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Nr. 305

Dienstag, den 3L Dezember 1029

79. Jahrgang

Ein Lahr der Ltngunst.

Wirtschaftliche Jahresschau.

Bei Beginn des Jahres 1929 befanden wir uns im Verlauf eines allgemeinen Konjunkturrückganges, der um die Jahreswende 1927/28 eingesetzt hatte. Im Sommer hatte es den Anschein, als'ob sich eine Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft und eine Überwindung der damals weit vorgeschrittenen Depression würde durchsetzen können. Man hoffte, daß die Wirtschaftskonjunktur allmählich in ein ü b e r g a n g s st a d i u m eintreten würde, das zwar noch keine lebhaftere Aufwärtsbewegung bringen konnte, aber doch keine Zunahme der Schwierigkeiten erwarten ließ. Damals wich der Druck der durch die Reparations- Verhandluogen ausgelösten Devisenschwierigkeiten und die Industrie, besonders die der Produktionsmittel, fand bei günstiger Entwicklung der übrigen europäischen Länder einen Auslandsabsatz, der zwar zu gedrückten Preisen stattfand, aber doch einen Umfang der Produktion zuließ, wie ihn die Bedingungen des inländischen Marktes nicht gestattet hätten. Kohle und Eisen wiesen ferner im Juni und im Juli einen seit Jahren nicht erreichten Rekord der Erzeugungszisfern auf. Auch bei den Konsumindustrien, die seit langem mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, schien sich eine gewisse Entspannung durch- zusetzen und eine Aufwärtsbewegung nach Überwindung gewisser stimmungsmäßiger Hemmungen und des Kapital­mangels schien bevorzustehen. Diesen optimistischen Som­merträumen, die sich auch noch bis in den Herbst fort- setzten, folgte bei Beginn des Winters ein Erwachen der Enttäuschung. Die geradlinige Entwicklung schlug in eine neueDepressionswelle aus. Das mit Nonember einsetzende starke Anwachsen der Arbeitslosigkeit brächte eine spürbare Verminderung des Arbeitseinkommens, dessen niederdrückender Einfluß auf den Markt der Ver­brauchsgüter nicht ausbleiben konnte.

Diese Beschleunigung des Konjunkturrückganges muß in erster Linie mit einer erneuten Anspannung des Geld- ~ marktes in iUerbinhitttfi gebracht i?«^

' Kapitalmarkt verharrte weiter in dem Zustand stark ver­ringerter Aufnahmefähigkeit, den er schon seit langem zeigte, und der Zufluß von Auslandsgeldern stockte nach wie vor. Denn auch im A u s l a n d , das bis dahin einen gewissen Höhepunkt wirtschaftlicher Konjunktur aufwies, bahnte sich eine Konjunkturabschwächung an, die für das in die internationalen Wirtschaftszusammenhänge stark verflochtene Deutschland doppelt fühlbar wurde, da sie hier eine schon seit längerer Zeit stark geschwächte Wirtschafts- verfassung vorfand. Die ausländischen Industrien, be­sonders auch die amerikanische, die ihre Absatzmöglichkeiten im eigenen Lande eingeengt und verringert sahen, traten immer mehr als preisunterbietende Konkurrenten Deutsch­lands auf dem Weltmarkt hervor, und der Augenblick, in dem Deutschlands Exportmöglichkeiten fühlbar ver­ringert und aufgehoben werden, scheint nicht mehr fern zu sein. Die deutsche Ware ist mit der Lohnquote, den Steuern und sozialen Abgaben so stark belastet, daß ihre Stellung im internationalen Preiskampf stark geschwächt erscheint.

Außer diesen rein wirtschaftlichen Hemmungs- momenten liegen aber noch stimmungsmäßige Depressionserscheinungen vor, deren drückender Einfluß nicht unterschätzt werden darf. Unsicherheit und Pessimismus beeinflussen in hohem Maße den Tätigkeitsgrad der Wirtschaft zurzeit ungünstig. Inwie­weit sie berechtigt sind, das soll uns der Verlauf des Jahres 1930 zeigen, und es hat bisher den Anschein, als ob sie nicht ganz unberechtigt find. Der Bericht des Kon- junkturforschungsinstituts stellt fest, daß im vergangenen Jahre den Schwierigkeiten, die zu einem Konjunktur­rückgang drängten, E n t l a st u n g s m o m e n t e gegen- überstanden, die bisher ein verhältnismäßig langsames Tempo des Abschwungs ermöglichten. Die jüngste Ent­wicklung, namentlich die jüngste finanzpolitische Entwick­lung, läßt freilich befürchten, daß diese Entlastungs­momente an Wirksamkeit verlieren.

