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hersfelöerTageblatt

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Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfelö «--»»,-S»--»s>>.

mit den Beilagen: Flillstrierles Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb mrd Gckolle / Alltechaltona vad Wissen Belehrung und Kurrtoell / Wirtschaftliche TageSfragen.

Nr. 90

Donnerstag, den 18. April 1929

T9. Iahrga g

«L-M^SSM

Kurpfuschermittel.

In der Zeit einer ganz besonders angespannten und unübersichtlichen Wirtschaftslage ist diesmal die Haupt- vertretung der deutschen Wirtschaft, nämlich der In­dustrie- und Handelstag zusammengetreten. Dunkel umwölkt ist der Horizont unseres Wirtschafts­lebens und nicht minder drohend und dunkel ist die Zu­kunft. Das gilt ebenso in rein wirtschaftlicher wie in sozialpolitischer Hinsicht. Es scheint ja beinahe, als übe ein zurzeit wieder etwas stärker pulsierendes Wirtschafts­leben in Deutschland seine wohltuende Wirkung vor allem auf die Höhe der Arbeitslosenziffer aus, aber leider macht sich dieser Einfluß nur sehr langsam und zögernd geltend. Man wird die Sorge nicht los, daß nicht nur die Folgen des harten Winters, sondern tiefere Gründe dieses lang­same und zögernde Hinuntergehen der Arbeitslosenziffer verursachen; man weiß vor allen Dingen nicht, w i e lange dieses Hinuniergehen anhalten, bis zu welcher Grenze es gehen wird. Gerade in Jndustriekreisen haben sich überaus ernst zu nehmende Stimmen erhoben, die davon sprechen, daß das Heer der Arbeitslosen sich kaum auf weniger als eine Million vermindern wird, daß wir in Deutschland künftighin also mit einer viel größeren Zahl ständig Arbeitsloser werden rechnen müssen als bisher. Die gleichen Stimmen verweisen auch auf die Tat­sache, daß selbst in England seit drei Jahren die Arbeits­losenziffer unter die Million nur hier und da und dann auch nur für kurze Zeit hinuntergegangen ist Bei den ungleich schwierigeren wirtschaftlichen Verhältnissen in Deutschland müßte man also eine ähnliche Entwicklung befürchten. Ein derart großes Referveheer der Wirtschaft ist aber das merkt selbst das reiche England auf die Dauer untragbar; die Arzneimittel freilich, die von aller­hand Kurpfuschern immer wieder der deutschen Wirtschaft eingeflößt werden sollen, gießt man am besten unbenutzt zum Fenster hinaus! Sonst würden sie dem Kranken doch nur schaden.

Denn es liegt ein Druck auf dem deutschen Wirtschafts­leben, der durch jene Kurpfuschermittel nicht beseitigt wer­den kann. Auf der einen Seite ist es die u n g e l ö st e Reparationsfra ge , auf der anderen sind es die steigenden -Lasten, die von der öffentlichen Gewalt zwecks Deckung ihrer Ausgaben auf die deutsche Wirtschaft gelegt werden. Auch hierin ist man, trotz aller Warnrufe und Mahnungen der Wirtschaft und nicht zuletzt auch des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, zu einem Abbau dieser Lasten noch immer nicht gelangt. Noch stärker als dieser Druck ist natürlich die wirtschaftlicheUn- s i ch e r h e i t, die von den Pariser Verhandlungen aus- strahlt. Man weiß nicht, was kommen wird, weiß nicht, ob dort wirtschaftlich-finanzielle Vernunft oder ein Macht- gebot ohne jegliche Vernunft siegen wird. Man kann so schwer beurteilen, wie sich das alles auch auf unsere kredit- politische Lage auswirken wird.

Aber das eine tritt trotzdem mit immer größerer Deutlichkeit hervor: die Rückwirkung auf die sozialen Verhältnisse in Deutschland. Gerade diese Rückwirkung bringt aber wieder eine Gradsteigerung der Unsicherheit hinein in unser Wirtschaftsleben. überall, für Millionen von Arbeitern, sind die Arbeitsk und Lohntarife ge­kündigt, ist man langsam zu Verhandlungen über den Neu- abschluß von Verträgen geschritten. Auf der Arbeitnehmer- seite werden Lohnerhöhungen gefordert, während in recht wichtigen Teilen unserer Wirtschaft die Arbeitgeberseite nicht nur Lohnsteigerungen ablehnt, sondern darüber hinaus Lohnsenkungen verlangt. Man will hier den Anschluß der Lohnpolitik an die allgemeine Wirtschafts­lage in Deutschland wieder herstellen. Daß das nicht ohne schwere Kämpse geschehen kann, braucht nicht erst

