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HersfelöerTageblatt

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_______________ BelehrMg Rsk-Neil / WirksKsftlicke Tagesfrasek.

Nr. 78 Donnerstag, den 4. April 1929 79. Jahrgang

Märtyrer oder Verbrecher?

Der Prozeß gegen den Farmer Langkoop.

DieHöllenmaschine" im Retchsentschädigungsamt.

Die Verhandlung gegen den früher in Deutsch-Ost- afrika ansässigen Farmer Langkoop, der, wie er-- innerlich, seinerzeit zur Durchsetzung seiner Entschädi­gungsansprüche den Attentatsversuch im Reichs­entschädigungsamt gemacht hat, begann vor dem Er­weiterten Schöffengericht Berlin-Schöneberg. Außer Langkoop ist noch der Kaufmann Loos angeklagt, der bei der Durchführung des Anschlages Mithilfe geleistet hat. Obwohl Zuhörer nur auf vorher ausgegebene Karten ein­gelassen wurden, hatten sich lange vor Beginn der Ver­handlung Hunderte von Menschen, meist Mit­glieder des Reichsbundes der ihres Privateigentums be­raubten und entrechteten Ausland-, Kolonial- und Grenz- landdeutschen, eingefunden.

Die Tat Langkoops ereignete sich nach der Schilderung der Anklageschrift ungefähr folgendermaßen:

In den drei letzten Jahren vor Kriegsausbruch hatte sich Langkoop in Deutsch-Ostafrika eine Farm geschaffen, die nach seinen Angaben etwa 56 000 Mark wert war. Ferner hatte er 30 000 Mark auf der Bank. Als bei Kriegsausbruch Lang­koop zur Schutztruppe eingezogen wurde, wurde sein Vieh an die Truppe verkauft und sein Bargeld für Löhnungszwecke verwendet. 1917 wurde der Farmer gefangengenommen und in Ägypten interniert. Im Dezember 1919 kam er nach Deutschland zurück und erhielt damals für sein der Schutztruppe übergebenes Bargeld 40 000 Mark J n - flationsgeld zurückerstattet. Am 1 Januar 1920 hatte Langkoop einen Sachschaden in Höhe von 49 000 Mark an- W»«M.IIWW« ^^m^ ... .... schädigungsaml hatte einen Sachschaden von 42000 Mark an­erkannt und alle übrigen Ansprüche übgelehni. Bis zum 8. Februar 1927 hatte Langkoop vom Entschädigungsamt etwa 9000 Goldmark erhalten und ferner 8000 Goldmark durch Ver­mittlung des deutschen Konsuls in London Nach det letzten Entscheidung des Reichsentschädigungsamtes Hütte er noch etwa 6000 Mark in Einzelzahlungen zu erhalten gehabt.

Ende 1927 wurde die Lage Langkoops und feines Freundes Loos immer verzweifelter.. Damals soll er den

Plan zu einer Verzweiflungstat

gefaßt und dieH ö l l e n m a s ch i n e", mit der er später sein Attentat verübte, konstruiert haben. Diese bestand aus einem alten Koffer, in dem 15 Pakete Pulver verpackt waren und eine Pistole, die bei ihrem Abschuß das Pulver entzünden und zur Explosion bringen sollte. Mit diesem Koffer reiste Lanakoop mit feinem Freunde Loos am 27. Februar 1928 nach Berlin und begab sich in das Entschädigungsamt zu Geheim- rat Bach. Er forderte dort 112 000 Mark Entschädigung sofort ausgezahlt und drohte damit, daß, wenn er das Geld nicht erhalten würde, er

die Höllenmaschine in Tätigkeit setzen würde.

Es gelang zunächst Geheimrat Bach, die Verhandlungen Hinzn- ziehen, und in einem günstigen Moment stürzte er an LüM'oop vorbei zur Tür hinaus. Langkoop folgte ihm mit der Pistole in der Hand und bei einem Kampf mit den ihm entgegen» tretenden Vorstand des Amtes gingen

aus Langkoops Revolver drei Schütze los, die aber niemand trafen. Nur mühsam konnte Langkoop über» waltigt werden. Schließlich wurde gegen ihn die Anklage er­hoben wegen räuberischer Erpressung, wegen Vergehens gegen § 7 des Sprengstoffgesetzes, unbefugten Waffenbesitzes u d Nötigung. Gegen Loof erfolgte die Anklage wegen Beihilfe zu räuberischer Erpressung und aus Grund des § 13 des Sprengstoffgesetzes.

Zu Beginn der Verhandlung führte der Vorsitzende u a. aus, daß zwar im Gerichtssaal ein gewisses Verständnis für Leidenschaften herrschen müsse, aber Erregung und Sensation müßten der Verhandlung fernbleiben. Nur wenn fachlich und nüchtern verhandelt werde, könne das Gericht zu erstem Urteil kommen, das der Tat und den Angeklagten gerecht Werde.

