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hersfelöerTageblatt

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5!L!^ Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

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Nr. 172

Freitag, den 25. Juli 1930

80. Jahrgang

Die Katastrophe in Güditalien

Man befürchtet 2500 Todesopfer Amtlich bisher 1778 Tode u. 4262 Verletzte gemeldet Mehrere taufend Häuser eingestürzt

Erzebms der Woche

kr. gt. Daß sich die Parteien des Reichstages als unfähig erwiesen haben, eine Mehrheit für das Deckungs- programm der Regierung zu bilden, wird nieman­den überrascht haben, der die parteipolitischen Irrungen und Wirrungen bei uns in Deutschland kennt. Wir können uns

zu unserem Troste freilich sagen, daß es in anderen Ländern gleichfalls nicht wesentlich besser aussieht. Auch in Frankreich tritt die Krise der parteipolitischen Parteien von Jahr zu Jahr deutlicher hervor. Kaum hatte im vergangenen Jahre Poincare die Zügel aus der Hand gegeben, da erwies es sich, daß eine regierungsfähige Mehrheit überhaupt nicht vorhanden war. Die parlamentarischen Kombinationen, an denen sich Daladier und Chautemps versuchten, scheiterten, und auch das Ministerium Tardieu erwies sich als eine Ent­täuschung. Es ist Tardieu weder gelungen, die bürgerliche Linke, die er eben so heftig wie ohne ersichtlichen Grund an­gegriffen hatte, zu versöhnen, noch die Radikalsozialen in das Lager der MehrheUsparteien hinüberzuziehen. So fehlt es auch hier an einer regierungsfähigen Mehrheit, und die schwankende Führung der Geschäfte wird von der Oeffent- lichkeit um so stärker kritisiert, als es selbst dem Ministerium Tardieu, trotz seines stolzen NamensKabinett der natio­nalen Wohlfahrt" keineswegs gelungen ist, Frankreich vor den Folgen der Weltwirtschaftskrise, die bisher vor diesem glücklichsten Lande Europas Halt gemacht hatte, auf die Dauer zu bewahren. Man sieht, es gibt auch in anderen Ländern Parteikrisen aber der für uns darin liegende Trost ist doch recht gering, denn was sich Frankreich mit sei­nen unerschöpflichen Hilfsquellen und seiner festgegründeten Macht gestatten kann, vermag sich das aus tausend Wun­den blutende Deutschland nicht zu leisten. Ob sich freilich im Rahmen des gegenwärtigen Wal"

e durchführen läßt,

erscheint recht zwestelhast. Von Tag zu Tag mehren sich die Stimmen, die eine Beseitigung der Listenwahl und die Rück­kehr zu der Wahlordnung der Friedenszeit fordern, und in der Tat, es spricht alles für und nicht gegen eine solche Aen­derung, die uns endlich wieder das geben könnte, was uns

im Parlament fehlt: Persönlichkeiten. Gehen die Dinge fort wie bisher^ schwindet das Vertrauen des Volkes in das Par­lament noch weiter, so stehen wir vor Katastrophen, deren Folgen noch nicht abzusehen sind.

