HersfelöerTageblatt hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Muzeiger für den Kreis Hersfelö
mit den Beilagen: Illustriertes AuterhaltungSblatt / Nach UeisrabenS / HerS uuS Gckolle / Autrrbaltuua auS Wissea Belehrung unS Kurzwell / Wirtschaftliche Tagesfrageo.
Nr. 133
Montag, den 10. Juni 1929
79. Jahrgang
Zahlungen bis 1987
Dsuischlmös Kriegslasten.
Die Neuregelung der Reparationen.
Der deutsche Wortlaut des Berichtes der Pariser Reparationskonferenz liegt jetzt vor. Aus ihm ist zu ersehen, daß Deutschland an die ehemaligen Feindmächte Zahlungen bis 1987 zu leisten hat. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen England, Frankreich, Belgien, Italien und andere europäische Staaten an Amerika ihre Kriegsschulden zurückzahlen. Der Grundgedanke der Pariser Einigung besteht darin, daß Deutschland so viel an die europäischen „Sieger" zahlt, wie diese an Amerika zurück- zuerstatten haben, zusätzlich einer Leistung für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete.
An Berliner zuständiger Stelle ist man übrigens - der Meinung, daß die im Young-Plan vorgesehene Re- Vistonsklausel genügende Garantien für eine etwa später notwendig werdende Revision des Zahlungsplanes bilden könnte. Bevor der Voung-Plan Gültigkeit erhält, müssen natürlich noch die Volksvertretungen der beteiligten Länder ihm zustimmen.
Pariser Kehraus.
Der Sonnabend brächte für die Hotels, in denen die Sachverständigen abgestiegen sind, den großen Kehraus, da die Delegationen Paris nach und nach verließen.
Mit dem Inkrafttreten des Voung-Planes hat die Reparationskommission ihre Daseinsberechtigung und jedes Einmischungsrecht verloren. Daß sie ihr kümmerliches Dasein noch weiter fristen wird, hat sie nur den Friedensverträgen mit Osterreich-Ungarn und Bulgarien ä. zu verdanken. Nunmehr haben die Regierungen das Wort. In Sachverständigenkreisen nimmt man allgemein an, daß die politische Konferenz recht bald einberufen wird. Es ist von großer Bedeutung für Deutschland, daß die englische Regierung auf dieser Konferenz nicht mehr durch BuüLN EhamKexlLiN-MrtMWsein ä.sK
Der Sachverständigenbericht sieht als eine der Auswirkungen der endgültigen Reparationsregelung das Aufhören aller Kontrollmaßnahmen vor, die sich aus dem Dawes-Plan ergeben haben. Wenn der neue Zahlungsplan am 1. September in Kraft tritt, wird der Reparationsagent aufhören zu fungieren und Parker Gilbert Deutschland verlassen.
Es ist ihm aber bereits ein neuer Wirkungskreis zugesichert worden, nämlich als Vorsitzender des Organisationskomitees, das zur Hälfte aus Deutschen, zur anderen Hälfte aus Vertretern der Gläubigerländer zu- sammengesetzt werden soll und zu dessen Aufgabe die Organisation der neuzugründenden Reparationsbank, die Ausarbeitung der Richtlinien für die Sachlieferungen und für die Neuordnung des Verpflichtungsverhältnisses der Deutschen Reichsbahn zu den Reparationsgläubigern gehören wird. 2
Der Asung-plan.
Mitten in die Unterzeichnung des Berichtes der Sachverständigen hinein schlagen die Flammen eines brennenden Vorhangs, der unter den Strahlen der Jupiterlampe eines allzu eifrigen Kinooperateurs Feuer gefangen hatte. Und neugierig schaute die ausgeschlossene Öffentlichkeit durch die Glastür in den Sitzungssaal hinein, bis ein Wandschirm von neuem den Blick versperrte. Jeder, der abergläubisch ist, mag dieses kleine Vorkommnis auslegen wie er will; wenn wir Deutsche es als Vorzeichen nehmen wollen, dann in dem Sinne, daß die Flammen der Zukunft — mag sie näher liegen oder ferner — dereinst auch diesen neuen Zahlungsplan auf dem Altar eines wirklichen V-lkerfriedens als Opfer verzehren werden.
