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hersfelöerTageblaü

»MH^WM Hersfel-er Kreisblatt

LUi^KäL^A-/'.:.^.':.:, Amtlicher ^nötiget für den Steis ^erefeto

Nr. 160

Freitag, den 11. Juli 1930

80. Jahrgang

Ueber 160 Bergleute sind tot!

Keine Hoffnung mehr für die noch Eingeschossenen

Bisher 92 Tote und 49 Verletzte geborgen Verzweifelte Rettungsarbeiten mit neuen Opfern

Sie Kataktrsphe mn Neurode

Hausdorf, 10. Juli.

Ein klarer Ueberblick über die Lage auf dem von dem Kohlensäureausbruch betroffenen Schacht ber' Wenzeslaus- grube in Hausdorf konnte bisher noch nicht gewonnen werden.

Von der 193 Mann starken Belegschaft der Abteilungen 17 und 18 konnten bisher nur 49 gerettet werden, die im Reuroder knappschaftslazareit Aufnahme fanden und für die nach ärztlicher Ansicht auch noch keine Lebensgefahr be­steht. An Toten wurden 81 geborgen.

Alle, die bisher noch nicht über Tag befördert werden konnten, befinden sich in der Abteilung 18, die vollkommen unter Kohlensäuregas liegt, weshalb die Rettungsarbeiten nachts um 12 Uhr abgebrochen wurden, da ein weiteres Vordringen der Rettungsmannschaft mit Lebensgefahr ver­bunden war.

Die Leitung der Rettungsaktion ist der Ansicht, daß sämtliche noch unter der Erde befindlichen Bergleute als tot zu betrachten seien. Es ist demnach anzunehmen, daß die Zahl der Todesopfer über 150 betragen wird.

3m knappschaftslazareti wurden 59 Tote aufgebahrt, von denen bisher 51 identifiziert werden konnten. Da es an Raum mangelte, mußten die Toten zum Teil im städti­schen Krankenhaus uütergebrachk werden. Die Erregung unter der Bevölkerung ist naturgemäß sehr groß.

Die Belegschaft ist nicht eingefahren, sondern trat, ob­wohl sie auf der Grube erschienen war, den Heimweg an.

In den frühen Morgenstunden wurden die Rettungs­arbeiten mit allen Kräften wiederaufgenommen. Es ist aber noch nicht gelungen, an die Unglücksstelle heranzukommen. Der Luftdruck ist noch so stark, daß selbst das Rellungs- gerät versagt und den Mannschaften die Masken vom Gesicht gerissen werden. Zahlreiche Personen wurden betäubt, andere schwer verletzt. Zwei Steiger mußten ihren Opfermut mit dem Leben bezahlen; der eine er­stickte, der andere kam mit einer Hochspannungsleitung in Berührung.

In den Mittagsunden war ein Teil der giftigen Gase aus dem Schacht abgezogen; es wurde sofort ein neuer Stoßtrupp eingesetzt, um das Flöz von den herausgeris­senen Steinen zu befreien. Die Leute kommen jedoch, ob­wohl jeder von ihnen mit einem Saueroffapparat ausge­rüstet ist, nur sehr langsam und sehr schwer vorwärts.

Ein Bild von dem gewaltigen Ausmaß der Katastrophe kann man sich machen, wenn man bedenkt, daß die Gase fast 3000 Meter von dem eigentlichen Ursprung der Kohlensäureexplosion in den Hauptschacht der Wen- zeslausgrube nach Mölke getrieben wurden.

Trotzdem wird immer wieder versucht, die mit Gas verseuchte Grube mit Kompressoren und anderen Mitteln zu ent­lüften. Wann die Bergung der Eingeschlosfenen gelingt, weiß zur Stunde noch niemand.

Wachsende Erregung

Die Erregung in Hausdorf, wo fast jede Familie einen oder mehrere Tote beklagt, ist beispiellos, wobei besondere Gerüchte eine Rotte spielen. Der einzige Ueberlebende aus der Abteilung 17, der etwa 500 Meter von dem Ort der Katastrophe entfernt war, erzählt, daß er versucht habe, den Steiger telephonisch zu benachrichtigen. Es sei ihm aber nicht geglaubt worden, daß seine Meldung zuträfe. Später sei er dann mit der Rettungsmannschaft erneut wiedereingefahren.

Am Vormittag wurde versucht, eine der Wettertüren mit Gewalt zu öffnen. Die Rettungsmannschaften konnten jedoch nicht vordringen, da ihnen erneut Kohlensäuregase entgegenkamen.

