HersM-erTageblatt
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I hersfel-er Kreisblatt
] Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 80
Freitag, den 4. April 1930
80. Jahrgang
EWeidmg im MHstU fit Brüning
Die Deutschnationalen stimmen gegen das Mißtrauensvotum Mit 252 gegen 187 Stimmen bestand das Kabinett Brüning die Feuertaufe
Die Entscheidung
Sieg dev neuen Regierung!
# Berlin, 3. April.
Der Reichstag hat am Donnerstag um 1 Uhr mittags die Mißkrauensankräge der Kommunisten und Sozialdemokraten mit 252 gegen 187 Stimmen abgelehnt.
Die neue Regierung Brüning hat am Donnerstagmittag ihren ersten achtunggebietenden Erfolg errungen: durch die Entscheidung der deutschnationalen Reichs- tagsfraktion, gegen die sozialdemokratischen und kommunistischen Mißtrauensanträge zu stimmen, konnte sich die Regierung auf eine Mehrheit von 252 gegen 187 Stimmen stützen, so daß ihr die Möglichkeit gegeben ist, im Sinne ihrer Erklärung zu versuchen, ihre Ausgabenaufpar- lamentarischem Wege in Angriffzu nehmen. Die Entscheidung stand bis zum Donnerstagvormittag auf des Messers Schneide, nachdem die deustchnationale Reichstagsfraktion in ihrer Mittwochsitzung bekanntlich beschlossen hatte, für die Mißtrauensanträge zu stimmen, falls ihrem Antrag auf Aussetzung der Abstimmung über die Regierungserklärung bis zur Vorlage der angekündigten Agrar- gesetze nicht entsprochen würde. Inzwischen waren jedoch aus dem Lande, besonders aus den Kreisen der Landwirtschaft, so zahlreiche und dringliche Erklärungen an die deutschnationale Parteileitung herangetrag^n worden, im Interesse der Landwirtschaft das Agrarprogramm des neuen Reichsernährungsministers Schiele nicht zu gefährden, daß Fraktion davon zu überzeugen, daß ihr Beschluß vom Vortage nicht im Interesse der Partei läge. Hugenberg hat die Stellungnahme seiner Fraktion im ReichstagFplenum selbst begründet und dabei darauf hingewiesen, daß die Ankündigung des Agrarprogramms nicht so sehr im Interesse der Landwirtschaft und des Ostens erfolgt sei, sondern um Uneinigkeit in die Deutschnationale Partei Hereinzu- tragen und diese zu sprengen.
Aus dieser Bemerkung Hugenbergs wie auch aus seinen weiteren Ausführungen vor dem Reichstag ist zu entnehmen, daß die Entscheidung der Deutschnationalen, die damit in Wirklichkeit das Kabinett Brüning gerettet baden, nickt aus sachlicher, sondern aus taktischer Erwägung erfolgt ist. Der Abgeordnete Schlange von der Volkskonservativen Vereinigung hat am Mittwoch, ebenso wie Hugenberg am Donnerstag, erklärt, daß sie nach wie vor den durch Dr. Curtius vertretenen außenpolitischen Kurs ablehnten: Hugenberg hat auch angekündigt, daß die Deutschnationalen den deutsch-polnischen Handelsvertrag verwerfen. Diese Andeutungen lassen erwarten, daß das Kabinett Brüning sich bei der Durchführung seiner ein- feinen Aufgaben nicht in jedem einzelnen Falle auf die gleiche Mehrheit wird stützen können, wie es am Donnerstag durch die Abstimmung scheinen könnte. Wohl aber ist durch diese Abstimmung eine Linie aufgezeigt, auf der sich unter bestimmten Voraussetzungen eine Regierung der bur- qerlichen Sammlung zusammenfinden kann.
1 Ob der erste Schritt hierzu mit der Abstimmung am Donnerstag bereits getan ist, wird man zunächst bezweifeln können; nicht zu bestreiten aber ist, daß die schnelle Beseitigung der Regierungskrise und die Schaffung einer Arbeits- basis für die neue Regierung in kürzester Frist in erster Cinte Der Initiative des Reichspräsidenten zu danken ist, der, abweichend von der üblich gewordenen Gepflogenheit, die Regierungsbildung auf der Grundlage der Verfassungsbestimmungen, d. h. ohne Einwirkung der Parteien verlangte und den Reichstag daran erinnerte, daß über allem Parteistreit stehen muß das Staatsinter- esse, das Staatswohl und die StaatsVerantwortung.
