HersfelöerTageblaü
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher MnZeiger für den kreis Hersfelö mit öe« Beilagen: Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb und Gcholle / Anterbaltung and Mitten Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tavesfragen.
pngtigtnptris: die tfafoettlgt pttttgtfle 15 Pfennig, ölt Krklamezetle 50 Pfennig. (GrunSschrlst Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preisnachlaß gewährt. ♦ M die Schristleitung vrrant- »vrtllch! Zranz Zank in HersstlS. ♦ Zernsprecher Nr. S
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Nr. 22 (Erstes Matt) Sonnabend, den 26. Januar 1929 79. Jahrgang
Kranke Seit
Betrugsgeschichten. — Beschämende Machenschaften. Verbrecherbekämpfung. — Juristischer Anschauungsunterricht.
Bald wird man sich in Deutschland wie anderwärts zu der Frage genötigt sehen, ob denn auf ehrliche Weise gar kein Brot mehr zu verdienen sei in der Welt von heute. Als Lesseps vor rund vierzig Jahren seinen Riesenbetrug mit den Panamakanalaktien anzettelte, war das eine Affäre, die für Jahre hinaus die Öffentlichkeit Europas in Atem hielt. Heute jagen sich förmlich die Betrugs- geschichten ähnlichen Kalibers in allen Ländern, so daß selbst aufmerksame Zeitungsleser nachgerade die Orientierung in diesen Dingen zu verlieren beginnen.
In Frankreich ist über den Börsenschwindel der Frau Hanau und ihrer „Gazette du Franc" noch lange nicht eine Spur von Gras gewachsen und schon hören wir von einem neuen Hundertmillionenbetrug mit angeblichen Zuckerlieferungen aus Deutschland , auf den diesmal der reparationswütige französisch« Fiskus hereingefallen zu sein scheint. In Berlin wiederum ist ein seit Jahrzehnten bestehendes Bankgeschäft über Nacht mit mehreren Millionen gefälschter Wechsel bankrott gegangen, und bald werden unsere Gericht« wieder mit den großen Kredit- und Anleihebetrügereien befaßt werden, deren sich namhafte Geschäfts- und Finanzleute schuldig gemacht haben sollen, darunter Männer, denen man ihrer Herkunft und ihrer ganzen Existenz nadj wirklich alles andere eher als so klägliche und so jämmerlich beschämende Machenschaften zugetraut i ätte.
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Herr Poincarö sieht sich genötigt, ein ganzes Aktionsprogramm zur Sanierung des öffentlichen Lebens i« Frankreich auszuarbeiten, weil er die ganze öffentlich« Moral durch das Treiben dieser zum Teil mit Ehrenämtern und Vertrauensposten bekleideten Elemente ge. fährdet glaubt. Es gibt Leute, die auch in Deutschland mit Feuer und Schwert gegen die schändlichen Gaunereien dreinsahren möchten, weil sie befürchten, daß sonst bet Fäulnisherd bald überhaupt nicht mehr auszutilgen sein möchte. Die Tatsachen, die jetzt der P^z^ß um die Zu- . Ä u ch u, aus v o n S o n n end u r g zu aller
H Entsetzen vor den Augen und Ohren der Mitwelt aus- breitet, muß man Wohl auch bei größter Neigung zu Nachsicht und Milde als haarsträubend bezeichnen. Man ifi versucht, von dem Bock zu sprechen, der hier wieder einmal zum Gärtner gemacht wurde. Mit jedem Tage sprieß! das nationale wie das internationale Verbrechertum üppiger in die Höhe, und der Polizei wird das Leben ordentlich sauer gemacht. Es möchte sich am liebsten als ein Staat im Staate auftun und mit den gesetzlichen Ge- walten wie von Macht zu Macht verhandeln. Ehe eS so weit kommt, wird man es aber doch wohl vorziehen die Zügel der Verbrechensbekämpfung wieder etwaä straffer anzuziehen.