Der Jahresbericht der Industrie- und Handelskammer Berlin beginnt mit der pessimistischen Feststellung: Seit­dem mit der Stabilisierung der Währung Ende 1923 der deutschen Wirtschaft die Voraussetzungen einer geordneten Betätigung wiedergegeben waren, hat sie noch kein Jahr von gleicher Ungunst erlebt wie das nun ablaufende. Dieser traurigen Behauptung dürften sich ein großer Teil unserer Leser, die die Nöte dieses Jahres am eigenen Leibe erlebten, anschließen. Wir können wirklich dem Jahre 1929 keine Träne nachweinen und sehen es ohne Trauer im Meer der Ewigkeit verschwinden. An der Jahreswende hoffen wir ja alle, einem tiefwurzeln, den optimistischen Zuge des Menschenherzens folgend, daß eine tatsächlicheW end e" auch in unserem Schicksal eintreten werde. Und da wir ja selten zufrieden sind, so gehen unsere Hoffnungen auf eine Umkehr zum Besseren, eine Wendung, die uns aus den Weg zur Zufriedenheit führt. Wir wissen es, dieser Hoffnungsstern hat uns schon oft getäuscht, und doch möchten wir ihn in unserem Leben nicht missen, denn er gibt uns den Mut zum tapferen Vorwärtsschreiten trotz Otter Wolken und Hindernisse, die Kraft zu einem mutigenDennoch!", deren wir im kom- menden Jahre dringend benötigen werden, um uns durch- zusetzen gegen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, deren Schatten am Beginn des neuen Jahres den Glanz des Hof".....-wnes nicht nuerheblich trüben. Dr. S.

Sie öeiitidje Wehrmacht um Zahreswechsel

Reichswehr und Marine.

Dank und Glückwünsche.

Wie alljährlich werden auch zu diesem Jahresschluß Reichspräsident vor Hindenburg, Reichs­wehrminister Grüner sowie die beiden Träger der Befehlsgewalt, Chef der Heeresleitung General Heye und Chef der Marineleitun^ Admiral Räder, der in Reichswehr und Reichsmarine gegliederten deutschen Wehrmacht ihren Dank für dir geleisteten Dienste und ihre Glückwünsche für die Zukunft in besonderen Erlassen aus- sprechen. Man darf annehmen, daß dabei Reichspräsident von Hindenburg sich auf Danksagung und Glückwünsche beschränken wird, während der Minister und die Befehls­haber wahrscheinlich auch auf die erhabenste Ausgabe Der Wehrmacht Zurückkommen werden, in diesen schweren Tagen, fern von allem politischen Tagesstreit, der Deut­schen Republik zu dienen in selbstloser Pflichterfüllung, für Volk und Vaterland.

Dr. Ä -is Pfalz.

Der bayerische Ministerpräsident Dr. Held gibt einen besonderen Erlaß an die Pfalz zum Jahreswechsel her­aus, in dem er betont, wie fehr das ganze deutsche Volk sich über die Erlösung der zweiten Zone des Rheinlandes anfangs Dezember gefreut habe. Aber in den Jubel der Befreiung mischte sich der leidvolle Gedanke, daß noch immer die treue Pfalz von fremder Truppenmacht besetzt ist, daß noch immer dort auf deutschem Boden fremde Soldaten marschieren. Solange dieser Zustand fortdauert, haben alle Reden über Befriedung der Völker einen falschen Ton Wenn D" Z r m

Der vayerischen Staatsregierung für die treue Pfalz einen Wunsch aussprechen dürfe, so könne es nur der sein, der die pfälzischen Landsleute aller Schichten und Berufe in gleicher Weise beseelt und der allen im rechtsrheinischen Bayern heiß aus dem Herzen flammt: Möge das Jahr 1930 endlich auch die treue Pfalz von fremder Macht und Besetzung befreien und das pfälzische Volk wieder zu einem freien Volk auf freier Scholle machen!

Amerika besteht auf WemtoriaMät.

Wenn nötig mit Waffengewalt.

Wie aus Washington gemeldet wird, ist die ameri­kanische Regierung fest entschlossen, die eigene Konsular­gerichtsbarkeit in China, wenn notwendig, mit Waffen­gewalt, aufrechtzuerhalten, ungeachtet der Aufhebung der Exterritorialitätsrechte seitens der chinesischen Re­gierung.

