hersfelöerTageblatt
Herssel-er Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS
mit des Beilagen: IllnSrierLss AuterbattangSblatt / Nach AeterabraS / Serv und Gckolle / Anterhattkna und Wll « Beiebrang und KmrweN / WirtickaftliEe SaoMfrauen
Nr. 155 «Erstes Slatt)
Cunuuv-aö, den S. Juli 1930
80. Jahrgang
König Earols neuester Streich
Madame Lupescu nach Rumänien zurückgekehrt — Verschärfung des Ehekonflikts
Stalins Vsrrhus-Sieg
Von Dr. E. H u r w i c z.
Mit uferlosen Diskussionen und öffentlichen Aeußerungen der „Selbstkritik" wurde nach zweieinhalbjähriger Pause der diesjährige Moskauer Parteikongreß eingeläutet. Mit jener Propagandakunst, die den Bolschewik! eigen, wurde er zum Anlaß genommen, die Fabrikarbeiter zu größerer Tagesproduktion aufzupeitschen. Sämaschinen, mechanische Garbenbinder und andere landwirtschaftliche Gerätschaften — alles russisches Erzeugnis — wurden dem Kongreß aus der Union zugeschickt, um die Fortschritte des Fünfjahrplanes und der Industrialisierung zu demonstrieren. Und als, nach einer Begrüßung der 2000 Delegierten durch Kali- nin, der Hauptexekutor dieses Planes, Stalin, auf die Kongreßtribüne trat .empfing ihn brausender Applaus. Cäsaren haben der Menge noch immer imponiert (besonders, wenn diese vorher so durchgesiebt wurde, wie es vor diesem Kongreß geschah). Und derselbe Applaus begrüßte den Diktator, als er seine achtstündige (!) Rede, in der er mit allen seinen Gegnern von rechts und von links abrechnete, beendet hatte. Die Opposition aber schwieg. Stalin hat auf dem Kongreß gesiegt.
Die außenpolitische Rundschau, die diese Rede wie überhaupt die offiziellen Vorbereitungen zum Kongreß umrahmte, war allerdings diesem Erfolge nicht ungünstig. Die in der Welt herrschende Arbeitslosigkeit gab einen willkommenen Stoff, um die eigene innerwirtschaftliche Situation zu beschönigen. Und die Schulweisheit von dem Zusammenhänge der Innen- mit der Außenpolitik, die auch die Sowjetpolitiker sich angeeignet haben, wurde auf die Opposition von rechts, in der man ausdrücklich die Hauptgefahr erblickt, angewandt. Diese rechtsstehenden Opportunisten — so hieß SÄÄ anerkannt, aber daraus nur gefolgert, daß sie die Fortschrittsmöglichkeiten des Kapitalismus überschätzt hätten; nicht aber wären sie reuig zu Kreuze gekrochen und hätten ihren Glauben an die Organisationsfähigkeiten der kapitalistischen Welt überhaupt abgeschworen. — Bei allen diesen Argumentationen Stalins und seiner Helfershelfer wurde. nur das eine vergessen (oder verschwiegen): daß nämlich Sowjetrußland selbst in steigendem Maße an Arbeitslosigkeit leidet und daß diese Arbeitslosigkeit geradezu ins Unge- messene noch weiter zu steigen droht, da ja die Kollektivisie- rung Millionen von Existenzen vernichtet hat. Richt umsonst wird Stalin der Ausspruch in den Mund gelegt: Rußland habe „20 Millionen Bauern zu- viel".