Langkoop schilderte dann

seinen Lebenslauf.

Der Jahresverdienst seiner Farm habe sich aus durchschnittlich 20 000 bis 25 000 Mark belaufen Wenn man später 42 000 Mark Entschädigung für die jahrelange Mühe und Arbeit er­halte, so fei das völlig unfaßbar. Sein Vermögen habe etwa 100 000 Mark betragen, die natürlich unter den Verhältnissen in Afrika sehr viel wertvoller gewesen seien als in Deutsch­land. Im Laufe der Vernehmung kam es dann zu einem

kleinen Zwischenfall im Zuhörerraum.

Es erhob sich ein jüngerer Mann und rief:Gestatten Sie, Herr Vorsitzender des preußischen Gerichtshofes, die Ange­klagten sind beide unschuldig." Der Vorsitzende ersuchte den jungen Mann, ruhig zu bleiben, da er ihn sonst hinausweisen müsse. Langkoop erzählte weiter von seinen militärischen Er­fahrungen im Buschkrieg. Er sei in englische Gefangenschaft geraten und wurde in Ägypten interniert. Sodann er­zählte er, wie er nach dem Kriege ausgeliefert und in das Lockstedter Lager gekommen sei, wo man ihm den von den Engländern mitgebrachten guten Anzug abgenommen habe, um ihm dafür ,

Lumpen und eine Papiermütze zu geben, so daß er wie ein Verbrecher herumlaufen mußte. Weiter schilderte Langkoop seine Verhandlungen mit den Ent­schädign gsbehörden.

DieHöllenmaschine". *

Nach einer kurzen Pause wurde die Vernehmung des Hauptangeklagten fortgesetzt. Seine Stimmung sei immer hoffnungsloser geworden. Briefe an den Reichstag, in denen er sein Recht forderte, seien unbeantwortet geblieben. Um sich Beschäftigung zu verschaffen und durch Holzverkauf etwas zu verdienen, habe er Stubben schießen wollen. diesem Zweck habe er sich von seinem Freunde Loos in Hameln zweimal z e h n P f u n d S ch w a r z p u l v e r besorgen lassen. Als er aber längere Zeit keine Nachricht aus Berlin erhalten habe, habe er schließlich den Entschluß gefaßt, mit dem Pulver fernen letzten Überseekoffer zu füllen und damit als Droh- und Schreckmittel nach Berlin mt fabren. Der Kotier babe

Der Angeklagte Langkoop

(links) mit dem Bevollmächtigten der Auslanddeutschen, Dr. Hansen, vor dem Moabiter Gexichtsgebäude, tatsächlich überhaupt nicht gefährlich toerben können. Langkoop schilderte dann ausführlich die Vorgänge im Reichs- entschädigungsamt. Es sollte nichts geschehen. Er habe nur zu seinem Recht kommen wollen. Auch beim Pistolenschuß sei fein einziger Gedanke gewesen, sich selbst zu treffen, um mit sich Schluß zu machen. Da er aber' überwältigt worden sei, sei dieses nicht gelungen. Der Angeklagte ver­neinte die Frage des Vorsitzenden, ob er zugeben wolle, sich in irgendeiner Weise strafbar gemacht zu haben, und schloß mit der Erklärung, er warte nunmehr dringend darauf, daß ihm sein Recht werde.

Im weiteren Verlauf des Prozesses wurde der Mit­angeklagte Loos vernommen. Der Angeklagte erklärte, daß er von dem Inhalt des Koffers erst nach den Vorgängen im Entschädigungsamt erfahren habe.

Medizinal Dr. D y r en f u r t h erstattete sodann ein Gut­achten über Langkoops Persönlichkeit. Der Sachverständige kam zu dem Schluß, daß von irgendeiner krankhaften Störung des Geisteszustandes, etwa im Sinne des § 51, bei Langkoop nicht das geringste festzustellen sei.

Die Rückkehr des Wmiers.

Schneefall und Temperatursturz.

Die Abkühlung, die zu Ostern im ganzen Reich mit Sturm und Regen eins eitle, hat weitere Fortschritte ge­macht. In ganz Norddeutschland herrschte am Mittwoch früh Frostwetter, während in Süd- und W e st d e u t s ch l a n d das Thermometer noch 1 bis 2 Grad über Null zeigte. In und um Hannover herrschte starkes Schneetreiben wie im tiefsten Winter. Starke Schneefälle wurden auch aus Mecklenburg, aus dem Riesengebirge, aus Sachsen, aus Oberbaden und vom Rhein gemeldet. Infolge der Schneefälle waren in ver­schiedenen Teilen Deutschlands große Störungen im Fernsprechverkehr zu verzeichnen.

