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Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt /lmtlicher Anzeiger für öen Kreis hersfelS mit Sen Beilagen: Selmatschollen / Illustriertes Anker Haltungsblatt / Nach FeierabenS / Herd und Scholle / Anterbaltung und Wissen

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Belehrung n ck Kurzweil / Wirtschaftliche Tagessragen.

Nr. 285 Dienstag, ben 6. Dezember 1921 77. Jahrgang

Eiserner Kamps.

Schon wieder droht die Gefahr eines gewaltigen Kampfes im deutschen Wirtschaftsleben, eines Kampfes, der aber weit größere Kreise umfassen, viel weitere Wellen schlagen würde als der glücklicherweise ziemlich rasch be­endete Streik im Braunkohlenbergbau. Diesmal ist es die deutsche Großeisenindustrie, in der es gewaltig gärt: die Arbeitgeberschaft hat die Forderungen ihrer Arbeiter nach vollständiger Durchführung des Achtstundenarbeits- tages und nach Lohnerhöhungen mit einem Schreiben be­antwortet, das eine Stillegung der Werke der eisenschaffen­den Industrie für den 1. Januar und damit die Entlassung von rund 250 000 Arbeitern vorsieht.

Der Kampf um die Dauer der Arbeitszeit in der Eisenindustrie ist durchaus nicht neueren Datums, son­dern währt eigentlich sckon seit dem Dezember 1923. als

Dr. Jakob Wilhelm Reichert,

Geschäftsführer des Vereins Deutscher Eisen- und Slabl- lndustrieller in Berlin. Dr. Reicher: ist Mitglied ses Reichstages und gehört der DeMschnationalen Volks­partei an.

die wirtschaftliche Not' der Währungsstabilisierung zu einer Arbeitszeitverläugerung zwecks Produktionser­höhung und Kostenverminderung zwang. Davon ist aber inzwischen schon wieder vieles abgebaut worden. Die Arbeitgeber verweisen dabei auf die Zustände im Aus­land, besonders in Frankreich, Belgien und England, wo beträchtlich längere Arbeitszeiten zugelassen sind. Nun besteht bekanntlich eine Rohstahlgemeinschaft internationalen Charakters, die sich freilich nur stuf Europa beschränkt und auch hier nicht einmal alle eisenerzeugenden Länder umfaßt. Deutschland müsse also in seiner Eisenindustrie hinsichtlich ihrer Produktions­kosten, bei denen natürlich Lohn und Arbeitszeit eine große Rolle spielen, sehr darauf achten, nicht schlechter da- zustehen als die anderen Mitglieder der Rohstahlgemein­schaft und die Außenseiter. Das sei aber schon angebahnt durch die am 1. Januar fällige vollständige Durchführung des Achtstundenarbeitstages und darum will die Arbeit­geberschaft diesen Zeitpunkt weiter hinausgeschoben wissen, weil die dadurch notwendig werdende U m st e l - lung vom Zweischichten- zum Dreischich­te n s y st e m noch längst nicht durchgeführt werden konnte, vielmehr hierfür noch längere Zeit nötig fei. Ebenso wehrt man sich dagegen, daß obendrein noch beträchtliche Lohnerhöhungen erfolgen sollen. Von Arbeitgeberseite wird übrigens eine Überlegung ins Feld geführt, die man für die Volkswirtschaft als erfreulich bezeichnen muß: die Verkürzung der Arbeitszeit verlangt, da es sich fast überall um Betriebe handelt, die fortdauernd arbeiten, wo also eine Betriebsunterbrechung aus technischen Gründen nicht stattfindet, nun natürlich die Einstellung neuer Arbeiter und diese sind nicht zu haben oder doch nur in so ge­ringer Zahl, daß diese längst nicht ausreicht. Die eisen­schaffende Industrie ist nämlich erfreulicherweise so gut beschäftigt, daß dort gelernte Arbeiter, die erwerbslos wären, so gut wie gar nicht vorhanden sind. Die weitere Frage, wie für die Arbeiter, die neu eingestellt werden sollen, überhaupt Wohnungen in aller Eile bereitgestellt werden können, ist auch ein Einwand, den man ja leider nicht so ohne weiteres von der Hand Weisen kann.

