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HersfelöerTageblaü

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Amtlicher MnZeiger für den Kreis Hersfelö

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Nr. 105

mit dea Beilagen: Illastrierles AnterhallangSblatl / Nach Feierabend / Aerd anv Scholle , Auterbaltong v»S Wissen Belehrnna and Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Montag, den 6. Mai 1929

19. Jahrgang

Politik im Frack.

Der Vorgänger des jetzigen deutschen Botschafters in Washington war ein Mann, der schon selbst über sehr große finanzielle Mittel verfügte, außerdem durch seine Heirat mit der Tochter eines der bekanntesten deutschen Großindustriellen die goldene Basis seiner Existenz noch stark verbreitert hatte. Und doch hat er, der Freiherr v. Maltzan, der in einem Flugzeugunglück zum Opfer fiel, einen längeren Urlaub genommen, um, wie er selbst erzählte, sich von seinem Washingtoner Botschafterposten finanziell zu erholen". Die Ansprüche repräsentativer Art, die an ihn als Vertreter Deutschlands in dem dollar- schweren Amerika gestellt wurden, waren so Hoch, daß selbst das überaus hoh? Gehalt, das er bezog, längst nicht mehr ausreichte.

Man hat jetzt im Haushaltsausschuß des Reichstages bei der Beratung des Etats des Auswärtigen Amtes allerhand gehört über die Gehälter nicht bloß der deut­schen Botschafter und Gesandten im Auslande, sondern auch ihres Nachgeordneten Personals. Hatte staunend ver­nommen, daß selbst Legationsräte ein höheres Gehalt lies: Repräsentationskosten beziehen als der deutsche Außenminister, also ihr höchster Vorgesetzter. Der übri­gens darob weiter nicht böse ist, denn er weiß ganz genau, daß in Amerika z. B. der Dollar nicht viel mehr bedeutet als in Deutschland die Mark. Der deutsche Botschafter dort drüben aber in Dollar bezahlen muß, wenn er Deutschland repräsentiert.

Die Repräsentation das war der Punkt, um den sich die Debatte drehte. Ist doch seit vier Jahren der Etat des Auswärtigen Amtes auf das Doppelte an­gewachsen, so stark, daß er jetzt die 70 Millionen erreicht. Allerdings seien etwa ein Drittel davon Ausgaben, die rein kulturpolitischen Zwecken dienen, äußerte der Minister Dr. Stresemann, stellte aber auch gleich fest, daß die Repräsentation im Auslande durch die Vertreter aller Mächte die vernünftigen Grenzen weitüber- fch ritten hätte. Und da müßten eben die deutschen Gesandten mitmachen. Sie und ihr Personal. So daß

MMrEM MWMK die Tanzkunst beherrschen müßten!

Ändern läßt sich nicht viel daran, denn dieprmn- tiven" Zeiten sind vorbei, da ein preußischer König seinem finanziell nicht auf Rosen gebetteten Gesandten in London auf sein Gesuch um Gehaltserhöhung wegen der notwen­digen Repräsentation geschrieben hatte, er solle nur immer ruhig darauf hinweisen, daß hinter dem preußischen Ge­sandten der König und ein Heer von hunderttausend Bajonetten stehe. Das sei genugRepräsentation". Wir Deutsche haben es schmerzvoll erfahren, was es heißt, nicht Fühlung genug gehabt zu haben mit allen Kreisen des Landes, wo deutsche Botschafter saßen. Haben es im Weltkriege feststellen müssen, wie überall die goldene Saat aufging, die von den Ge­sandten der Ententemächte ausgestreut war. Die vielen Millionen die aus London, Paris und Petersburg zu jenen Stellen flossen, haben sich vielfältig gelohnt. Noch heute haben dort die Auswärtigen Ämter Geheim­fonds im Betrage von gleichfalls vielen Millionen, über die den Parlamenten Rechenschaft nicht abgelegt zu wer­den braucht, und das Wort von derAbschaffung der Ge- heimdiplomatie" ist nie mehr als nur unausgeführtes Versprechen geblieben. Und daneben gibt es zahllose zivile" Einrichtungen, die, mit Unterstützung der Staats- regierung ihres Landes, im Auslande eineKultur­propaganda" allergrößten Stiles treiben als Vorposten späterer auch politischer Einflußnahme.

