Hersfelöer Tageblatt
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Rr. 276 Freitag, den 25. November 1927 77. Jahrgang
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Bratianu plötzlich gefiorbesr.
Einer Halsentzündung erlegen.
Das durch die Streitigkeiten um die Thronfolge innerlich so aufgewühlte Rumänien ist in eine neue Krise gestürzt worden. Ganz unerwartet ist der an der Spitze der Regierung stehende Ministerpräsident I. J. C. Bratianu aus diesem Leben abberufen worden. Er ist den Folgen einer Halsentzündung erlegen. In den letzten Tagen waren bereits in Bukarest Gerüchte verbreitet, die von einer ernsten Erkrankung desKabinettschefs wissen wollten. Eine amtliche Mitteilung trat diesen Nachrichten entgegen und versicherte, daß Bratianu infolge Erkältung unpäßlich gewesen sei, sich aber schon auf dem Wege der Besserung befinde.
Bei der Halsentzündung, die zum Tode Bratianus führte, stellte sich die Notwendigkeit einer Operation heraus, die auch einen günstigen Verlauf nahm. Wenige Stunden später traten jedoch starke Hustenanfälle mit Blut-
I. I. C. Bratianu -f. Bintilie Bratianu.
auswurf ein, die dem Kranken schwere Atemnot bereiteten. Es mußte zu einer zweiten Operation geschritten werden, um durch Einsetzung einer Kanüle einen künstlichen Atmungsweg zu schaffen. Eine Blutuntersuchung ergab das Vorhandensein einer allgemeinen Blutvergiftung. Bratianu, der von seiner Familie umgeben war, tat Donnerstag morgen früh gegen 7 Uhr den letzten Atemzug. Er stand im 64. Lebensjahre. Die Beisetzung soll auf seiner Besitzung in Floriea stattfinden.
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Die vorläufige Nachsorge.
Sofort nach dem Hinscheiden Bratianus trat der Ministerrat zusammen und faßte Beschlüsse zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, da die Erregung in der Hauptstadt natürlich stark anstieg bei der Todesnachricht. Bintilie Bratianu, der Bruder des Bec- storbenen, hat vorläufig die Ministerpräsidentschaft übernommen.
Im Laufe des. Donnerstagvormittags wurde in Bukarest wieder die Depeschenzensur verhängt. Sämtliche Regierungs- und öffentlichen Gebäude wurden militärisch besetzt. Bei den Garnisonen in der Provinz wurde der Alarmzustand verkündet, doch herrscht zunächst überall Ruhe.
3. 3. & Bratianu
wurde 1864 als Sohn des 1891 verstorbenen rumänischen Staatsmannes Ivan Bratianu geboren. Dem Vater Bra- tianu, der von 1876 bis 1888 mit kurzen Unterbrechungen Ministerpräsident war, verdankt Rumänien die Unabhängigkeit und die Königswürde. Dem Sohn Bratianu verdankt das Land die Entwicklung zum Groß-Rumänien. Seit 1895 Abgeordneter, wurde Bratianu der Jüngere 1897 Minister des Innern. 1910 übernahm er die Leitung der Liberalen Partei und wurde gleichzeitig Ministerpräsident. Als solcher erwarb er im Jahre 1913 von Bulgarien die Dobrudscha. Seine Politik führte am 27. August 1916 zum Eintritt Rumäniens in den Krieg an der Seite der Alliierten. Da Bratianu bei Kriegsschluß nicht alle Forderungen durchsetzen konnte, trat er im Dezember 1919 zurück. Nachdem das Kabinett Take Jonescu im Januar 1922 unterlegen war, bildete Bratianu ein neues Kabinett. Im März 1926 machte Bratianu einem Kabinett Averescu Platz. Averescu, der sich nur als Platzhalter für Bratianu erwies, machte schon im Juni 1927 dem Prinzen Stirbey Platz. Der kranke König berief bald Bratianu erneut zur Kabinettsbildung.
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Deutsches Beileid.