Immerhin ist die Gefahr einer derart großen Werks­stillegung, wie sie angedroht ist, doch nicht ganz so drin­gend, wie die ersten Posaunenstöße hüben wie drüben es anzudeuten schienen. Jedenfalls ist man in Bankkreisen, wo man für solche Dinge einen recht gutenRiecher" hat, zu­nächst noch der Ansicht, daß schließlich doch noch durch beiderseitiges Nach geben eine Einigung erzielt werden wird. An und für sich dauern nämlich die Ver­handlungen der Arbeitgeber und -nehmer schon einige Zeit und es war Aussicht auf eine solche Einigung vor­handen. Selbstverständlich wird auch das Arbeits­mini st e r i u m e i n g r e i f e n; denn abgesehen davon, daß alles darangesetzt werden muß, die Arbeitslosigkeit von Hunderttausenden von Arbeitern zu verhindern, eine schwere Schädigung des deutschen Wirtschaftslebens bei-

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Hohe Politik in Genf.

Die litauische Frage.

Montag früh kurz nach 11 Uhr trat der Völkerbundrat unter dem Vorsitz des chinesischen Botschafters in Paris, Tscheng Loh, zunächst in einer nichtöffentlichen Sitzung zu seiner 48. Tagung zusammen. Nach der Regelung einer Reihe geschäftlicher Angelegenheiten bildete die p o l n i s ch- litauische Streitfrage, über die der litauische Ministerpräsident Woldemarars am Sonntag noch eine zweistündige Unterredung mit L i t w i n o w hatte, den Gegenstand der weiteren Aussprache. Aus nichtöffentlicher Sitzung verlautet, daß auf Chamberlains Antrag beschlossen wurde, die Behandlung des ungarisch-rumäni­schen Optantenkonfliktes zu vertagen. Der ungarische Ver­treter, Graf Apponyi, habe seine Zustimmung zur Ver­tagung erklärt. Im weiteren Verlauf der nichtöffentlichen Sitzung wurde der bisherige Direktor der Minderheiten- abteilung des Völkerbundes, der Norweger C o l b a n, zum neuen Direktor der Abrüstungsabteilung des Völker­bundes ernannt.

Der geschlossenen Sitzung folgte eine kurze öffentliche, die aber ohne wesentliche Beschlüsse beendet wurde. Dienstag findet eine zweite öffentliche Sitzung statt. Der Nachmittag wurde von den Ratsmitgliedern zu Be­sprechungen benutzt. Reichsaußenminister Dr. S t r e s e - mann sah den polnischen Außenminister Zaleski und den litauischen Ministerpräsidenten W o l d e m a r a s bei sich und unterhielt sich mit ihnen über die geplante Rege­lung des polnisch-litauischen Streites.

Russisch-britische Annäherung.

L i^M i n s w b i i . C h a N,b,e r l a im.

Den Hauptgegenstand des Interesses bildete am Mon­tag die Nachricht von der für den Nachmittag vorgesehenen Unterredung des Sowjetvertreters Litwinow mit dem englischen Außenminister Chamberlain. Die englische Delegation gab darüber folgende Mitteilung aus:Auf Ersuchen des Herrn Litwinow wird Sir Austen Chamber- lain den russischen Delegationsführer heute nachmittag empfangen." Die Überraschung über diese Ankündigung war groß, zumal man so etwas bis heute geradezu für unmöglich gehalten hatte. Außer Litwinow sind sämtliche Russen von Genf abgereist.

Wie man in Genf vermutet, möchte Chamberlain gegenüber der erstarkenden Arbeiterpartei in England den Fehler des Abbruchs mit Rußland wieder gutmachen. Rußland aber habe wirtschaftliche und allgemeine Gründe dafür, mit England wieder auf annehmbaren Boden zu treten.

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Liiwmow rmd Chamberlain.