Da kommt Deutschland nicht mit. PoincarS hat zwar vor kurzem das Gegenteil behauptet und erklärt, Deutsch­land wende so etwa 16 Millionen Mark fürGeheim- zwecke" im Ausland auf, hat sich aber den Nachweis gefallen lassen müssen, daß davon kein Wort wahr sei. Etwas anderes freilich ist es, ob die Millionen, die für die Repräsentation hingegeben werden, den Aufwand lohnen. Ob nicht doch auch hier größcreSparsamkert mög­lich ist. Dr. Stresemann hat es beklagt, daß sogar in Berlin selbst die Versuche einer Einschränkung dieser Ne- präsentationspflichten gescheitert sind. Daß vielmehr die dazu Verpflichteten bis tief in das Frühjahr hmern so­zusagen aus dem Frack gar nicht herauskommen und von Sparen gar keine Rede ist. So muß der Reichstag seufzend bewilligen, was die Außenpolitik an Kosten jeglicher Art dem deutschen Steuerzahler auferlegt.

. Wenn sich's wenigstens lohnen würde . . .

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Einigungsaussichien in Paris.

Ein amerikanischer Vermittlungsvorschlag.

Aus der Pariser Reparationskonferenz hat man sich in den letzten Tagen bemüht, doch noch zu einer Einigung zu kommen. Der Vorsitzende der Konferenz, der Ameri­kaner Owen D. Young, hat einen Vermittlungsvorschlag ausgearbeitet, der auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein scheint.

über eine am Sonnabend abgehaltene Besprechung der Vertreter der Gläubigerstaaten meldet das offiziöse französische Havasbureau, daß in ihr der Vorsitzende der Reparationskonferenz Owen D. Uoung Zahlen und einen Zahlungsplan mitgeteilt habe mit dem Hinzufügen, daß ihm die deutsche Gruppe erklärt habe, sie sei bereit, diese Zahlen unter nana bestimmten Bcdinaunaen anzuuebmen.

Keine Veschrönknng des Kkiegsmtekiiils

Deutschlands Protest in Genf.

Erklärung der Reichsregierung.

Nach dreitägiger Debatte in Genf über die Frage der direkten oder indirekten Begrenzung desHeeres - m a t e r i a l s hat der Vorbereitende Ausschuß für die Ab­rüstungskonferenz folgende von Frankreich, den Vereinig­ten Staaten und England gemeinsam eingebrachte Ent­schließung in namentlicher Abstimmung mit 22 gegen 2 Stimmen (China und Sowjetrußland) bei S t i m m e n t - Haltung Deutschlands angenommen:Nachdem der Vorbereitungsausschuß für die Abrüstungskonferenz die Systeme zur direkten Beschränkung des im Dienst ver­wendeten und des lagernden Heeresmaterials ausgeschie­den und festgestellt hat, daß das System der indirekten Be­schränkung (Beschränkung der Materialausgaben) nicht die allgemeine Zustimmung finden konnte, beschließt er, daß die Beschränkung und Herabsetzung des Materials auf dem Wege der Publizität der Ausgaben gesucht werden muß, die bei der Prüfung des entsprechenden Artikels des Vorentwurfs aus der ersten Lesung behandelt werden wird."

Nach der Abstimmung verlas der deutsche Vertreter Graf Bernstorff im Auftrag der Reichsregie­rung eine grundsätzliche Erklärung, mit der klar abge- rückt wird von dem Programm der Mehrheit des Vor- bereitungsausschusses und diesemvon jetzt ab die volle Verantwortung für die Vorbereitung der Abrüstungs­konferenz, wie sie sich jetzt abzeichnet, überlassen" wird.

wenn die Gläubigergruppen ebenfalls zur Annahme be­reit seien. Die Gläubigergruppen haben die Erklärung abgegeben, daß sie den mitgeteilten Vorschlag einer so- fnrtiaenJEriÜMnii Wie Havas hinzu- fügt, kann jedoch eine Einigung nicht vor der Rückkehr de« ersten französischen Delegierten Morcau nach Paris er­folgen, und das ist frühestens im Laufe des kommenden Dienstags. ,

Dr Schacht ist ersucht worden, ferne Bedingungen schriftlich zu fixieren, und es ist zu erwarten, daß im Falle einer endgültigen Annahme der neuen Verhandlungsbasis durch alle Beteiligten die weitere Diskussion sich vornehm­lich um diese Bedingungen drehen wird.