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Ob dies freilich im Sinne der Dichter und Denker unserer Tage sein würde? Auch sie beginnen sich mit den Fragen des Verbrechertums, des angehender und des ausgewachsenen, mehr und mehr zu beschäftigen und wer die Theaterprogramme vieler Theater daraufhin untersucht, wird feststellen können, daß di« Stücke sich häufen, die sich mit den kranken Gliedern unseres Volkes beschäftigen und die damit zusammen- hängenden menschlichen, sozialen und auch künstlerischer Probleme dem Verständnis der breiten Masse näherzu- bringen suchen. Man hat sogar in diesen Tagen ein Theaterstück, das schon in seinem Titel verrät, in welches Milieu es sein Publikum zu führen gedenkt, in einer Sondervorstellung einem ausschließlich aus Iuriste« bestehenden Publikum vorgeführt, um ihm das Gewisien zu schärfen für die schwierigen und gewiß auch nur bis zu einem bestimmten Grade überhaupt lösbaren Aufgaben, die den Männern in der Robe durch die Notwendigkeit gestellt werden, sich über die Gesetzesbrecher auf der Anklagebank ein möglichst in jedem Fall zu- treffendes Urteil zu bilden. Das war ein Anschauungs- unterricht, der vielleicht irgendwelche guten Früchte tragen wird. Nur mit der Tendenz, das moderne Verbrechertum vor den Augen des Volkes auch noch zu verherrlichen, sollte man die Theaterbesucher doch lieber unter allen Umständen verschonen; man liefe sonst Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten, das heißt, eine sich immer ärger ausbreitende Krankheit unserer Zeit sozusagen für den Normalfall zu halten. __________ Dr. Sy.
Preußenkasse und Reichslan-Hun-. |
Eine Verständigung.
Von der Preußischen Zentralgenossenschaftskasse und dem Reichslandbund und seinen genossenschaftlichen Unternehmungen wird folgendes mitgeteilt:
Die zwischen der Preußenkasse und dem Reichslandbund und seinen genossenschaftlichen Unternehmungen seit längerer Zeit geführten Verhandlungen haben zu einer Gesamtverständignng geführt. Es ist damit die finanzielle Voraussetzung für die beiderseits erstrebte Vereinheitlichung des gesamten ländlichen Genossenschaftswesens insoweit geschaffen und die ruhige Abwicklung der Geschäfte der genossenschaftlichen Unternehmungen des Reichslandbundes gewährleistet. Die Vereinbarungen werden der Aufsichtsbehörde der Preußenkasse und den zuständigen Organen des Reichslandbundes und seiner gen-sienschaft« lichen Unternehmungen unverzüglich unterbreite« werden.
Rufbau und Raubbau
Sie HaupttandwirtschMammer zur Agrarkrisis.
Was dringend not tut.
Im Rahmen der landwirtschaftlichen Veranstaltungen in Berlin, die der kommenden Woche das Gepräge geben werden, hielt die preußische Hauptlandwirtschaftskammer, die Spitzenorganisation der Landwirtschaftskammern im Reich, ihre elfte Hauptversammlung ab.
Die Tagung wurde durch den Präsidenten Dr. Dr. h. e. Brandes mit einer Rede eröffnet, in der er davon ausging, daß die Landwirtschaft trotz Erhöhung der Leistungen und der Verbesserungen der Qualität der erzeugten Produkte immer tiefer und in verstärktem Tempo
dem drohenden Zusammenbruch entgegengehe.
Keine Provinz, keine Betriebsart und Betriebsgröße sei von der Krise verschont geblieben. Der Grad der Notlage richte sich nach den verschiedenen klimatischen, Absatz- und Verkehrsverhältnissen. Die Lebenshaltung insbesondere der bäuerlichen Bevölkerung sei auf ein geradezu erschütterndes Niveau gesunken und der Stundenlohn des Bauern liege weit unter dem des Land- und Industriearbeiters. Trotz dieses Raubbaues an Kraft und Nerven der landwirtschaftlichen Bevölkerung, trotz aller Einschränkungen sei die Verschuldung weiter auf 1354 Milliarden Mark gestiegen. Die Gründe der Unrentabilität seien in zu hohen Lasten und in zu niedrigen Produktenpreisen im Vergleich zu anderen Waren zu suchen. Die Steuern seien um das Vielfache, die sozialen Lasten um das Dreifache, die Zinsenlast von 600 Millionen in der Vorkriegszeit auf über eine Milliarde heute gestiegen. Unerträgliche Schul- und Wegelasten kämen hinzu. Die Produk - tenpreise seien der Geldentwertung nicht gefolgt; sie müßten durchschnittlich gegen die Vorkriegszeit um 50 Prozent höher liegen. Zur Abwendung des drohenden Unheils forderte der Präsident die Aufstellung eines grundlegenden Rentabilitätsprogrammes. Das Rentabltitätspro- gramm selbst niüffcj^ b-äm ^c^ feim ow planlose, weit über den Bedarf hinausgehcude Einsuhr von Vieh, Fleisch und Getreide in einer dem inländischen Bedarf angepaßten Weise und auf einer Pretsbasis zu regeln, die für den Landwirt lohnende und für den Konsumenten tragbare Preise gewährleistet. Der Präsident hält es für durchaus möglich, daß dies ohne übermäßige Belastung des Staates und des Konsumenten möglich sein wird.