über einen gewaltigen Temperatursturz von 22 Grad Wärme auf 1 Grad Kälte klagt auch Mittel­frankreich, und auch an Schnee ist dort kein Mangel. Wien und Budapest melden gleichfalls Schneefälle und Wien, als besondere Neuheit, überdies noch ein Schneegewitter. Aus der ehemals preußischen Provinz Posen aber kommen Nachrichten über Überschwemmun­gen: die Weichsel hat in der Gegend von Bromberg eine ganze Reihe von Dörfern unter Wasser gesetzt, und die Schädigungen sollen sehr groß sein, da in mehreren Gemeinden die Saaten völlig vernichtet worden sind. , _

Die Wetterkundigen behaupten, daß die derzeitige Luftdruckverteilung über Europa' eine baldige Änderung des Wetters nicht erwarten lasse.

Kabinettskrise in Oesterreich.

Dr. Seipel zurückgetreten.

Bundeskanzler Dr. Seipel bot Mittwoch nachmittag dem Ministerrat seinen Rücktritt an. Die Minister schloffen sich den Gründen Dr. Seipels an, worauf dieser dem Bundespräsidenten M i k l a s seine Demission erklärte. Der Bundespräsident nahm sie an und beauftragte das bisherige Kabinett mit der Fortführung der Geschäfte.

Dr. Seipel.

Dr. Seipel führte zur Begründung seines Ent­schlusses vor den Ministerkollegen aus, das Antlitz der verändert und das Staatsleben befinde sich auf dem Wege normaler Entwicklung. Die Lage sei derart, daß ein sehr bedeutsamer Ruck nach vorwärts gemacht werden könne. Hierunter verstehe er die Förderung des Wohnungsbaues, des Mietrechtsverfahrens, der Justizreform, der Polizei­kompetenzsrage. Aus dieser Auffassung heraus und weiter aus der Erwägung, daß seine Person für die ange­deutete Entwicklung als Hemmnis angesehen werde, gebe er seine Demission.

Zweifellos stehen mit dem Ausfcheiden Dr. SsipelS die in den letzten Wochen entstandenen Schwierigkeit?« zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in der Metallindustrie in Zusammenhang. Es entstände« einige Teilstreiks, worauf die Arbeitgeber in bis zum 6. und 13. April befristeten Ultimaten die Gesamta«S» sperrung von 40 000 Arbeitern androhten.

Die Schuldenkonferenz in Paris.

Französische Meinung«».

Zu der Erklärung Dr. Schachts, daß die Berharch- lungen über die endgültige Lösung der Kriegsentschädi- gungsfrage langwierig sein würden und Geduld er­forderten, schreibt das halbamtliche Pariser BlattExcek- stor" u. a., dieser Standpunkt werde auch von den Kollege« Dr. Schachts im Sachverständigenausschuß geteilt, die ihr« Zustimmung zur Unterbrechung der Konferenz während der ganzen Osterwoche gegeben hätten, obwohl sie eigentlich schon Mitte April wieder ihren Berufen und Geschäften hätten nachgehen wollen. Man müsse unterstreichen, daß die Behandlung der technischen Fragen der Zahlungen praktisch beendet sei. Die Sachverständigen hätten sich über die großen Linien des Planes geeinigt. Die Ab­fassung des Gesamtberichtes würde sicherlich nicht mehr als acht Tage in Anspruch nehmen, sobald die deutsche Ab­ordnung annehmbare Zahlen nennen werde.

Allgemein nimmt man in Paris an, daß bei der Wiederaufnahme der Verhandlungen am Donnerstag die deutsche Gruppe den Sachverständigen bestimmte Vor­schläge unterbreiten und man damit in die Beratung der Hauptfrage, die Höhe der Jahresraten, treten wird. Die Liberts" fügt der Veröffentlichung der Schachtschen Er­klärungen die Bemerkung an, daß sie den guten Willen des deutschen Vertreters verzeichneten. Eine längere Betrach­tung schließtParis Soir" der Havasmeldung an, wobei das Blatt feststellt, daß der Reichsbankpräsident anerkennr, daß es keine unüberwindlichen Schwierigkeiten für die Verhandlungen gebe, wenn diese auch lang und schwierig fern würden.

Verm VybiwpWneiden überfallen.

Köln. Der von seiner Ehefrau getrennt lebende Kraft­fahrer Georg Rost folgte dieser unbemerkt in einen Friseur­laden in der Altstadt, wo sie sich einen Bubikopf schneiden ließ. Wie die Kölnische Zeitung mitteilt, setzte sich Rost zunächst auf einen Stuhl, anscheinend, um zu warten, bis er an der Reihe sei, sprang aber plötzlich auf, Metz den Friseur zurück, bog seiner Frau den Kops nach hinten und stach mit einem großen Messer in voller Wut auf die völlig wehrlose Frau ein. Er brächte ihr neun schwere Sticke am Hals, in der Brust und im Rücken bei. Auf die verzweifelten Hilferufe wurde das Überfallkommando herbeigerufen und nach kurzem Wider­stand Rast festgenommen. Die Schwerverletzte fand Aufnahme im Bürgerhospital.