In der großen Politik, die sich fern von Deutschland und ohne deutsche Einflußmöglichkeiten abspielt, steht der französisch-italienische Gegensatz nach wie vor im Vorder­grund. Der von französischer Seite imMatin" abgelassene Versuchsballon einer deutsch - französischen Verständigung, bei der Deutschland angeblich von Frankreich eine Revision der härtesten Bestimmungen des Friedensdiktates erhalten soll, ist natürlich für uns bedeutungslos und in Wirklichkeit lediglich für Italien bestimmt, dem gezeigt werden soll, daß Frankreich irf keiner Weise auf Italien angewiesen ist. Der begabte Taschenspieler Briand arbeitet eben Italien gegen­über bald mit derartigen leise verhüllten Drohungen, die wir bald mit verbindlichen Gesten, wie zum Beispiel mit der an die italienische Adresse gerichteten Erklärung, es sollen keine neuen Schiffe bis Ende Dezember gebaut werden, damit dann die unterbrochenen Verhandlungen mit Italien wieder aufgenommen werden könnten. In Wirklichkeit denkt Frank­reich garnicht daran, sein Bauprogramm irgendwie einzu- schränken: Alle Schiffe, die bis Ende Dezember begonnen werden sollten, befinden sich nämlich schon seit geraumer Zeit in Arbeit, so daß die Vriandsche Erklärung fast wie ein Hohn gegen Italien erscheint. Wie sehr Frankreichs Ziel die Einkreisung Italiens bildet, zeigt insbesondere die Tätigkeit Frankreichs im Südosten Europas. Die Tschechoslowakei, Iugoslavien und Rumänien versuchen unter französischem Protektorat einen sogenannten Getreideblock zu schaffen, der Ungarn und Bulgarien in ein engeres Verhältnis zu den beiden anderen Agrarstaaten bringen soll. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, daß Oesterreich den Paneuropavorschlang Frankreichs zustimmend ange­nommen hat. Der französische Plan, im Südosten Europas politische Verhältnisse zu schaffen, die für Italien gleicher­maßen verhängnisvoll werden können, liegt zu klar auf der Hand, als das man sich mit den amtlichen Mitteilungen über die Getreideblockverhandlungen ernstlich zu beschäftigen brauchte.

Für England kompliziert sich die außenpolitische Lage immer mehr, nach dem sich die innere Lage durch den Nie­dergang nahezu der gesamten englischen Industrien in be­sorgniserregender Weise zugespitzt hat. Besonders alarmie­rend lauten die Nachrichten aus Aegypten, wo der Platz­halter Englands, König Fuad, mit der nationalistischen Par­tei in einen scharfen Konflikt geraten ist, dessen Ausgang mehr als zweifelhaft erscheint. Ein offenes Eintreten für .'-^- "^gierung um so weniger, als Cng- Iahre Schritt für Schritt Zurück- Stellung schächen, ja die ägyp-

mehr als zwei, Fuad wagt die englische Regierung um land im Laufe der letzten Jahre Schrill weichen, seine militärische Stellung schäl, . tische Unabhängigkeit anerkennen mußte. Aber eine ernst­hafte Gefährdung des Suezkanals, als des unentbehrlichen Verbindungsweges nach Indien, wird doch wohl keine eng­lische Regierung zulassen können, und wenn es nicht gelingt,

Ueber 2500 Erdbebenopser

1778 bereits festgesiellk.

Rom, 24. Juli.

Die letzten Nachrichten aus dem italienischen Erdbeben­gebiet lassen erkennen, daß die Auswirkungen noch weit schlimmer sind, als ursprünglich angenommen wurde. Die am schwersten betroffenen kleinen Orte liegen weit ab von den Verkehrsstraßen, so daß die genaue Zahl der Opfer erst in einigen Tagen festgestellt werden kann.

Nach den bisherigen Feststellungen sind 1778 Todesopfer zu beklagen. Es ist zu befürchten, daß diese Zahl unter Berücksichtigung der Todesopfer in den weniger heim­gesuchten Provinzen Süditaliens überschritten wird und bis auf 2500 steigt. Die Zahl der Verwundetes, unter denen sich viele Schwerverletzte befinden, wird mit 4264 angegeben. 3188 Häuser sind vollständig, 2750 teilweise zerstört worden.

In M e l f i sind 200 Todesopfer zu beklagen, 400 Per­sonen sind verletzt. Auch in Lacedonia und Aqui - lo n i a sind 600 Tote gezählt worden, InVilleNuova schätzt man die Zahl der Toten auf 1100.

Ein amtlicher Bericht des Unkerstaatssekrekärs für öffent­liche Arbeiten gibt folgendes Bild über die Verkeilung der Erdbebenopfer auf die einzelnen Provinzen: Avellino 1392 Tote, 2072 Verletzte; Benevento 24 Tote, 87 Verletzte; Fog- gia 129 Tote, 1557 Verletzte; Potenza 232 Tote, 535 Ver­letzte-, Neapel 8 Tote, 13 Verletzte; Salerno 2 Tote. In den Provinzen Bari, Eanofa und Eampobaffo find keine Opfer zu beklagen.

