HersfelüerTageblaü
Nachlaß o«vührt. ♦ Kür 61t Schr »örtlich: Kranz Kuak in hn»f»lö. ♦
hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö mit den Beilagen: Illniknektes Anterhallungsblati / Nach Feierabend / Herd end Schotte / Anterbattang und Wissen Delehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche TaarStrasen.
t prtitzeNr 151 (Hran-schrtst k i rntfprechenöer
ottdnt* ifpttd)« Nr. 8
Rr. l08 Freitag, den 10. Mai 1929 79. Jahrgang
Soldaten des Geistes.
Die Wissenschaft — und ihre Lehre — ist frei. So steht es in der deutschen Reichsverfassung. So steht es aber auch niedergeschrieben in der geistigen Verfassung aller Kulturvölker. Oder — sollte zum mindesten an dieser „Freiheit" festgehalten werden.
Fernab vom Getriebe der Tagespolitik, aber auch fern dem Lieben und Haffen der Völker untereinander verrichtet der Wissenschaftler seine Arbeit. Und leistet sie doch für sein Volk, in dem er wurzelt, dem er entsprossen ist. Aber nicht n u r für sein Volk — darüber hinaus für die gesamte Menschheit. Und es bedeutete einen besonders häßlichen Flecken in der Geschichte der Wissenschaft, daß man nach dem Kriege bis vor kurzer Zeit, vereinzelt selbst noch jetzt deutsche Wissenschaftler nicht zu- ueß zu internationalen Gelehrtenkongressen. Wer aber will abschätzen, welches Volk durch feine Wissenschaftler am meisten beigetragen hat zum Aufbau der menschlichen Kultur?
Auch das deutsche Volk hat mit vollen Händen geben dürfen für die Fort-, die Höherentwicklung menschlicher Erkenntnis, menschlichen Wissens und Könnens. In allen Ländern schöpfte man tief aus diesem Born deutscher Wissenschaft. Schlecht genug hat man es uns gelohnt und schnell schleuderte man uns das Schimpfwort „Barbaren" ins Gesicht. Jetzt nur noch selten; denn trotz größter Not unseres Volkes, trotz schwerster Hemmungen, trotz der zeitweisen Unmöglichkeit, die wissenschaftlichen Fortschritte und Entdeckungen anderer Völker kennenzu- lernen — so mußte in der Inflationszeit z. B. die Staatsbibliothek in Berlin den Bezug fast aller wissenschaftlichen Zeitschriften des Auslandes aufgeben, weil einfach das Geld hierfür nicht da war —, hat die deutsche Wissenschaft sich im Kreis der Völker den Rang wiedererobern können, den sie einst bekleidete.
Durch eigene Leistungen allein vermochte sie It^ gegen jene Hindernisse durchzusetzen. Mit Stolz denkt man noch heute daran zurück, wie in nicht minder schwerer Notzeit 1810 Preußen die Berliner Universität gründete. Auch jetzt engt, wie es klagend immer wieder auf der ,.....Le,P^aise.r-.W.iP.e<m- G gjcH* jchaft anläßlich der Eröffnung des „Harnack-Hauses" aus allen Reden hervorklang, die Not unseres Volkes überall die Fovschungstätigkeit aller jener wissenschaftlichen Institute ein, die in jener Gesellschaft zusammen- geschlossen sind. Überall mangelt es an Mitteln, überall lieht man mit Neid und Bitterkeit auf die Riesensummen, die in anderen Ländern für derartige Zwecke bereitstehen oder freiwillig bereitgestellt werden. überall spürt die veutsche Forschungstätigkeit die finanziellen Gebundenheiten, die das Ausland dem deutschen Volk auferlegt hat. sie ist — unfrei geworden. Äußerlich, nicht innerlich. Fst abhängig geworden von dem Schicksal des deutschen Lottes selbst.
Aber eine Entschädigung dafür ist der in der Stille forschenden, neue Wege suchenden Wissenschaft geworden: immer mehr erkennt das deutsche Volk, daß diese Wissenschaft die stärk ste Waffe im Kampf u m s Dasein geworden ist, zu einer Macht, mit der alle verlorenen Gebiete wiedererobert, neue hinzugewonnen werden können. Das Verständnis für die kille Arbeit der reinen Forschungstätigkeit wächst und mmer weitere Kreise werden von der Zuversicht erfaßt, daß, wie der Reichsinnenminister Severing sich in seiner Rede bei jener Festveranstaltung drastisch ausdrückte, es „mit dem Teufel zu geh en müßte, wenn wir Deutsche nicht in kurzer Zeit wieder vorwärtskommen sollten".