Wie dem aber auch sein mag: Stalins Rede, die in der Forderung eines „sozialistischen Angriffs auf der ganzen Front", einer „Ausrottung aller Ueberreste kapitalistischer Elemente in der Wirtschaft" und der völligen Liquidation des bäuerlichen Eigenbesitzes gipfelte, diese Rede wurde vom Kongreß bejubelt. Schon nach diesem Empfang konnte man eigentlich die klägliche Rolle der Opposition voraussehen. Wie sollte diese allein gegen eine so zahlreiche und Stalin ostentativ zugeneigte Versammlung aufkommen? Dazu gehört doch — Zivilmut! Diesen aber hat bisher nur einer gezeigt — Trotzki, oder höchstens ein Häuflein Vereinzelter in Ortskonferenzen. Die „Führer" der Rechtsopposition" aber: Tomski, Rykow, Uglanow — sie alle sind auf dem Kongreß zu Kreuze gekrochen, haben ihre Sünden öffentlich bereut und die „Generallinie"^ der Partei als die einzige Wahrheit proklamiert. Immer mehr wird dieser Parteikongreß einem Parteikonzil ähnlich, dessen gewaltigen Bannstrahl alle Sünder fürchten sollen. Und diese Aehnlichkeit, diese Massenpsychose wird schon dadurch deutlich sichtbar, daß Stalins Zeloten die Buße der Reuigen noch „ungenügend" fanden, noch mehr Zerknirschung und Orthodoxie verlangten. Die Büßer sollten sich selbst geradezu als Vertreter des Kulakentums bezeichnen, so forderten die Fanatiker. ,
Allein, wo ist denn diese „Generallinie", um die sich alles dreht? Auf dem Gebiete der Industrialisierung ist sie noch leidlich zu sehen: sie bedeutet hier Forcierung des Tempos, Bau neuer Anlagen, Modernisierung der Betriebe. Allein wenn Stalin daran die Losung knüpft: Umwandlung Rußlands aus einem Agrarstaat in einen Industriestaat, so muß doch schon jeder mit den Elementarbegriffen Vertraute die Frage stellen: Aber wovon sollen sich denn die Industriezentren und die Städte ernähren? Die Agrarwirtschaft wird also noch auf lange hinaus das russische Kardinalproblem bleiben. Hier aber ist die „Generallinie" unsichtbar. Wenn Stalin die weitere Massenkollektioisierung und „völlige Liquidation des bäuerlichen Eigenbesitzes" verlangt, — wie verhält sich diese Forderung zu einer Verdammung aller „berauschenden Erfolge" der Kollektivisierung und zu seinem Rückwärtsdekret vom 2. April d. I.? Wenn der Landwirt- schaftskommissar Iakowlew in seinen Kongreßthesen die „Wiederherstellung eines richtigen, leninschen Verhältnisses zum Mittelbauern" und die Fortsetzung der Kollektivisieruna „im Bunde mit dem Mittelbauern" fordert, — was bedeutet das? Soll der Mittelbauer unangetastet bleiben oder foy
Neuer Slondal um Botel
Berlin, 5. Juli.
Der Ehezwist zwischen dem rumänischen König Carol und seiner Gattin, der Kroprinzessin Helene, ist in ein neues Stadium eingetreten.
Die frühere Geliebte des Königs, Madame Lupescu, ist aus Wien hier eingekroffen und hak in Sindia, wo sich das Sommerschloß des Königs befindet, Wohnung genommen.
Es wurden ihr auf königlichem Befehl Zimmer reserviert, und man rechnet damit, daß Kimig Earol am Sonnabend in Sinaia einkreffen wird. Es verlautet auch, daß für Madame Lupescu in Bukarest eine Villa als Aufenthaltsort herge- richtet wird.
Es hat demnach den Anschein, als ob die guten Vorsätze Earols nicht lange angehalten hätten. Was sagt das rumänische Volk zu diesen Eskapaden seines Herrschers?
er in den Kollektivisterungsprozeß Yineingezogen werden? Diese Thesen sind leere, nichtssagende Formeln, die über bh objektiven Schwierigkeiten hinwegtäuschen sollen.
Aber bei aller Zweideutigkeit und leerem Formelwesen ist das eine für jeden objektiv Denkenden klar: Wenn schon der Eigenbauer bei niedrigen Getreidepreisen ungern produzierte, so wird der in die Kolchosen eingegliederte Bauer erst recht nicht für die anderen produzieren — es sei denn unter der Fuchtel. Entweder Sklaverei oder Versorgung von Staats wegen, das scheint die Alternative für Rußlands nächste Zukunft zu sein, in beiden Fällen eine wenig versprechende Alternative.
