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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiser für den Kreis Hersfeld

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Nr. 104

mit den Beilagen: Illustriertes AalerhaltungSblatt / Nach Feterabenb / Herb vnS Gckolle / Unterhaltung nnb Wissen Belebrnna und Kurzweil / Wirtschaftliche TageSfrogea.

Sonnabend, den 4. Mai 1929

79. Jahrgang

Um Tod und Leben.

Der Bruderzwist. Der Kampf um die Todesstrafe. Prinzipienreiterei.

Zur Feier des Tages, der, nach dem Willen und nach den auf zahlreichen internationalen Kongressen bekräftigten Entschlietzungen der Sozialdemokratie, einer eindrucks­vollen Bestätigung des Weltfriedensgedankens zu dienen bestimmt sein sollte, ist in der Haupt stadt des Deutschen Reiches Blut geflossen; Arbeiter­blut, wie man zu sagen sich nach und nach angewöhnt hat. Menschenblut, wie man statt dessen wohl besser sagen könnte. Nur in Deutschland ist es zu so betrübenden Zu­sammenstößen zwischen Volksmassen, die angeblich nichts weiter als das einfacheRecht auf die Straße" durch­setzen wollten, und den Machtwerkzeugen des Staates, den berufenen Schützern seiner Ruhe und Ordnung, gekommen. Für diejenigen, denen es bei allem, was sie tun und reden, nur um die schärfste Zuspitzung der innenpolitischen Gegensätze, nur um die Bestätigung ihrer revolutionären, ihrer klassenkämpferischen Gelüste zu tun ist, gewiß ein im tiefsten Herzensgründe willkommenes Ereignis, weil sie dessen sicher zu sein glauben, daß vergossenes Blut immer wieder neues Blutvergießen zur Folge haben muß, weil ihnen nichts so wenig erwünscht sein kann wie ein allmähliches Nachlassen des Bruder­zwistes im Volke. Da die allgemeinen Zeitverhältnisse, wie man leider zugeben muß, ihnen einigermaßen günstig sind, wird man sich schon aus neue Unerfreulichkeiten in unserem politischen Leben gefaßt machen müssen. Das Interesse der großen Öffentlichkeit gehört nun einmal heute viel weniger der stillen, sachlichen Arbeit, die dazu bestimmt ist, der ungeheuren Schwierigkeiten der Zeit, der sozialen Nöte, der wirtschaftlichen Verlegenheiten, der finanziellen Bedrängnis Herr zu werden. Alle Wohl­meinenden sind sich im Grunde darüber einig, daß es eigentlich keine dringendere Forderung des Tages gebe, als die entschlossene Zusammenfassung der zu vernünftiger Arbeit bereiten Kräfte über alle Parteigegensätze und sonstigen Unterscheidungen hinweg zu e i n e r tatkräftigen und jeden Widerstand beseitigenden Volksgemeinschaft.

Aber für große Entschlüsse scheint unsere Zeit nichts weniger als reif zu sein. Wir sehen das eben wieder an der Haltung des Reichstagsausschusses für das neue Strafrecht, der sich weder für die Beibehaltung noch für die Abschaffung der Todesstrafe entscheiden konnte, obwohl die nun schon seit Monaten durchgeführlen Ver­handlungen über diese Frage an Gründlichkeit kaum zu übertreffen waren. Auch nicht an echt deutscher Gewissen­haftigkeit; das konnte man an den mancherlei Vermitt­lungsanträgen ablesen, die von den verschiedensten Seiten gestellt wurden, um einen Ausweg aus den unleugbaren Schwierigkeiten der Materie zu finden. Die Geister stan­den, wie sich unschwer beobachten ließ, sehr stark unter der Wirkung des leidenschaftlichen Kampfes gegen die Todes­strafe, der in letzter Zeit namentlich von den Brettern, die die Welt bedeuten, für die möglichste Vermenschlichung des Strafrechts geführt worden war, und es läßt sich wohl voraussehen, daß, je länger der Streit noch unentschieden hin- und herwogt, desto geringer die Aussichten für die Beibehaltung dieser äußersten Strafe werden müssen.

