Reisfelder Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger Dr den Kreis tzersfel-
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Nr. 291
Dienstag, den 13. Dezember 1927
77. Jahrgang
Abklang.
Vielleicht werden die nächsten Tage über das, was in Genf nun eigentlich getrieben worden ist, größere Klarheit bringen, wird man erfahren, was nun eigentlich hinter den Kulissen vor sich gegangen ist- Man hörte in der Hauptsache immer nur von Unterredungen zwischen den Delegierten der verschiedenen Länder, las, daß mehrstündige Besprechungen stattgefunden hatten über Fragen allgemein politischen Inhalts, und weiß leider immer noch nicht, wohin das alles abzielt. Denn das äußerlich beinahe einzige Ergebnis von größerer Wichtigkeit, nämlich die sogenannte Beilegung des polnisch-litauischen Streites, ist ziemlich unbestimmt. Geändert wird eigentlich nichts. Litauen verharrt darauf, daß die Eroberung Wilnas durch die Polen rechtswidrig sei, und die Warschauer Regierung geht darüber zur Tagesordnung über. Daß der sogenannte Kriegszustand zwischen den beiden Ländern aufgehoben sein soll, weil er sich mit ihrer Eigenschaft als Mitglieder des Völkerbundes nicht vertrage, bedeutet lediglich ein Z e u g n i s für die Geschicklichkeit, mit der man in Genf daran arbeitet, Gegensätze zwar nicht auszugleichen, aber zu vertuschen. Es wird empfohlen, diesen Gegensatz zwischen Polen und Litauen durch persönliche Verhandlungen aus der Welt zu schaffen; ob es aber geschieht, ist eine weitere, aber weit wichtigere Frage. Und wichtige Fragen werden in Genf fast immer vertagt. Jedenfalls hat Woldemaras die vom Volksbundrat beschlossene Einigungsformel dahin ausgelegt, daß der Kernpunkt des Streites, also die Wilna- Frage, in keiner Weise berührt wird, sondern eben alles den — vielleicht — kommenden Verhandlungen überlassen bleibt. Woldemaras nennt die Resolution „nur den Ausdruck einer Hoffnung, deren Erfüllung von dem guten Willen der beiden Parteien abhängen wird". Auch der polnische Staatspräsident Pilsudski, der ja Woldemaras als verrückt bezeichnet hat, hat sich ein wenig zurückgeschraubt, äußerte sich aber trotzdem dahin, daß das Händeschütteln in Genf noch längst nickt ?ü:n^.Lusgleich bedeute. Jedenfalls hat sich bei dem Versuch des Völkerbundes, die Dinge auszugleichen, zunächst einmal ein eigenartiges Vorkommnis abgespielt. Die interalliierte Militärkommission, die sich an die polnisch-litauische Grenze begeben hatte und von dort aus nach Kowno, der litauischen Hauptstadt, fahren wollte, mußte nach Wilna zurückkehren, weil der Kommandant der litauischen Grenzwache sich weigerte, die Beauftragten des Völkerbundes ohne ausdrückliche Anweisung seiner Behörde in Kowno über die Grenze zu lassen, da auch polnische Offiziere die Kommission begleiteten. Nun versucht man an einer anderen Stelle nach Litauen hinein- zukommen.
Aber das alles ist zwar nicht nebensächlich, aber doch nicht das entscheidende. Viel interessanter als dieser polnisch-litauische Streit ist die Tatsache, daß der französische Außenminister eine mehrstündige U n t e r r e g u n g mit Dr. S t r e s e m a n n gehabt hat. Das war bestimmt kein „Abschiedsbesuch". Was man im Völkerbundstatut mit so großen Worten verurteilte, die Geheimdiplomatie nämlich, lebt stärker denn je. Genf ist diesmal noch augenfälliger die Stätte gewesen, wo sich die Leiter der Außenpolitik Englands, Deutschlands, Frankreichs und Italiens trafen. Mussolini war allerdings nicht anwesend, aber es ist ein offenes Geheimnis, daß Briand mit dem Vertreter Mussolinis über die französisch-italienische Spannung eingehend konferiert hat, und man wird wohl demnächst von einer Zusammenkunft zwischen Briand und Mussolini hören. Aber man wird diese Entwicklung doch vielleicht begrüßen können. Persönliche Aussprachen, wie sie auch jetzt wieder in Genf stattgefunden haben, bedeuten doch einen großen Vorzug vor feierlichen amtlichen Noten, sind geeignet, Gegensätze leichter aus der Welt zu schaffen, die höchstens noch wachsen, wenn sie auf schriftlichem Wege behandelt werden. Und in dieser Entwicklung bedeutet die letzte Tagung in Genf einen Schritt nach vorwärts.
