HersfelöerTageblatt
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Nr. 147 Donnerstag, den 26. Juni 1930
EmWMMsej oder Arlikel 48
Kabinett und Parteien vor der Entscheidung.
Das Reichskabinett hat sich, zuverlässigen Informationen zufolge, bereits auf sämtliche Einzelheiten des Finanzprogramms festgelegt. Es bleibt somit lediglich die Frage zu klären, welche taktische Haltung das Kabinett in den Verhandlungen mitden Parteien einschlagen soll. Reichskanzler Brüning wird am Donnerstag in Neudeck die Ernennung Dietrichs zum Reichssinanz- minister vorschlagen und die weiteren Absichten der Regierung vom Reichspräsidenten genehmigen lassen.
Am Freitag wird die Regierung vom Reichstag ein Ermächtigungsgesetz verlangen. Falls die Er- mächtigung, zu der bekanntlich Zweidrittelmehrheit erforderlich ist, nicht vom Reichstage gegeben werden sollte, wird der Reichskanzler das Finanzprogramm der Regierung im Wege der Notverordnung (also gestützt auf Artikel 48) in Kraft setzen. Dies würde allerdings im weiteren Verlauf der Dinge Neuwahlen zur Folge haben.
Die Demokraien über die neuen Schwierigkeiten.
Die demokratische Reichstagssraktion besprach die politische Lage, ohne Beschlüsse zu fassen. Es wurde bedauert, daß die Deutsche Volkspartei, statt mit der Regierung und den in ihr vertretenen Parteien eine Lösung zu suchen, durch die ultimative F o r^n ihrer De-
Deutschlands Rustenpolitit
l Abschiebung. — Abg. Schiange-Schöningen (Chr.-Nat.Baue.rn-
Berlin, 25. Juni.
Im Reichstag lag am Mittwoch der Schwerpunkt des Interesses bei den Verhandlungen und Unterredungen in den Wandelgängen, da die unsichere politische Lage, die Frage der Neubesetzung des Finanzmmisterpostens und die damit zusammenhängenden Fragen das Interesse der Abgeordneten von den eigentlichen Verhandlungen im Plenum abzogen. So begannen denn auch die letzten Verhandlungen über die zweite Lesung des Etats des Reichserährungsministeriums ziemlich imeressenlos. Da aber in der Aussprache noch eine--ganze Reihe von Einzelwünschen vorgebracht wurden, zogen sich die Beratungen wider Erwarten hin und erst mit reichlicher Verspätung konnte die zweite Lesung des Etats des Auswärtigen Amtes in Angriff genommen werden, die mit einer Rede des Reichs- außenministcrs Dr. Curtius eröffnet wurde. Der Außenminister stellte dabei an die Spitze seiner außenpolitischen Be- lrachtungen die bevorstehende Rheinlandräumung, die allen Deutschen das Gefühl unzertrennbarer Zusammengehörigkeit erneut zum Bewußtsein bringen sollte, und sprach unter dem Beifall des besetzten Hauses der Bevölkerung der besetzten Gebiete seinen Dank für die erduldeten Leiden aus. Dann gab Der Minister einen Überblick über das Ergebnis der Außenpolitik Der letzten Monate und beschäftigte sich dabei des näheren mit unserem Verhältnis zur Sowjetunion ii n d z u Pole n. In der Aussprache haben daraus die Redner Der einzelnen Parteien ihrer Genugtuung über die Befreiung oes befehlen Gebietes Ausdruck gegeben und sprachen sich in Diesem Zusammenhang zum Teil auch gegen eine Änderung Der deutschen Außenpolitik aus.
Sitzungsbericht.
(183. Sitzung.) CB. Berlin, 25. Juni.
Die zweite Beratung des Haushalts des Ernährungsministeriums wurde fortgesetzt.
