HersfelöerTageblatt
herssel-er Kreisblatt
Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfelö
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Rr. 91
Freitag, den 19. April 1929
79. Jahrgang
Simse Schöffsl.
Aus den Beratungen der Haushaltsausschüffe.
Man — d. h. der „UrwähLer" — pflegt abends am Stammtisch mit groben Worten auf den Reichstag zu schimpfen, wobei er durchaus nicht alle Ausdrücke auf die Goldwage des Strafgesetzbuches legt. Oft hat er ja recht damit, weil der Reichstag Stoff und Veranlassung genug gibt, ihn zu kritisieren. Aber — er hat auch gute Seiten. Er debattiert nicht bloß, bringt nicht nur durch stundenlanges Reden die Luft in Wallungen. Sondern er arbeitet auch. Nimmt es mit seiner Kontrolle der Staatsausgaben und -einnahmen außerordentlich ernst.
Allerdings nicht im Plenum, sondern z. V. im Haushaltsausschuß.
In alle Beziehungen, Verhältnisse, Entwicklungen des menschlichen Daseins greift der Staat hinein. Das Stückchen Brot, das man zum Munde führt, hat in seinem Preis den Einfluß des Staates verspürt. Bei jedem Schritt, bei fast jeder Handbewegung verspürt der Aufmerksame diesen Einfluß. Und das äußert sich auch bei der Beratung des Reichshaushaltes. Das gesamte Dasein des Staatsbürgers spiegelt sich in diesen Verhandlungen wider. Vom Reichspräsidenten ab bis zum letzten Arbeitslosen, der sich seine staatliche Unterstützung holt.
Ja, auch der Reichspräs id entist „Objekt" dieser Verhandlungen im Haushaltsausschuß. Man hat ein paar tausend Mark an seinem Etat gestrichen, weil überall gespart werden soll. Gespart werden vom Reichspräsidenten bis zum Arbeitslosen, der „stempeln" geht. Man weiß ja, daß unser Reichspräsident — genau wie sein Vorgänger — die Mittel, die ihm Zur Verfügung gestellt werden, zu allergeringstem Teil für sich selbst verbraucht. Sie sind sür die andern, die Millionen Deutscher da — und nur ganz selten erführt das deutsche Volk, daß diese Mittel aufgewendet werden, um Not und Elend zu mildern Wie es durch die wurde. Oder für Belohnung von Verdiensten. Sparsam genug verfährt d--' Vertretung des deutschen Volkes seinem ersten Staatsbürger, Staatsdiener gegenüber.
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Seinem zweiten Repräsentanten, oder besser gesagt: dem Inhaber der Volkssouveränität, dem Reichstag gegenüber verfährt man großzügiger. Seit 1924 hat sich der „E t a t d e s Reichstages" verdoppelt, marschiert mit großen Schritten auf die zehn Millionen los. Und doch gibt es auch hier Kummer und Sorge. Zwar nicht bei den Abgeordneten, die sozusagen die „Angestellten des Volkes", von ihm in den Reichstag entsandt sind; wohl aber bei den Angestellten des Reichstages. Denn zwei Drittel des Jahres ist er nicht beieinander. Und das macht dort Arbeit, macht also auch Angestellte überflüssig. Und hart, aber verständlich wird die Kritik der dann mit Entlassung Betroffenen, die nicht ausreichend beschäftigt werden können. Auch die Abgeordneten beziehen ihre Diäten für die Zeit, da sie nicht da sind, nicht im Plenum oder in den Kommissionen zu arbeiten brauchen — warum wir, die wir ihnen zur Verfügung stehen müssen, nicht? Der Preußische Landtag zahlt den Abgeordneten ihre Monats- diäten auch dann, wenn er im Monat nur zwei, drei Tage beieinander war — aber nicht so gut geht es einem großen Teil der dort Angestellten. Sie müssen — „stempeln" gehen.