Sie Lage der preußischen Landwirtschast.
Verschlechterung im November.
Die Anhäufung der Steuerzahlungstermine und die fällig gewordenen Kreditrückzahlungen haben die Landwirtschaft zum Teil zur vorzeitigen Absroßung der Ernte gezwungen. Vielfach sind die Betriebe auch mit den Zahlungen tm Rückstände geblieben. — Soweit die Feldarbeiten noch im Rückstände waren, sind sie gegen Mitte des Monats durch den einsetzenden Frost unterbrochen worden. Stellenweise sind Zuckerrüben und Wrucken in erheblichem Umfange eingefroren. Die Wintersaaten stehen im allgemeinen befriedigend, haben aber vielfach unter Mäuse- und Schneckensraß gelitten. Die Haltbarkeit der Kartoffeln läßt zu wünschen übrig. Der Stand der Grünland- flächen ist gut, nur machen sich Absatzschwierigkeiten für das geerntete Heu bemerkbar.
Für gutes Pferdemaierial werden annehmbare Preise geboten. In der Rindviehzucht nimmt das Interesse der kleinen Landwirte an der Leistungskontrolle dauernd zu Der Gedanke der genossenschaftlichen Milchverwertung macht ebenfalls erfreuliche Fortschritte. Die Schweinezucht ist bet den heutigen Preisen mit Verlusten verbunden, dagegen sind die Preise für Zucht- und Schlachtschafe bei großer Nachfrage fest und angemessen. Der Geflügelzucht und Eierverwertung wird weiter großes Interesse entgegengebracht.
Landwirtschaftliche Nebengewerbe sind in vollem Betrieb. Die Brennereien verarbeiten außer Kartoffeln auch Mais. Die Zuckerausbeute befriedigt nickt.
Schlußsitzung in Genf
SagmatoSMerWraleiiW^
Die Frage der Danziger Westerplatte.
Mit der Montagssitzung wurde die diesmalige Tagung des Völkerbundrates abgeschlossen. Die deutsche Delegation hat gegen Abend Genf verlassen. Marschall Pilsudski reist von Genf über Wien nach Warschau zurück. Die Reise wird in Wien kurz unterbrochen. Der Aufenthalt in Wien hat keinerlei amtlichen Charakter.
Die wichtigsten Punkte der Tagesordnung der Schlußsitzung des Völkerbundrats betrafen den Fall des Kreuzers „Salamis" und die Frage der Souveränität Danzigs über die Westerplatte. Zum ersten Punkt lag ein Gutachten von Juristen sämtlicher Rgtsmächte vor. Auf Vorschlag des Berichterstatters beschloß der Rat, den Generalsekretär mit der Absendung eines Briefes an den Präsidenten des Gemischten griechisch-deutschen Schiedsgerichts zur Regelung der Sache zu beauftragen. Der griechische Delegierte, Politis, stimmte namens seiner Regierung dem Gutachten und dem Ratsbeschluß selbst bei. Reichsminister Dr. Stresemann verzichtete auf eine besondere Er-, klärung.
Danzigs Souveränität.
In bezug auf die Frage der Souveränität Danzigs über die Westerplatte wurde aus Antrag des chilenischen Berichterstatters Villegas beschlossen, die Regierungen der Freien Stadt Danzig und Polens aufzufordern, in un-
Der Arbeitsminister
„M öen MchißuMeniag^-
Aber gewisse Ausnahmen sind zulässig.