Reichsminister des Auswärtigen Dr. Stresemann hat an den rumänischen Minister des Äußern Titulescu das folgende Beileidstelegramm gesandt: „Die Nachricht von dem Hinscheiden des Herrn Ministerpräsidenten Bratianu hat mich tief bewegt. Ich bitte Euere Exzellenz, mein aufrichtigstes Beileid entgegenzunehmen und dieses auch der Königlich Rumänischen Regierung übermitteln zu wollen."
Der eiserne Mann.
„Wehe dem Volke, dessen König ein Kind ist."
Auf Rumäniens Königsthron, der erst vor sechsundvierzig Jahren errichtet ist, sitzt solch ein Kind, sitzt ein Sechsjähriger. Um ihn Herum wirbeln die Jntrigen, kämpfen skrupellose Machthaber, wird mit allen Mitteln, die eine politische Korruption zu erzeugen pflegt, um diese Macht gerungen. Und draußen — jetzt noch draußen — steht einer als Kronprätendent, dessen Aussichten durchaus nicht schlechte sind. Eine eiserne Hand, die in der Wahl der Kampfmittel noch weniger bedenklich, noch skrupelloser war, meisterte bisher das Chaos, den — Bürgerkrieg. Aber diese Hand ist jetzt erschlafft. Bratianu, Rumäniens Ministerpräsident und wirklicher Beherrscher, ist ganz plötzlich gestorben.
Der Regentschaftsrat, den der unlängst verschiedene Rumänenkönig Ferdinand dem Sechsjährigen nach seinem Tode zur Seite stellen ließ — die Königinwitwe Maria hatte keinen Anteil an der Macht, die sie so heiß erstrebte —, bestand aus dem Prinzen Nikolaus, einem Onkel des allzu jungen Carolsohnes Michael, dann aus dem obersten Kirchenfürsten Rumäniens und aus dem Präsidenten des Kassationshofes, also dem höchsten richterlichen Beamten. Aber zu sagen hatten alle diese drei Männer so gut wie gar nichts, denn Bratianu herrschte, und man weiß, daß er sich am wenigsten davor gescheut hätte, Rumänien zu einer Republik zu machen, wenn er es zur Erhaltung seiner Macht für notwendig befunden hätte. Nichts zu sagen hatte auch die Königinwitwe Maria, so wenig, daß es in den letzten Tagen noch hieß, sie wolle sich in ein Kloster Zurückziehen. Das wird sie jetzt wohl bleibenlassen.
Es ist eine riskante Sache, zu prophezeien, aber — vielleicht ist Tours Bratianu gerade W, rechter Zeit AL- storben. Der Widerstand gegen ihn wuchs. Nicht in der Armee, aus die er sich doch verlassen konnte trotz mancher Sympathien, derer sich in ihr der Kronprätendant Carol immer noch erfreut. Diese Sympathien hielt Bratiakku mit eiserner Hand nieder. Aber auch der Regentschaftsrat machte ihm Schwierigkeiten, namentlich Prinz Nikolaus, der wohl an eine Gefährdung des Thrones durch Bratianu glaubte. Und dann kam die schwere moralische Niederlage, die das Diktatorentum des Ministerpräsidenten in dem Prozeß gegen den Vertrauensmann des Prinzen Carol, den Obersten Manoilescu, erlitten hat. Aus dem Angeklagten wurde der Kläger, der gegen die mit allen Mitteln arbeitende Herrschaft Bratianus schwerste Anklagen erhob. Und was diese Niederlage zu einer noch schwerereil machte, war die Tatsache, daß das Gericht, vor dem jener Vertrauensmann Carols stand, ein Militärgericht gewesen ist. Das war ein überaus harter Schlag für d e n D i k t a t o r. Mit der parlamentarischen Opposition, die recht stark ist, obwohl bei rumänischen Wahlen mit allen Mitteln der Bestechung, Gewalt und sonstiger Beeinflussung gearbeitet wird, war Bratianu ziemlich fertig geworden. Freilich hatte auch sie ihm schärfsten Kampf angesagt. Die Gärung, der Widerstand unter der Decke der Gewalt stieg immer weiter. Und dabei war Bratianu ein — Liberaler!