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Früher waren die Diener im Reichstag durchweg ehemalige Unteroffiziere, Militäranwärter also. Die Verwaltung im Reich, in den Ländern und Kommunen bevorzugte diese Männer und so mancher „alte Feldwebel" brächte es bis hoch hinauf in der Beamtenlaufbahn. Jetzt ist's anders geworden und besonders die Länder und Kommunen lassen die Anwärter mit dem „Zivilversorgungsschein" warten und warten. Bittere Klagen ehemaliger Reichswehrangehörigen, denen man bei ihrem Eintritt die spätere Beamtenlaufbahn als gesicherte Zukunft versprach, sind im Reichshaushaltsausschuß durch einen hohen Offizier der Reichswehr zum Ausdruck gebracht worden. Ob mit Erfolg? Schon jetzt müssen diese Männer Jahre warten, ehe die Verwaltung sich ihrer erbarmt und ihnen durch eine Anstellung gerecht wird.
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Alle Not der Gegenwart kommt zum Ausdruck in den Verhandlungen des Reichstags-,,Hauptausschusses". So nennt man diese Kommission, die wirklich die wichtigste Arbeit im Reichstag zu bewältigen hat. Alle Not — und daher nicht zuletzt die der Landwirtschaft. Nur genügen hierin längst nicht mehr Verhandlungen, „Feststellungen", auch nicht Versprechungen, sondern allein Taten. Weil einer der Hauptgründe für Deutschlands Not gerade diese Krise der Landwirtschaft ist.
„Satura" nannten die Römer eine Schüssel, die vollgefüllt war mit sättigenden Leckerbissen von allerlei Art. Satire — so nannte man dann eine Sammlung von Leckerbissen geistiger Art. Das deutsche Volk darf von feinen Abgeordneten, darf von dem Haushalts-, dem Haupt- a u s s ch u tz des Reichstages, verlangen, daß er uns eine „Satura" darbietet, nicht aber zur — Satire wird.
Das deutsche Angebot in Baris
1650 Millionen auf 37 Me.
Paris gegen Schachts Vorschlag.
Das deutsche Memorandum, das von Dr. Schacht der Reparationskonferenz in Paris überreicht worden ist, wird in der Pariser Presse wie auf Kommando einstim - mig heftig bekämpft. Man hält selbstverständlich das Angebot, das Dr Schacht gemacht hat, für viel zu niedrig. Obwohl verabredet war, über den Inhalt der deutschen Gegenvorschläge strengstes Stillschweigen zu bewahren, ist die französische Presse doch in der Lage, die von Dr. Schacht genannten Zahlen bekanntzugeben. Danach soll Deutschland den Vorschlag gemacht haben, auf die Dauer von 37 Jahren jährlich 1650 Millionen Mark zu zahlen. Wenngleich diese französischen Angaben von deutscher Seite noch nicht bestätigt werden, so wird doch offiziös zugegeben, daß die Zahlen zutreffen. Die deutschen Vorschläge werden nun von einem Unterausschuß geprüft werden, und die Vollversammlung der Pariser Konferenz soll erst wieder zusamMentreien, wenn dieser Unterausschuß zu etwaigen Beschlüssen gekommen sein wird.
Eine interessante Meldung, die allerdings mit großem Vorbehalt aufzunehmen ist, bringt der Pariser „Matin". Danach soll der Vorsitzende der Konferenz, der Amerikaner Owen Young, ein Telegramm seiner Regierung empfangen haben, das sich auf die Möglichkeit einer Reduzierung der amerikanischen Forderungen bezüglich der Besatzungskosten bezieht. Owen Foung soll Blankovollmacht erhalten haben. Auch England soll nach einer Pariser Timesmel- dung versuchen, einen Ausgleich zwischen den Forderungen der Alliierten und dem deutschen Angebot zustande'zu bringen.
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......Was wird m 7 MSrüguM?
Die Verhandlungen in Genf.
Im Genfer Abrüstungsausschuß hatte sich am Mittwoch nach den Darlegungen Litwinows, des deutschen Grafen Bernstorff und einiger anderer Redner zu den russischen Vorschlägen niemand mehr zum Wort gemeldet. Präsident Loudon erklärte, er habe den Eindruck, daß der Ausschuß nicht zum Verzicht auf seine bisherigen Arbeitsmethoden und nicht zur Annahme des russischen Projektes als Grundlage seiner weiteren Arbeiten bereit sei. Er sei für Übergang zur Tagesordnung.