In seiner Antwort auf das Schreiben der Eisenindustriellen wird Reichsarbeitsminister Brauns den Wünschen der Arbeitgeber nicht entsprechen, vielmehr daraus Hinweisen, daß er am Inkrafttreten der Verordnung an dem von Anfang an in Aussicht genommenen Termin, 1. Januar 1928, unbedingtfest- halten wird. Für die sogenannten notleidenden Betriebe könne er allerdings eine Ausnahme zulassen, indem ihnen auf Grund des Härteparagraphen Erleichterungen gewährt werden können. Diese Erleichterungen bestehen darin, daß für solche notleidenden Betriebe die Inkraftsetzung der Verordnung um einige Wochen oder Monate verschoben wird. Die Entscheidung über die „Schonfrist" soll von den Gewerbeaufsichtsbeamten getroffen werden. Wo eine solche Schonfrist nicht als notwendig erachtet wird, muß am 1. Januar der Achtstundentag in Wirksamkeit treten. Ferner wird der Reichsarbeitsminister auch noch darauf Hinweisen, daß auf Grund dieser Regelung die größten Schwierigkeiten in der Eisenindustrie behoben werden können und daß deshalb seiner Ansicht nach kein Grund für die von ihr geplanten Stillegungen gegeben sei.
Die in Hamm abgehaltene Tagung des Arbeiterbetrats der westfälischen Zentrum spartet beschäftigte sich mit der durch die Stillegungsanträge der Großeisenindustrie geschaffe- uen Lage. Sämtliche Referenten wandten sich in scharfen Ausführungen gegen das Vorgehen der Grotzeisen - industrie. Die Versammlung nahm einstimmig folgende Entschließung an: „Der Arbeiterbeirat der westfälischen Zen- trumspartei fordert von der Reichstagsfraktion der Zentrums- partei entschiedenes Eintreten für die vollständige Durchführung der Verordnung über die Arbeitszeit vom 16. Juli 1927 ab 1. Januar 1928."
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Lniernaüonaie ArHeitsvrgamsaiion.
Albert Thomas redet in Düsseldorf.
Der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes in Genf, Albert Thomas, sprach im Rahmen der allgemeinen Kulturveranstaltungen der Stadt Düsseldorf über internationale Sozialpolitik und Völkerversöhnung.
Thomas sprach von den Schwierigkeiten, die durch den Wettbewerb der sozial rückständigen Länder sich ergäben. Auch über den A ch t st u n d e n t a g fei es schwierig, eine Verständigung herbeizuführen. Frankreich mache die Ratifizierung davon abhängig, daß vorher Deutschland und Großbritannien die Verträge ratifizierten, und wenn er in den letzten Tagen erklärt habe, daß die Frage des Achtstundentages in Deutschland besser stände, so wisse er nicht, was er demnächst in England über den Achtstundentag in Deutschland sagen könne angesichts des schweren Konflikts in der deutschen Eisen- und Metallindustrie. Es sei nicht Aufgabe des Internationalen Arbeitsamtes, sich in die inneren Angelegenheiten der einzelnen Länder zu mischen, aber es sei notwendig zu betonen, daß auf dem Gebiet der internationalen Abmachungen etwas schneller gearbeitet werden müsse. Als Direktor des Internationalen Arbeitsamtes habe er die Pflicht, den Geist der Völkerversöh-— n u n g, dessen Hauptgrundlage die soziale Gerechtigkeit sei, zu fördern.
Zum Schluß betonte Thomas, daß er mit voller Hoffnung und vollem Vertrauen für den von allen Völkern gewünschten Frieden und für die Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland arbeiten wolle. Stresemann habe in den letzten Tagen bei einer Zusammenkunft erklärt, daß die beste Sozialpolitik die beste Außenpolitik sei. In diesem Sinne wolle auch er für die soziale Gerechtigkeit in allen Ländern arbeiten.
mittelbare Verhandlungen über die praktische Regelung der mit der polnischen Ingebrauchnahme der Westerplatte zusammenhängenden Fragen einzutreten. Der Rat empfiehlt beiden Parteien, sich bei diesen Verhandlungen von dem gesamten Inhalt des Schriftmaterials einschließlich der Erwägungen des dazu vorliegenden R e ch t s g u t - achtens leiten zu lassen.
Die Verhandlungen sollen unter Vorsitz des Völkerbundkommissars für Danzig und unter Zuziehung technischer Sachverständiger in Danzig stattfinden. Wenn diese Verhandlungen nicht vor der nächsten Ratstagung zu einem Ergebnis führen sollten, so wird der Berichterstatter dem Rat Vorschläge für die endgültige Regelung der Angelegenheit unterbreiten.
