht. Lewald wird sich der Pflege des deutschen Sportwesens widmen.
Eine große Schlacht in China.
Schanghai. Erbitterte Kämpfe haben an der Eisenbahn Tientsin— Pukau nördlich von Mingkuang stattgesuuden. 1100 Schwerverwundete sind in Nanking eingetroffen. Wie verlautet, hat eine 60 000 Mann starke nationalistische Armee unter General Hojingtsching die Kräfte General Suntschuan- a auf breiter Front angegriffen, sie wurde aber in Richtung kuang zurückgeworfen. Ihre Verluste sind sehr hoch, besonders hat sie unter Maschinengewehrfeuer zu leiden gehabt. Die Nordtruppen haben die Verfolgung des geschlagenen Feindes unterlassen. Infolge dieser Niederlage mußten alle in Nanking stehenden Reserven der Südarmee zur Front ent- sandt^verden.
im Landtagsgebäude das Präsidium und die Fraktions- Vorstände des Bayerischen Landtages vorgestellt wurden.
Bei diesen Besuchen wurden auch einige Reden gewechselt. Im Ministerium des Äußern gab Ministerpräsident Dr. Held der Hoffnung Ausdruck, daß es bei der Zusammenarbeit zwischen Reich und Ländern gelingen möge, den lebenskräftigen und Willensstärken Ländern die Möglichkeit zu erhalten, in Selb- st ä n d i g k e i t sich an den Aufgaben des Reiches zu ihrem Teil zu betätigen. Der Reichskanzler glaubte zusagen zu können, daß durch tatkräftige Zusammenarbeit von Reich und Ländern alle noch bestehenden Schwierigkeiten überwunden werden würden. Im Landtag teilte Reichskanzler Dr. Marx mit, datz sich die Reichsregierung viel mit der Lage Bayerns beschäftige, dessen Bedeutung sie voll würdige. So lange im bayerischen Volk der feste Wille zum E i g e n st a a t vorhanden sei, wäre es politisch falsch, einen anderen Zustand herbeiführen zu wollen. Das wesentlichste sei, daß das Reich zusammen- halte. Einem Besuch im Rathaus folgte eine längere Aussprache zwischen den: Reichskanzler und der bayerischen Staatsregierung.
Die Münchener Neuesten Nachrichten widmen Reichskanzler Dr. Marx Begrüßungsworte, wobei sie mit Bezug auf den vorangegangenen Besuch in Wien betonen, daß der Weg des Deutschen Reiches der Zukunft nicht über eine Provinz Bayern führe und daß der Anschluß nicht den Unitarismus, sondern nur den Föderalismus kenne. Im übrigen wird betont, der Reichskanzler werde hoffentlich aus München die Gewißheit mitnehmen, daß Bayern heute noch den Anspruch erheben dürfe, der am meisten deutschfühlende Staat des Reiches zu sein, um so mehr, je weniger es von außen bevormundet werde. Nicht der Zwang schaffe die Einheit, die allen Stürmen trotze.
Skaiwai im Snglifchen Unterhaus.
Macdonald gegen Baldwin.
Das Unterhaus hatte sich mit Bergbaufragen und Anträgen zur Reform des gesamten Bergbaues in England zu befassen. Der frühere Ministerpräsident Ram- say Macdonald hatte einen Antrag eingebracht, der sofortige Maßnahmen für die Sicherung einer wirksamen Produktions- und Verkaufsorganisation des Bergbaues sowie Hilfsmaßnahmen für die Zahl der unbeschäftigten oder verkürzt arbeitenden Bergarbeiter verlangte. Bei der Begründung des Antrages durch Macdonald kam es zu lebhaften Szenen, die den Sprecher veranlaßten, die Sitzung auf eine Stunde zu unterbrechen. Macdonald er- klärte weiter, das große Problem für den Kohlenbergbau sei die Umbildung von Kohlen in Kraft, und in dieser Hinsicht sei
Großbritannien wesentlich hinter den kontinentalen Ländern zurück.
Die Frage, wie Kohle in Ol und andere wertvolle Beiprodukte verwandelt werden könne, sei wesentlich für die Fortdauer des nationalen Nutzens. Es handle sich hier nicht um die Frage der Profite für die an der Kohlen- industrie unmittelbar beteiligten Personen, sondern um eine Frage des allgemeinen Wohls. Die Regierungspolitik in der Arbeitslosenfrage, die den größten Teil des Volkes einfach dem Armenrecht überweise, habe vernichtende Folgen. Die Regierung halte optimistische Reden, lasse aber eine Lösungsmöglichkeit nach der anderen vorübergehen. Macdonalds Rede folgte ein fehr starker Beifall. Im Anschluß an Macdonalds Rede kam es zu einem Zwischenfall, als an Stelle Baldwins der Handelsminister Cunliffe Lister antworten wollte. So oft der Minister sich anschickte, seine Rede zu halten, wurde er von der Opposition
durch Lärm unterbrochen.
Ununterbrochen forderten die Bänke der Arbeiterabgeord- neten das Erscheinen des anwesenden Ministerpräsidenten Baldwin auf der Rednertribüne. Cunliffe wollte immer wieder beginnen, konnte sich aber kein Gehör verschaffen. Nachdem sich diese Szenen verschiedentlich wiederholt hatten, vertagte der Sprecher das Haus. Auch nach der Aufhebung der Sitzung hielt die erregte Stimmung an. Die beiden Seiten des Hauses standen einander drohenv gegenüber und Schimpfworte flogen hin und her. Baldwin blieb noch einige Minuten an feinem Platz sitzen. Als er dann das Haus verließ, ertönte aus den Reihen der Arbeiterpartei lautes Pfeifen.
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Abrüstungsfragen im Oberhaus.
Im Englischen Oberhaus wickelte sich eine Abrüstungsdebatte ab, in der Lord Cecil die Gründe seines Ausscheidens aus dem jetzigen britischen Kabinett darlegte. Zunächst sagte Lord Parmoor, das Auftreten Chamberlains auf der letzten Völkerbundversammlung habe nicht nur dem britischen Ansehen, sondern auch der Behandlung der Abrüstungsfrage außerordentlich geschadet. Cecil führte aus, er sei nach Genf mit Vorschlägen geschickt Worden, mit Auftrügen, die sich nicht verwirklichen ließen. Ein Teil des englischen Kabinetts stehe auf dem Prinzip der Fortrüstung bis zur Gleichstellung der englischen Flotte mit der amerikanischen. Diese Meinung zur Weiterrüstung könne er nicht teilen und deshalb sei er zurückgetreten.