Ein anderes Wort — Dr. Stresemann sprach es aus — ist bei dieser Gelegenheit gefallen, das den Willen zum Vorwärtskommen zum Ausdruck bringt, das der deutschen Wissenschaft, der deutschen Forschungstätigkeit gilt: „Wenn auch Sie vor Schwierigkeiteu stehen, fürchten Sie sich nicht vor ihnen." Die militärische Kraft im Kampf um das Dasein unseres Volkes hat man uns zerbrochen; nun sind deutsche Forscher, deutsche Wissenschaftler zu Soldaten geworden für diesen Kampf.
Aber dieser Kampf ist ein W e t t st r e b e n, ein friedliches Ringen, wenn man ihn mit einem höheren, geistigen, die Kulturentwicklung überschauenden Blick betrachtet. Einst hat man von einer „Republik der Geister" gesprochen, wo nur die Leistung Ehre und Anerkennung schafft. Sie ist zerstört worden, als die Völker aufein- nnderprallten. An ihrer Wiedererrichtung arbeitet gerade die deutsche Wissenschaft; denn die Wissenschaft ist das stärkste Mittel, um zu einer Annäherung und Verständigung der Völker zu koinmen. Hier fallen die Grenzen, die von Zufälligkeiten geschichtlicher Entwicklungen gezogen wurden, und nur den Menschen, der ebenso wie er selbst um Erkenntnis ringt, sieht der wahre Wissenschaftller in dem andern, gleichgültig, welchem Volke dieser angehört.
Gewiß — ein Ideal, während überall noch Menschlich- Allzumenschliches waltet. Aber ein Ideal, zu dem sich das Menschengeschlecht emporzuringen bemüht ist. Und so »möchte man über die Schaffung des „Harnack"-Hauses «das Goethesche Wort setzen:
H „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben;
/ Bewahret sie!"
| Schließung des britischen Konsulats in Mainz. ’ ^ London. Das britische Konsulat in Mainz ist geschlossen .worden. Sämtliche bisher von ihm durchgeführten Geschäfte werden nun von dem britischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main wahrgenommen.
Gtresemann über Baris u.Genf
Reparationen und Abrüstung.
Auf dem Jahresbankett des Vereins der ausländischen Presse in Berlin nahm u. a. Reichsaußenminister Dr. St r e s e m a n n das Wort; er kam alsbald auf die Reparationen zu sprechen und warf einen Rückblick auf die einzelnen Abschnitte des Problems in den letzten zehn Jahren. Es sei ihm unmöglich, über die augenblicklichen Verhandlungen in Paris etwas Neues zu sagen, da der Stand der Dinge ja allgemein bekannt sei. Der deutsche Wille zur Verständigung habe sich deutlich gezeigt in der Londoner Vereinbarung von 1924. Der
Dawes-Plan
habe wesentlich zur Festigung der Verhältnisse in ganz Europa beigetragen, im Laufe feiner fünfjährigen Anwendung jedoch Erfahrungen gezeigt, die jetzt eine Neuregelung notwendig machten. Der übereinstimmenden Auffassung aller beteiligten Regierungen über diesen Punkt sei die Einberufung der Pariser Sachverständigen zu verdanken.
Der Minister hegt die Erwartung, daß die Einsicht in die auf dem Spiele stehenden gemeinsamen Interessen auch weiterhin die Oberhand behalte und zu einem ersprießlichen Ergebnis führen werde.
Als ein gutes Zeichen in diesem Zusammenhang erwähnte der Redner das an Deutschland ergangene Angebot des Auslandes auf finanzielle Unterstützung, als sich kürzlich auf dem Geld- und Devisenmärkte Schwierigkeiten herausstellten.
Wenn sich die Hoffnungen auf einen günstigen Ausgang der Pariser Verhandlungen erfüllten, so sei unbedingt ein sehr großer Schritt vorwärts getan.
Ohne weiteres werde sich dann auch die Regelung derjenigen politischen Probleme ergeben, die noch als Überbleibsel aus dem Kriege in die Gegenwart hinein- .-............................................. .........