Darauf sprach Oberpräsident a. D. Exzellenz v. B a t o ck i über
„Hemmungen im Meliorationswesen".
Er führte u. a. folgendes aus: Der Teil des NahrungS- bedarfes des deutschen Volkes, der heute mit dem vom Auslande geliehenen Gelde eingeführt wird, muß zur Verhütung schwerer Gefahren für die Verbraucherschaft möglichst bald und möglichst vollständig aus eigenem erzeugt werden. Eines der wichtigsten Mittel hierzu ist die Landeskultur, die Hebung der Kraft des deutschen Bodens. Planmäßige Melioration kann der Bauer und in der Regel auch der Großbetrieb nur im Genossenschaftswege mit Staatshilfe und langfristigen, zinsverbilligten Krediten der öffentlichen Hand durch- sührcn. Es ist zu fördern, daß baldmöglichst eine auf Selbstverwaltung begründete, in enger Fühlung mit den Meliorationsgenossenschaften arbeitende Organisation mit der Son- hernitfrmfi? der ^Tnfnoümp wh <N-iNeitn^a von Meliorati-
Giresemann über Lugano.
Die deutsch-französischen Fragen.
Der Auswärtige Ausschutz des Reichstags trat Freitag in Berlin unter Vorsitz des Abgeordneten Scheidemann zusammen. Reichsaußenminister Dr. Stresemann erstattete einen ausführlichen Bericht über die politischen Hauptfragen, die auf der Tagung des Völkerbundrates in Lugano behandelt worden sind. An den Bericht schloß sich eine längere Aussprache.
In Paris hatte der deutsche Botschafter v. H o e s ch eine längere Aussprache mit dem französischen Außenminister B r i a n d. Der Botschafter nahm dabei Gelegenheit, Briand über die Eindrücke bei seiner letzten mehrtägigen Anwesenheit in Berlin zu unterrichten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs kam eine Reihe die deutsch- französischen Beziehungen betreffenden Fragen zur Erörterung.
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Die Ksaliiionsfrage.
Der Reichskanzler nahm in Berlin bei Gelegenheit der Reichstagseröffnung die Besprechungen mit den Parteiführern über die nächsten innenpolitischen Aufgaben auf. Das Ziel ist, eine Verständigung der in der Regierung vertretenen Parteien über dieDeckungdesDefizits im Reichshaushalt herbeizuführen. Ob die Verhandlungen mit den Parteien auf die Etats- und Steuerfragen beschränkt bleiben, ob sie politisch eine Erweiterung erfahren und auch auf die Frage der Koalitionsbildung ausgedehnt werden, läßt sich noch nicht genau sagen.
Jedenfalls ist die augenblickliche Situation nicht leicht zu überschatten. Außerdem wird im Vorwärts deutlich Darauf hingewiesen, daß nicht allein die Deckungs - fragen, sondern auch die Forderungen der Parteien .n bezug auf die M i n i st e r s i tz e eine schwere Klippe bei Den Versuchen zur Schaffung einer dauernden Koalition bilden und unter Umständen zu einer Krisis führen könnten.
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onskrediten geschaffen wird. Für die Zuführung der Mittel kommen in erster Linie die Träger der Sozialversicherung mit ihrer erheblichen Kapitalansammlung in Frage. Bet der heutigen Notlage der Landwirtschaft ist neben der Bereitstellung ausreichender langfristiger Kredite die Bereitstellung genügender Mittel durch Reich und Länder zur Zinsverbt lligung und zur Zuschußgewährung an besonder- leistungsschwache Genossenschaften erforderlich.
Als nächster Redner sprach Direktor Jany-Berlin über
„Nöte des Kartoffelmarktes".
Er führte u. a. aus: Die große Kartoffelernte deS Jahre 1528 hat erneut zu Absatznöten Veranlassung gegeben. Sie durch Begünstigung der Einfuhr ausländischer Kartoffeln noch zu vermehren, geht nicht an. Die Gefahren, die in dieser Hinsicht durch den Abschluß eines Handelsvertrages mit Polen drohen, müssen in vollem Umfange erkannt und der Öffentlichkeit unterbreitet werden. Jede Umstellung auf landfremde Erzeugnisse — auch billiger zu erwerbende (polnische!) Kartoffeln — birgt die Gefahr in sich, daß alle zum Schutze deS Kartoffelabsatzes ergriffenen Maßnahmen der Selbst- und StaatS- Hilfe völlig entwertet werden.