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Dabei steht praktisch bei diesem Kampf der Meinungen nicht mehr gar soviel auf dem Spiel, denn auch die Anhänger der Todesstrafe sind sich darüber rm klaren, daß ihre Vollstreckung nur noch in den aller- seltensten Fällen gestattet werden dürfe, und andererseits haben wir es doch eben erst wieder erlebt, daß das Men­schenleben von seinen Trägern selbst durchaus nicht immer als der Güter Höchstes eingeschätzt wird. Der eme setzt es sein eigenes wie auch das von Nebenmenschen um politischer Ziele willen kaltblütig aufs Spiel, der andere befreit sich kurzerhand von der Last wie von der Lust des Daseins, weil er es verlernt oder überhaupt nicht gelernt hat, eine höhere Schicksalsgewalt über sich zu verspüren. Ist es danach im Grunde viel mehr als Prinzipienreiterei, wenn der Strasrechtsaus- schutz bei diesem einen Problem mit so bewunderungs­würdiger Geduld verbleibt und schließlich darüber m zwei gleiche Teile auseinanderfällt? Wir leben ob mit oder ohne Todesstrafe in einer recht grausam gewordenen Welt; mit bloßen Paragraphen, positiven oder negativen, wird an ihr nicht viel zu ändern sein. Dr. Sy.

Der Schiedsspruch für den Ruhrbergbau verbindlich.

Der Reichsarbeitsminister hat nach Mit­teilung des Vereins für die bergbaulichen Interessen be» Ruhrgebiets den Lohnschiedsspruch für den Ruhrberg­bau vom 22. April 1929 von Amts wegen fürvervrnd- lich erklärt.

Reue Goldabflüsse der Reichsbank.

Die Notwendigkeit der Diskonterhöhung.

Wenn es einer Beweisführung für die Notwendigkeit, den Reichsbankdiskont heraufzusetzen bedurft hätte, so hat sie der soeben veröffentlichte Ausweis der

FortdauerderBerllnerKrawalle

Neue Wütige Kämpfe in Berlin.

Ausnahmezustand über das Kampfviertel

Die blutigen Kämpfe in Berlin haben noch immer kein Ende gefunden. Den Demonstrationen ist ein regel­rechter Bürgerkrieg gefolgt. Die Hauptzentren, in denen gekämpft wird, find der Wedding und Neukölln, wo die Polizei eine planmäßige Säuberungsaktion begonnen hat, nachdem es auch in der Nacht vom Donnerstag zum Frei­tag und auch am Freitag vormittag zu Kämpfen zwischen Kommunisten und Polizisten gekommen ist, wobei die Polizei wieder mit Panzerautos gegen die Kommunisten vorgehen mußte. Bei diesen neuen Kämpfen hat es wieder drei Tote und zahlreiche Verletzte gegeben. Da sich die Lage in Neukölln und am Wedding immer mehr zuspitzt, hat sich der Berliner Polizeipräsident dort zu be­sonders einschneidenden Maßnahmen veranlaßt gesehen, die einem Belagerungszustand für diese Teile Berlins gleichkommen.

Nach diesen Maßnahmen ist von 9 Uhr abends bis 4 Uhr früh jeder Verkehr in bestimmten Straßenvierteln dieser Stadtteile verboten. Ausnahmen gelten nur für Ärzte, Hebammen und Sanitätspersonal. Jedes Umher­stehen in den Hausfluren oder Hausnischen sowie Tor­einfahrten ist verboten. Die straßenwärts gelegenen Fenster müssen in der angegebenen Zeit geschlossen bleiben. Anch darf in den straßenwärts gelegenen Räumen wäh­rend der angegebenen Zeit kein Licht brennen. Zuwider­handelnde Wohnungsinhaber setzen sich der Gefahr aus, daß die Fenster von der Straße aus durch die Polizei unter Feuer genommen werden.

Am Tage darf in den in Betracht kommenden Bezirken und genannten Straßen sowie in den Hausfluren, Haus­nischen und Toreinfahrten keine Person stehenbleiben. Die Polizei wird besonders darauf achten, daß sich niemand länger aus der Straße aufhält, als unbedingt erforderlich ist. Personen, die sich ohne festes Ziel aus der Straße be­wegen, werden sestgeurmuueti. ^nfa.n.,.>»Peheu von bx&L oder mehr Personen ist nicht gestattet. Jeder Radfahr- verkehr ist untersagt. Die in den genannten Bezirken be- legenen Gastwirtschaften werden abends 9 Uhr geschlossen.