Ist nun diese Konferenz der Sachverständigen dem getreu geblieben, als was sie einberufen war? Melancholisch heißt's im dritten Teil des Berichtes unter dem Abschnitt „Einstellung des Ausschusses" recht unmißverständlich, daß man versucht habe, eine Lösung aus finanzieller und wirtschaftlicher Grundlage zu finden. „Aber wir müssen ebenso wie unsere Vorgänger feststellen, daß politische Faktoren notwendigerweise unseren Entscheidungen eine Grenze gesetzt haben." Das ist eine Feststellung, deren Aufnahme in den Bericht Dr. Schacht hat veranlassen können. Und die ihre Schatten wirft auf all das, worüber man sich in Paris geeinigt hat; denn „nicht nur auf wirtschaftliche, sondern auch auf politische Betrachtungen haben wir unsere Entscheidungen eingestellt".
In zwölf Teile nämlich zerfällt dieser Bericht und die ersten fünf davon kann man als die eigentlichen Protokolle, als die äußere Geschichte der Konferenz ansehen, während die sieben anderen die tatsächlichen Beschlüsse — oder, wenn man will, Vorschläge an die beteiligten Regierungen — enthalten. Die freundlichen Worte, die man dem steten Bemühen der deutschen Delegation widmet, ein klares Bild über die wirtschaftliche und finanzielle Leistungsfähigkeit Deutschlands zu geben, genügen nicht, die Tatsache zu verschleiern, daß die Konferenz in eine Prüfung dieser Leistungsfähigkeit nicht eingetreten ist, wie es 1924 ihre Vorgängerin tat. Das hat die deutsche Delegation nicht zu erreichen vermoM. . _______________ .. - ——--------------------------Z-. ■
Sehr ausführlich behandelt der sechste Abschnitt Aufgaben und Organisation der Reparation s b a n k, zu der nun künftig die deutschen Reparationszahlungen geleitet werden und die nach der anderen Seite hin für die Verwaltung, Verteilung und Überleitung der hereinströmenden Gelder zu sorgen hat. Sie tritt an die Stelle des Reparationsagenten und seiner Unteragenten, Kontrollen usw. allerdings insofern, als diese Kontrollen und Sondergarantien abgebaut werden bis auf die eine Bestimmung, daß neben dem Reichshaushalt auch die Reichsbahn „Quelle der Annuität" ist. Sie muß jährlich 660 Millionen Mark aus den Bruttoerträgen über die Reichsregierung an die Bank zählen^ doch steht diese finanzielle Verpflichtung erst hinter den Personalausgaben, auf gleicher Stufe mit den Material- und Erneuerungsausgaben, aber vor dem Zinsendienst für ewaige Anleihen. Beförderungssteuer fällt ebenso fort wie die Sondergarantie der Jndustriebelastung und der „verpfändeten Steuereinnahmen". Ebenso ist der „Wohlstandsindex" des Dawes-Planes entfernt worden.
860 Millionen Mark jeder Jahreszahlung müssen als „nicht ausschiebbarer Teil" immer und unter allen Umständen geleistet werden, aber für den Rest, also den größeren Teil, sind „Schutzmaßnahmen" festgelegt worden. Das sind: der „Transferauffchub" — Einstellung der Devisen- oder Barüberweisungen aus den deutschen Zahlungen bis zur Dauer von zwei Jahren —, dann der „Zahlungsaufschub" — Einstellung der Aufbringung eines Teiles der deutschen Zahlungen selbst, was aber erst ein Jahr nach Eintreten des Transfer- aufschubes möglich ist — und schließlich die „Revisions- klausel", wonach Deutschland eine genaue Untersuchung seiner wirschaftlichen und finanziellen Lage durch einen internationalen Sonderausschuß verlangen kann aus Grund der Mitteilung, daß die deutsche Währung und Wirtschaft durch teilweise oder vollständige Zahlung dieses „ausschieböaren • Teils ernsthaft gefährdet werde. Der Ausschuß, der übrigens auch vor Inkrafttreten des „Zahlungsaufschubes" in Tätigkeit tritt, berichtet dann an die Regierungen und die Reparationsbank zwecks Erwägung von Maßnahmen einer eventuellen Revision der deutschen Verpflichtungen.