Die Ursache der Katastrophe

Ueber die Ursache der Katastrophe wird von sachverstän­diger Seite der Bergverwaltung mitgeteilt, daß diese Katastrophe einzig d a st e h t. Die Gefahr der Koh- lenfäureausbrüche in Steinkohlengruben ist allerdings seit 1894 bekannt, aber nur etwa drei oder vier Gruben im Waldenburger Bezirk sind der Gefahr des Kohlensäuregases ausgesetzt. Außerdem gibt es nur noch in Südfrankreich eine Steinkohlengrube, die durch Kohlensäureausbrüche gefährdet werden kann. Das Gas kommt aus den tieferen Schichten der Erdrinde, steigt in den Gesteinsspalten auf und verbrei­tet sich über die Kohlenflöße und das benachbarte Gestein. Beim Abbau kann es herausdringen. Im allgemeinen fin­det nur eine allmähliche Entgasung unter geringem Druck statt, manchmal sammelt sich aber das Gas an und kommt dann zum Ausbruch. Die Gefahr der Kohlensäureausbrüche hat in den letzten Jahren zugenommen, im Jahre 1929 find allein 35 K o h l e n s ä u r e a u s b r ü ch e vorge­kommen, jedoch ohne ein Menschenleben zu kosten. Die­ser Erfolg war den Sicherheitsmaßnahmen zu verdanken, die gegen diese Gefahr eingeführt worden sind Die Sicherheits-

Maßnahmen bestehen darin, daß man starke Ladungen von Sprengschüssen von gesicherter Stelle aus elektrisch fernzün­det, wobei die Mannschaft sich zurückzieht. Damit erschüttert man das Gebirge und ruft den Kohlensäureausbruch hervor. Diese Einrichtung hat den Erfolg gehabt, daß in den letzten vier oder fünf Jahren keine Unglücksfälle mehr sich ereignet haben. Worauf der jetzige Ausbruch in der Wenzeslaus- Grube zurückzuführen ist, ist noch nicht geklärt, denn die Grubenräume sind in weitem Umfange vergast, und man kann an die Unglücksstelle noch nicht heran. Diese liegt wahr­scheinlich in der Abteilung, wo die achtzig Bergleute noch ein­geschlossen sind.

Hausdorf, 10. Juli.

Unter Führung von Bergrat Werne fuhren am Don­nerstagnachmittag fünf neue Hilfsmannschaften in den Kurt- Schacht ein. Es gelang, eine Weltertür zu öffnen und fünf Tote, die dahinter lagen, zu bergen. Gegen 5 Uhr nachmit­tags konnten weitere sechs Mann geborgen werden.

Amtlich wird jetzt mitgeteilt, daß zur Belegschaft nicht 193, sondern 211 Leute zählten, von denen bisher 9 2 to! geborgen sind und 70 als noch eingeschlossen gelten.

ReichstagZüntrsge zum Gmbmmglüil

Im Reichstag haben die Regierungsparteien folgenden Antrag eingebracht: Angesichts der Bergwerks­katastrophe auf der Wenzeslausgrube bei Hausdorf richten wir an die Reichsregierung das Ersuchen 1. mit größter Beschleunigung die Ursache des Unglücks festzustellen, 2. alle geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, um Katastrophen dieser Art zu verhindern, 3. für eine ausreichende Unter­stützung der Hinterbliebenen Sorge zu tragen.

Die sozialdemokratische Reichstags­fraktion hat beantragt, die Reichsregierung zu ersu­chen, aus Anlaß der Grubenkatastrophe in Neurode sofort mit ausreichenden Mitteln einzugreifen, um den Angehö­rigen der Verunglückten in ihrer schweren materiellen Not beizustehen.

Die kommunistische Reichtstagsfraktivu fordert, sofort den vorläufigen Betrag von 1 Million M bereitzustellen, um die Notlage der durch das furchtbare Grubenunglück auf der Wenzeslausgrube bei Neurods be­troffenen Bergarbeiterfamilien zu lindern.

Andenburgs Teilnahme

Der Reichspräsident hat an den Regierungspräsidenten in Breslau folgendes Telegramm gerichtet:

Tief erschüttert durch die Nachricht von dem schweren Unglück, welches das schon so schwer heimgesuchte Neuroder Bergrevier durch die Katastrophe auf der Wenzeslaus Grube erneut betroffen hat, bitte ich Sie, den Hinterbliebenen der ums Leben gekommenen Bergleute den Ausdruck meiner aufrichtigen Teilnahme und den Verletzten meine besten Wünsche für baldige Wiederherstellung zu übermitteln. Gott gebe, daß die noch in der Grube eingeschlossenen Bergleute gerettet werden. Als Beitrag zur ersten Hilfeleistung für die Hinterbliebenen lasse ich Ihnen sofort einen Betrag von zehntausend Mark überweisen.

gez. von Hindenburg, Reichspräsident."

Hillsmatznahmen und BeNeidslundgebungen

Das Preußische Staatsministerium hat sofort einen Be­trag von 100 000 Mark zur Linderung der Rot der Hinter­bliebenen und der Verletzten bereitgestellt.