Weiterhin unternimmt die Polizei systematisch eine Durchsuchung der in den betreffenden Vierteln liegenden Häuser nach Waffen, wobei schon zahlreiche Waffen aller Art und Totschläger sowie Munition gefunden, be­schlagnahmt und daraufhin auch Verhaftungen vor­genommen wurden. Die Polizei vertritt die Meinung, daß es sich bei diesen Ausschreitungen, bei decken sich namentlich halbwüchsige Burschen hervortun, um eine von den Kommunisten angeregte planmäßige Aktion gegen die Staatseinrichtungen handelt.

Finanzielle Hilfe aus Moskau?

Im übrigen scheint es, daß die Kommunisten aus Moskau finanzielle Unterstützungen erhalten. Wie ein Telegramm aus Moskau-besagt, hat die Internationale Arbeiterhilfe sich an die russischen Gewerkschaften und andere russische Kommunistenorganisationen mit der Bitte gewandt, Gelder zwecks Unterstützung der Opfer der Ber­liner Ereignisse zu sammeln. Die Internationale Arbeiterhilfe hat von der Sowjetregierung die Erlaubnis zu dieser Geldsammlung erhalten. Die Sammlung, die von der Internationalen Arbeiterhilfe in Rußland auf 10 000 Mark gebracht werden soll, dient der Unterstützung aller Berliner Maiopfer, die sich in schlechter materieller Lage befinden.

Netwsvank zu Ende April erbracht. Nahezu 300 Millionen Mark hat die Reichsbank in der letzten April- woche von ihrem Goldbestände hergeben müssen, der da­mit auf die Höhe, die er Ende Februar vorigen Jahres erreicht hatte, zurückgeworfen ist. Die Goldabflusse seit Ende Februar haben damit eine Hohe von nicht weniger als 838 Millionen Mark erreicht. Der Bestand an deckungssähigen Devisen konnte zwar in der Berichts- Woche um rund 60 Millionen Mark erhöht werden, man muß aber bis auf den Juli E zurückgehen um einen gleich niedrigen Bestand an Gold und deckungssähigen Devisen zusammen zu finden, wie er zurzeit ausgewresen wird Durck diesen Goldabfluß ist die Reichsbank h a r t

gleich niedrigen «esiano an ®viv Devisen zusammen zu finden, wie er sw wird. Durch diesen Goldabfluß ist die N an die Grenze des ihr durch Bankgesetz vorgeschrie­benen Deckungsverhältnisses der umlaufenden

Noten herangekommen.

Keine deutschen Vorschläge, aber Anregungen.

Die Reparationsentscheidung wahrscheinlich Montag.

Über die Unterhaltungen, die Dr. Schacht kurz nach seiner Rückkehr aus Berlin in Gegenwart Dr. Vöglers mit dem Vorsitzenden der Pariser Kommission hatte, ist so gut wie nichts durchgesickert, noch weniger über die kurze Unterhaltung, die der Reichsbankpräsident angeblich noch mit Sir Josua Stamp und dem Gouverneur der Bank von Frankreich, Moreau, hatte. Es steht nur so viel fest, daß dieser ersten Fühlungnahme neue Besprechungen zwischen Dr. Schacht und Owen Aoung sowie einigen anderen Hauptdelegierten folgen

Am Donnerstag hat in Moskau eine Versammlung der deutschen Kommunisten ftattgefunden, in der Ver­treter der deutschen Abteilung der Kommunistischen Inter­nationale Reden hielten. Sie erklärten in ihren Aus­führungen zu den Berliner Vorgängen, daß die Ereig­nisse des 1. Mai gezeigt hätten, daß das deutsche Prole­tariat zur Führung eines Bürgerkrieges reif geworden sei. Nach der Auffassung der deutschen Kommunisten müsse der Kampf gegen die Berliner Polizei fortgesetzt werden, um dann später diese Bewegung auf das ganze Reich auszudehnen.

