HersfelöerTageblatt
hersfel-er Kreisblatt
-lmüicher HnZeiger für den Kreis Hersfett
mit den Beilagen: Illustriertes Anterhattungsblatt / Nach Wele-abenS / Herd und Gcholle / Asterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen,
Nr. 100
Dienstag, den 30. April 1920
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79. Jahrgang
Lusterschüttemnge«.
Zum zehntenmal jährt sich die Zeit, als man Deutschland jene unerhört harten Bedingungen überreichte, die dann zum „Frieden" von Versailles wurden. Und da stand auch vor den zahlreichen Artikeln, die von der Entwaffnung Deutschlands handelten, der wunderschöne Satz, daß diese „Abrüstung" nur der Anfang fein sollte für die allgemeine Weltabrüstung. Was daraus geworden ist, wissen wir alle, die neuentstandenen Staaten schufen sich Heere und die bestehenden Mächte verstärkten ihre Wehr zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Das einzige, was mit der Abrüstung wirklich etwas zu tun hatte, war eine Kommission in Genf, die aber noch nie über das Stadium der Verhandlungen hinausgekommen ist und dann, wenn sie auf besondere Schwierigkeiten stieß, schnell eine Unterkommission einsetzte.
Lohnt stch's überhaupt, daß Deutschland dort vertreten ist? Die Reden, die Graf Bernstorff als deutscher Delegierter hält, sind doch nur Lufterschütterungen. Und die Anträge, die gestellt werden, um auch nur den Anfang einer Abrüstung zu machen, lohnen kaum das Papier, auf dem sie gedruckt werden. Eben wieder hat man zwar den „Bakterien"- Krieg verboten, den es bisher überhaupt nicht gegeben hat und dessen Anwendung technisch vorläufig noch kaum als möglich erscheint, hat aber dann die Abschaffung des Giftgasgebrauches im Kriegsfall an einen ausdrücklichen gegenseitigen Verzicht der beteiligten Mächte geknüpft. Hat es auch für nicht völkerrechtswidrig betrachtet, wenn Bombengeschwader das Hinterland des Gegners aufsuchen und dort auf die Zivilbevölkerung losgelassen werden.
Dafür hat man sich aber schon jahrelang um die zahlenmäßige Größe der Heere herumgestritten. Frankreich stellte sich auf den Standpunkt, daß seine Kolonialarmee dabei ebensowenig Berücksichtigung finden dürfte wie die Masten der Reverviften, also der militärisch Ausgebildeten. Eine Zeitlang widersprach auch England, nicht bloß die ehemaligen Mittelmächte; ließ auch Amerika immer wieder erklären, daß die Gesamt- ---W»M.^^«^rn
umgefallen in der französisch-englischen Flottenverein- barung, deren Veröffentlichung im Sommer des vergangenen Jahres so großes und besonders in Amerika sehr unliebsames Aufsehen erregte. Und jetzt ist der Vertreter der Washingtoner Regierung gleichfalls umgefallen, hat sich dem französischen Standpunkt zugesellt. Man will zwischen Paris, London und Washington offenbar zu einer Vereinbarung über die Seerüstung kommen. Von der französisch-englischen Marinekonvention redet man nicht mehr; sie ist in der Versenkung verschwunden und nur Frankreich rettete für sich ohne jegliches Gegen- zugeständnis die englische Einwilligung dazu, die französische Erklärung, daß in eine „Abrüstung" die Massen der Heeresverstärkung durch die ausgebildeten Reserven nicht einbezogen werden sollen, nicht bloß zu billigen, sondern auch zu unterstützen. Jetzt wird auch zur See ein Ausgleich geschaffen. 5:5:3, also gleich starke Seerüstung Amerikas und Englands, eine verhältnismäßig geringere für Frankreich — und wahrscheinlich auch Japan — soll die Höchstgrenze abgeben. Daß angesichts der Entwicklung der modernen Kriegsmiltel alle diese Dinge nur auf dem Papier stehen, es außerdem auch nicht einmal eine praktische Garantie für die Durchführung selbst dieser „Beschränkungen" gibt, ist so selbstverständlich, daß man sich eigentlich die ganze Beratung in Genf sparen sollte. Bezeichnend ist ja die Erklärung des englischen Vertreters, er sei zwar früher für die Einbeziehung der Reserven gewesen, sei jetzt aber dagegen, damit die Kommission überhaupt etwas zustande bringe. Auf das Endresultat wird die Welt wohl kaum sehr gespannt sein!
