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Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Mnzeiger für den Kreis hersfelS mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Unlechaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb unS Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
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Nr. 287
Donnerstag, den 8. Derember 1927
77. Aahrgaag
Neuer Mut.
Die Lage im Versicherungsgewerbe.
Tief in das Leben eines jeden einzelnen hinein greift die Versicherung. Wer nicht den verschiedenen Arten der staatlichen Versicherung unterliegt, ersetzt das durch Anschluß an die vielgestaltigen Zweige der Privatversiche- rung. Die Tagung des Reichsverbandes für Privatversicherungen hat so recht gezeigt, von welch ungeheurer Wichtigkeit nach den verschiedensten Seiten hin gerade dieser Teil unseres Wirtschaftslebens ist. Schwere Zeiten liegen hinter ihm. Die Inflation zerstörte die riesigen Kapitalien nicht bloß der großen Versicherungsgesellschaften, sondern zerrieb auch einen Teil der kleineren vollständig. Die Währungsstabilisierung hat den überlebenden neuen Mut gemacht und auf der Tagung konnte mit Stolz darauf hingewiesen werden, daß man vielfach über den Versicherungskreis der Vorkriegszeit schon recht weit hinaus gekommen ist. Nicht bloß zahlenmäßig etwa, sondern auch die innere F e st i g k e i t ist durch zahllose Rückversicherungsverträge — auch mit ausländischen Gesellschaften — rasch vorwärtsgeschritten. Einen Teil ihrer Kapitalien, wenn auch einen kleinen, rettete ihnen das Aufwertungsgesetz; waren es doch nicht zuletzt die großen Privatversicherungen, die die ihnen zufließenden Gelder der Versicherten in der Form langfristigen.meisthypothekarischenKre- d i t s festzulegen pflegten. Diese Gewohnheit gerade ist aber, volkswirtschaftlich gesehen, jetzt vielleicht von noch größerer Wichtigkeit als vor dem Kriege und der Reichs- wirtschastsminister Dr. Cu r t i u s hat auf der Tagung des Reichsverbandes demgemäß es auch zum Hauptpunkt seiner Ausführungen gemacht, angesichts des spärlichen Metzens der Kreditquellen in der Gegenwart es als dankbare Aufgabe der Versicherungen zu bezeichnen, hier in die Bresche zu treten, besonders deshalb, weil die Geschäftsergebnisse der Versicherungsgesellschaften wieder recht gute geworden sind. Eine innere Festigung der Privatversicherung bedeuten auch die jüngsten Entwickelungen, die zu einer Zusammenballung mehrerer großer Konzerne geführt haben, so daß jetzt die Gefahr, einem —"------kräftigen Ansturm irgendeines RatnrLreig»ttstcS.-n-rrRoLen, besonders deswegen als ausgeschlossen erscheint, weil ein solcher Riesenkonzern — und der deutsche ist jetzt der größte in ganz Europa — natürlich es viel leichter hat, in eine Verbindung mit großen ausländischen Konzernen zu treten.
Vielgestaltig ist das Leben von heute und darum nicht minder vielgestaltig auch die Form der Versicherungen. Hier aber prallt die Vielgestaltigkeit besonders heftig mit der juristischen Möglichkeit, das Eintreten eines Versicherungsfalles festzustellen, hart aufeinander. Juristisch läßt sich immer nur eine Zusammenfassung festlegen, aber bei der Versicherung kommt ja immer nur der Einzelfall in Frage. Man kennt die Versicherungsverträge mit ihren schier unzähligen Paragraphen — und doch sind die Streitigkeiten darüber sehr häufig, ob und wie im Versicherungsfalle die Pflichten der Gesellschaft zu erfüllen sind. Der beste Ruhm, den eine Versicherungsgesellschaft haben kann, ist aber der, „kulant" zu sein und — meist lohnt es sich für sie, kulant zu sein. So manche Streitigkeiten hofft man aber, wenigstens auf einem Gebiete, nämlich auf dem der Feuerversicherung, durcy eine Neufassung des Gesetzes beseitigen zu können. Das gilt nicht bloß in Kleinigkeiten, sondern hat tiefere Bedeutung; ist doch beweisbar, wie stark die Zahl der Brände abhängig ist von der — Wirtschaftskonjunktur. Ist diese günstig, so verringert sich die Zahl der Brände, um aber bei einem Konjunkturumschwung wieder anzu- steigen. Betrübend ist die andere Tatsache, daß ein Drittel aller Brandschadenfälle auf vorsätzlicher Brandstiftung beruht.