Um die Gemüter in Berlin nicht noch mehr durch die aufreizende Sprache, die das Berliner Kommunistenblatt, die Rote Fahne, im Anschluß an die blutigen Vorgänge des 1. Mai führte, zu erhitzen, hat der Berliner Polizei­präsident dieses Blatt auf die Dauer von drei Wochen ver­boten, weildie Rote Fahne die Kommunistische Partei Deutschlands in ihrer Bestrebung, die verfassungsmäßig festgestellte republikanische Staatsform des Reiches zu untergraben, durch die Tat unterstützt habe". Der Leitung der Kommunistischen Partei ist es durch Flugblätter, Reden in den Versammlungen usw. gelungen, in zahl­reichen Berliner Betrieben die Arbeiterschaft alsProtest gegen das Verhalten der Polizei" von der Arbeitsstätte fernzuhalten. Es handelt sich hierbei vornehmlich um mehrere Zigarettenfabriken, um Metall- und Bauarbeiter.

Auch im Reiche sind in einigen Unternehmungen die Arbeiter nicht zur Arbeit erschienen.

M Sand- md Gewehrgranaten.

Welch schweren Stand die Polizei gegenüber den Tumultuanten hat, erweist sich aus folgender Meldung, die das Berliner Polizeipräsidium am Freitag nach­mittag veröffentlichen läßt. Es heißt darin:

Nachdem in den Vormittagsstunden in Neukölln in der Hermannstraße und in den angrenzenden Straßen immer wieder kleinere Zusammenstöße zwischen Polizei und Straßenpöbel stattgefunden haben, die erst durch das ElngrxMn KW^^^^,J£^^^^^^ in gemeinsamem Vorgehen mit Panzerwagen beendet werden konnten, ist es in den Nachmittagsstunden zu n e u e n Zwischen- fällen gekommen, die ernsteren Umfang anzu- nehmen drohten. Von neuem eingesetzte Polizeitruppen sind mit Hand- und Gewehrgranaten aus­gerüstet. Es soll auch Tote und Verletzte gegeben haben.

Hoffentlich gelingt es der Polizei bald, wieder Ord­nung und Ruhe in Berlin herzustellen, da das Leben der Reichshauptstadt natürlich unter diesen Zuständen leidet.

Die Sowjets rempeln Deutschland an.

Verspottung von Reichsministern bei der Maiparade.

Wegen der mehrere deutsche Minister beleidigen­den Plakate, die gelegentlich der Moskauer Mai­feiern herumgetragen wurden, hat das Auswärtige Amt die notwendigen diplomatischen Schritte eingeleitet.

Es handelt sich dabei um grobe Verspottungen deutscher innenpolitischer Angelegen­heiten. So wurde in einem Festzug auf einem Wagen der von den deutschen Sozialdemokraten bewilligte Kreuzer gezeigt, der vorn die alte, hinten die neue Reichsflagge und am Mast die alte Marineflagge trug. Auf dem Schiff befanden sich in bösartigen Karikaturen verschiedene Reichsminister mit beleidigenden Unter­schriften.

werden. Die Abwesenheit Moreaus und die Londoner Reise des japanischen Delegierten Kengo Mori bringen es mit sich, daß vor Montag kommender Woche kaum irgendwelche Entscheidungen fallen werden.

Wenn sämtliche Delegierten anwesend sind, so be­richtet Havas, wird es möglich sein, zu sehen, ob die Ex­perten in der Lage sind, einen einstimmigen Bericht abzu- fassen oder nicht. Gemäß den in Konferenzkreisen ein­geholten Auskünften soll die deutsche Delegation keine eigentlichen Vorschläge gemacht, jedoch An­regungen gegeben haben. Diese Anregungen werden Gegenstand des demnächstigen Meinungsaustausches bilden.

Spiritus aus Holz.

Proteste der Landwirtschaft.

Der Reichsrat beschäftigte sich mit einem Anträge der Brennerei- und Pretzhesefabrik Tornesch, die ein neues Verfahren erfunden hat, aus Holz und Holzabfällen Spiritus herzustellen. Die Ausschüsse des Reichsrates haben trotz verschiedener Bedenken mit Mehrheit den An­trag der Firma genehmigt, aber mit dem Hinzufügen, daß die Firma nach dem neuen Verfahren jährlich nur bis 35 000 Hektoliter Spiritus herstellen darf.

Namens der landwirtschaftlichen preußischen Pro­vinzen gab Freiherr von Gayl eine Erklärung ab, in der aus grundsätzlichen Erwägungen heraus der Antrag abgelehnt wird. Der Reichsrat stimmte mit Mehrheit dem Beschluß der Ausschüsse zu.