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Vachla- gewährt ♦ SOr 61t Schriftleitung verantwortlich : Kranz Klink in Hersfelö. ♦ Kernsprecher Nr. 8
S] Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS mit Vea Beilage: Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Aeierabend / Herd naß Scholle / ______________________________Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Toaesfraoen.
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Nr. 31
Mittwoch, den 6. Februar 1929
T9. Jahrgang
Madrid in Anruhe
Sie spanischen LimsturzgeWe.
Primo de Rivera wankt.
Unverdächtige neutrale Berichte sagen, entgegen den amtlichen Beschönigungsversuchen, daß der letzte Umsturzversuch durchaus nicht beigelegt sei und daß das Feuer weiterschwele, wenn es auch oberflächlich zugedeckt worden sei. Der Sieg der Regierung sei vollständig, aber es sei nur ein Polizeisieg. Das politische Problem bleibe unverändert. Es sei beunruhigend, daß in den verschiedenen Klassen ein Geist der Rebellion herrsche. Dieser sei so stark, daß die Unzufriedenen bereit seien, ihr Leben aufzuopfern. Nie seit 1923 sei die Lage so ernst gewesen. Die Diktatur habe aufgehört, die aufrichtige Unterstützung der großen Mehrheit der Öffentlichkeit zu besitzen.
Zwar soll der neue militärische Gewalthaber, der von Primo de Rivera nach Valencia entsandt wurde, der General Sanjurjo, den als Haupt der Verschwörung angesehenen früheren Ministerpräsidenten Sanchez Guerra auf ein Kriegsschiff haben bringen lassen, um ihn in die Verbannung zu schicken; aber es glaubt niemand daran, daß damit der Geist der Unruhe besänftigt ist, vor dem man am Sitz der Madrider Regierung zittert.
überaus ernste Lage.
Nach Paris wird gemeldet, die Gesamtlage sei überaus ernst. Selbst in den regierungstreuen Kreisen begegne man der Auffassung, daß es für Primo de Rivera hohe Zeit sei, sich zurückzuziehen, wenn er nicht ein schlimmes Ende nehmen wolle. Das Zentrum der Opposition gegen Primo de Rivera sei nach wie vor die Artillerie, der sich neuerdings die Zivilgarde angeschlossen habe. Der Aufstand ist gescheitert, sagte ein aus Spanien kommender Reisender, andere werden ihm folgen und mehr Erfolg haben, denn Primo de Rivera ist beim Volk ebenso unbeliebt wie bei der Armee, und das will viel heißen.
Balenria.
Diesmal schien die Sache für Spaniens Diktator, Primo de Rivera, denn doch ernsthafter auszu- sehen als bei den früheren Versuchen einzelner Teile der spanischen Armee, das Regiment des Diktators zu stürzen, überraschend schnell gelang es ihm, wenigstens den ersten Akt, den Aufstand einer Artillerieabteilung in Ciudad Real, zu erledigen und gleichzeitig einen alten Gegner festzusetzen, der wohl als eigentlicher Leiter der Verschwörung zu betrachten ist, den früheren konservativen Ministerpräsidenten Sanchez Guerra. Der zweite Akt spielte dann in Valencia, das nicht bloß die Geburtsstätte des weltumspannenden Schlagers, sondern nebenbei auch noch eine arbeitsame Stadt mit großer und aus alter Tradition politisch recht unruhiger Bevölkerung ist. Man muß — selbst aus den streng zensurierten Meldungen, die aus Spanien herausgelassen werden — doch wohl annehmen, daß sich diesmal auch radikale Teile der Zivilbevölkerung an der Aufstandsbewegung beteiligten, hört von der Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten, die aber — den gleichen Meldungen zufolge — von den regierungstreuen Gewalten schon wieder hinweggefegt fein sollen, vernimmt von scharfem Vorgehen der Regre- runa ernen Presse-, Vereins- und Versammlungsrecht
Die Koaliiionsverhandlungen.