Auch die Privatversicherung erhebt laute Klagen über das Vordringen der öffentlich-rechtlichen, namentlich der Provinzial- und städtischen Versicherungsanstalten, wert über den Rahmen des ihnen zustehenden Gebietes hmaus. Auch der neueste Zweig, die Versicherung der Autobesitzer, soll der „öffentlichen Hand" übergeben werden. Das bedeutet eine Konkurrenz, die durchaus nicht immer diesen öffentlich-rechtlichen Versicherungen nutzt, sicherlich aber den privaten Gesellschaften großen Abbruch tut Das Versicherungswesen ist — und muß es fein — außerordentlich fein gegerbt und anschmiegsamer Natur, da ist Bureaukratismus also noch unangebrachter als fonstwo.
Die Genfer Tagung des Völkerbundraies.
Stresemann für Verminderung der Ratstagungen.
Mittwoch früh trat der Rat zu einer öffentlichen Sitzung zusammen. Deutschland war am Ratstisch durch Staatssekretär von Schubert vertreten, da Re-chs- minister Dr. Stresemann den Besuch des litauischen Ministerpräsidenten Woldemaras erhielt, der beretts vorher mit dem französischen Außenminister Briaud eine längere Unterredung gehabt hatte. Auf der Tagesordnung der Sitzung standen die Durchführung von im Ausland erlassenen Schiedssprüchen in Handelssachen, ferner Fragen, die mit den Entschließungen der Weltpressekonferenz vom August dieses Jahres zusammenhängen, und schließlich der Tätigkeitsbericht des Hygieneausschusses des
Loolidge verzichtet auf Wiederwahl.
Bekräftigung der früheren Erklärung.
Im Hochsommer d. I. hatte der Präsident der Vereinigten Staaten schon angedeutet, er werde bei der nächstjährigen Neuwahl für den Präsidentenstuhl nicht mehr kandidieren. Diese Andeutung wurde damals dahin ausgelegt, Coolidge werde bei genügendem Zureden doch noch einer Wiederaufstellung zustimmen. Jetzt unterstrich aber Coolidge seine damalige Kundgebung mit folgenden Worten vor dem Republikanischen Parteiausschuß, der anläßlich der Kongreßeröffnung in Washington zu- sammentrat:
„Wir nähern uns jetzt der Zeit, wo man an die Zukunft denken muß. Die Partei muß ihren Kandidaten, der mein Nachfolger werden soll, benennen. Um Zeit für ruhige Überlegung zu geben, erklärte ich am 2. August, daß ich nicht beabsichtige, für die Präsidentschaft 1928 zu kandidieren. Diese; Erklärung steht fest und kein Mensch soll glauben, daß ich sie abändere. Ebenso hoffe ich, daß meine Entscheidung geachtet wird."
Diese Erklärung Coolidges hat selbst auf seine nächsten politischen Freunde überraschend gewirkt. Man hatte bisher immer noch angenommen, er werde im letzten Augenblick doch sich einer Wiederwahl nicht entgegensetzen, das scheint nun ausgeschlossen zu sein. Die jetzt meistgenannten Kandidaten der Republikanischen Partei für die kommende Wablkamvaane sind zurzeit der San-
Wrr M Präfideiit der Bereinigten Staaten?
delssekretär Herbert H o o v e r , Vizepräsident D a w e s, der Sprecher des Repräsentantenhauses, Longworth, der frühere Gouverneur von Illinois, der Farmer L o w d e n, und endlich Senator C u r t i s.
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Für starke amerikanische Rüstung.