über die Haltung der britischen Regierung zu der Exterritorialitätsfrage verlautet: Die britische Re- gierung hat sich erst kürzlich in einer an die Nanking­regierung gerichteten Denkschrift klar dahin ausge­sprochen, daß sie dem Grundsatz zustimmt, daß ab 1. Ja­nuar 1930 die Exterritorialität allmählich abgeschafft werde. Die britische Regierung kann nicht glauben, daß die chinesische Regierung nicht gewillt sein sollte, zu diesem Zweck in Verhandlungen einzutreten.

Stimmen der Vernunft.

Freigabebewegung in England.

Der Führer der Freigabebewegung im Englischen Unter. Hause, der Abgeordnete und frühere Minister M a c P h e r s o n hat im Unterhause eine Schrift verbreitet, in der die bekannte Rede Snowdens gegen die Freigabe widerlegt wird. Die Denkschrift zerpflückt namentlich die Behauptungen Snowdens, daß die Freigabe der überschüssigen Liquidationserlöse schon in Paris aus der Reparationskonferenz entschieden worden sei und daß sich England in der Freigabefragegenerös" ver­halten habe.

Eine abscheuliche Verletzung des Völkerrechtes."

Die Genfer ZeitschriftLa Revue Mensuelle" beginnt in ihrer Januarnummer mit dem Abdruck eines Gutachtens der Pariser Liga für Menschenrechte. Die Liga wendet sich darin gegen die Fortnahme und Liquidation feindlichen Privateigentums, tote sie unter englischer Führung im Weltkriege eingeführt und in den Friedensverträgen ver­ankert worden ist. Die Liga nennt diese Maßnahmen eine abscheuliche Verletzung des Völkerrechts", durch die Europa einen unglaublichen Rückschritt gemacht hat; den,, vor dem Kriege sei die Achtung vor dem Privateigentum als ein Dogma erschienen, das niemals in Frage gestellt werden würde

Wieder ein Opfer der Wirtfchafisnoi.

Die Leiche des vermißten Schiffsreeders Mentz gefunden.

Wie das Rostocker Polizeiamt mitteilt, wurde die Leiche des seit dem ersten Weihnachtstag vermißten Schiffsmaklers und estnischen Konsuls Mentz von einem Fischer in der Nar- now unweit der Koßfelder Brücke gefunden und geborgen. Die Ursache des Selbstmordes dürfte mit Bestimmtheit in Zah- lungsschwierigkeiten zu suchen sein.

Der deutsch- Reichskriegerbund Kyffhäuser wendet sich in einer Neujahrskundgebung seines Vorstandes" erneut gegen die KriegsschuWüge und den Kulturbolschewis-

Ausruf sagt u. a.:-In enger Geschlossenheit will der KyffhanserMid auch im neuen Jahre mithelfen an der Bildung eines gesunden Volkötums, einer wahrhaft patrio- tychen Gesinnung, die sich selbst und ihre besonderen Ansichten und Belange dem Gesamtwohl opfert und unbekümmert um Gunst oder Saß die Lehren der Vergangenheit aufrechterbäl! und sie mit den Forderungen der Zukunft verknüpft." Der Ausruf schließt mit einer Aufforderung an alle Kameraden und pflichtbewußten Deutschen, die den Glauben an eine deutsche Zukunft noch nicht verloren haben, mitzuhelfen an der inneren Erstarkung unseres Vaterlandes.

Die Reichsminister Dr. Moldenhaner und Dr. Curtius veröffentlichen in Gemeinschaft mit dem Vorsitzenden des .Geschäftsführenden Ausschusses der Deutschen Volks­part e i, Staatssekretär z. D. Kanipkes, in der National­liberalen Korrespondenz Kundgebungen. M o l d e n h a u e r sagt darin:Wenn die großen Ausgaben gelöst werden sollen,- 'E ist es notwendig, daß sich die Verständigen im Lande besinnen, nicht im Kampf alter gegen alle die erste Aufgabe erblicken, sondern sich bewußt werden, daß nur eine starke geschlossene D Front dem Ansturm des Auslandes standhalten kann Es ist gleichgültig, welche Partei und welcher Minister die Fragen löst, es ist nur notwendig, daß sie überhaupt eine verständige Lösung finden, wenn Deutschland bestehen und das Jahr 1930 nicht zu einem Unglücksjahr für uns werden soll."