L i t w i n 0 w widersprach mit dem Bemerken, daß der Präsident die Möglichkeit haben könne, die Auffassung der Ausschußmitglieder kennenzulernen. Er persönlich kenne aber bis jetzt nur die ablehnende Stellung der Vertreter Japans, Chiles und Frankreichs und die Ausführungen des Grafen Bernstorff zugunsten der russischen Vorschläge. Nach den Bemerkungen des türkischen Militärsachverständigen, Obersten Tewfik, der sich für eine gründliche Prüfung der russischen Vorschläge aussprach, und einer kurzen Erklärung des Grafen Bernstorff, der auf die vielen wertvollen Grundzüge der russischen Vorschläge hinwies, die er nicht mit Ja oder Nein annehmen oder ablehnen wolle, wurde die Sitzung auf Vorschlag des Präsidenten auf Donnerstag vertagt. Donnerstag kam man zunächst überein, vorzuschlagen, die russischen Pläne an die kommende allgemeine Abrüstungskonferenz zu überweifen und einstweilen im jetzigen Ausschutz nicht weiterzuberaten.
Niederrmgzmg der ArHeiWWgkeii.
Das Wahlprogramm der englischen Konservativen.
In London hielt Premierminister Baldwin vor 2000 Personen in Anwesenheit aller Mitglieder des Kabinetts seine angekündigte Rede, deren Thema das Wahlprogramm der englischen Konserva- t i v e n war. Baldwin führte u. a. aus: Wir beabsichtigen, den Prozetz, der zurzeit im Gange ist, weiterzuführen, nämlich die allmähliche NiederringungderArbeits- l 0 s i g k e i t. Unser Handel ist in entschiedener Besserung begriffen und, vorausgesetzt, daß keine Katastrophe ein- tritt, wird diese Entwicklung weiter gefördert werden können. Eine Besserung aller wirtschaftlichen Verhältnisse wird die Folge fein. Unsere Bemühungen werden jederzeit mehr dahin gehen, Unbeschäftigten dauernde Arbeit zu schaffen als zu Palliativmitteln zu greifen. Wir haben den bestimmten Entschluß gefaßt, alle Pläne zurückzuweisen, die große Anleihen nach sich ziehen würden, denn wir glauben, daß Wir dabei Gefahr laufen würden, in Großbritannien eine Inflation zu erzeugen.
Mit dem Ergebnis der I n d u st r i e s ch u tz p o l i t i k sei die Regierung sehr zufrieden, da sie sich als eine der wertvollsten Beihilfen für die Schaffung dauernder Arbeitsgelegenheit erwiesen habe. Baldwin sprach dann über die auf Grund des Washingtoner Arbeits- zeitabkommens abzuschließenden Vereinbarungen und erklärte, die Regierung sei dieser Politik außerordentlich günstig gesinnt, denn durch solche Vereinbarungen werde die Lebenshaltung der Arbeiter auf dem Kontinent und, wenn auch in geringerem Ausmaß, in Großbritannien sich heben.
Die Sachverständigen der Gläubigerstaaten, die in der Reparationskonferenz vertreten sind, haben mit den Vertretern der kleineren Staaten, die Anspruch aus Repara
Es
tionszahlungen haben, eine Konferenz abgehalten. wurde ihnen der Inhalt des der Reparationskonferenz
unterbreiteten Memorandums zur Kenntnis gebracht und an sie das Ersuchen gerichtet, sie möchten ihre Regierungen befragen, ob sie bereit seien, Konzessionen an ihren Reparationsansprüchen zu machen und ob sie als Zahlung Sach- lieferungen entgegennehmen wollen.
10 Milliarden Differenz?
Der Unterschied zwischen dem deutschen Angebot und den Forderungen der Alliierten liegt in zwei Punkten: Während in dem Angebot Schachts sich die Zahlungen Deutschlands über einen Zeitraum von 37 Jahren erstrecken, bei einer gleichbleibenden Abführung von 1,4 bis 1,5 Milliarden jährlich an die Gläubiger Deutschlands, verlangen die Alliierten über einen Zeitraum von 58 Jahren Zahlungen, deren Höhe ständig zunimmt und deren Endsumme etwa zehn Milliarden höher sein soll als die, die Dr. Schacht angeboten hat.