Neue Besprechungen beim Reichskanzler.
Reichskanzler Müller setzte Dienstag die Besprechungen mit den einzelnen Parteien zur Koalitionsbildung im Reiche fort, und zwar zunächst mit der Deutschen Volkspartei, dann mit dem Zentrum und später mit den Sozialdemokraten. In den Besprechungen ergab es sich, daß sowohl das Zentrum als auch dieDeutscheVolks- - p a r t e i an ihren bisherigen Forderungen festhalten.
Auch der preußische Ministerpräsident Dr. Braun hält andauernd Konferenzen wegen der Regierungsumbildung für Preußen ab, die sich an die Umkonstituierung des . Reichskabinetts anschlietzen soll. Aus Grund der jetzigen Lage besteht allgemein der Eindruck, daß eine Lösung der Schwierigkeiten im Reiche sowohl wie in Preußen nahe genug gerückt ist, um die Bildung einer Reichsregierung, gestärkt durch ein homogenes Kabinett in Preußen, noch vor Beginn der Reparationsverhandlungen als möglich und erreichbar erscheinen zu lassen.
Einigung Preußen-Bayern.
Der bayerische Gesandte beim preußischen Ministerpräsidenten.
„Der bayerische Gesandte in Berlin, Dr. von P r e g e r, erschien am Spätnachmittag des Montags bei dem preußischen Ministerpräsidenten Dr. Braun. Der Gesandte sprach dem Ministerpräsidenten das Bedauern
und von sonstigem, mit dem sich jede Diktatur — nicht bloß die „faschistische" - zu verteidigen pflegt.
Ist doch Primo de Rivera sozusagen der sun- » ere politische Bruder Mussolinis, dessen Aufrichtung des Faschismus er ein Jahr später, im September 1923, nachgeahmt hat. Unter der gleichen Parole! Kampf gegen die Parteien- und die Parlamtsherrschaft Spanien ist ja seit Jahrzehnten ein Land gewesen — und daran änderte kaum etwas, ob die Konservativen oder du Liberalen jeweils am Ruder des Staatsschiffes standen — das ebenso wie Italien geradezu gelähmt war durch ein fast verwirrendes Getriebe verschiedenster politische: Strömungen, die nur das eine gemeinsam hatten, nämlich sich gegenseitig auf das erbittertste zu bekämpfen Dazu kam die gleichfalls seit Jahrzehnten blutend« Wunde der Kämpfe in Marokko, in denen Spanien verschiedene Male unmittelbar vor dem Verluf der letzten Position auf afrikanischem Boden stand.
Dem Außenstehenden fällt es natürlich schwer, toirflid zu beurteilen, wieweit eine derartige Diktatur, wie bü Primo de Riveras, eine Gewaltherrschaft ist. Hier ent-
General Sanjurjo, der mit weitgehenden Vollmachten zum Generalinspekttur !-o» Valencia ernannt worden ist.
scheidet doch letzten Endes der Erfolg. Der Diktator Hai selbst schon verschiedentlich angekündigt, daß er die Zeh bald als gekommen erachte, um, wenigstens teilweise, zr einer Wiedereinführung des konstitutionell-parlamentarischen Systems zu schreiten. Derartige Putschversuche, die wie der jetzige, einen stark militärischen Hintergrund haben, dienen natürlich nicht dazu, den Entschluß des Diktators zur Tat werden zu lassen. Aber gerade in romanischer Ländern hat man es nie gelernt, politisch warten zr können, bis der Erfolg einigermaßen gesichert zu sein scheint. Freilich ist die Diktatur in Spanien nicht wie ir Italien zum „System" geworden. In Spanien steht bis Diktatur doch wohl nur auf Primo de Riberas eigenste! Persönlichkeit. Und was aus Spanien werden würde wenn dieser Mann fällt, ist unabsehbar in diesem Land bei w - ' us nicht erloschenen politischen Leidenschaften.
der bayerischen Regierung über den bekannten Münchener Vorfall und über die für die Kritik gewählte Form aus."
