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Nr. 34 Mittwoch, den 5. Mär; 1930 80. Jahrgang
MH immer Aertrauenslriie der Mir?
Von Dr. jur. Wolfgang Pohle
Man mag zum Fall des Reichsanwalts Jörns stehen, wie man will, Pflicht eines jeden Staatsbürgers, der es mit der deutschen Rechtspflege ernst meint, ist es jedenfalls, darauf hinzuwirken, daß jene Erscheinung, die man lange Zeit als eine „Vertrauenskrise" der Justiz hinzustellen beliebte, nicht ein Dauerzustand bleibe, sondern so schnell wie möglich überwunden werde. Es bleibe jier unerörtert, worauf diese „Vertrauenskrise" zurückzuführen ist. Beklagenswert sind vor allem die Angriffe gegen die Richterschaft von seinen jener, die offenbar im unabhängigen Richtertum eine der stärksten Stützen des bürgerlichen Ordnungsstaates sehen und daher alle fiebel in Bewegung setzen, an Hand von einigen, sicherlich vorkommenden, aber leider unvermeidbaren Fehlurteilen, die in geschickter Weise maßlos aufgebauscht wurden, die öffentliche Meinung gegen die Rechtsprechung zu vergiften. Was aber nicht unerörtert bleiben kann, ist das dringende Gebot der Stunde, diese sogenannte Vertrauenskrise nicht abermals zu einem Beunruhigungs- Herd der rechtsuchenden Bevölkerung zu machen.
Wer die Berichterstattungen der großen Tageszeitungen aus den Gerichtssälen in letzter Zeit verfolgt hat, wird wissen, daß nur selten noch die von den Strafgerichten erlassenen Urteile Angriffen ausgesetzt sind. Fast sämtliche Berichte begnügen sich mit einer mehr oder weniger treffenden Milieuschilderung und bringen den Richterspruch, ohne irgendwelche Einwendungen gegen die gefällte Entscheidung geltend machen zu können. Schon aus dieser Tatsache ist ersichtlich, daß die öffentliche Meinung, wenn man die Presseberichterstattung einmal als einen Spiegel dieser Meinung betrachten will, zur Strafgerichtsbarkeit das angeblich verlorengegangene Vertrauen wiedergewonnen hat. Das gleiche Bild aber ergibt sich für die Zivilgerichtsbarkeit. Derjenige Teil der Zivilrechtsprechung, der am meisten öffentlicher Kritik preisgegeben ist, die Arbeitsgerichtsbarkeit, darf das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, durch eine im wesentlichen befriedigende Lösung der oft schwierigen Rechts- streitigkeiten — von gelegentlichen Fehlurteilen abgesehen — zu einer Entgiftung und Befriedung der Atmosphäre in erheblichem Umfange beigetragen zu haben.
Wenn angesichts dieser nicht wegzuleugnenden Tatsachen der Fall Jörns zum Anlaß genommen wurde, erneut einen Feldzug gegen die Rechtsprechung im allgemeinen, gegen die Reichs, ustizverwaltung und das Reichsgericht im besonderen zu eröffnen, so kann diesem Versuche nur die Absicht zugrunde liegen, ohne ersichtlichen Grund von neuem Beunruhigung in die Bevölkerung zu tragen Die Vorgänge, die dem Fall Jörns zugrundeliegen, der Tod Liebknechts und der Rosa Luxemburg, liegen mehr als 10 Jahre zurück! Der Reichsanwalt Jörns befindet sich nicht mehr im Amt! Sollte ein vernünftiger Mensch auf den Gedanken kommen, jene Vorgänge aus der unmittelbaren Rachkriegs- und Revolutionszeit zum Spiegelbild der heutigen Judikatur zu machen? , „ , , , . ,
„Unter loyalen Staatsbürgern", so sagt man, „genieße von allen Gerichten das Reichsgericht das geringste Vertrauen". Daß solche Worte nicht geeignet sind, dem Staatsbürger das angeblich verlorengegangene Vertrauen zum höchsten Gerichtshof wieder einzuimpfen, bedarf keiner Erörterung. Wäre daher selbst das in -enen Worten zum Ausdruck gekommene Urteil richtig, so wäre es jedenfalls fehlerhaft und jeder Staatsraison widersprechend, es zu äußern.