Zwist unter den Gläubigerstaaten.
Die Anteile an Deutschlands Zahlungen umstritten.
Die Aussichten aus eine Einigung in der Reparations- konferenz über die Festsetzung der deutschen Reparations- schuld sind trotz aller Verhandlungen kaum so weit gediehen, daß ein erträglicher Abschluß in den nächsten Tagen zu erwarten ist. Auch die Besprechungen zwischen dem deutschen Vertreter Dr. Schacht und dem Amerikaner Noung, der die letzten Vorschläge gemacht hat, scheinen die Angelegenheit noch nicht besonders gefördert zu haben, wenn auch die deutschen Vorbehalte inzwischen bekanntgeworden sind und keinen besonderen Widerspruch erfahren haben. Man will sie anscheinend mit dem Young-Plan in eine möglichst ausführbare Verbindung bringen. Die größeren Schwierigkeiten bereiten die englischen Ansprüche, die zugunsten Frankreichs nach dem Willen Youngs etwas beschnitten werden sollten. Damit ist man in England in keiner Weise einverstanden. Die Engländer wollen vielmehr den vollen Anteil wie bisher an den deutschen Zahlungen behalten.
Die englische Presse erklärt es durchweg mit ziemlicher Erregung für. unmöglich, daß England etwa auf einen Teil der seinerzeit in Spa festgesetzten Bezüge verzichten soll. England beabsichtigt, sich das nicht gefallen zu lassen, und ebenso besteht Frankreich auf seinen Schein. Die englischen Delegierten fühlen sich düpiert und sprechen sogar von einer feindlichen Haltung Amerikas. Eine Lösung, bei der England benachteiligt würde, könne nur das Gefühl der Erbitterung und der Zwietracht zurücklassen. . ,
Ob dieser Stein des Anstöße?, an den man bisher nicht gedacht hatte, so bald hinweggerüumt werden kann, ist fraglich. Jedenfalls ist die Rede davon, daß die Konferenz in den nächsten Tagen noch nicht geschlossen werden könne, sondern mindestens bis P f i n g st e n weitertagen müsse.
Der amerikanische Verteilungsplan.
Am Mittwoch hat Owen Noung den verschiedenen Sachverständigengruppen den neuen Verteilunasvlan der deutschen Zahlungen übergeben. Nach diesem solls wie von französischer Seite verlautet, England, das bisher mit der völligen Deckung seiner Schulden zuzüglich einer Milliarde Goldmark rechnete, auf diese eine Milliarde verzichten; Belgien solle sich mit einer Herabsetzung seiner Forderung auf 1150 Millionen einverstanden erklären, während der französische Anteil von 8,4 auf 7 Milliarden und der italienische von 1,3 auf eine Milliarde Goldmark herabgesetzt werde. Daneben blieben die Alliiertenschulden in vollem Umfange bestehen.
Die Lage innerhalb der Reparationskonferenz scheint sich nicht geändert zu haben. Die Frage der Verteilung unter den Gläubigern steht nach wie vor im Vordergrund der Erörterungen. Diese Diskussion, an der die deutsche Delegation nicht beteiligt ist, dürfte voraussichtlich noch einige Tage in Anspruch nehmen.
Die Kritik, die von alliierter Seite und besonders von Frankreich an der Haltung der Vereinigten Staaten ein- setzte, da diese weder in der Frage der interalliierten Schulden noch in der der Besatzungskosten Zugeständnisse
Die Genfer Abrüstungsverhandlungen, bei denen schon im vorigen Jahre von einem toten Punkt gesprochen worden sei, hätten auch diesmal die gehegten Erwartungen nicht erfüllt.
Wenn auch äußerlich von einer gewissen Beschleunigung des Tempos gesprochen werden könnte, so habe sich in den sachlichen Beratungen eine Perspektive eröffnet, die ein Versagen der Grundidee der allgemeinen Abrüstung besä ' ,di lasse. Die warnende Stimme der deutschen Ab- ordnung im vorigen September, eine Entschließung zu fassen, die es daran fehlen lasse, festumrissene Grundsätze für die weitere Abrüstungsarbeit aufzustellen, habe sich leider allzu berechtigt erwiesen.