Der deutsche Vertreter, Graf Bernstorff, hat daraufhin zu verstehen gegeben, die Reichsregierung müssesichihre Stellungnahme noch vorbehalten der Tatsache gegenüber, daß hinsichtlich der Waffenrüstung zu Lande alles beim alten bleibe. Frankreich, das nicht an Abrüstung, geschweige denn an eine Ausführung der diesbezüglichen Versicherung des Versailler Friedens denkt, hat eben einen vollständigen Sieg errungen.
Der Kampf um die Reservisten.
Der Vorbereitende Abrüstungsausschuß lehnte heute den Antrag der deutschen Delegation gegen die Stimmen von Deutschland, Sowjetrußland und China ab, demzufolge in den ersten Artikel des Konventionsentwurfes, der die Beschränkung der effektiven Truppenbestände und der militärischen Organisation behandelt, auch die Beschränkung der militärisch ausgebildeten Reserven ausgenommen werden soll. Damit hat der Ausschuß fast einstimmig sich aus den Standpunkt der französischen Regierung gestellt, |bte die gesamten militärisch ausgebildeten und am Tage »der Mobilmachung unter die Waffen tretenden Reserven von der Beschränkung auszuschließen wünschte.
J Der Abrüstungsausschuß hat damit einen der Hauptgrundsätze der gesamten Abrüstungsfrage fallen gelassen und beschlossen, die Begrenzung der Rüstungen lediglich auf die aktiven Truppenbestände zu beschränken. Ferner lehnte der Ausschutz einen sowjetrussischen Antrag ab, in dem ersten Vertragsartikel ausdrücklich nicht nur von einer Beschränkung, sondern von einer Herabsetzunn
Schachts Berliner Konferenzen
desprechnngen des Reichsbank- präsidente».
Offensive gegen die Mark gescheitert.
Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der aus Paris zu einem mehrtägigen Aufenthalt in Berlin eingetroffen ist, hatte im Verlaufe des Montags zwei Besprechungen. Die eine fand mit Mitgliedern des Reichsbankdirektoriums statt, die sich auf die Lage am Devisenmarkt und mit den Vorbereitungen zu der am Dienstag und Mittwoch tagenden Generalratssitzung der Reichsbank befaßte. Die zweite Unterredung hatte der Reichsbankpräsident mit dem sogenannten Reparationsausschuß des Reichskabinetts, dem die an den Reparationsfragen unmittelbar beteiligten Mitglieder der Reichsregierung angehören. Diese Konferenz, die im Arbeitszimmer des Reichskanzlers tagte, dauerte etwa zwei Stunden.
In diesem Zusammenhang kann übrigens darauf hingewiesen werden, daß sich die La g e am Devisenmarkt vollkommen beruhigt hak. Die Dollar- nachfrage war am Montag erheblich geringer als ckn den Vortagen, so daß man sagen kann, daß der Vorstoß der internationalen Devisenspekulation, der besonders von Frankreich ausging, schon jetzt als abgeschlagen gilt. Diese französischen Angriffe aus die Mark gingen besonders über Amsterdam, wo zahlreiche Bureaus eine nicht immer gerade einwandfreie Vermittlertätigkeit ausgeübt zu haben scheinen.
Der Rüstungen zu sprechen. Auf Antrag Lord Cushenduns wurde ferner aus dem Vertragstext eine Bestimmung gestrichen, nach der die ohne Mobilisierung sofort verwendbaren Truppenbestände gleichfalls von der Beschränkung der Rüstungen ausgeschlossen bleiben sollen.
5; I^G^ms'MMergvau.
Wird der Schiedsspruch für verbindlich erklärt?