Dr. Curtius äußert sich u. a.:In den letzten Wochen lag auf Millionen Lippen die Frage: Was Hütte jetzt Stresemann getan? Er kann nicht mehr antworten und wir haben nicht das Recht, im Namen und im Auftrag eines Toten zu sprechen. Die Politik ist ja keine Wissenschaft, die in den Lehrsätzen weiterlebt sondern eine persönliche Kunst, die mit dem aus- übenden Künstler stirbt, sosehr der Erfolg im einzelnen mit abhängt von hundert Faktoren, die außerhalb seiner Person liegen. Die Politik seiner Vorgänger erhielt durch Stresc- mann eine andere Dynamik, eine neue Richtung, ein größeres Ziel. Wir können und tootteß.,i neJeyiy*u y__. trauen auf seinen wc» m Zeusen Genius. Er würde sich über«"' all wiederfinden, wo man rastlos und restlos dem Vaterlande' dient." j _

Staatssekretär z. D. Kamples verlangt radikale Abkehr"-- von dem falschen Lebensstil, den wir uns angewöhnt haben. ... Geht das deutsche Volk mit solcher Selbsterkenntnis und mit dem festen Willen, es anders zu machen, über die Schwelle des Jahres, konzentriere es seine Kraft auf die Beseitigung der Übelstaude, statt sich im nutzlosen inneren Hader zu-ver­lieren, dann 'wird 1930 vielleicht ein Wendepunkt zum

Besser-

Die Vorkommniffe auf KreuzerLinden"

Erklärung des Reichsivehr Ministeriums.

Die Akten über die Vorgänge auf dem Kreuzer Emden", die in der Presse als Meuterei bezeichnet wurden, sind nun im Reichswehrministerium eingegan- ^.gen. Zu den Behauptungen der kommunistischen Presse über angebliche Meutereien wegen Dienstschikane und über einen vorzeitigen Abbruch der Weltreise des Kreuzers Emden" wird über den tatsächlichen Sachverhalt von feiten des Reichswehrministeriums mitgeteilt:

Schon im Sommer sei beschlossen worden, noch vor Weih­nachten nach Deutschland zurückzukehren. Von einem vor­zeitigen Abbruch der Weltreise könne infolgedessen keine Rede sein. Am 13. Oktober hätten sich einige dienstfreie Matrosen zusammengesetzt und beträchtlich dem Alkohol zugesprochen. In betrunkenem Zustande hätten sie dann die Internationale gesungen. Einer der Matrosen habe daraufhin ein rotes Taschentuch hervorgeholt und es an einer Stelle, die nicht zum Hissen von Flaggen bestimmt sei, mit einer Leine in die Höhe gezogen. Von einem Niederholen der Flagge des Kriegs-"" fchiffes könne selbstverständlich nicht gesprochen werden. Das Kriegsgericht, das in öffentlicher Sitzung getagt habe, habe festgestellt, daß es sich n i ch t um eine Meuterei gehandelt habe, sondern lediglich um Ausschreitungen in der Trunkenheit. Wegen Ungehorsams gegen den Reichswehrminister, der das Singen parteipolitischer Lieder verbiete, und wegen Verstoßes gegen allgemeine Vorschriften seien zwei der Angeklagten als­dann zu fünf Wochen Arrest verurteilt worden. Der dritte Angeklagte wurde freigesprochen.

Jagd auf Alkoholschmuggler.

Drei Schmuggler getötet.

Die amerikanischen Prohibitionsbehörden gehen jetzt gegen den Alkoholschmuggel im ganzen neu-englischen Küstengebiet mit vermehrter Energie vor. In N e w p o r t wurde von ihnen das zum Alkoholschnmggel benutzte MotorrennbootBlack Duck" am Eingang zum Hafen überrascht. Die Schmuggler versuchten unter dem Schutz des Nebels zu entfliehen. Bei der Verfolgung wurden drei Leute von der Besatzung des Schmugglerbootes getötet und einer verletzt. Weiter wurden zwei Schmugglerfahrzeuge aufgebracht, deren Besatzung recht­zeitig mit Hilfe der Schiffsboote an die Küste gefluchtet war. Ein in England registriertes Schmugglerschiff wurde in Brand gesteckt.

Russisch-chinesische Konferenz in Moskau.

Peking. Das Diplomatische Bureau der Mukdener Regie­rung veröffentlicht eine Entschließung, in der mitgeteilt wird, daß' am 25. Januar 1930 in Moskau eine russisch-chinesische Konferenz eröffnet wird.