Aber das Urteil ist auch f a l s ch. Es ist nicht wahr, daß die einem um die deutsche Justiz hochverdienten Staatssekretär anvertraute Personalpolitik des Reichsgerichts fehlerhaft gewesen ist. Die ans Reichsgericht berufenen Richter werden allein nach fachlichen Gesichtspunkten ausge- tucht, und die Statistik lehrt bei genauem Hinblick in die persönlichen Verhältnisse, daß nur solche Männer an das Reichsgericht berufen wurden, die sich über den Durchschnitt des sonstigen Juristen erheblich hinausschoben. Es ist auch nicht wahr, daß das Reichsgericht das geringste Vertrauen besitzt Das deutsche Reichsgericht, das darf behauptet werden, genießt in der gesamten Welt, vor allem im juristisch interessierten Auslande, einen geradezu vorzüglichen Ruf. Wer die Augen aufmachte, konnte zur 50-Jahrfeier des Reichsgerichts in Zeitschriften und Tageszeitungen Urteile vieler deutscher und ausländischer Persönlichkeiten lesen, wie sie ein Gerichtshof in dem gleichen anerkennenden Maße nur ganz selten zu hören bekommt. Gewiß, es sind Fehlurteile vorhanden und werden immer vorhanden sein. Aber die Leistungen des Reichsgerichts als Ganzes betrachtet, ragen weit über das Maß des Gewöhnlichen hinaus. Die Entwicklung des Aufwertungsrechtes, die für viele Staaten maßgeblich geworden ist, die Fortbildung des sich stets verfeinernden Zivilrechts waren Aufgaben, die das Reichsgericht in vollem Umfange gelöst hat. Fachleute aller Art auf nichtjuristischen Gebieten betonen immer wieder, daß gerade das Reichsgericht sich ständig bemühe, den praktischen Erfordernissen des Lebens, der Wirtschaft, der Technik gerecht zu werden Umsoweniger besteht ein Grund, das Vertrauen des deutschen Staatsbürgers zu feinem höchsten Gerichtshof zu untergraben. Es geht nicht an, das abgegriffene und unrichtige Schlagwort von der Weltfremdheit des Reichsgerichts wieer aufzuwärmen, um damit das angeblich mangelnde Vertrauen zum Reichsgericht zu begründen. Aufgabe der verantwortlichen Stellen ist es vielmehr, gegenüber leichtfertigen Urteilen, wie sie anläßlich des Jorns- prozefses erneut laut wurden, im Volke dahin aufklärend zu wirken, daß unter den Gerichten gerade das Reichsgericht ein hohes Vertrauen verdient. ^' '
Nun Sock erst Aoungplan?
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Nochmalige Verzögerung der Voung-Plan-Beratungen undiskukabel
# Berlin, 5. März. (Eig. Meldg.)
Die Pause in den Kabinettsberatungen zwischen Montagmittag und Dienstagnachmittag ist zu Vermittlungsversuchen bei den Regierungsparteien benutzt worden Am Montagnachmittag tagte der sozialdemokratische Fraktions- vorstand mit dem Reichskanzler und anderen Parteiministern, Dienstagvormittag waren die anwesenden Mitglieder der Fraktionsvorstände des Zentrums und der Deutschen Volkspartei im Reichstag versammelt, um die Lage mit ihren Ministern zu besprechen. An der volksparteilichen Besprechung nahmen Reichsfinanzminister Dr. Molden- hauer und einige hervorragende Vertreter des deutschen Wirtschaftslebens (Bankdirektor von S t a u ß von der Deutschen Bank und Geheimrat K a st l vom Reichsverband der Deutschen Industrie) teil. Am Schluß der Besprechung wurde unzweideutig kundgetan, daß man bei der Volkspartei nicht an die Möglichkeit einer sachlichen Einigung glaubt und jede Steuererhöhung, auch eine vorübergehende, weiterhin ablehnt.