Die Jahreszahlungen, die ab 1. März 1930 mit 1,7 Milliarden einsetzen — für das erste Aoung-Jahr ist ja eine besondere Regelung erfolgt, indem bis zum 1. September 1929 die Dawes-Zablungen geleistet, dann für die
Dr. Stresemann in Kadrid eingeiroffen.
Mit einem Herzog auf der Lokomotive.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann und Gemahlin sind in Madrid eingetroffen. Der spanische Ministerpräsident Primo de Rivera empfing den deutschen Vertreter im Völkerbundrat aus dem Bahnsteig, wo sich zwischen den beiden Staatsmännern einsehrfreund- schaftliches Gespräch entwickelte. Ferner waren die vollzählige deutsche Delegation, zahlreiche Journalisten und eine sehr starke Vertretung der hiesigen deutschen Kolonie auf dem Bahnhof erschienen. Nach den gegenseitigen Vorstellungen und Begrüßungen begab sich Dr Stresemann, der die Reise gut überstanden hat und frisch aussieht, sofort ins Hotel Palace, den Sitz der deutschen Delegation.
Auf dem Bahnsteig wie auch vor dem Bahnhof hatte sich eine sehr große Menge Schaulustiger angesammelt, die den h e r z l i ch e n C h a r a k t e r der Begrüßung zwischen den beiden Staatsmännern spontan durch lang anhaltenden Beifall zu wiederholten Malen unter Hochrufen bekräftigte. Der Zug, mit dem der Minister in Madrid ein- traf, wurde von dem Herzo g v on Saragoss a, einem Mitglied der spanischen Konigsfamilie, geführt, der den Führerstand der Lokomotive während der ganzen Reise auf spanischem Gebiet nicht verlassen hatte.
AhemSanömumLMg vor RaLLfizierung.
Eine Forderung der Gewerkschaften des besetzten Gebiets.
Die Sozialdemokratische Partei und die FreienGewerksch asten im besetzten Gebiet richten an die Reichsregierung die Aufforderung, mit der Ratr- fizierung des Pariser Abkommens solange zu warten, bis die vollständige Räumung aller besetzten Gebiete und die gleichzeitige Regelung der Saarsrage durchgeführt ist. Die Bevölkerung der besetzten Gebiete verlange zehn Jahre nach dem Frieden v o lleG l e r ch- berechtigung mit den übrigen Teilen des Deutschen Reiches und richte diese Forderung an alle Regierungen und Parteien, die an der Unterzeichnung des Pariser Abkommens beteiligt sind. . „
Diese Forderung ist unterschrieben von den Gewerk- schaftsverbänden und den sozialdemokratischen Parteiorganisationen für Rheinland Westfalen und Lippe sur den Freistaat Hessen und Hessen-Nassau, für die Pfalz und für den Bezirk Oberrheinprovinz.
nächsten sieben Monate noch 743 Millionen qezablt Mttffe^ —, steigen unter leichten Schwankungen
""f s,4Jr5 Milliarden, aber immer ausschließlich Wn^äTtn U”^lmortifation^al)luiigen für die Dawes- Anleche von 1924 sowie der noch gesondert an Belgien zu entrichtenden Zahlungen und — der Besatzungskosten, von denen man nicht weiß, wie lange sie noch dauern werden, ^ene beiden andern betragen zusammen wohl ellaa 100 Millionen, die also 37 Jahre hindurch zu dem unausschlebbaren Teil der Annuitäten hinzuzurechnen sind. Nach diesen 37 Jahren sinken die Zahlungen von 1,6 Milliarden bis auf 897 Millionen 1986/87. Bekannt ist es
daß die,S achlieferungen binnen zehn Jahren K"»rlich aufhoren, übrigens jetzt gleichfalls der Oberaufsicht der Reparationsbank unterliegen
, Ein besonderer, der neunte, Teil behandelt dann die „L l q u r d r e r u n g d e r V e r g a n g e n h e i t", d. h. die wertere Behandlung der Liquidationen deutschen Eigentums im Ausland. Damit ■ solle jetzt endlich Schluß gemacht toerben, allerdings nur, soweit diese deutschen Guter und Werte nicht bereits liquide oder liquidiert sind oder soweit, nicht endgültig darüber verfügt worden ist. Da bleibt nicht mehr viel übrig, und auch England, das von dem betreffenden Artikel des Versailler Vertrages den meisten Nutzen zog, ist mit der restlosen Durchführung dieser Liquidierung gerade fertig. Wir können aber sein wenigstens nicht mehr haftbar gemacht werden, wenn Österreich, Ungarn oder Bulgarien die ihnen auferlegten Reparationszahlungen nicht leisten.