Bekanntlich hat Prinz Carol am 31. Juli, zehn Tage nach dem Tode König Ferdinands, seinen T h r o n v e r - zicht wieder zurückgenommen. Daß die Regierung Bratianus erst vor ein paar Tagen die sogar viermal erfolgte Verzichtleistung veröffentlichte, blieb im rumänischen Volke ohne Eindruck; denn dort unten, im Halborient, nimmt man es nicht so genau mit dem Halten eines gegebenen Wortes, namentlich dann nicht, wenn — Bratianu den moralisch Entrüsteten spielt. So wird denn der Kampfum die Erbschaft beginnen. Vorläufig hat des Verstorbenen Bruder, der im bisherigen Kabinett Finanzminister war, das Portefeuille des Ministerpräsidenten übernommen. Was er bisher leistete, hat bewiesen, daß er wohl kaum die starke, brutale Persönlichkeit ist wie sein verstorbener Bruder. Gewiß hat er im Parlament noch die große Mehrheit hinter sich; aber derartige Machtkämpfe spielen sich außerhalb des Parlaments ab. Wird er also der Erbe seines Bruders auch bleiben? Wird es die Königinwitwe werden oder Prinz Carol, der jetzt noch draußen steht, aber seine Stunde wohl sicherlich für gekommen hält? Prophezeien ist eine mißliche Sache, besonders aber dann, wenn es sich um Entwicklungen auf dem Balkan handelt.
Das Testament Bratianus.
Bukarest. Das Testament Bratianus wurde geöffnet. Es betrifft nur Familienangelegenheiten. Bratianu hat die Nutznießung seines Vermögens seiner Gattin vermacht, während sein Sohn Georges Bratianu das Besitzrecht an dem Vermögen erbt.
Die innenpolitische Lage in Rumänien.
Bukarest. Das Exekutivkomitee der Liberalen Partei ist zusammengetteten. Wie man versichert, wird die Führung der Partei einem leitenden Komitee aus drei Mitgliedern übertragen werden. Als voraussichtlicher Führer der Partei wird entweder Vintila Bratianu oder Duca genannt. Die neugebildete Regierung soll, wie angenommen wird, nur vorläufigen Charakter haben. Ein neugebildetes Kabinett werde sich auf die Mitarbeit von Maniu stützen.
Das Rerchsshrenmaf.
Drei Wünsche werden erfüllt.
Die Frage der Errichtung eines Reichsehrenmals für die im Weltkriege gefallenen deutschen Soldaten, die im vorigen Jahre zu lebhaften Erörterungen Veranlassung gab, ist jetzt wieder aufgetaucht und soll eine überraschende Lösung finden. Man erinnert sich, dgß seinerzeit eine große Mehrheit des deutschen Volkes dafür eingetreten war, daß das Ehrenmal bei Berka in der Nähe von Weimar errichtet werde. Daneben gab es aber ansehnliche Minderheiten, die anderen Plänen das Wort redeten. Das preußische Ministerium und andere traten für die Reichshauptstadt als Stätte des Ehrenmals ein, während man im Rheinland sich das Ehrenmal für die Rheingegend wünschte.
Nun hat dieser Tage das Reichskabinett sich von neuem mit der Ehrenmalsfrage beschäftigt und Beschlüsse gefaßt, die allen Wünschen gerecht werden wollen. Berka bleibt nach wie vor für das „eigentliche" Reichsehrenmal in Aussicht gsnommen, aber Berlin und der Rhein sollen darum nicht zu kurz kommen: in Berlin soll die ehemalige Hauptwache Unter den Linden zu einer Gedenkhalle um- gestaltet werden und der Rhein soll wahrscheinlich bei Ehrenbreitstein gleichfalls sein Ehrenmal bekommen, aber erst dann, wenn er ganz frei sein wird. Endgültig sind diese Entscheidungen des Reichskabinetts noch nicht und der Reichstag dürfte noch einiges mitreden; wahrscheinlich werden die Führer de Parteien gehört werden.
Deulfthes Schulrecht in Sberschlesien.
Günstige Entscheidung Calonders.
Den deutschen Eltern in dem an Polen gefallenen Teil Oberschlesiens steht das vertragsmäßige Recht zu, ihre Kinder in deutschsprachigen Minderheitsschulen unterrichten zu lasten. Dieses Recht wird ihnen seit langer Zeit von polnischer Seite planmäßig zu entziehen versucht.