Senatspräsident Sahm und der polnische Delegierte Strasburger stimmten dem Bericht zu. Der Danziger Vertreter sprach dabei unter Hinweis auf seine bei den vorausgegangenen Verhandlungen bereits gegebene Zustim- mung zu dem Inhalt des Berichts die Hoffnung aus, daß die direkten Verhandlungen zwischen Danzig und Polen recht bald zu einer Vereinbarung führen, die für die Sicherheit von Leben und Eigentum der Bewohner von Danzig die unter den gegebenen Umständen zu erreichende Gewähr bietet.
Zum Schluß nahm der Rat noch Kenntnis von einer in den letzten Tagen zwischen der griechischen und der bulgarischen Regierung erzielten Verständigung über das griechisch-bulgarische Flüchtlingswesen, worauf die 48. Tagung des Völkerbundrates vom Präsidenten Cheng Lu für geschlossen erklärt wurde.
Das Zentrum eine Versaffungspartei.
Weder m onarchisch noch republikanisch.
Auf einer Presseragung des Zentrums in Gemeinschaft mit der Bayerischen Volkspartei, die im Landtagsgebäude zu Berlin statifand, gab Reichskanzler Dr. Marx eine Übersicht über Di° polinsche Lage.
Der Kanzler führte u. a. aus, daß vor Juli oder August nächsten Jahres normaler- und zweckmäßigerweise ein Ende der Arbeiten des Reichstages nicht gegeben sein dürfte. Ob es aber dahin kommt, stehe in erster Linie beim Reichstag selbst. Was die Stellung be^ Zentrums anbelangt, so betonte der Kanzler, daß das Zentrum von jeher eine Verfassungspartei gewesen sei. Es sei weder eine monarchische noch wolle es eine republikanische Partei sein; nur weil das Zentrum eine Verfassungspartei sei, habe es auch die Verfassung von Weimar anerkennen und gutheißen können, weil sie ordnungsgemäß zustande gekommen und moralisch und staatsrechtlich unbedingt verbindlich sei. Deshalb müsse die Verfassung vom Zentrum anerkannt und befolgt werden. Das Zentrum sei aber auch eine Partei des wirtschaftlichen, finanziellen und bürgerlichen Ausgleichs. Der Reichskanzler kam dann auch auf die Schwierigkeiten wegen der Besoldungsvorlage zu sprechen und betonte, daß das Staatswesen ohne ein unabhängiges Beamtentum nicht aufrechtzuerhalten sei.
Unter den Zuhörern befanden sich unter anderen auch Reichsfinanzminister Dr. Köhler und der preußische Landwirtschaftsminister Steiger. Abgeordneter Des - sauer sprach über die Wirtschaftspolitik des Zentrums unter Berücksichtigung der grundsätzlichen Scheidung gegenüber Liberalismus und Sozialismus. An das Referat schloß sich eine ausgiebige Aussprache an.
Wirren in Kanton.
Kämpfe innerhalb der Stadt.
General Tschangfatsui, der Kantoner Diktator, hatte die Entwaffnung und die Entlassung derjenigen Rekruten angeordnet, die unter dem Verdacht stehen, Anhänger des ehemaligen Diktators Kantons, General Litschaisun, zu sein. Darauf entspann sich ein Kampf im östlichen Vor- ort Kantons und der Verband der Seeleute befahl den Ausstand. Dies führte zu der Unterbrechung des See- und des Eisenbahnverkehrs sowie der telegraphischen Verbindungen. Eine Kundgebung meldet, daß die vereinigten Kräfte der Arbeiterparteiler und die Bauern die Macht ergriffen haben. Eine kommunistische, 500 Mann starke Truppe soll sich aller Regierungsgebäude, insbesondere des Hauptquartiers des Kuomintangs, bemächtigt haben.
Nach weiteren zuverlässigen Nachrichten haben 20 000 dortige Kommunisten die Abwesenheit der Truppen, die gegen eindringende Kuangsikräfte entsandt worden waren, zu einem Aufstand benutzt, die Polizei entwaffnet, die Macht ergriffen und ohne Wahl gesengt und geplündert. Es wimmelt in den Straßen von bewaffneten, mit roten Armbinden angetanen Bauern und Arbeitern.
Bau eines neuen Panzerschiffes.
Berlin. Der Haushalt der Marine für 1928 steht bei den Schiffsbauten und Armierungen neben den Folgcraten für bereits genehmigte Neubauten 9,3 Millionen Mark als erste Teilbeträge für den Bau eines Panzerschiffes und dessen Ar- Mierung vor.