werden. Ebenso ungeklärt stn, wo die Streik­

noch besonders unterstrichen zu werden ist hierin die Lage der Reichsb ah

wünsche zwecks Erzwingung von Lohnsteigerungen noch längst nicht zum Schweigen gebracht worden sind. Auch im Bergbau drängen die Dinge zur Entscheidung, alles also ballt sich drohend zusammen; mit ernsten Ge­sichtern werden daher die Vertreter der deutschen Industrie- und Handelskammer diesmal zusammen­

getreten sein, nachdem die frohe Zuversicht des ver­gangenen Jahres durch den Winter schwerster wirtschaft­licher Not radikal getilgt worden ist.

Man hat auch sonst wenig Hoffnungsfreudigkeit, denn auf dem Nachbargebiete der Industrie, bei der deutschen Landwirtschaft nämlich, liegen die Verhältnisse schlecht, und man wird daher auch auf dem diesjährigen Industrie- und Handelskammertag wieder wie im vorigen Jahre die Augen auf jenes Gebiet hinüberlenken und darauf verweisen wüssen, wie sehr die deutsche Industrie abhängig ist von dem Wohl und Wehe der Landwirtschaft. Beides lätzt^sich schwer oder garnicht trennen, namentlich in einer

trennen, namentlich in einer Wirtschaft nicht, deren Export draußen mit wachsenden Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Denn die Tagung wird ja auch wieder feststellen müssen, daß gerade das Gegenteil jener Träume eingetreten ist, die uns ein Niederreißen oder auch nur eine Ver-

rkleinerung der internationalen Zollmauern - vorgaukellen. Statt dessen ist überall eine Erhöhung dieser ! Mauern, eine Erschwerung des deutschen Exports einge­treten und von einer Blüte des deutschen Wirtschafts­lebens sprechen nur in bestimmten Absichten allerhand ausländische Phantasten. Auf dem Industrie- und Handelskammertag weiß man es besser, weil er so genau wie vielleicht niemand sonst den Pulsschlag unseres Wirtschaftslebens zu fühlen und dessen langsamer und schwächer gewordenes Pochen festzustellen vermag.

Der Weg ins Freie

Deoischlands Wirtschastssorgen.

Industrie- und Handelstag.

In Berlin hielt unter starker Beteiligung der Deutsche Industrie- und Handelstag seine 49. Vollversammlung ab. Der Vorsitzende, Präsident von Mendelssohn, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, unter denen sich der Reichswirtschaftsminister, der Reichswehrminister, der preußische Handelsminister, Vertreter des Reichsrats itnb des Reichswirtschaftsrats, der Parlamente, der Reichs­ministerien und der Landesregierungen, der Reichsbank, der Reichsbahngesellschaft und die Vertreter der Spitzen- Verbände der Wirtschaft befanden. Auch Reichsarbeits­minister Dr. W i s s e l l war anwesend.

Die Verhandlungen standen sichtlich unter dem Ein­druck der immer noch schwankenden Haltung der in Paris tagenden Reparationskonferenz und, obwohl man die ge­botene Reserve bewahrte, war es doch deutlich zu erkennen, daß das Gedeihen der deutschen Wirtschaft in Zukunft nicht zu trennen ist von der mehr oder weniger für Deutschland günstigen Entscheidung in Paris.

MichswirtschMsmimsier Dr. Curtius überbrachte die Grüße und Glückwünsche der Reichs­regierung, ebenso auch die der vertretenen Landes­regierungen. Er führte unter anderem dann aus, es werde wohl verstanden werden, daß er in diesem Augen­blick nicht zu der Reparationsfrage sachliche Ausführungen machen könne.

Aber die Lösung in Paris habe die größte Bedeutung für das deutsche Volk und für die deutsche Wirtschaft, ja, darüber hinaus für die europäische Wirtschaft und den Wirtschaftsfriedcu der Welt auf lange Zeit. Die in Paris versammelten Sachverständigen müßten ihre Ausgabe als eine streng wirtschaftliche mit unpolitischer Sachlichkeit durchfjtyrcn. Gerbst was Deutschland ichtteßlm) unter eigener Verantwortung als Last auf sich zu nehmen ge­sonnen fei, werde gleichzeitig unter der Verantwortung derjenigen stehen, die in Paris zu Rate sitzen.