>57? Der «nptmeiifu/c Präsident der Gemischten Kommission für Ostoberschlesien, der Schweizer Calonder, wurde neuerdings um eine Entscheidung in Schulsachen ersucht, die ihm zusteht. Er hat nämlich die schulpflichtigen Kinder auf ihre Sprachangehörigkeit zu prüfen. Sein Spruch ist zugunsten der Deutschen ausgefallen.
Es handelte sich um die beantragte, aber vom polnischen Woiwoden abgelehnte Errichtung einer Minderheitsschule in G i r a l t o w i tz. Im November 1925 wurden 44 Anträge auf Errichtung der deutschen Minderheitsschule eingereicht. Sechs Monate später wurden die Antragsteller vor die Woiwodschaft geladen und dort nach ihrer Muttersprache befragt. Hierbei erklärten sie meistens, daß sie Deutsch und Polnisch als ihre Muttersprache ansehen. Auf Grund dieser Feststellung der Woiwodschaft wurden nur vier Anträge für gültig, 38 für ungültig erklärt; zwei waren zurückgezogen worden. Die Ungültigkeit der 38 Anträge wurde damit begründet, daß die deutsche Sprache nicht die Muttersprache der Kinder sei. Calonder stellte in seiner jetzigen Entscheidung fest, daß dieses Verfahren der Woiwodschaftsbehörde als ein Versuch zu betrachten sei, einen Druck auf die deutsche Minderheit auszuüben, die ohnehin schon einem schweren Kampfe ausgesetzt sei. Ferner erblickt der Präsident aber auch eine Beeinflussung bezüglich der Genfer Vereinbarungen darin und bestimmt daher, daß die Minderheitsschule in Giraltowitz unverzüglich zu eröffnen sei. Calonder stellte sich auf den grundsätzlichen Standpunkt, daß bei der Anmeldung zur Minderheitsschule lediglich die persönliche Erklärung des Erziehungsberechtigten erforderlich sei.
RuMcmös Avis Armee.
M a n n s ch a ft sch e st a n d und Kostenaufwand.
Kürzlich hatte der englische Kriegsminister W o r t h - ington Evan s Erklärungen in bezug auf die Gesamtstärke und die Kosten der russischen Roten Armee abgegeben. Diese Angaben werden nun von einer maßgebenden Seite in Moskau durch eine Veröffentlichung als unrichtig bezeichnet.
In der Veröffentlichung heißt es:
„Die Angaben Worthington Evans entstellen den wahren Sachverhalt. Die Stärke der Roten Armee einschließlich des gesamten Personalbestandes der Marine und der Luftflotte beträgt 5 62 00 0 Mann. Die militärischen Ausgaben der Sowjetunion betrugen im Jahre 1924/25 420 Millionen Rubel, im Jahre 1926/27 634 Millionen Rubel. Das Militärbudget für 1926/27 betrug nur 40 Prozent von den militärischen Ausgaben der zaristischen Regierung im Jahre 1913. Dagegen sind die militärischen Ausgaben Englands von 860 Millionen Goldrubel im Jahre 1913 aus 1115 Millionen Rubel im Jahre 1926 gestiegen. In die von Evans für die englischen militärischen Ausgaben genannte Ziffer von 41 Millionen Pfund Sterling sind riesige Ausgaben für die Marine und die Luftflotte sowie manche andere militärische Ausgaben nicht mit inbegrisfen. Bei Erhöhung. des gesamten Staatsbudgets der Sowjetunion für 1924/25 um 26,5 Prozent ist das Militärbudget um 10 Prozent gestiegen. Jui Jahre 1926/27 ist das gesamte Staatsbudget der Sowjetunion um 29,7 Prozent gestiegen, während das Militärbudget um 17 Prozent gewachsen ist. Der Anteil des Militärbudgets am gesamten Staatshaushalt der Sowjetunion von 14 Prozent für 1924/25 ist für 1926/27 aus 12,7 Prozent zurückgegangen. Dagegen verausgaben die Nachbarn der Sowjetunion für militärische Zwecke ungefähr 20 bis 35 Prozent des Staatshaushalts."