Abg. Gerus (Dtn.) forderte Maßnahmen gegen die Einfuhr von Molkereiprodunen, die sich ein so verarmtes Volk nicht leisten könne. — Abg. Passehl (Soz.) trug Wünsche für Die Verteilung Der Mittel für das Kleinfischereigewerbe vor.— Abg. Haag (Dtn.) verwies auf die
Übermäßige Einfuhr von ausländischem Obst
und Gemüse, Die vurch besseren Schutz des einheimischen Anbaues abgedrosselt werden müsse. — Abg. Dr. Wendhausen (Christl.-Nal. Bauernpt.) erklärte, daß trotz der Hindenburg- Botschaft Die erhoffte Besserung für die Landwirtschaft nicht eingetreten sei. — Abg. Putz (Komm.) bestritt, daß allgemein von einer Not der Landwirtschaft gesprochen werden könne. In Den Kreisen Der Großbauern sei noch Geld und Kredit genug vorhanden. — Abg. Krätzig (Soz.) wies Angriffe wegen bes. Verkaufs ausländischer Butter in den Konsumvereinen zurück und bedauerte, daß die einheimische Buttererzeugung keine erstklassige Standardware liefere. — Abg. Frau Weber (Ztr.) empfahl die Einsetzung eines Konsumentenausschusses, um den Verbrauch einheimischer Produkte zu fördern
und namentlich Der starken Einfuhr von Südfrüchten entgegen- zutreten. — Abg. Dr. Horlacher (Bayr. Vp.) trat für Erleichterung Der süddeutschen Haferausfuhr ein. Er fordert weiter beschleunigte Erhöhung der Hopfenzölle. Das Milchgesetz sei für Die Landwirtschaft nur tragbar, wenn es gleichzeitig mit Dem Verbraucherschutz auch einen Preisschutz für die Landwirtschaft bringe. In die Osthilfe müsse auch die bayerische Ostmark einbezogen werden. — Abg. Ederer (Bayr, Bauernbd.) verlangte, daß Der Bauer einen Preis für seine Produkte erhalte, her den gerechten Lohn für seine Arbeit bedeutet. — Abg. Drewitz (Wirtschaftspartei) unterstützte die Wünsche nach vermehrtem Roggenbrolkonsum — Abg. Frau Hertwig-Bünger (D. Vp.) setzte sich für
größere Anerkennung der Hausfrauenarbeit in ländlichen und städtischen Betrieben ein. — Abg. Kerp (Ztr.) begrüßte das Weinaeseb und fordert helfen baldige Vel
schlüsse dte Krise verschärft yave, obgleich diese Beschlüsse von dem Standpunkt anderer Parteien und auch der Demokraten grundsätzlich nicht abwichen. Es bedürfe der opferfreudigen Zusammenarbeit aller Regierungsparteien, wenn die Regierung ihre Basis nicht gänzlich verlieren solle.
Zentrunlsbeamten und Notopfer
Tagung des Reichsbeamkenbeiraks des Zentrums.
Berlin, 26. Juni. Der Reichsbeamtenbeirat der Deutschen Zentrumspartei, der in Berlin tagte, hat sich auch mit der Frage des Notopfers beschäftigt und dabei Richtlinien bezüglich des Deckungsprogramms, vor allem des Notopfers, ausgestellt, die bei den Beratungen der Zentrumsfraktion wie auch des Kabinetts Berücksichtigung finden sollen. Es hat sich dabei eine völlige Uebereinstimmung mit den Deckungsmög- lichkeiten ergeben, über die zur Zeit im Kabinett beraten wird.
Zentralvorstandssitzung der D.V.P. verschoben
Berlin, 26. Juni. Wie wir erfahren, ist die Sitzung des Zentralvorstandes der Deutschen Volkspartei, die für den 4. Juli nach Mainz einberufen worden war, auf den 13. Juli nach Berlin verlegt worden.
in Den Rücken fallen. — Abg. Gottheiner (Dtn.) meinte, das Osthilfegesetz habe in Ostpreußen starke Enttäuschung hcrvor- gerufen. — Nach einigen persönlichen Bemerkungen wurde der Etat im allgemeinen nach den Beschlüssen des Ausschusses angenommen Dabei wurde in einfacher Abstimmung auch der Mißtrauensantrag der Kommunisten gegen den Minister mit großer Mehrheit abgelehnt. Das Ostprogramm wurde dem Ausschuß überwiesen.
Es folgte dann die
Beratung des Haushalts des Auswärtigen Amtes in Verbindung mit dem deutsch-polnischen Handelsvertrag.
Abg. von Freytagh-Loringhoven (Dtn.) berichtete über die Ausschußverhandlung.
Von den Deutschnationalen war ein Mtßtrauens- a n t r a g gegen den Reichsaußenminister Dr. Curtius ein- gegangen.
Neichsaußenminister Dr. Curtius bedauerte zunächst die Ablehnung der Umwandlung der Gesandtschaften in den Abc-Staaten in Botschaften. Der auswärtige Dienst habe sich als wertvolles Instrument der Außenpolitik der Reichsregierung erwiesen. Der Minister behandelte
die bevorstehende Rheinlandräumung.