Der G e w e r k v e r e i n Christlicher Bergarbeiter und der Bergbauindustrieverband (Alter Bergarbeiterverband) lehnten in Essen den Dortmunder Lohnschiedsspruch als ungenügend und unbefriedigend ab. Die Verbände erwarten vom Reichsarbeitsminister, daß er den Schiedsspruch nicht für verbindlich erklären, sondern für eine bessere Lohnregelung sorgen werde. Ebenso hat der Christliche Metallar b e i t e r v e r b a n d in seiner Bezirkskonferenz der Zechenhandwerker, Heizer und Maschinisten den Schiedsspruch für den Ruhrbergbau einstimmig abge - l e h n t mit der Begründung, daß dieser den teueren Lebensverhaltnissen wie auch der verantwortungsvollen und gesundheitsschädlichen Arbeit in keiner Weise Rechnung trägt.
Der Z e ch e n v e r b a n d dagegen hat beschlossen, den Schiedsspruch a n z u n e h m e n. Es bleibt nun abzu- warten, ob bte zuständigen Instanzen jetzt zu einer Ver- bmdttchkertserklarung des von Arbeitgeberseite angenommenen, von den Gewerkschaftsverbänden aber abgelehnten Schiedsspruches schreiten werden.
Die neue HmMe Regierung.
Ein Linkskabinett.
Da bei den Wahlen zum Folkething eine erhebliche Neigung der Wähler nach links zutage getreten ist und die Zusammensetzung des Parlaments sich demgemäß verändert hat, ist die bisherige Regierung zurückgetreten. Der König hat der neuen Ministerliste, unter der Präst- dentscbaft des Sozialdemokraten Stauning, seine Zustimmung erteilt. Die Liste setzt sich aus neun Sozialdemokraten und drei Mitgliedern der radikalen Linken zusammen. Ministerpräsident Stauning übernimmt auch das Ministerium für Seeschiffahrt und Fischerei. Die Ministerien des Äußeren, der Justiz und des Innern sind mit den Radikalen Munch, Zahle (früher Gesandter in Berlin) und Dahlgaard besetzt. Das neue Ministerium hat int neuen Folkething eine sichere Mehrheit, nämlich 77 von 149 Mandaten. Die Ministerien für Finanzen, Verteidigung, Handel und Industrie. Soziales, Unterricht, Kirche, Verkehr und Landwirtschaft werden durch Sozial- demorraten verwaltet.
Lnnungs- oder Oriskrankenkaffen?
Deutscher Reichstag.
(67. Sitzung.) OB. Berlin, 29. April.
Die Einzelberatung des Haushalts des Reichsarbeits- mintsteriums wird fortgesetzt beim Kapitel „Sozialversicherung"; es wird damit eine Unzahl von Anträgen usw verbunden.
Frau Abg. Arendsee (Komm.) bringt Klagen vor über die schleppende Erledigung von Beschwerden in Versorgungssachen und beantragt ferner eine Anzahl von Erhöhungen für Zwecke der Sozialversicherung.
Abg. Petzold (Wirtschaftspartei) tritt lebhaft für die Erhaltung und den weiteren
Ausbau von Jnnungskrankenkaffen ein. Stark kritisiert er daaeaen die Ortskrankenkassen. Die
Pariser und Londoner Blätter wissen von neuen Vorschlägen des Konferenzvorsitzenden Owen Joung und von Gegenvorschlägen Dr. Schachts zu berichten. Das angebliche neue deutsche Angebot soll eine Bestimmung enthalten, wonach die Zahlungen nach fünfzehn Jahren vermindert oder aufgeschoben werden könnten, wenn die Wirtschaftslage der Welt es rechtfertige. Alle diese Kombinationen sind natürlich mit großer Vorsicht zu genießen. Festzustehen scheint, daß man in Paris gegenwärtig bemüht ist, den Schlußbericht so zu gestalten, daß eine Fortsetzung der Verhandlungen auf diplomatischem Wege möglich ist. Wie verlautet, wird die Abfassung des Schlußberichtes noch etwa vierzehn Tage dauern. Dr. Schacht wird am Donnerstag in Paris zurückerwartet.
Die Sitzung des Redaktionsausschusses der Reparationskonferenz.
In der Montagssitzung des Redaktionsausschufses der Reparationskonferenz, an der deutscherseits in Vertretung des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht Geheimrat Kastl teilnahm, hat der englische Delegierte Sir Josiah Stamp den ersten Entwurf eines Berichtes vorgelegt und ihn verlesen. Es wurden von einigen Mitgliedern des Ausschusses Bemerkungen gemacht. Dieser Bericht setzt sich aus zahlreichen Teilen zusammen und ist vorläufig nur in englischer Sprache abgefatzt. Auch sind die einzelnen Teile noch nicht geordnet. Er enthält einen Überblick über das Zustandekommen der Konferenz, deren Auftrag und die Aussichten betreffend die Lösung.