Auch der preußische Ministerpräsident Braun hat tele­graphisch der Zechenverwaltung und dem Betriebsrat sein Beileid mit einer Spende von 2000 Mark übermittelt.

Weiter haben der Reichskanzler und der Reichsarbeits- minister der Gewerkschaft konsolidierte Wenzeslausgrube und dem Betriebsrat der Gesellschaft ihre Teilnahme durch Beileidstelegramme ausgedrückt.

Der sozialdemokratische Parteivorstand übermittelte tele­graphisch 5000 M. zur ersten Hilfeleistung.

Die Rot des Waldenburger Reviers

Die Wenzeslaus-Grube hat eine Belegschaft von 2400 Mann und befindet sich in nicht leichter wirtschaftlicher Lage, wie überhaupt der Waldenburger Bergbau, der schon Mann­schaftsteile entlassen wollte. Die Frage, die gefährdeten Gru­ben im Waldenburger Revier stillzulegen und die Mann­schaften anderweit unterzubringen, wird in Erwägung ge­zogen, ist aber kaum zu lösen, da jenes Gebiet, in dem in alten Zeiten die Weber ihren Unterhalt fanden, jetzt fast ganz auf den Bergbau angewiesen ist.

Frühere schmere VergwertsunglüSe

Das Grubenunglück in Hausdorf ist eines der schwersten, das den deutschen Bergbau heimgesucht hat. Folgende schwere Bergwerksunglücke sind zu erwähnen:

1908 Kohlenstaubexplosion auf der Zeche Radbod bei Hamm, 360 Tote,

1912 Schlagwetterexplosion in Bochum, 117 Tote, 1921 Kohlenstaubexplosion auf der Zeche Mont Cenis bei Hamm, 79 Tote, _____ ______ v.^^^.tt^iuitun M der Hehmtzgrube bei Beu­chen, 112 Tote,

1925 Kohlenstaubexplosion auf der Zeche Minister Stein bei Dortmund, 135 Tote,

1929 Schlagwetterexplosion in der Glückhilf-Friedens- Hoffnungsgrube bei Waldenburg, 25 Tote.

KshlMauh«Isßo»!

Zwei Tote, fünf Verletzte auf Grube Paul I.

Weißenfels, 11. Juli.

Auf der Grube Paul I bei Luckenau wurden durch eine Kohlenstaubexplosion zwei Arbeiter get.tet, zwei weitere Ar­beiter schwer und drei leicht verletzt. Die Verletzten sind dem Hohenmölsener Knappschaftskrankenhaus zugeführt worden.

Weitere 200 Millionen

Ar WirMsltrdelebnng

Ein Angebot der Spitzeninstitute der Oeffentlichen Kredit­anstalten.

Berlin, 11. Juli.

Die Spitzenverbände der kommunalen und anderen öffentlichen Kreditanstalten, die Deutsche Girozentrale, Deutsche Kommunalbank und die Deutsche Landesbankzen­trale A. G., haben in einer gemeinsamen Eingabe an die Reichsregierung zur Finanzierung des geplanten Arbeits- beschasfungsprogramms ein Angebot in Höhe von 200 Mil­lionen Mark gemacht.

Hiervon sollen mit Hilfe der Sparkassen- und der Pfandbriefanstalten 1.0 0 Millionen Mark a l s H p - p o t h e k a r k r e d i t e für das zusätzliche Woh­nungsbau-Programm aufgebracht werden, ohne daß eine Bürgschaftsübernahme für das Reich in Frage kommt. - /

Zur Finanzierung der Wegebauten kom­men nach Ansicht der Spitzengeldinftitute bei der gegenwär­tigen Kapitalmarktlage weder langfristige Auslands- noch Jnlands-Anleihen in Frage. Deshalb muh die Finanzierung zunächst kurzfristig, das heißt mit mehrjährigen Geldern er­folgen.

Auf jeden Fall muß aber eine derartige Kreditgewäh­rung durch die kommunalen Banken und Kreditanstalten der Länder durchgeführt werden, um auf Grund der engen Be­ziehungen zu den Wegebaupflichtigen Verbänden eine ver­nunftgemäße Verteilung zu gewährleisten. Die oben erwähn­ten Institute erklären sich bereit, auch hierfür 100 Millionen zur Verfügung zu stellen.

Kontrolle der Gemrindeßnanren?

Berlin, 10. Juli.

Eine Berliner Privatkorrespondenz will erfahren ha­ben, daß in führenden Wirtschaftskreisen eine Neuordnung der Gemeindeselbstverwaltung in finanzieller Hinsicht an- gestrebt werde. Danach sollen die Wohlfahrtsausgaben stär­ker individualisiert werden, und ferner sollen Revisionsstel- len für die Ueberprüfung der Gemeindefinanzen eingerichtet werden *' " -««-»--l- * ----- « «**<»>$» '^»»*i"'<'