Im Zentrum geht die Stimmung dahin, am liebsten die Entscheidung über den Poung-Plan um eine weitere Woche zu verschieben, worauf sich aber die anderen Parteien, vielleicht mit Ausnahme der Bayern, nicht einlassen werden. Denn darüber besteht nun wieder unter den anderen Einverständnis, daß eine nochmalige Verzöge'rung des Boung -Planes undiskutabel ist. Es gibt freilich noch theoretisch die Möglichkeit, daß das Kabinett in sich selbst eine Verständigung findet, aber sie steht auf schwachen Füßen. Wenn keine Einigung über den Finanzplan im Kabinett erfolgt, wird sich weiter fragen, ob wenigstens ein einmütiger Beschluß des Kabinetts zustande kommt, den Paung-Pian jetzt v^ns Zögern ju verabschieden, oder ob die Zentrumsminister glauben, auch in dieser Frage durch die bisherige Stellungnahme ihrer Fraktion gebunden zu sein. Wenn sie nicht zustimmen, würden zu den Gegensätzen in den Finanzsragen noch diese politischen Gegensätze treten, nur mit anders verteilten Rollen. Im Kabinett wird allerdings die Mehrheit mit dem Reichskanzler an der Spitze unter Umständen die Erledigung des Doung-Planes durchsetzen.
Weitere Verständigungsversuche nach der Seite der Volkspartei hin dürften trotz des bisherigen Mißerfolges dann immer noch unternommen werden, vorausgesetzt natürlich, daß nicht schon im Kabinett selbst der offene Bruch
Amtsübernahme der neuen Innenminister;
Berlin, 4. März.
Im Prentz^^.. Ministerium des Innern fand am Dienstagorrmittag anläßlich der Uebernahme des Amtes durch Minister Prof. Dr. Waentig eine Begrüßung durch die Angehörigen des Ministeriums statt, bei der Staatssekretär Dr Abegg u. a. ausführte: „In den letzten zehn Jahren haben zwei bedeutende Männer an dieser Stelle das preußische Innenministerium geleitet, Severing und Grzesinski. Beide haben Hervorragendes geleistet, aber ihre Kraft wurde gebrochen durch schmutzige Angriffe persönlicher Art, die mit sachlicher politischer Bekämpfung nichts zu tun hatten. Das Haus hält diesen beiden Männern die Treue, weil wir alle wissen. daß sie ihr Bestes gegeben haben im Dienst an der Arbeit für Volk und Staat. Beide Männer haben stets ihre Person hinter die Sache gestellt. Wir sind der Ueberzeugung, daß Sie als energische und starke Persönlichkeit, als ein Mann der Wissenschaft, der Politik und der Verwaltung sich mit ganzer Kraft der Arbeit des Innenministeriums widmen werden, in der der Lebenswille und das Selbstbewußtsein des neuen Staates zum Ausdruck kommt."
Minister Prof Dr Waentig dankte mit einer kurzen Ansprache und trat dann sein neues Amt an.
Unsfdtlnb Grützners aus der Partei
Grützner greift jetzt Braun an.
'Berlin, 4. März
Der sozialdemokratische Parkeivorstand hat einstimmig beschlossen, den Senatspräsidenten beim Oberverwaltungs- gericht Grützner aus der Partei auszufchließen. Er erklärt, daß die Behauptung Grützners, er habe vom Partei- vorstand für sein Vorgehen gegen den Minister Grzesinski freie Hand erhalten, auf Unwahrheit beruht.
Grützner richtet seine Angriffe nunmehr auch gegen den preußischen Ministerpräsidenten Braun. Er erklärt, Braun hätte den Bries, den er, Grützner, Anfang Februar an Braun geschrieben habe, nicht dem Chefpräsidenten Drews vom Oberverwaltungsgericht zeigen dürfen. Braun hatte nämlich sich wegen des Briefes Grützners über Grzesinski an Drews gewandt und ihn gebeten, Grützner zu eröffnen, daß er. der Ministerpräsident, nicht daran denke, auf einen solchen Schmähbrief zu antworten. Grützner stellt in der Maßnahme einen Einarist in seine richterliche
erfolgt. Würde dieser vermieden werden, dann müßte die Verständigung über die Finanzfrage unmittelbar nach Erledigung des Young-Planes zustande kommen, da ein Teil der Steuergesetze bis zum 1 April in Kraft treten müßte und da der in der zweiten Hälfte des März ftattfindende Mannheimer Parteitag der Deutschen Volkspartei nicht nur die äußerlich zur Verfügung stehende Zeit, sondern auch die Möglichkeiten für eine Verständigung zu erringen geeignet
Das Reichsnotopfer gefallen?
Beseitigung der gegensätzlichen Auffassungen.