Die Ziffern des Uoungschen Kompromisses sind brs- her von authentischer Seite nicht bekanntgegeben worden. Sie beginnen mit einer etwas unter 1700 Millionen liegenden Jahresrate, um nach 13 Jahren den Betrag von zwei Milliarden zu erreichen. Ihr Maximum liegt bei etwa 2,2 Milliarden, so daß die durchschnittliche Jahresleistung sich auf ungefähr zwei Milliarden be­rechnet. Durch die Heranziehung der von der R e p a r a - iionsbank zu erwartenden Gewinne ist vom elften Jahre ab eine Verminderung des deutschen Auf­bringungssolls vorgesehen. Der nach dem 37. Jahre noch verbleibende Saldo der alliierten Schulden an Amerika wird ebenfalls durch die Gewinne der Reparationsbank

auch, wie die Vosf. Ztg. mitteilt, Klausel befinden, die die Möglichst

zu decken sein.

Unter be»t von deutscher Seite für die Annahme des neuen Zahlungsplanes gestellten Bedingungen soll sich auch, wie die Vosf. Ztg. mitteilt, die Aufnahme einer Klausel befinden, die die Möglichkeit einer späteren Revi­sion offenhäl, für den Fall, daß die Belastung die deutsche Leistungsfähigkeit übersteigen und zu einer sichtbaren .srerabdrückung der Lebenshaltung des deuftchen Volkes

führen sollte.

Stahlhelmlundgedung in Lött-Merg.

Rückgabe des Weichseikorridors gefordert.

Nachdem der in Danzig geplante Stahlhelmtag einem Verbot verfallen ist, wurde am 4. und 5. Mai in Königs­berg eine Stahlhelmkundgebung zu Ehren Danzigs ver- anstaltet, die aus Ostpreußen, Pommern und anderen Teilen des Reiches von geschlossenen Gruppen oder Ab­ordnungen stark besucht war. Der Sonnabend Abend brächte als Auftakt eine große Kundgebung auf dem Palästrasportplatz mit M: sikaufführungen, gymnastischen Übungen der Stahlhelmgruppen und Zapfenstreich, an den sich der Abmarsch nach der Stadt anschloß. Sonntag vor­mittag wurde auf dem Walter-Simon-Platz ein Stahl- Helmappell abgehalten mit Feldgottesdienst, einer An­sprache des Landesverbandsführers Grafen zu Eulenburg- Wicken und des ersten Bundesführers Seldte. Nach bei Weihe neuer Fahnen vollzog sich der Vorbeimarsch an den Bundesführern und ein Umzug durch die Stadt. Nach­mittags gaben die vereinigten Danziger und Königsberger Stahlhelmkapellen ein großes Konzert im Hause der Technik. Bei dieser Gelegenheit hielten Bundesführer Seldte und der zweite Bundesführer Düsterberg An­

sprachen.

Bei der Zusammenkunft des Stahlhelms auf dem Walter-Simon-Platz gab nach Begrüßungsansprachen der erste Bundesführer Seldte eine Entschließung bekannt, in der es nach einer Erinnerung an das Verbot des Stahl­helmtages in Danzig u. a heißt: Wir haben bei unserem Aufmarsch das Hauptgewicht aus Königsberg gelegt, um der immer gefährdeten Insel Ostpreußen unseren Willen

Bernstorffs Widerspruch.

In der Erklärung Bernstorffs heißt es noch weiter: Aufgabe der Abrüstungskommission ist die Vorbereitung eines Abrüstungsplanes, auf Grund dessen die Abrüstungs­konferenz einen ersten Abrüstungsschritt tun sollte. Das Maß der Abrüstung soll die Konferenz beschließen. Von den Elementen der Landabrüstung hat man in den letzten Tagen wesentliche Faktoren beiseite gelassen, die nicht fehlen dürfen, wenn sie nicht mehr als eine blasse Schein­lösung bringen soll. Meine Regierung hat nie einen Zweifel darüber gelassen, daß sie eine Lösung ohne Er­fassung aller Rüstungsfaktoren und ohne fühlbare Ver- ringerüng der noch vorhandenen übermäßigen Rüstungen selbst als eine erste Etappe nicht akzeptieren könne. Ich sehe mich daher genötigt,

klar abzurücken von dem Programm, das die Mehrheit des Ausschusses hier aufgestellt hat, und ihr von jetzt ab die volle Verantwortung für die Vor­bereitung der Konferenz, wie sie sich jetzt abzeichnet, zu überlassen. Angesichts des Ernstes der Lage appelliere ich an alle Regierungen. Mögen sie bis zum Tag des Zu­sammentritts der Abrüstungskonferenz den Willen der öffentlichen Meinung und den immer dringlicher werden­den Ruf der Völker aller Länder endlich verstehen lernen und ihre Delegierten mit anderen Weisungen versehen, als es diesmal geschehen ist. Und zwar mit Weisungen, die wirklich dem Ziel der künftigen Konferenz entsprechen, das wir unter keinen Umständen aus dem Auge verlieren dürfen, nämlich eine tatsächliche Herabsetzung der R ü st u n a e n. _____