Er wolle heute der Befreiung als eines Ereignisses unserer nationalen Geschichte gedenken, das alle Herzen mit größter Freude erfülle und den Anlaß gebe, allen Deutschen das Gefühl unzertrennlicher Zusammengehörigkeit zum Bewußtsein zu bringen. Der Minister dankte der rheinischen Bevölkerung und gedachte gleichzeitig des Ministers Dr. S t r e s e ni a n n , mit dessen Namen die deutsche Geschick»? der letzten Jahre unlöslich verbunden sei. Die Ziele der deutschen Politik, so fuhr Der Minister fort, ergäben sich aus der Gesamtlage der internationalen Verhältnisse von selbst. Wir werden danach streben müssen, die volle politische Freiheit und Gleichberechtigung Deutschlands zu erreichen. Zur
Saarfrage
führte der Minister aus, daß, sowenig wie die Volksabstimmung zu scheuen haben, es doch ein erfreuliches Ereignis wäre, wenn die Frage durch freiwillige Vereinbarung mit Frankreich geregelt werden könnte. Der Völkerbund stehe auch heute, nach mehr als zehnjähriger Aktivität, noch im Anfang seiner Entwicklung. Der Grundgedanke der Gleichberechtigung sei aber noch nicht in notwendigem Maße zur Geltung gelangt. Dann beschäftigte sich der Minister mit dem
Briandschen Memorandum,
an dessen Beratung sich die Regierung unter den von ihr für richtig gehaltenen Gesichtspunkten beteiligen werde. Zweifellos drohe sich gegenüber der bisherigen
deutsch-russischen Politik
ein startet St-mwungsumschwung zu vollziehen, wir hofften aber, daß Die Verhandlungen der Schlichtungskommission zu guten praktischen Ergebnissen führen werden. Denn ein großer Teil unserer künftigen politischen Aufgaben sei im Osten zu suchen. Deshalb komme es wesentlich aus die sorgsame Pflege der Beziehungen zu unseren Ostnachbarn, namentlich Der Sowjetunion an. Dann besprach der Minister
dir Vorkommnisse an der deutsch-polnischen Grenze
und wies Die Behauptungen zurück, wir wollten dadurch Ute allaemeine Aufmerksamkeit auf die Grenzverhältnisse im Osten lenken. Wir hätten es nicht nötig, solche Mittel anzuwenden, um Grenzverhältnisse zu beleuchten, über die sich jeder Verständige längst im klaren sein müsse. Dr. Curtius ging sodann aus die Handelspolitik der letzten Jahre ein und meinte, vatz diese trotz schmerzlicher Opfer im ganzen erfolgreich gewesen wäre. Wenig erfolgreich gestalteten sich dagegen die Verhandlungen mit den Ländern im Osten und im Südosten Europas. Der Grund dafür liege in der landwirtschaftlichen Situation Der Minister verteidigte dann den Vertrag mit Polen und suchte die Bedenken hinsichtlich der Schweine- und Kohlen- einlubr zu zerstreuen. Zum Schluß betonte der Minister^ daß
80. Jahrgang zwischen Außen- und Innenpolitik eine unauflösliche Verbindung bestehe, und daß eine erfolgreiche Außenpolitik besonders jetzt nur möglich sei auf gesicherter Jnnenbasis. Wir müßten daher auch vom Standpunkt der Außenpolitik mit allen .Kräften für eine Konsolidierung unseres innenstaatlichen Lebens sorgen.
Inzwischen war auch von den K o m ni u n i st e n ein Mißtrauensantrag gegen den Außenminister eingegangen.
Die Aussprache über den Etat
wurde von dem sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Breit, scheid eröffnet. Die Verhandlungen zur Beilegung der entstandenen Mißstimmmung begrüßte der Redner. Die Grenz- zwischenfälle mit Polen seien bedauerlich.
Abg. Freiherr von Freytagh-Loringhoven (Dtn.) wandte Nch gegen die Kritik, die an seinem Vergleich des deutschen Haushalts mit dem englischen und Dem französischen geübt worden sei.
Abg. Ulitzka (Ztr.) betonte, daß Deutschland das Zusammenwirken mit allen Völkern brauche, um die Krise, die eine Weltwirtschaftskrise fei, zu überwinden. Unter Diesem Gesichtspunkt sehe er auch das Europa-Memorandum Briands.
Das Haus vertagte die Weiterberatung hierauf auf Donnerstag.