S erde nach dem deutschen Verlangen keine fühlbare Hei tzung des Rüstungsstandes zu Wasser und zu Lar rreicht, so könne es sich nur um eine Scheinlösung hau ! und diese Gefahr scheine ihm durch die letzten Gen,.r Beschlüsse in bedenklicher Weise nähergerückt zu sein. Da die Abrüstungskommission nur die Aufgabe habe vorzubereiten, so bestehe noch die letzte Hoffnung, nän! ) die Möglichkeit einer Änderung des Stand- pmü den die Mehrheit der Vertreter der Regierungen bish. Angenommen habe.
sagten die Regierung dem dringenden Wunsche aller ?lker nach Abrüstung ihr Gehör, so trügen allein sie di Verantwortung für eine Entwicklung, der er seinerseits nur mit ernster Sorge entgegensehen könne.
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An dem Bankett nahmen ferner u. a. noch teil: Reichstr Irtschaftsminister C u r t i u s, Reichswehrminister Grüner und Reichsverkehrsminister Dr. Sieger- w a l d. An der Spitze des Diplomatischen Korps war Nuntius P a c e l l i erschienen. Dann die Botschafter von Amerika, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Spanien, Rußland, die Gesandten von Argentinien, Brasilien, Kuba, Dänemark, Finnland, Lettland, Norwegen, Österreich, Polen, Schweden, Südslawien. machten, hat sich bis zur Erbitterung gesteigert. Diese äußert sich in heftigen Presseangriffen auf den Vorsitzenden Owen Noung, dem die Franzosen den Vorwurf einer Politik mit doppeltem Boden machen, da er den Gläubigern Deutschlands Herabsetzung ihrer Forderungen zumute, ohne das gleiche Verlangen an die Vereinigten Staaten zu stellen.
Qoyd George für Rheinlandräumung.
Als nach einer Rede Lloyd Georges in der gegenwärtigen englischen Wahlkampagne die Aussprache begann, wurde bem Führer der Liberalen auch die Frage vorgelegt, ob er als Premierminister die Zurückziehung der englischen Truppen aus dem Rheinland durchsetzen würde. Lloyd George antwortete: „Gewiß und ohne Aufschub. Ich habe es verschiedentlich bei der jetzigen Regierung durchzusetzen versucht. Ich verstehe wirklich nicht, wozu unsere Truppen überhaupt noch dort sind."
Neutsch-birtzmsches Manzabkommen.
Bereinigung der Vorkriegsschulden.
In den Räumen der Direktion der Disconto- gesellschaft in Berlin wurde ein Abkommen zwischen der unter Führung des ehemaligen bulgarischen Ministerpräsidenten Dr. Danesf stehenden bulgarischen Delegation und der Discontogesellschaft vereinbart, durch welches nunmehr eine restlose Erledigung der schwebenden Fragen wegen der bulgarischen Vorkriegsanleihe gesichert erscheint. Bulgarien zahlt in 15 jährlichen Raten eine Pauschalsumme von 17 Millionen Schweizer Franken mit auflaufenden Zinsen. Die Einigung ist wesentlich gefördert worden durch die Vermittlung des Reichsaußen- ministers Dr. Stresemann.
Llm die ArHeiislosenverWerung.
Ersparungsmaßnahmen.
Der Vorstand der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung hat aus Grund mehrwöchiger Untersuchungen einen Erlaß an die Arbeitsämter gerichtet, der versuchen soll, im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen die Verwaltungspraxis zu verbessern und zu vereinheitlichen sowie eine ungerechtfertigte Inanspruchnahme der Versicherung zu verhüten.
Die endgültige Beseitigung dieser Fehler in der Arbeitslosenversicherung wird, da die Verwaltungsmaßregeln sich nur auf" die äußerlichen Erscheinungen beziehen, der gesetzgeberischen Revision des Versichcrnngs- Werkes überlassen bleiben.
Überfall im Zuge Paris—Wien.
. . Paris. Aus Le Puy wird gemeldet, daß zwei Unbekannte einige in einem Abteil dritter Klasse des Zuges Paris—Wien befindliche Damen überfielen. Die Täter entrissen den reisenden Damen die Handtaschen, Ketten und Ringe. Einer Dame gelang es, die Notbremse zu ziehen, worauf der Zug zum Stehen kam. Nach heftigem Dampfe konnte das Zugpersonal einen der Täter festnehmen, der andere konnte flüchten. J