Berlin, 5. März. Das Kommunique über die gestrige Kabinettssitzung wird als eine Bestätigung der optimistischeren Beurteilung angesehen, die die parlamentarische Lage seit Montag erfahren hat, und zwar yat man den Eindruck, daß dem Kabinett vom Reichsfinangminister Dr. Molden- Hauer ein neuer Vorschlag vorgelegt worden ist, der den Forderungen der Deutschen Volkspartei nach einer späteren Ausgaben- und Steuersenkung Rechnung rügt und auf der anderen Seite für die Reorganisatio der Arbeitslosenversicherungsanstalt einen Weg wies, auf dem die sozialdemokratischen Bedenken berücksichtigt werden. Auf diese Weise dürfte man ohne eine weitere Erhöhung der direkten Steuern auskommen. Jedenfalls hält man es in politischen Kreisen nicht für ausgeschlossen, daß es gelingt, ein Kompromiß her- beizuführen, durch das die Regierungskrise der letzten Tage beseitigt wird.
In politischen Kreisen wird das Projekt des Notopfers nunmehr als erledigt betrachtet. Der vom Finanzminister am Dienstag vorgelegte neue Plan sieht offenbar eine Deckung des 100-Millionen-Defizils der Arbeitslosenversicherung durch eine Beitragserhöhung vor. Zwischen den wirtschaftlichen Forderungen der Deutschen Volkspartei und den sozialen der Sozialdemokratie soll in der Weise ein Kompromiß geschaffen werden, daß der Deutschen Volks- partei die Erhöhung der direkten Steuern erspart und die Ausgaben- und Steuersenkung für das nächste Etatjahr garantiert wird. Auf der anderen Seite soll wohl eine Beitragserhöhung für die Arbeitslosenversicherung die Sorgen, die sich die Sozialdemokratie um das Weiterbestehen dieses Versicherungswerkes macht, beheben. Ob es möglich sein wird, nicht nur die Mitglieder des Kabinetts, sondern auch die Fraktionen unter diesem gemeinsamen Nenner zu vereinige, muß man allerdings noch abwarken.
Unabhängigkeit und seine disziplinare Unantastbarkeit. Wegen der Drohungen Grützners, daß wegen dieser Handlungsweise „Broun wahrscheinlich das gleiche Schicksal erleiden werde wie der Innenminister Grzesinski", soll Grützner amtlich vernommen werden.
Löde über die Wirtschastsnit
Leipzig, 4. März.
Reichstagspräsident Löbe sprach auf einer Reichs- bannerverjammlung in Leipzig und führte in a. aus, es sei eine Verkennung der Tatsachen, wenn die Gegner der Demokratie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die sich daraus ergebenden politischen Nöte auf die Staatsform zurückführen wollten. Alle Staaten litten gegenwärtig unter den gleichen Schwierigkeiten, die eine Folge der beispiellosen Vernichtung ungeheurer materieller Werte im vergangenen Kriege seien. Eine Aenderung der Staatsform in Deutschland würde die Ablehnung des Uoungplanes zur Folge haben. Natürlich habe die deutsche Republik auch mit der Annahme des Noungplanes die Schwierigkeiten noch nicht überwunden.
Segen HerWürhtng
des SchantstSttensesetzer
Berlin, 4. März
Die Industrie- und Handelskammer zu Berlin hat sich in einer Eingabe an den Reichswirtschaftsminister und die Mitglieder des Reichstages gegen die unnötige Verschärfung des Schankstättengesetzes durch die bekannten Beschlüsse des Volkswirtschaftlichen Ausschusses in der ersten Lesung gewandt. Die Kammer bekämpft besonders die Einführung eines Verhältnisses zwischen Einwohner- und Schankstätten- zahl und stellt fest, daß bei Annahme dieses Beschlusses künftig in Berlin bei zur Zeit 15 000 Gast- und Schank- wirtschaften und rund 4 % Millionen Einwohnern eine neue Konzession erst erteilt werden könnte, nachdem die Einwohnerzahl von Berlin aus 6 Millionen Einwohner gestiegen sein würde. Die Kammer bekämpft ferner das Reklameverbot für alkoholhaltige Getränke bei den öffentlichen Verkehrsanstalten und beantragt eine entsprechende Aenderung des vorliegenden Gesetzentwurfs in den nächsten Lesungen des Ausschusses.