Um ihre Stellung nach beiden Seiten zu befestigen, hat die Reichsregierung in der kurzen aber sehr inhaltreichen Er- klärunq, die der Reichskanzler Dr. Brüning vor dem Reichstag am Donnerstag abgab, eine Reihe von Konzessionen gemacht. Der Rechten bot sie die Zusicherung, daß das Agrarprogramm einschließlich eines großen Ostprogramms mit größter Beschleunigung in Angriff genommen werden sollte. Ihren eigenen Parteien sagte sie zu, ihre Maß. nahmen womöglich ohne jede Anwendung des ominösen Ar- tikels 48 der Reichsverfassung zu verwirklichen. Ganz besonders betonte der Kanzler, daß er die agrarischen Maß- nahmen, für die er einer Mehrheit sicher zu sein scheint, dem Reichstag vorlegen wolle. Er erklärte ferner, daß die Han- delsvertraqspolitik des Deutschen Reiches unverändert bleibe. Die große Frage wird sein, wie sich alle diese Dinge miteinander vereinigen lassen.
Eine weitere Frage ist die, auf welchem Wege die finanzpolitischen Notwendigkeiten durchgesetzt werden. Der 1. April ist längst überschritten Daß. sich jetzt eine Mehrheit für ein Finanzprogramm im Reichstag findet, ist nach wie vor unwahrscheinlich, wenngleich man mit dem
Gedanken spielt, anstelle der Biersteuererhöhung mit Rücksicht auf die Bayerische Volkspartei eine Umsatzsteuer- erhöhung treten zu lassen. Hier liegen noch Schwierigkeiten für die Regierung im Hintergründe, die ihr keine reine Freude an ihrem parlamentarischen Siege erlauben. Daß die Regierung auf den Borwurf Hugenbergs, sie habe die Autorität des Reichspräsidenten mißbraucht, mit keiner Silbe antwortete, ist allgemein aufgefallen, ebenso, daß die Angriffe auf die Minister Dr. Curtius und Dr. Wirth unbeantwortet blieben, denen Hugenberg oorwarf, sie hätten nach unwidersprochenen französischen Presseäußerungen den Vertragspartnern im Haag Sanktionsfreiheit für den Fall einer deutschen Rechtsregierung zugestanden. Das Ergebnis ist also, daß der Reichstag nicht aufgelöst wird, sondern versammelt bleibt, daß aber auch schwerwiegende Fragen noch ohne Antwort geblieben sind.
Der Endkarnpf
Bei Eröffnung der Reichstagssitzung am Donnerstag teilt Präsident L ö b e mit, daß der Abgeordnete K e i n a t h (DVP.) in den Reichstag neu eingetreten fei. (Rufe: „Das lohnte sich nicht mehr!" — Heiterkeit.)
In der Fortsetzung der Aussprache über die Regierungserklärung nimmt Abgeordneter Graf zu Revent- l o w (Nat.-Soz.) das Wort. Er ist bei der allgemeinen Unruhe kaum verständlich. Graf Reventlow wendet sich besonders gegen diejenigen Sätze der Regierungserklärung, in denen die organische Weiterentwicklung der bisherigen Außenpolitik angekündigt wird. Das bedeute die weitere würden immer wieder das volksverräterische Treiben derjenigen Parteien, die dem Aounnninn .aimofümrnt «ballen ning sei geschaffen worden, um die Widerstände gegen Die Durchführung des Youngplans zu brechen.
Abgeordneter Rädel (Komm.) führt u. a. aus, man habe schon früher erlebt, wie schnell die Hugenberg-Fraktion ihre Haltung der jeweiligen Konjunktur anpaßt. Das Nä- tionalgefühl dieser Leute wurzele im Geldschrank. Die angedrohte Anwendung des Artikels 48 wäre ein Berfaffungs- bruch.