Jnnungskrankenkaffen hätten sich große Verdienste um den Mittelstand erworben. Der Redner ist gegen eine Heraufsetzung der Einkommensgrenze' für den Zwang zur Orts- krankenkasse. Alle Unternehmungen der öffentlichen Hand sollten nicht weiter ausgedehnt werden. Das mittelständische Gewerbe leide unter dieser ’ ‘' " * " '
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. ,, - ., ___ „ .W der Abgeordnete dafür ein. daß auf Einschränkungen der Ortskrankenkassen sowie anderer öffentlichen Betriebe und auf Befeltigung der Selbstlieferung durch die Kassen eingewirkt werde.
Abg. Ziegler (Dem.) tritt dem Vorredner entgegen und behauptet, alle derartigen Beschwerden gegen die Ortskrankenkassen beruhten auf eigennützigen Interessen einzelner. Der Redner gerät dabei in längere und mitunter erregt werdende Zwiegespräche mit der Wirtschaftspartei, der er die Vertretung von Sonderinteressen vorwirft. Mitunter artet die Rede direkt in Zwiegespräche aus, von Gelächter und Zurufen unterbrochen. Die Jnnungskrankenkaffen hätten förmlich einen Handel mit allen möglichen Kleinigkeiten eröffnet. Das müsse aufhören. Abg. Ziegler spricht die Hoffnui g aus, daß im Herbst eine Novelle zur Reichsversicherunäsordnung angenommen werde und damit auch eine grundsätzliche Regelung für die Jnnungskrankenkaffen eintrete.
Abg. Trotzmann (Bayer. Vp.) spricht für eine beflere und
vermehrte Fürsorge für die kinderreichen Familien;
auch in den Tarifverträgen müßte auf die Kinderzahl Rücksicht genommen werden. Abg. Troßmann fordert die Reichsregierung auf, die Vorschläge für eine Familienversicherung genau zu prüfen.
Abg. Stöhr (Nat.-Soz.) stellt einen Antrag, der die Bewilligung von 120 Millionen fordert zur Beseitigung des Unrechts, das im Saargebiet an den Sozialversicherten des Saargebiets begangen sein soll. Weiter will er die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses für diese Angelegenheit.
Damit schließt die Besprechung.
„ , Der nationalsozialistische Antrag zur Einrichtung eines Untersuchungsausschusses wird abgelehnt. Eine große Zahl von Antragen aus allen Parteien, die mit dem Kapitel Sozial- Versicherung verbunden waren, wird den Ausschüssen über- wiesen.
, Das Haus setzt die Beratung des Etats des Reichs- ^Ä.^^""I?rtums bet dem Kapitel Arbeitsvertragsrecht, Schlichtungswesen und Arbeitsschutz fort - ;
Zu diesem Kapitel äußert sich noch eine Reihe von Rednern, so. der Abg. Metz (Soz.), der seine Entrüstung über die Bluttat dör Nationalsozialisten in Frankfurt a. M. ausspricht. Frau Abg. Weich (Soz.), die für den Jugendschutz eintritt, Abg. Schmitt-Merseburg (Komm.), der die Sozialisten angreift, weil sie den Mißbrauch von Kindern bei der Arbeit begünstigen.
Abg. Papke (Komm.) kritisiert das Schlichtungswesen und sagt, es sei nicht besser als die faschistischen Maßnahmen in Italien und Die antigewerkschaftlichen in England.
Ihm tritt Reichsarbeitsminister Wiffell entgegen und führt aus, das deutsche Schlichtungswesen stehe auf einer Höhe, die nirgendwo erreicht werde, am wenigsten in Rußlanad.
.Es folgt noch eine Reihe von Abstimmungen über verschiedene Anträge und Überweisungen an die Ausschüsse, ehe sich das Haus vertagt.
JolgensHwerer Zusammenstoß
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Mädchen wurden ^bmöert. Zahlreiche Frauen und