Die Kluft zwischen den von Stalin entworfenen Glanzperspektiven und der traurigen russischen Wirklichkeit kommt uns ja schon heute in jenen Stimmen aus den Ortskonse- „Selbstkritik" noch kurz vor dem Ko,' rreß veröffentlicht hat. Es find wirklich Stimmen aus dem Volke, wenn auch aus dem Parteivolke: „Ich bin nicht mit der Parteilinie und der Losung „Fünfjahrplan in vier Jahren" einverstanden. Die Partei ist nicht imstande, das Land zu versorgen." — „Man schafft Kolchosen, es gibt aber keine Traktoren." — „Es gibt keine Bretter, keine Nägel für die Speicher. Man muß das Tempo mildern." — Stalin hat zwar die O p p o - s i t i on, nicht aber die russische Wirklichkeit besiegt. Sein Sieg hat eine verteufelte Aehnlichkeit mit einem Pyrrhus-Sieg.
Polnische Hetze gegen Hindenburg
, Warschau, 5. Juli
Der Besuch des Reichspräsideten, den er kürzlich den deutschen W e i ch s e l d ö r f e r n abstattete, die durch die sinnlose Grenzziehung des Versailler Vertrages vom Strom abgeschnitten sind, hat, wie zu erwarten war, in der polnischen Presse eine Hetze gegen den Reichspräsidenten entfacht. Der „K u r j e r C z e r w o n y" schreibt unter der Ueberschrift „Der provokatorische Schatten des kaiserlichen Marschalls über dem polnischen Weichselstrom": „Der Feldmarschall entblößte an der Weichsel sein Haupt und verharrte einige Minuten im Schweigen, um auf diese Weise seinem Gefühl im Zusammenhang mit den Befreiungsfeiern am Rhein Ausdruck zu verleihen. Diese symbolische und schweigsame Geste Hindenburgs spricht mehr als ganze Bände. Diese Geste, die nicht ohne Eindruck in der Welt bleibt, muß ein verständliches Echo in Polen finden."
Das muß sie allerdings, das ist auch unsere Auffassung. Sie soll bedeuten, daß mit der Befreiung des deutschen Rheinlandes von zehnjähriger Fremdherrschaft ein Unrecht wieder gutgemacht ist, das Unrecht am Rhein, das aber das Deutschland angetane Unrecht an der Weichsel fort- besteht.
Reue Ausschreitungen im Rheinland
Wiesbaden, 4. Juli.
In der Rachk zum Freilag kam es auch in Wiesbaden zu Ausschreitungen gegen ehemalige Separatisten. In einer Reihe von Läden in den Hauptgeschäftsstraßen richteten die Ruhestörer großen Schaden an. U. a. wurden eine Bäckerei und eine Metzgerei mit ihren beiden Filialen vollständig verwüstet. Im Hause des Zentrumsblaktes „Rheinische V o l k s z e i t u n g “ und in einigen anderen Häusern wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Infolge der Schnelligkeit, mit der die Menge von einem Platz zum anderen zog, war es der Polizei nicht möglich, die Zerstörungen zu verhindern. Einige Bedrohte wurden in Schutzhaft genommen, etwa ein Dutzend verhaftet.
Es scheint festzustehen, daß sowohl die Uebersälle in Mainz wie die in Wiesbaden von ein und derselben Gruppe, die ihren Plan vorher genau verabredet hatte, angestiftet worden sind.
Eegenwartrsragen und D. B. P. ‘
Programmatische Rede Dr. Scholz'
In der Zentralvorstandssitzung der Deutschen Volkspar- tei eröfnete der Parteivorsitzende, Reichsminister a. D. Dr. Scholz, die Tagung mit dem Bedauern, daß die politische Lage die ursprünglich beabsichtigte Tagung am befreiten Rhein in Mainz verhindert habe. Wenn es nun auch nicht möglich sei, in einer großen Befreiungsfeier der Deutschen Volkspartei die Verdienste des großen Führers Stresemann zu feiern, so gezieme es sich für die Deutsche Volkspartei doch, zu Beginn der Tagung eine stille Befreiungsfeier zu besehen.
Die Ausführungen über die politische Lage leitet Dr. Scholz mit einem Rückblick auf die Sachsenwahlen ein, die der Partei erhebliche Verluste gebracht hätten. Durch vermehrte Arbeit der Partei, so fährt er fort, muß diese Scharte wieder wettgemacht werden. Es ist oft in diesen Tagen gesagt worden, daß die Haltung der Deutschen Volkspartei gegenüber der jetzigen Regierung nicht im Geiste Strese- manns war. Nichts ist falscher. Stresemann war es, der auf der letzten von ihm geleiteten Zentralvorstandssitzung entschieden betont hat, daß es auf den Gebieten der Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht so weitergehen könne wie bisher.