Bei seiner Jahresbotschaft zur Kongreßeröffnung betonte Coolidge, Amerika müsse zum Schutze seines ausgedehnten Handels und seiner weiten Gebiete an beiden Ozeanen eine starke Kriegsflotte, besonders ‘ zahlreiche Unterseeboote und eine hinreichende Luftverteidigung besitzen. Amerika habe im Einklang mit dem Grundsatz, daß ein Wettrüsten vermieden werden muß, kürzlich versucht, zu einem Drei-Mächte-Abkommen zu gelangen. Aber während Japan sehr weitgehend mitarbeitete, sei Amerika außerstande gewesen, mit Großbritannien ein Abkommen herbeizuführen. Die Genfer Konferenzergebnisse seien meistens ohne Inhalt gewesen. Durch keine Propaganda würde sich Amerika zu einer Kursänderung beeinflussen lassen. Soweit keine Vertragsbeschränkungen beständen, sei es durchaus Amerikas Sache, zu bestimmen, wie groß die Flotte der Vereinigten Staaten sein soll. Coolidge ging noch kurz auf die Eigentumsrückgabe ein und erklärte, der Kongreß habe liberale Vorkehrungen zur Rückgabe eines großen Teils des ehemals feindlichen Eigentums getroffen. Zum Schluß äußerte sich Coolidge über China, Mexiko und Nikaragua und erklärte, Ämerika wolle überall den Frieden.
Bökerbundes. Wr Angelegenheiten wurden zustttnmeno erledigr.
In einer anschließenden nichtöffentlichen Sitzung wurde der englische Antrag aus Herabsetzung der Zahl der jährlichen Ratstagungen von vier auf drei besprochen. Es entspann sich eine allgemeine Debatte, in der Chamber- lainrowre auch Der mittiermeire eriajutient ^pc.uumM^ Dr. Stresemann für Verminderung der Ratstagungen auf drei eintraten. Verschiedene andere Redner äußerten dagegen Bedenken. Die Frage wurde nicht zu Ende beraten. Für nachmittags war eine weitere öffentliche Sitzung anberaumt, die sich mit dem polnisch-litauischen Streitfall beschäftigen sollte und in welcher der litauische Ministerpräsident Woldemaras und der polnische Außenminister Z a l e s k i Erklärungen abgeben wollten.
Der poLnisch-liiauische Konflikt.
Militärische Sachverständige.
Die neuen Schwierigkeiten, die sich bei der Behandlung des polnisch-litauischen Streitfalles ergeben haben sollen, beziehen sich hauptsächlich auf die Art und Weise, wie eine gewisse Kontrolle für die Durchführung der Regelung des Streitfalles durch den Rat gewährleistet werden kann. Nach einer Darstellung wurden Schritte unternommen, um Rechtsgarantien zu erhalten für den Fall der Aufhebung des Kriegszustandes. Man denkt au die Einsetzung eines Ausschusses von militärischen Sachverständigen, welche die Verhältnisse an der polnischlitauischen Grenze zu überwachen hätten. Dieser Plan stößt aber insbesondere auf polnischer Seite aus Widerstand.
Wie ausdrücklich erklärt wird, ist in der Fünfmächte- besprechung in großen Linien eine einheitliche Auffassung zwischen den Mächten, einschließlich Deutschlands, über die weitere Behandlung des litauisch-polnischen Streitfalles festgestellt worden, und zwar ist man überein- gekommen, daß in erster Linie eine Aufhebung des Kriegszustandes zwischen Polen und Litauen herbeigeführt werden soll. Der litauische Ministerpräsident Woldemaras will eine Rechtsverwahrung in der Wilna-Frage zu Protokoll geben. Auf polnischer Seite sei man bereit, diese Rechtsverwahrung Litauens zur Kenntnis zu nehmen.
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Saardelegation in Genf.
In Genf ist die saarländische Delegation eingetroffen, die mit dem Völkerbundrat über die Ernennung eines neuen Mitgliedes der Saarregierung verhandeln soll. Man nimmt an, daß das bisherige belgische Mitglied der Saarregierung, Lambert, demnächst ausscheiden soll. Die Saardelegation wünscht auch mit der deutschen Delegation über die allgemeine Wirtschaftslage des Saargebiets, die Fragen der Elektrizitätswirtfchaft und der Kohlenausfuhr zu sprechen.
Sicher keine Einigung im EisenkonftM.
Stillegungsvorbereitungen.