Sehr eingehend behandelt der zehnte Abschnitt die Frage der Kommerzialisierung und Mobilisierung eines Teils der deutschen Jahreszahlungen. Die hierfür ausgestellten Schuldverschreibungen sind mit einer Garantieverpflichtung des Reiches und seiner Länder versehen und bestimmte, von Deutschland selbst zu bezeichnende Zölle und Verbrauchsabgaben sollen noch eine Art „negativen" Pfandes abgeben insofern, als die Einnahmen aus ihnen nur mit Zustimmung der Reparationsbank verpfändet werden dürfen.
Nach einer Gegenüberstellung der wichtigsten Unterschiede zwischen dem neuen und dem bisherigen Plan kommt der Bericht zu der Schluß- bemerkung, daß der neue, endgültige „innerhalb der Zahlungsfähigkeit Deutschlands liege", allerdings unter dem Vorbehalt, daß nur ein wirkliches Zusammenarbeiten der Gläubiger und des Schuldners den Plan zur Durchführung bringen kann.
Soweit in ganz großen Umrissen das Resultat der Pariser Sachverständigenkonferenz. Jetzt haben die Politiker das Wort.
Bahnianfverieuerung in Gichi.
Die Reichsbahn beantragt Tariferhöhung.
Die Deutsche Reichsbahngesellschaft teilt mit:
„Der Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn hat beschlossen, im Falle der Verbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches im Eisenbahnlohnstreik bei der Rcichs- regierung eine Tariferhöhung zu beantragen, die der Reichsbahngesellschaft für die seit dem Inkrafttreten des Schiedsspruches neu erwachsenen Personalausgaben von ungefähr 55 Millionen Mark jährlich die finanzielle Deckung geben soll.
Der Verwaltungsrat sah sich zu diesem Entschluß gezwungen, da die Verhandlungen über eine anderweitige Deckung der Mehrausgaben keine Aussicht auf Erfolg boten. Eine weitere Drosselung der Sachausgaben, die heute schon unterhalb der normalen Anforderungen liegen, kann im Interesse der Aufrechterhaltung der Betriebssicherheit nicht mehr verantwortet werden.
Der Generaldirektor wird daher namens der Deutschen Reichsbahngesellschaft bei der Reichsregierung den Antrag auf Tariferhöhung stellen."
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Die Regierung hat jetzt das Wort, ob sie der geplanten Verteuerung der Eisenbahnfahrten zustimmen wird. Über die Höhe der Tariferhöhung und den Termin des Inkrafttretens hat sich die Reichsbahn noch nicht geäußert.
Die Schweden auf dem Transozeanflug.
Stockholm — Newyork.
Am Sonntag morgen 6,12 Uhr startete das Wasserflugzeug „Sverige" von dem Stockholmer Flughafen Lindarängen, wo sich eine große Menschenmenge eingesunden hatte, zu dem Transozeanflug Stockholm — Newyork. An Bord des Flugzeuges befinden sich der Pilot Kapitän Ahrenberg, der Beobachter Leutnant Floden und der Bordfunker Ljunglund. Die erste Etappe geht bis Bergen. Vor dem Start erklärte Kapitän Ahrenberg, man rechne damit, am Dienstag um 11 Uhr amerikanischer Zeit in Newyork zu sein. Das Flugzeug führt eine volle Ladung von Frachtgütern und Post mit sich. Der,Zweck des Fluges ist, die Möglichkeit eines regelmäßigen Luftverkehrs Europa—Amerika zu beweisen.
Die schwedischen Flieger landeten das erstemal Sonntag mittag um 12 Uhr inBcrgen.
Von Bergen ist das Flugzeug nach kurzem Aufenthalt unter^dem Jubel der Menge, dA sich ejngefundcn hatte.