Die Abrüstungsfragen in Genf.

Die russischen Vorschläge.

Bei Beginn der Mittwochsverhandlungen der Ab­rüstungskonferenz verlangte der türkische Minister des Äußern, es müsse anerkannt werden, daß die letzt bekannt­gewordenen türkischen Abrüstungspläne auf alle Falle m die abzuwickelnde Tagesordnung ausgenommen wurden. Die Türkei beantragt, daß für alle in Betracht kommenden Großmächte eine einheitliche Festsetzung getroffen werde für den Bestand der zu unterhaltenden Maximalheeres- streitkräfte. Der Präsident der Konferenz sagte Berück­sichtigung der türkischen Wünsche zu. Für die nun zur Beratung kommenden russischen Anträge sprach das Mitglied der russischen Delegation General L a n g o w o i. Rußland wolle mit seinem Vorschlag eine tatsächliche Ver­minderung der militärischen Lasten und der Kriegsgefahr erzielen. Herabsetzung, nicht nur Begrenzung der Rüstungen sei das Ziel.

Graf Bernstorff, der deutsche Vertreter, gab eine Erklärung ab, in der es hieß, daß an Stelle des ursprünglichen Gedankens, die allgemeinen schweren Rüstungslasten wesentlich zu vermindern, allmählich ein Handeln um kleinere nebensächliche Dinge eingesetzt hatte. Deshalb trete er für die Behandlung der russischen An­träge ein, weil durch ihre Erörterung die wirklichen Ziele wieder mehr in den Vordergrund geschoben würden.

Der deutsche Reichskanzler habe schon vor sechs Monaten in Genf eine kühlbare Herabsetzung des gegen­wärtigen Rüstungsstandes vorgeschlagen, die sich auf alle Elemente der Rüstungen zu Lande, zur See und in der Lust erstrecke. Wenn die russischen Vorschläge auch nicht, wie sie vorliegen, ausführbar seien, so müsse man sie doch in Erwägung ziehen, denn es komme weniger auf die Methode an, sondern auf die Sicherheit, daß überhaupt etwas geschehe.

Bei der Aussprache wurde ein Antrag L i t w i n o w eingebracht, zunächst zu den russischen Grundforderungen Stellung zu nehmen. Der japanische Delegierte verhielt sich ablehnend.

Vor dem Kampf?

Die Streikgesastr bei der Reichsbahn.

Die Reichsbahn hat bekanntlich in einer Verlaut­barung bekanntgegeben, daß sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht in der Lage sei, den Lohnforderungen der Arbeiterschaft nachzukommen. Diese Verlautbarung ist erfolgt, nachdem zwischen den Vertretern des R eiche s, Preußens und anderer Länder sowie der P o st eine eingehende Verhandlung über diese Frage stattge- funden hat.

Unter dieser Umständen dürfte eine Verständi­gung zwischen der Reichsbahn und dem Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbund kaum noch Aussicht auf Er­folg haben. Die Eisenbahnergewerkschaften im Reich

Es handele sich nicht um ein Handelsgeschäft, es könne sich nicht darum handeln, über die Höhe der Forderungen zu feilschen, sondern um die gemeinsame Behebung der die ganze Welt drückenden Sorgen. Er setze mit der ge- samten deutschen Wirtschaft Vertrauen in die versammel­ten Sachverständigen und Hoffnung auf die Unerschrocken- heit und Besonnenheit der deutschen Vertreter. In diesem Sinne sende er an die Vertreter Deutschlands in Paris einen Gruß.

Präsident von Mendelssohn

gab in seinem einleitenden Vortrag ein Bild von der Lage der deutschen Volkswirtschaft. Die angestrebte Rationalisierung werde verlangsam! durch die Kapitalarmut. Diese beenge be­sonders die Ausfuhrmöglichkeiten und den dazu notwendigen Kredit, sie führe zu einer außerordentlichen Zinshöhe, ^n Kapitalarmut und Zinsüberlastung liege mehr oder weniger der Schlüssel für die inneren Erscheinungen der Wirtschaft. Deren Lage sei trübe, aber nicht hoffnungslos. Deutschland müsse vor allem Wert legen auf die Erweiterung der inter­nationalen Absatzmöglichkeiten. Das Gedeihen der Wirtschaft verlange nach wie vor freie persönliche Entfaltung und ethisches Bewußtsein des Einzelunternehmers wie der Kollek­tivinstitutionen, Erleichterung der öffentlichen Lasten, Abgaben und Steuern. Aufwandsabbau und Leistungssteigerungen sind Notwendigkeit. ,

Dr. August Weber verbreitete stch über persönliches Unternehmertum und seine Notwendigkeit, und Verantwortung für die Volkswirtschaft. Er verlangte Entfaltungsmöglichkeit für die großen Persönlichkeiten unter den Unternehmern, Freiheit von Bureaukratismus und Schematismus, Befreiung auch von jedem Piratentum in der Wirtschaft.