über die Zusammenkunft zwischen dem russischen Volkskommissar Litwinow und dem englischen Staats­sekretär des Äußern, Chamberlain, wurde von englischer Seite folgendes Kommunique ausgegeben:

Nachdem Herr Litwinow Sir Austen Chamberlain um eine Besprechung gebeten hatte, fand im Hotel Beau Rivage" eine Zusammenkunft zwischen beiden Ministern statt. Die Unterredung gab Gelegenheit zu einem freimütigen Meinungsaustausch über die Be-

zeiten abzudiegen, weiß man nicht, welche noch viel größere wirtschaftliche Folgen die Stillegung der Eisenbetriebe namentlich auf die eisenverarbeitende, also vor allem die Maschinen- und Elektroindustrie, haben kann. Wir wissen ja, welch' schwere Wunden solche Riesenkämpfe beiden Seiten zu schlagen Pflegen, und so wird man es sich doch wohl noch genau überlegen, ehe man zu den letzten Mitteln greift.

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Zu der drohenden Stillegung in der Großeisen­industrie wird bekannt, daß auch zahlreiche weiter­verarbeitende Industriebetriebe des rheinisch - west­fälischen Jndustriebezirks aus freien Stücken ebenfalls Still- legungsanzeigen bei den zuständigen Regierungspräsiden­ten zum 1. Januar 1928 erstattet haben. Der Grund liegt auch hier in den großen Forderungen der Gewerkschaften. Eine Verwirklichung diefer Forderungen, so wird von diesen Betrieben behauptet, würde, den Betrieben ein wirtschaftliches Weiterarbeiten nicht mehr gestatten.

Große Hüttenkonzerne haben bereits die ausländischen Erzlieferanten auf Grund der bestehenden Vertragsbestim­mungen ersucht, die Erzverschiffungen im laufenden Monat Dezember, soweit noch jetzt möglich, tunlichst ein- zuschränken und ab 1. Januar 1928 ganz einzustellen.

Die Gewerkschaften zur Süllegemgsakiion.

Der Christliche Metallarbeiterverband hat wegen der an­gedrohten Betriebsstillegung durch die Großeisenindustrie fol­gendes Schreiben an den Reichsarbeitsminister gerichtet:Sehr geehrter Herr Minister! Das Schreiben des Herrn General­direktors Dr. Pönsgen vom 2. Dezember 1927, worin Ihnen an­gezeigt wird, daß die deutsche Großeisenindustrie zum 1. Januar 1928 ihre Betriebe stillegen wird, hat die Stellung des Christ­lichen Metallarbeiterverbandes in der nordwestlichen Gruppe

Ziehungen zwischen den Regierungen von Sowjetrutzland und Großbritannien. Indessen zeigte es sich nicht als möglich, während des Verlaufs dieser Besprechung zu irgendeiner Grundlage für eine Vereinbarung zu ge­langen."

Litwinow erklärte auf eine Frage der Journalisten kurz, daß ernichts interessantes" sagen könne.

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Der Sonntag der Besprechungen.

Nachdem im Laufe des Sonntags fast alle bedeuten­den Persönlichkeiten in Genf angelangt waren, begann sozusagen die große hochpolitische Aussprache durch gegen­seitige Besuche.

Der deutsche Reichsaußenminister Dr. Stresemann erschien um 5 Uhr bei Briand. Man besprach die Vor­kommnisse seit dem letzten Beisammensein der beiden Mi- nister im September. Auch die Tagung der Vorbereiten­den Abrüstungskommission sowie der polnisch-litauische Streitfall wurden besprochen, doch ging man nicht auf die Einzelheiten ein.

Nachdem Dr. Stresemann in das Hotel Metropol zurückgekehrt war, erschien der russische Volkskommissar Litwinow bei ihm und verweilte etwa eine Stunde. In der Aussprache wurden hauptsächlich der polnisch­litauische Streitfall und die Teilnahme der Sowjetre- gierung an den Abrüstungsarbeiten behandelt.