In Berliner politischen Kreisen glaubt man, aus der Tatsache, daß die Beratung des deutschen Zahlungsangebots zunächst einem Ausschuß überwiesen worden ist, ein Anzeichen dafür erblicken zu können, daß die Konferenz durchaus nicht „gefährdet" zu sein scheint, wie dies die Pariser Presse wahr haben möchte. Es wird darauf hingewiesen, daß man zu den deutschen Sachverständigen das Vertrauen haben dürfe, daß sie auch weiterhin unabhängig
der deut- Leistungs-
von allen politischen Gesichtspunkten die Frage scheu Kriegsentschädigung von der deutschen säbiokeit abhängig machen würden.
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Wer BMMM für dar Reich?
Ä m 1. M a i.
Der erste Kredit an das Reich von 150 Millionen Mark durch einige Banken ist bekanntlich pünktlich zurückgezahlt worden. Da der Mangel an flüssigen Mitteln in den Reichskassen anhält, sind neue Verhandlungen zwischen dem Reich und den D-Banken geführt worden. Diesmal handelt es sich um einen Kredit, den nicht allein die vier seinerzeit beteiligten D-Banken geben, sondern an dem die sämtlichen im Reichsanleihekonsortium vereinigten Banken beteligt sein sollen. Ein definitiver Abschluß liegt noch nicht vor, aber die Banken sollen zugestimmt haben, dem Reich für den kommenden Monatswechsel abermals unter noch festzulegenden Bedingungen auszuhelfen. Der Kreis der Banken, die sich beteiligen, geht diesmal über die Großbanken hinaus, so daß die Hilfsaktion auf weitere Schultern verteilt wirst.
Ein großes Revuetheater in Flammen.
Riesenbrand in Amsterdam.
In Amsterdam brach in der Nacht im P aleis Her Volksvlijt, einer 1864 erbauten und später mehrfach erneuerten Ausstellungshalle, die mehrere Restaurants und eines der größten Theater Amsterdams e. - hielt, ein Feuer aus, das in dem zum größten Teil aus Holz erbauten Gebäude reiche Nahrung fand. Der Brand war der größte, der sich seitJahreninAmsterdam ereignet hat.
Die Glut war derart, daß die Bewohner in der Nachbarschaft aus ihren Häusern flüchten mußten. Die Feuerwehr mußte sich auf den Schutz der angrenzenden Baulichkeiten beschränken. In den Morgenstunden war das Hauptgebäude ziemlich niedergebrannt. Auch die Flügelbauten waren von den Flammen ergriffen worden. Der gesamte Gebäudekomplex mit dem Theater ist verloren. Auch die hinter der brennenden Halle gelegene Galerie mit zahlreichen Geschäftsräumen wurde in Mitleidenschaft gezogen. Eine gewaltige Menschenmenge umlagerte die Brandstätte, die von der Polizei in weitem Umfang abgesperrt war. Menschen sind nach den bisherigen Feststellungen nicht zu Schaden gekommen. Der Sachschaden belauft sich auf fünf Millionen
Das deutsche Lustfahmefen.
Berlin. Im Reichsverkehrsministerium fand unter dem Vorsitz des Ministerialdirektors Brandenburg ein Presse- empfand statt, auf dein von behördlicher Seite zu den scharfen Kritiken Stellung genommen wurde, die in letzter Zeit nach bem. Bekanntwerden der großen Abstriche laut wurden, die die Finanzsachverständigen der an der Regierung beteiligten Var- teien am Etat der Luftfahrt vorgenommen hatten. Nach Mit- tellung des Ministerialvertreters stehen für die Luftfahrt vom Reiche aus noch 50 Millionen Mark zur Verfügung. Aus den Mitteilungen ist weiter zu entnehmen, daß Hauptmann K o h l seinen nächsten Flug nach amerikanischem Muster aus- suhren will, indem sein Flugzeug unterwegs mit neuem Brenn- ftofi und Nahrungsmitteln durch ein anderes Flugzeug ver- sehen wird. Der in der Öffentlichkeit stark kritisierte Ausbau des inneren Flugnetzes ist nach Meinung der Behörden darauf zuruazufnhren, daß Länder und Städte die von ihnen gekauften H-lugzeuge an die Lufthansa mit der Bedingung über« schoen daß bei dem Luftfahrplan ihre öffentlich« Interessen berücksichtigt werden müssen.