Im Anschluß an diese amtliche Mitteilung wurde bekannt, daß der preußische Gesandte in München, Dr. Denk, sofort Berlin, wo er seit einigen Tagen verweilte, verlassen und sich auf seinen Posten nach München zurückbegeben wird. Damit dürfte der Zwischenfall, der die Gemüter hüben und drüben so stark erregte, beigelegt sein. ____________
Kellogg-pakt und Abrüstung.
Entschließung des Auswärtigen Ausschusses.
Der Reichstagsausschuß für auswärtige Angelegenheiten trat Dienstag unter dem Vorsitz des Abgeordneten Scheidemann (Soz.) zusammen, um Handels- und außenpolitische Fragen, wie den Kriegsächtungspakt, den Handelsvertrag mit Litauen usw., zu behandeln.
Nach längerer Aussprache genehmigte die Mehrheit des Auswärtigen Ausschusses den Kellogg-Pakt und nahm gleichzeitig folgende Entschließung des Abg. v. Rheinbaben (D. Vp.) an: Der Reichstag erwartet, daß die Reichsregierung entsprechend der Erklärung in der Note des Reichsministers des Auswärtigen an den amerikanischen Botschafter in Berlin vom 27. April 1928 das Inkrafttreten des Kellogg-Paktes zum Anlaß nimmt, um auf Grund dieser neuen Garantie für die Erhaltung des Friedens bei den Regierungen der Vertragspartner und im Völkerbund auf Erfüllung der Verpflichtungen zur allgemeinen Abrüstung sowie zum Ausbau der Möglichkeiten, vorhandene und entstehende Gegensätze der Völkerinteressen und offenkundige Ungerechtigkeiten auf
friedlichem Wege zu beseitigen, mit allem Nachdruck hia- zuwirken.
Der Auswärtige Ausschuß behandelte noch einige Fragen zur bevorstehenden Reparationskonferenz und andere Angelegenheiten. Im Reichstag soll der Kellogg- Pakt bekanntlich in den nächsten Tagen in zweiter Hufe dritter Lesung behandelt werden.
Mussolinis Reparair'onsansprüche.
Italien will mehr haben.
Im letzten Ministerrat sprach Mussolini auch über den gegenwärtigen Stand der Frage der d e u t s ch e « Reparationen. Nachdem Mussolini festgestellt hatte, daß das Reparationsproblem nach wie vor das internationale politische Leben beherrscht, und nach einem Hinweis auf den Zusammentritt des neuen Sachverständigenkomitees in Paris fügte er hinzu, die faschistische Regie- rung wünsche diesen Arbeiten den besten Erfolg.
Gegenüber den anderen Gläubigerregierungen und gegenüber Deutschland werde sich der Faschismus bemüht zeigen, sich als ein fruchtbares Element des wirtschaftlichen Wiederaufbaues zu bewähren. Italien seinerseits erwarte von den anderen, daß bei der Neuregelung der von Deutschland geschuldeten Reparationen auch Italiens An- sprüchen Genüge geleistet wird, wie sie im November aufgestellt worden sind.
Mussolini bekräftigt damit das Verlangen Italiens, das erhöhte Zahlungen für sich herausschanzen will und eine Erhöhung des bisher auf seinen Teil entfallenden Betrages von zehn Prozent nach dem in S p a seinerzeit festgesetzten Verteilungsschlüssel fordert.
Wie sann den Gwerbriosen geholfen werden?
Deutscher Reichstag.
(41. Sitzung.) CB. Berlin, 5. Februar.
Der Reichstag nahm eine vom Ausschuß für die besetzten besetzten Gebiet an. Eine weitere Ausschußentschließuna ver- langt Schritte der Regierung, um den Schützengesellschaften des besetzten Gebiets den Schießsport zu ermög. tichen.