Thüringens Klage an den
Staatsgerichtshof abgeganqen
Weimar. Die vom Thüringischen Skaaksministerium verfasste Klage wegen der Sperrung der Polizeizuschüsse durch das Reichsinnenministerium ist am Mittwoch abend gegen 7 Uhr an den Skaaksgerichlshof abgeschickt worden. Es handelt sich um ein umfangreiches Schriftstück mit einer ganzen Anzahl von Anlagen, die zur Erläuterung des außergewöhnlichen Charakters dieses Schrittes dienen.
Um die Arbeitszeit im Kohlenbergbau
Genf, 26. Juni. In der Vollversammlung der Internationalen Arbeitskonferenz beginnt heute die Beratung der Konvention über die Arbeitszeit im Steinkohlenbergbau. Der von der Kommission ausgearbeitete Entwurf ist mit dem Kommissionsbericht sämtlichen Konferenzteilnehmern zugegangen. Im Laufe des gestrigen Tages haben wieder Besprechungen mit den Arbeitgebery unter Teilnahme des Di- ^^^m^^tattgefunoen^C^warbeabsichtigk^ieArbeit-^ geber nochmals zur Teilnahme an einer Kommiffionsfitzung zu veranlassen, ehe die Beratungen der Vollkonferenz beginnen. Die Arbeitgeber haben aber ihren Standpunkt aufrecht erhalten und erklärt, daß sie sich für die Beratungen der Vollversammlung ihre Stellungnahme völlig frei halten müßten. In Konferenzkreisen verlautet, daß die Arbeitgeber gegen den Konventionsentwurf stimmen werden. Ob die notwendige Zweidrittelmehrheit dann noch zustande kommt, hängt hauptsächlich von der Stellung der in der Kommission nicht vertretenen Regierungen ab, deren Einstellung noch unbekannt ist.
Botschafter von Hoesch bei Briand.
Paris, 26. Juni. Botschafter von hoesch hatte am Mittwoch eine ausführliche Unterredung mit dem französischen Außenminister Briand, die einem Meinungsaustausch über eine Reihe schwebender Fragen diente.
Ein griechischer Waffenschmnggle» verhaftet {
Paris, 26. Juni. Ein Grieche namens Panaguks» k o s wurde verhaftet, da er im Verdacht steht, Waffen- und Munitionskäufe, besonders Ankäufe von Maschinengewehren, getätigt zu haben. Der betreffende Grieche soll im Jahre 1920 beauftragt gewesen sein, Venizelos zu ermorden. Er wurde damals verhaftet und auf Antrag der griechischen Regierung ausgeliefert. Es gelang ihm aber, während der Ueberführung zu flüchten.
Kenworthy gegen Englands Flotten- Neubauten
London, 26. Juni. Kenworthy (Arbeiterpartei) erklärte zu dem Flottenbauprogramm, das vom Ersten Lord der Admiralität im Unterhaus bekanntgegeben worden ist: „Wenn dies die ersten Früchte des Flottenvertrages sind, so wäre es viel besser gewesen, er wäre niemals abgeschlossen worden. Zusammen mit den Schiffen, die bereits feit der Unterzeichnung des Flottenvertrages dieses Jahr in Auftrag gegeben wurden, bedeutet dies Programm, daß für Neubauten insgesamt 13 Millionen Pfund Sterling ausgegeben werden. Ich sehe darin nur eine unnötige Herausforderung des Auslandes."
Mellon gegen die Me Fadden Resolution
Washington, 26. Juni. Auf Ersuchen des Bankausschusses des Repräsentantenhauses erschien Schatzmeister Mellon vor dem Ausschuß, um Auskunft über seine Stellung zur M c F a d d e n -Resolution zu geben, die bekanntlich den Ankauf von Stücken der Doung-Anleihe durch die Bundesbanken und staatliche Banken verboten wissen will. Mellon sprach sich entschieden gegen Annahme der Resolution aus; sie entspräche nicht der „publio policy" der Vereinigten Staaten. Die Bundesbanken seien durch ihre Satzungen auf bestimmte Kapitalanlagen beschränkt und könnten daher Reparationsbonds ohnehin nicht erwerben. Wie die staatlichen Banken seien Privatfirmen, denen die Bundesregierung die Art ihrer Ankäufe nicht vorschreiben könne, außer der Bestimmung, daß sie ihr Kapital nur in Wertpapieren anlegen sollen, die am offenen Markt verkäuflich sind.