In den Verhandlungen zwischen der Großeissniu- dustrie und den drei Gewerkschaften in Essen trugen die Arbeitervertreter erneut ihre bisherigen Forderungen vor, von denen sie unter keinen Umständen abgehen wollen. Eine einheitliche Forderung ist von den Gewerkschaften nicht aufgestellt worden; jede einzelne vertritt ihren Standpunkt. Daraufhin trugen die Unternehmer ihre Ansicht vor. Zu einer Einigung ist es nicht gekommen. Die Verhandlungen sind infolgedessen ergebnislos verlaufen. Nunmehr werden neue Verhandlungen vor
dem Schlichter, Oberlandesgerichtsrat Jöttem, stattsinden, der zu ihnen einladen wird.
Auf die Anzeige der Betriebsstillegungen zum 31. Dezember haben die Metallarbeiterverbände in Hamm von der Regierung in Arnsberg die Nachricht erhalten, daß die Westfälische Drahtindustrie und die Vereinigten Stahlwerke. Awla Westfälische Union, am Freitag, den 9. De- zemSer^ Sttllegungsvertzanptungen angelegt yaoen. ^it beiden Werke hatten sich dem Vorgehen der Großeisen- industrie angeschlossen. Ein Schlichtungsverfahren vor einem unparteiischen Schlichter hatte noch nicht stattge- funden.
Die sozialdemokratische Reichstags» i fraktion hat eine Interpellation eingebracht, die sich mit der Betriebsstillegungsanzeige der Eisenindustrie beschäftigt. Es heißt darin: „Die Stillegung der deutschen Großeisenindustrie sei ein von ganz unübersehbaren Folgen begleiteter Schlag gegen das gesamte deutsche Wirtschaftsleben. Was gedenkt die Reichsregierung dagegen zu tun?
Prinz Heinrich an Nord der „Berlin".
Auseinandersetzungen.
Der Kommandant des Kreuzers „Berlin" hatte den PrinzenHeinrich vonPreußen vor Eckernförde zu einem Frühstück an Bord geladen. Der Prinz folgte dieser Einladung und einige Blätter der Linksparteien übten an diesem Vorgang Kritik und behaupteten, es sei eine Parade veranstaltet worden, der Prinz habe Ansprachen an die Mannschaft gehalten usw.
An zuständiger Stelle ist davon nichts bekannt. Außerdem ist nach vorliegenden anderen Berichten der Prinz nur eine halbe Stunde an Bord gewesen, hat dort weder Befehle noch Anordnungen gegeben, sondern lediglich einige Abschiedsworte an die ausfahrende Mannschaft gerichtet. Dem Prinzen stehen nach der durch den Reichspräsidenten Ebert erlassenen Ordnung Flaggen- und Salutehren zu, da er früherer Großadmiral der deutschen Flotte ist. _____________
Schwere SiudenlenaiiSschreiiungen in Rumänien.
Sinnlose Zerstörungen in Großwardein.
Von der rumänischen Grenze kommenden Nachrichten zufolge versammelten sich aus verschiedenen Teilen Siebenbürgens sowie aus dem Gebiet des rumänischen Königreiches, besonders aus Jassy und Bukarest, mehrere tausend Studenten in Großwardein. Es kam zu Kundgebungen, die in blutige Ausschreitungen ausarteten. Die Demonstrationen richteten sich zunächst gegen die Juden, nahmen jedoch später den Charakter antimagyarischer Kundgebungen an. Die Redaktion und die Druckerei der ungarischen Zeitungen „Magyvarad" und „Estt Hirlap" sowie die ganze Einrichtung des Katholischen Vereins wurden von den Demonstranten, die sogar in Privatwohnungen eindrangen, zerstört.
Die Polizei erwies sich als ohnmächtig gegenüber den Studenten. Das Militär und die Gendarmerie gingen jedoch mit der größten Energie an die Wiederherstellung der Ordnung. Von den Unruhen kMachrichtigt, kam General Mosciu in Großwardein an undttraf persönlich Verfügungen zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Während der Unruhen wurden zahlreiche Personen schwer verletzt; ein ungarischer Schauspieler, dessen Name bisher unbekannt ist, wurde auf der Straße erstochen. Auch der Besitzer des Groß- wardeiner Parkhotels erlitt so schwere Stichwunden, daß er in lebensgefährlichem Zustand ins Spital gebracht werden mußte.
Auch aus Arad werden Kundgebungen berichtet, bei denen m e h r e r e P.e r s o n e n mißhandelt wurden. "