im Stahlhelm Ausdruck zu geben, die Provinz unter allen Umständen demReichczuer halten. Das kann und wird nur möglich sein, wenn der gegen den BMM^einer Beuuchuer abgetretene W e ech s c I k o r r i v o r zurück- gegeben und dadurch die Geschlossenheit des preußischen Raumes wiederhergestellt wird.

Das soll der Sinn unserer heutigen Aufmärsche an der Saar, in Königsberg und an der Grenzlinie entlang sein. Selbst diese Grenzlinie will Polen nicht anerkennen. Aber wir erklären, daß wir uns wehren werden gegen weitere polnische Ansprüche. Wir fordern an dieser Stelle eine Wiedergutmachung des Versailler Diktats. Wir stehen nicht allein in diesem Kampfe, wir stehen sichtbar und lasten sichtbar unsere Zeichen wehen.

Im Anschluß hieran vollzog Bundesführer Seldte die Weihe der neuen Fahnen. Darauf erfolgte der Vorbei­marsch und ein Umzug durch die Stadt in die Quartiere.

Feindseligkeiten gegen Stahlhelmer in Königsberg.

Beim Rückmarsch des Stahlhelms von einer Kundgebung aus dem Palästrasportplatz kam es mehrfach zu Belästigungen der Stahlhelmleute und zu Schlägereien, an denen zumeist jugendliche radaulustige Personen beteiligt waren. In der Tragheimer Kirchenstraße wurden mehrere Stahlhelmleute Überfällen. Dabei erhielt der Güteragen» Knuth aus Neustettin einen Stich in die Leber. der ihn schwer verletzte, wäh­rend der Landwirt Rohde aus Iuchow durch mehrere Messer­stiche leichter verletzt wurde Beide Verletzte gehören dem Landesverband des Stahlhelms Pommern an. Die Täter sind unerkannt entfommcn. Eine größere Schlägerei entwickelte sich in der Kesselstraße. Die Polizei hatte umfassende Maßregeln getroffen und säuberte die Straßen bei Ansammlungen und Ausschreitungen mit dein Gummiknüppel. Im ganzen wurden sechzehn Personen sest genommen. In der Neuen Dammgasse geriet nachts ein Vorübergehender mit einem Sol­daten der dortigen Garnison infolge politischer Meinungs­verschiedenheiten in Streit. Er erhielt von dem Soldaten einen Stich mit dem Seitengewehr in den Unterleib und wurds schwer verletzt. , .

Oesterreichische Kabinettskrise beendet.

Bürgerliche Mehrheitsregierung.

Nach vierwöchiger Dauer ist nunmehr die Kabinetts­krise in Österreich beendet worden. Der Nationalrat wählte mit 89 gegen 59 Stimmen das Kabinett Stree - r u w i tz nach den Vorschlägen des Hauptausschusses. Die nächste Sitzung des Nationalrates findet Dienstag, den 7. Mai, statt. In dieser Sitzung wird Bundeskanzler Strecruwitz die Regierungserklärung abgeben.

In der neuen Regierung sind wieder die Christlich- Soziale Partei, die Großdeutsche Partei und der Land­bund vertreten.

Das Kabinett hat folgende Zusammensetzung: Bundeskanzler und Äußeres: Abgeordneter Streeru- »vitz (Christl.-Soz.), Vizekanzler: Landesrat Schumy (Landbund), Finanzminister: Landesrat Prof. Mittel- berger (Christl.-Soz.), Ackerbauminister: Abgeordneter F ö r d e r m a y r (Christl.-Soz.), Unterrichtsminister: Professor Dr. C z e r m a k (Christl.-Soz.), Heeresminister: Abgeordneter V a u g o i n (Christl.-Soz.), Minister für so­ziale Verwaltung: Dr. Resch (Christl.-Soz.), Handels- mimster: Abgeordneter Dr. Schürff (Großdt.), Justiz­minister: Abgeordneter Dr. S l a m a (Großdt.). Aus der früheren Regierung S e i p e l sind nur der Heeresminister, der Minister für soziale Verwaltung, der Handelsminister und der Justizminister verblieben.

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