Brüning erklärt
Reichskanzler Dr. Brüning beantwortet dann die in der Aussprache gestellten Fragen. Auf die Fragen der Außenpolitik werde die Regierung bei dem m kurze zu beratenden Etat des Auswärtigen Amtes ausgiebig eingehen. An die Beratung der agrarpolitischen Hilfsmaßnahmen sei die Reichsregierung sofort aus eigener Initiative und auf besonderen Antrag des R e i ch s p r ä s i d e n - t e n herangegangen. Sie habe dabei das Programm des Ministers Schiele ln den kreis ihrer Beratungen hmem- gezogen. Die Reichsregierung werde noch im Laufe der nächsten Woche ihre gesetzgeberischen Vorschläge dem Reichstag unterbreiten. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Das Programm der außerordentlichen Hilfe für die östlichen Gebiete werde gleichfalls in kürzester Frist dem Reichstag unterbreitet werden. Bezüglich der Fragen der Handelspolitik beziehe er sich auf die Erklärung der Reichsregierung und stelle fest, daß die notwendige Kontinuität der Handelsvertragspolitik auch von der neuen Reichsregierung durchgeführt werden wird. Der Abgeordnete Dr. Breitscheid habe Besorgnisse wegen der Anwendung des Artikels 48 ausgesprochen.
„Die Reichsregierung", so erklärt der Kanzler, „wird nach sorgfältigster Prüfung, wenn es überhaupt notwendig sein sollte, in jedem Cmzelfall entscheiden, ob die verfassungsmäßigen und rechtlichen Voraussetzungen des Artikels 48 gegeben sind. (Gelächter bei den Kommunisten.) Ich habe meinen Standpunkt zu dieser Frage bereits in Köln ausgesprochen und festgestellt, daß von dem letzten Mittel der Verfassung, dem Artikel 48, nur dann Gebrauch gemacht werden soll, wenn keine Hoffnung mehr besteht, daß das Parlament und die Partelen ihre Mission selbst erfüllen. (Erneutes Gelächter bei den Kommunisten.) Ob überhaupt die Anwendung des Artikels 48 notwendig ist, ist eine Entscheidung, die dieses hohe Haus in kurzer Zeit selbst zu fallen hat." (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Hugenberg spricht
Mit großer Spannung wurden hierauf die Ausführungen des Vorsitzenden der Deutschnationalen Parte:, Dr. L>uaenbera entgegengenommen. Er erinnerte an Den ^.iit- woch Beschluß der deutschnationalen Reichstagsfraktion im Falle der Ablehnung eines Vertagungsantrages dem Kabinett das Mißtrauen auszusprechen. Er, Hugenberg, habe im Einvernehmen mit dem Fraktionsvorsitzenden Dr. Oberfohren aber selbst die Anregung gegeben zu einer Erk a- rung, daß die deutschnationale Reichskagsfraktronemmuüg den sozialdemokratischen und kommunistischen Mißtrauens
antrag ablehne. Die Fraktion handele nach dem auf dem Kasseler Parteitag aufgestellten Grundsatz, daß die Partei jeden Vorstoß unterstützen werde, von dem irgendeine wirkliche Besserung der Lage der Landwirtschaft erwartet werden kann. Die neue Regierung habe mit starken Worten Maßnahmen zum Schutze der schwör notleidenden Landwirtschaft und der gefährdeten Ostprovinzen angekündiat. Die Deutschnationalen seien sich völlig darüber einig, daß sie für diese Regierung und ihr Handeln nicht die mindeste Verantwortung tragen. Sie sähen aber keine Veranlassung, dem Reichslandbund in den Arm zu fallen, wenn er die Verantwortung übernehmen woll«. Andererseits fürchteten die Deutschnationalen, daß die Zusammensetzung der preußischen Regierung und der heutige Aufbau der Preußenkasse ein ernstes Hindernis für die erforderlichen Rettungs- Maßnahmen für die Landwirtschaft und den Osten bilden werden. Den polnischen Handelsvertrag würden die Deukschnakionalen entsprechend ihrer bisherigen Haltung auch jetzt ablehnen. Der Wille zur Weiterführung des bisherigen Erfüllungskurses in der Außenpolitik werde durch die Beibehaltung des Außenministers Dr. Curtius und des Ministers Wirth zum Ausdruck gebracht.