über Finanz- und Steuerpolitik

sprach Dr. Grund, Präsident der Industrie- und Handels- kanimer Breslau. Der Weg zur Gesundung unserer öffent­lichen Finanzgebarung ' führe nicht über die Ausschreibung neuer Steuern, sondern sei nur denkbar durch Anpassung der Ausgaben an die vorhandene Deckung und eine bessere Ge­staltung im Verhältnis von Reich, Ländern und Gemeinden.

Der Vorsitzende des Ver-wL. Hamburger Exporteure. Rudol I H. Pea^; , e«, aas Darleguirgeu über oi£U um» Wege zur Erweiterung des Weltmarktes für uns. Aue Bestrebungen in dieser Richtung müßten beginnen mit einem Abbau der Staatsausgaben und der Beseitigung des Steuer­druckes, unter dem die Wirtschaft leide.

haben infolgedessen in den letzten Tagen eine sehr intensive Tätigkeit entfaltet, die sich mit Vorbereitungen für eine Kampfbewegung beschäftigt. Aus gewissen An­zeichen ist erkennbar, daß eine erhöhte Streikbewegung be­sonders in Sachsen und in den Bezirken Halle, Kassel und Frankfurt a. M. sich bemerkbar macht. Anch in Berlin besteht die Gefahr einer Arbeitsnieder­legung. __________

Cin Gegsnmemoranöum Schachts.

Noch immer auf demselben Fleck.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat sich bereit erklärt, der Pariser Reparationskonferenz eine ausführliche wirt­schaftliche Denkschrift zu unterbreiten, in der auch Zahlen enthalten sein sollen. Diese Zahlen der deutschen Denk­schrift sollen den Zahlen der Denkschrift der Alliierten ent­gegengestellt werden.

Die Sachverständigen der reparationsberechtigten Länder vertreten den Standpunkt, daß die von ihnen vor­geschlagenen Zahlen für die deutsche Wirtschaft tragbar seien. Bemerkenswert ist es, daß die Zahlen in dem Memorandum der Alliierten alsentsprechend den Er­fordernissen ihrer Regierung" bezeichnet wurden. Diese wahrscheinlich mit ungewollter Offenheit gemachte Fest­stellung muß um so mehr überraschen, als von deutscher Seite erst kürzlich wieder darauf hingewiesen worden ist, daß diese Pariser Konferenz völlig unabhängig von den Regierungen der beteiligten Länder beraten sollte.

Ein Pariser Telegramm stellt fest, daß die Repara­tionskonferenz sich jetzt genau da befinde, wo sie am Aus­gangspunkt ihrer Diskussion war, daß sie also mit anderen Worten noch um keinen Schritt weitergekommen ist.

Schweres Eisenbahnunglück in Selgieo.

Acht Tote und 21 Verletzte.

Auf der Strecke B r ü s s e l M o n s, die der Pariser Schnellzug am Mittwochmorgen durch- fuhr, ereignete sich ein schweres Eisenbahnunglück. Der Schnellzug fuhr in einen Güterzug und schob sich durch den harten Anprall ineinander. Bisher wurden acht Tote und 21 Verletzte aus den Trümmern geborgen. Der Zustand einer großen Anzahl der Verletzten ist be­sorgniserregend. Der belgische Eisenbahnminister hat sich sofort nach Bekanntwerden des Unglücks an die Unfall- stelle, die sich bei H a l (Provinz Brabant) befindet, be- geben.

Zu dem Eisenbahnunglück wird weiter gemeldet, daß der Lokomotivführer das Haltesignal überfahren habe. Die französischen und belgischen Postwagen haben besonders gelitten. Die französischen Beamten des Zuges fallen nicht zu Schaden gekommen sein, während unter den belgi­schen mehrere Opfer zu verzeichnen sind.

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