Abg. Graf Westarp (Dtn.) begründet eine Interpellation, worin die Regierung gefragt wird, ob sie nicht schleunigst dagegen einschreiten wolle, daß von der Sozialdemokratie eine Broschüre „Sozialdemokratie und Wehrproblem" herausgebracht wird, die Hochverrat in Kriegsfällen propagiert (Hört! Hört! rechts). Als Ver> lagsort sei das Reichstagsgebäude genannt (Hört! Hört!). Ei sei ein unerhörter Mißbrauch, für eine solch« Broschüre de» Reichstag als Verlagsort zu nennen.
Präsident Löbe erklärte, er werde die Interpellation der Regierung zuleiten. Jedem Abgeordneten stände aber das Recht zu, das Reichstagsgebäude als seine Adresse anzugeben.
Aus der Tagesordnung stehen sodann Anträge der Kommunisten, des Zentrums, der Wirtschaftspartei, der Deutsch- nationalen und der Sozialdemokraten über die
Erwerbslosen» unb Krisenfürsorge.
Abg. Jadasch (Komm.) begründete die kommunistischen Anträge. Die Erwerbslosenzahl sei jetzt schon auf 3,2 Millionen gestiegen.
In Beantwortung der kommunistischen Interpellation erklärte
ReichSarbeitsminister Wissell,
die Notlage der Erwerbslosen sei zu ernst, um mit diese« Fragen verquickt zu werden. Die Stellung der Regierung zur Erwerbslosenfrage sei in einer Denkschrift niedergelegt. die zunächst nur dem Reichsrat vorliege. Darin betone die Regierung, daß sie die Ausgaben zur Linderung der Rot bei Erwerbslosen als produktive Ausgaben im besten Sinne betrachte. Wie die Kommunisten zur Arbeitslosenzahl von 3,! Millionen kämen, sei ihm schleierhaft. Tatsächlich habe man zwei Millionen unterstützte Erwerbslose.
Aber auch diese Zahl sei noch hoch genug. In der Veröffentlichung der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung seien die Aussichten für die Zukunft mit einem Pessimismus dargelegt worden, der das berechtigte Maß weit überschreite. Die Reichsanstalt stehe keineswegs vor dem finanziellen Zusammenbruch. Wenn freilich der starke Frost noch lange anhalte, dann müßte geprüft werden, ob der finanzielle Ausbau der Erwerbslosenversicherung ganz unverändert bleiben könne. Die Regierung sei außerdem der Meinung, daß der Kreis der unter die Krisenfürsorge fallenden Arbeiter wesentlich erweitert werden müsse. Für die Saisonarbeiter käme die Krisenfürsorge jedoch nicht in Frage. Die Arbeitsvermittlung solle ausgebaut werden. Mit den Mittel» der Sozialpolitik — so schloß der Minister — könne die Arbeitslosigkeit nicht beseitigt werden. Dazu sei eine Änderung der wirtschastlchen Verhältnisse notwendig.
Große Lärmszenen.
Abg. Brey (Soz.) hielt den Kommunisten vor, daß ihre Anträge undurchführbar seien, weil die nötigen Mittel nicht vorhanden seien. Während der Ausführungen dieses Redners und schon vorher beim Minister hatten dir Kommunisten unaufhörlich Zwischenrufe gemacht. Der Präsident Löbe rief letzt die kommunistischen Abgeordneten Müller und Rädel zweimal zur Ordnung und drohte ihnen bei der Wiederholung um parlamentarischer Zwischenrufe strengere Maßnahmen an. Neue Larnlszenen entstanden, als der Redner Brey den Kommunisten vorwarf, sie seien geradezu die Beschützer der unorganisierten Arbeiter.
Abg. Riesener (Ztr.) vermißt ht der kommunistischen Interpellation jeden Hinweis, wie den Arbeitslosen geb 'rn werden könne. Durchführbare Mittel seien auch in den toin- munistischen Anträgen nicht genannt.