Weiter erklärt Hugenberg, die Deutschnationalen hätten seit Monaten betont, daß sie zu einer Zusammenarbeit mit den n i ch t m a r x i st i s ch e ri Parteien bereit sind, wenn sie sich auf die Rettung von Staat und Wirtschaft vor dem Marxismus und auf die Freiheit Deutschlands richtet und Reich und Preußen gleichmäßig umfaßt. Das mit der Absicht der Sprengung der Deutschnationalen Partei, zugleich unter Mißbrauch des Namens und Ansehens des Reichspräsidenten gebildete neue Parteikabinett der Mitte fei ein nicht überzeugender Versuch, diese Tatsache zu verschleiern. Das finanzielle Programm der Regierung finde, da es in erster Linie neue Steuerbelastungen mit sich bringt, nicht die Zustimmung der Deutschnationalen. Nach dem Gesagten hätten diese gegenüber den Absichten und der Zusammensetzung des neuen Kabinetts ein weitgehendes Mißtrauen. Die Deutschnationalen würden zu bem i^enu£^
Sätze des Redners folgen immer wieder Rufe der Sozialdemokraten und Kommunisten: „Und dennoch lehnen Sie die Mißtrauensanträge ab!" Auf die Erklärung weitgehenden Mißtrauens gegen die Regierung antwortet die Linke mit schallendem Gelächter. Als Abg. Hugenberg seine Erklärung beendet hat, kommen von den Nationalsozialisten laute Pfui!-Rufe.
Mißtrauensvotum abgelehnt
Es folgt nun die namentliche Abstimmung über die gleichlautenden Mißtrauensanträge der Sozialdemokraten und Kommunisten.
Mit 252 gegen 181 Stimmen werden die Mißtrauens- ankräge abgelehnt.
Um 1% Uhr vertagt sich das Haus auf Freitag, 1 Uhr. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des G a st- ftättengefetzes.
Das Kabinett an der Arbeit
Das Reichskabinett hat am Donnerstag nach der Reichstagssitzung eine Besprechung über die Lage und über das weitere Vorgehen abgehalten. Am späten Nachmittag fanden dann Beratungen des Reichsfinanzmim'ters Dr. Moldenhauer mit den Finanzsachverständigen der Regierungsparteien statt. Um 5.30 Uhr traten die Parteiführer und die Finanzsachverständigen beim Reichskanzler zusammen. Diese beiden Beratungen galten dem Deckungs- programm, das die Regierung auch zunä^st im Reichstag zu erledigen versuchen wird. Der Steuerausschuß des Reichstages ist bereits auf Freitag vormittag zur Beratung über das Finanzprogramm einberufen worden.
Glatter Verlauf der Parteiführer-
Besprechung
... aber die Arbeitslosenversicherung noch nicht behandelt.
Berlin, 4. April. Die gestrige Besprechung der garten führer in der Reichskanzlei hat die Finanzfragen soweit gefördert, daß der Steuerausschuß heute vormittag' mit dei Beratung der Deckungsworlagen beginnen kann.
Am Anfang der Verhandlungen werden die Erhöhungen für Benzin und Benzol stehen. Es hat sich allerdings als notwendig erwiesen, daß die neu zur Regierung hinzugetretenen Gruppen genauer informiert werden. Deshalb ist verabredet worden, daß der Reichsfinanzminister mit ihnen eine besondere Besprechung abhält. Das Ergebnis der Parteiführerbesprechung läßt auf erfolgreiches Arbeiten hoffen. Die Frage der Arbeitslosenversicherung ist in der gestrigen Besprechung noch nicht berührt worden. Sie wird auch zunächst noch keine Rolle spielen. Es handelt sich für die Regierung Darum, die Deckung für noch etwa 70 Millionen Mark zu beschaffen. Die Regierung wird übrigens von der Versicherungsanstalt au chein Gutachten über die Möglichkeit von Einsparungen einfordern. Eine Verminderung der Leistungen soll aber nicht eintreten. Durch Reformen in der Verwaltung und größere Bewegungsfreiheit für die Arbeitsämter glaubt man die Deckungs- schwierigkeiten vermindern zu können.