Schließlich sprachen noch in zwei Verträgen Dr. Mariens, Königsberg, und Okonomierat K e t s e r, Berlin, über Probleme der Tierversicherung, insbesondere den Ausbau der Tierversicherungsverbände.
Durchführung des landwirlschastlichea Rotprogramms.
Aufklärungen durch den Reichsernährungsminifier.
Im Reichstagsausschuß für die Durchführung deS landwirtschaftlichen Notprogramms gab Reichsernährungsminister Dietrich einen Überblick. Über die 10,5 Millionen Mark zur Förderung des Absatzes für Milch und Molkereierzeugnisse sei im großen und ganzen bereits verfügt. Bei der Regelung des AbsaKA HM>Me eS sich in erster Linie um eine Zusammenfassung der bestehende« Verbände. In fünf großen Wirtschaftsgebieten sei der
Versuch der Zentralisierung
gemacht worden, und zwar in Nordostdeutschland «i»- schließlich Mecklenburgs, Ostpreußens, Brandenburgs und Schlesiens, in Schleswig-Holstein, in Westfalen, im Rheinland, in Oldenburg und Ostfriesland, im bayerischen und Württembergischen Algäu, in Baden, Hessen, in der Pfalz und im südwestlichen Preußen. Die Verhandlungen versprächen Erfolg. Von den für die Gewährung von Zuschüssen zur Erbauung von Lagerräumen usw. zur Ve»- fügung gestellten Mitteln in Höhe von einer Million seien bis jetzt 900 000 Mark zugesagt und rund 142 009 Wlarf überwiesen worden. Für die
Beschaffung von Betriebsmitteln
seien niedrig verzinsliche Darlehen von 254 Millionen Mark zugesagt worden. Für Geschästsaufwandszweck« lägen Zuschüsse in Höhe von 790 000 Mark vor. Die ZinS- Verbilligung für Molkereikredite sei im wesentlichen durchgeführt. Die für den Obst- und Gemüsebau ausgeworfene» acht Millionen seien größtenteils ihren Zwecken nutzbar gemacht worden.
Pomcare in Bedrängnis.
Das Elsaß vor der Pariser Kammer ... ®ie französische Politik in Elsaß-Lothringen, die zu OTfa^nefOhr^^^^^ Uinb{ lur Autonomistenbewegung iw Elsaß geführt hat, wurde infolge zahlreicher Ankraaen ein« ^?rizösischen Kammer unterzogen.
Der sozialistische Elsasser G r u m b a ch kritisierte schart passes durch Millerand, der mit seine» ^deen die lmElsaß vorhanden gewesenen Keime zum Auto- N^rN^^e" habe Grumbach schließt mit einer Jteilje von Vorschlagen zur Beseitigung der elsässische» Mißstimmung, aus denen besonders 1 11
^lsaß durchzuführeu, Niemals werde bai
ien.
die Sprachen- und die Schulfrage hervorzuheben sind. Er fordert auch die Zweisprachigkeit der £*. Der elsässische Abgeordnete Walter führte auS, das Elsaß wolle unter keinen Umständen auf seine Sonderart efXfm^ ^^ den Versuchen der Regierung, die «er- hVn h«^ tmX Verwaltung auch im Elsaß durchzuführeu, den härtesten Widerstand entgegensetz^ ~' 7 -
Zlsa» auf seine Muttersprache verzichten. Der' Prozeß von Ko nwr se eine große Schande gewesen, namentlich mit Bezug nJ <er Frankreich große Dienste erwiesen habe. Der Redner veRangte die Zurückziehung aller Maßnahmen, 9JmneCfHp\HrtHn^ ergriffen worden seien, und eine Amnestie zugunsten der Verurteilten von Kolmar, die Freiheit der Presse und die Abberufung der Spitzel *
Ministerpräsident Poincarö
der Kammer einige Aufklärungen die Person Ricklins geben. Poincarö verlas zu diesem „deutschen Zeitungsbericht über eine Tagung bei Landtages im Jahre 1917, bei der Ricklin ali Vorsitzender den Willen des gesamten Elsasses ausgesprochen hsi"e, in friedlicher Arbeit bei Deutschland zu bleiben. Er chusst.sich dagegen wenden daß man ihn und seine Mitpolitiker im Elsaß ungescheut als Antreiber des Weltkrieges bezeichne.
Stegerwald Fraktionsvorsitzender des ZentrumS.
Berlin. In der Sitzung der Reichstagsfraktion deS Zen- trunls wurde der Abgeordnete Adam Stegerwald zum Frak- tionsvorsitzenden gewählt.