Weitere Unterredungen fanden statt zwischen Lit- w i n o w und Briand, dem Polen Zaleski und dem Italiener S c i a l o j a , zwischen Woldemaras und Litwinow, zwischen Zaleski und Briand.

Wie bekannt wird, ist zwischen Briand und Litwinow in der Unterredung der Gedanke von Sicherheitsverträgen zwischen der Sowjetregierung und den einzelnen West- kichen Nachbarstaaten eingeherw 'trüTterr^nnmrerr: Es sollen in der Unterhaltung besonders die Schwierigkeiten erörtert worden sein, die dem Abschluß eines Nichtangriffs­paktes zwischen Rußland und Rumänien g-genüberstehen.

PolenLiiauen.

Nach den Besprechungen über die Regelung der pol­nisch-litauischen Frage verstärkt sich der Eindruck, daß bereu Regelung, d. h. hauptsächlich die Aufhebung des für den ganzen europäischen Osten seit Jahren äußerst bedrohlichen Kriegszustandes zwischen Litauen und Polen und die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen, nur noch des formellen Abschlusses bedarf.

Wenn auch mit einem Vorbehalt Litauens in bezug auf seine Ansprüche auf das Wilnagebiet gerechnet werden muß, so wird in Genfer politischen Kreisen doch die Auffassung vertreten, daß der Aufnahme der normalen Beziehungen zwischen Polen und Litauen entscheidende Bedeutung für die Beruhigung der Ostlage zukommt, und man gibt sich der Hoffnung hin, daß die volle Wieder­herstellung der diplomatischen und wirtschaftlichen Be­ziehungen zwischen Polen und Litauen daraus resultieren wird. Die juristische Formulierung der geplanten Lösung wird die Aufgabe eines Fünferkomitees sein, in dem Eng­land, Frankreich, Italien und Japan durch ihre juristischen Berater vertreten sein werden. Deutschland, dessen Haltung in dieser Streitfrage und dessen Interesse an der Wahrung der Souveränität Litauens bekannt sind, ist bereit, in diesem Ausschuß mitzuwirken.

unberührt gelassen. Wir halten uns daher für verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, daß die Forderungen des Christlichen Metall- arbcitcrverbandes klar erkennen lassen, daß es falsch ist, wenn die Industrie behauptet, die Gewerkschaften- verlangten die Durchführung des schematischen Achtstundentages für die gesamte eisenschaffende und eisenverarbeitende Industrie, vollen Lohnausgleich usw. Unser Standpunkt zu den gesam­ten Streitfragen ist in dem Vorbereitungsausschuß klar bargelegt worden. Wir müssen Einspruch erheben gegen die Darstellung, deren sich die deutsche Großeisenindustrie in ihrer Zuschrift vom 2. Dezember bedient Die Androhung der Betriebsstillegung ist erfolgt, bevor die eigentlichen Ver- Handlungen begonnen haben und bevor die Auswirkun­gen unserer Vorschläge ausreichend geprüft worden sind. Wir bitten Sie vahn, das letztere veranlassen zu wollen"

Ltm die Besolöungsvorlage.

Erledigung noch vor Weihnachten.

Der Haushaltsausschuß des Reichstages trat nach mehrtägiger Pause wieder zusammen, um die zweite Lesung der Besoldungsvorlage vorzunehmen. Man trat zunächst in die Beratung der Frage der Ministerialzulagen ein. Angenommen wurde ein sozialdemokratischer An­trag, wonach eine Erhöhung der Ministerialzulagen über den Stand vom 1. April 1927 hinaus weder beim Jnkraft-, treten des Besoldungsgesetzes noch durch den nächsten Haushaltsplan erfolgen darf.

. Im übrigen verlautet, daß die Koalitionsparteien im Reich beschlossen haben, die Besoldungsvorlage noch vor Weihnachten zu erledigen, so daß die Besoldungsreform noch vor den Feiertagen geregelt werden dürfte. Der Plan, die Erhöhungen vorläufig nur zu 75 Prozent aus- zuzahlen, soll wieder fallen ^gelassen sein._., ,