Die Regierung Brüning, die mit unserer lebhaften Zustimmung im Frühjahr ans Ruder kam, schien uns allen der Beginn einer Zeit zu sein, die bürgerliche Wirt- schafts- und Finanzpolitik zum Durchbruch bringen würde. Das starke Vertrauen, das weit über die kreise der Zentrumspartei hinaus in den ganzen bürgerlichen Kreisen der Regierung Brüning entgegengebracht wurde, ist leider durch ihre bisherige Tätigkeit nicht in vollem Umfange gerechtfertigt worden.
Das ist letzten Endes die Quelle der Differenzen, in denen wir heute auch mit der Regierung Brüning stehen, auch die Quelle der unerquicklichen Vorgänge, die sich mit dem Rücktritt Motdenhauers verknüpft haben.
Auf der Deutschen Volksparkei lastet heute eine schwere Verankworkuna Auf der einen Seite wird es im Volk schwer verstanden werden, wenn die O tsche Volkspartei.diese bür- geruche Regierung im schwersten Augenblick im Stich« Iu^l Aus der anderen Seite steht unsere grundsätzliche Auffassung, die im Programm der Regierung Brüning keine Erfüllung findet.
Eine gewisse Freiheit des Handelns müssen Sie in bie= fern Augenblick der Reichstagsfraktion geben. (Zustimmung.) Dr. Scholz begründet dann
den Standpunkt zum Deckungsprogramm, das zum Teil gewisse Verbesserungen, andererseits aber auch wesentliche Verschlechterungen gegenüber dem früheren enthalte. Zu begrüßen sei die stärkere Senkung der Ausgaben, die an der Spitze jedes Finanzprogramms stehen müsse. Andererseits enthalte das Programm die sogenannte Reichshilfe. Jede neue Steuerbewilligung fei in diesen schwierigen Zeiten nichts anderes als eine Einnahmevermehrung, womit die große Gefahr verbunden fei, daß sie in ein Faß ohne Boden geschüttet wird. Auch die Erhöhung der Einkommensteuer müsse abgelehnt werden.
In dec Frage der Arbeitslosenversicherung begrüßt es Dr. Scholz, daß die Regierung endlich die Forderungen erfülle, die die Partei seit schon vor mehr als Jahresfrist aufgestellt habe. Die finanziellen Verhältnisse der Reichsanstolt wären heute besser, wenn man schon damals diesen Vorschlägen gefolgt wäre.
Dr Scholz bespricht dann kurz die Reichsreform, zu deren Inangriffnahme der Augenblick günstig sei. Die Wirtschaft habe den Willen zur Selbsthilfe durch stärkste Rationalisierung bewiesen. Sie habe den Anspruch darauf, daß auch die Firma Deutschland, so sparsam und rationell wie nur möglich verwaltet wird.
50 Todesopfer in Ades
Lübeck, 4. Juli.
Nachdem am Donnerstag und Freitag wieder zwei Kinder als Opfer der Fütterung mit dem Tuberkuloseserum ge- storben sind, ist damit die Ziffer der Toten der Lübecker Kinderkatastrophe auf 50 gestiegen. Nach dem Bericht des Gesundheitsamts sind außerdem 69 Kinder krank, 74 gebessert und 59 gesund bzw. in ärztlicher Beobachtung.
Wie das Lübecker Gesundheitsamt weiter berichtet, hat abermals eine Konferenz der Lübecker Aerzteschaft mit den Hamburger Aerzten stattgefunden. In dieser Besprechung wurden besonders zwei Behandlungsmethoden erörtert, die der hiesigen Aerzteschaft von außerhalb empfohlen waren. Es handelt sich dabei zunächst um das Verfahren nach F r i e d m a n n. Da dieses in der Einspritzung lebender Schildkrötentuberkelbazillen besteht konnte sich die Aerzteschaft nicht dazu entschließen, die Verantwortung für die Anwendung dieses Mittels zu übernehmen. Auch der zweite Vorschlag, das f e r m e n t haltige Mittel eines Dresdener Arztes anzuwenden, fand nicht die Zustimmung der Aerzte- fcbaft