Am schwersten wurden die Orte Ariano, Aquitonia, i Montecatvo, Visaccia P-^'" nH!nn»»M, ehuuhu mw -Minium prUllgtstuchT

Der Ministerrat wird demnächst die notwendigen Hilfs­maßnahmen beschließen. Mussolini hak öffentliche und pri­vate Sammlungen verboten.

Die Hilfsaktion aus der Hauptstadt, aus Neapel, Po­tenza, Foggia, Avellino ist im vollen Gange. Decken, Klei­der, Wasser, Medikamente und Instrumente aller Art, Aerzte und Sanitätspersonal sind mit Bahn und Auto in die am meisten heimgesuchten Gemeinden entsandt worden.

Aus dem hauptbebengebiek werden die ersten Schrek- kensszenen berichtet. Räch diesen Meldungen war die Wucht des Bebens von Anfang an so stark, daß in un- Sen Fällen eine Flucht und ein Entkommen der runkenen Bewohner auch aus kleinen Häusern gar nicht möglich war. Ganze Familen sind ums Leben gekommen. Die zerstörten Dörfer bieten einen erschüt­ternden Anblick.

Im Verlauf des Mittwoch haben sich an verschiedenen Stellen noch örtliche Nachbeben ereignet. Sie haben jedoch keine neuen Schäden angerichtet, und Sachkundige schließen daraus, daß das Naturereignis seinen normalen Gang nimmt und, ohne weitere Gefahren mit sich zu brin­gen, seinem Ende entgegengeht.

Beileid des Reichspräsidenten

Reichspräsident von Hindenburg hat dem König von Italien telegraphisch seine und des deutschen Volkes herz­liche Teilnahme anläßlich der Erdbebenkatastrophe zum Aus­druck gebracht.

vielleicht durch den gerade ber' jetzigen englischen Regierung nicht unerwünschten Rücktritt Fuads die Situation zu ent­spannen, so werden sich die Sturmwolken über dem Nil zu einem Gewitterausbruch verdichten.

Daß nach dem längst erwarteten Rücktritte Tschit- scherins Litwinow zum russischen Außenkommissar ernannt ist, während Krestkinski, der bisherige Botschafter in Berlin, mit seiner Stellvertretung betraut ist, darf als ein günstiges Zeichen für die Weiterentwicklung der deutsch-russischen Be­ziehungen angesehen werden. Krestinski gilt als ein Anhän­ger der deutsch-russischen Verständigung, die gewiß auch Deutschland am Herzen liegt, die jedoch immer wieder durch die kommunistische Propaganda der Sowjetregierung er­schwert wird. Man muß auf diesem Gebiete, dessen Kompli­ziertheit man in Rapallo doch wohl unterschätzt hat, ruhig und illusionslos weiterarbeiten und das englische Rezept abwarten und zusehen" anzuwenden suchen.

Die Reise des Reichspräsidenten durch das befreite Rheinland hat mit dem Unglück in Koblenz einen vorzeitigen Abschluß gefunden. Aber die Erinnerung an die Tage, in denen Hindenburg den Bewohnern der geräumten Gebiete die Hände schüttelte und gemeinsam mit ihnen Gott für die Erlösung von der Knechtschaft danken konnte, wird trotz des trüben Schattens, den das Koblenzer Unglück auf sie gewor­fen hat, wird noch lange nicht in den Herzen der Rheinlän­der verblassen. Noch liegen schwere Jahre vor uns, noch ist Deutschland nicht frei. Aber sich den Glauben an seine Auf­erstehung zu bewahren und an ihr mitzuarbeiten: dazu wird jedem von uns der Anblick der ehrwürdigen Gestalt Hinden- burgs Ansporn und Mahnung bedeuten.

Die Unglücksstelle in Koblenz.

Der furchtbare Brückeneinsturz in Koblenz, bei dem 52 Menschen ums Leben kamen, hat den Rheinlandbesreiungs- feiern ein jähes Ende bereitet. Unser Bild zeigt die Ün-

. . ------- , -....., ..,. geborgenen des Einsturzes sucht. Die Kreuze bezeichnen die Lager, von denen die Brücke abglitt.

Drutschlands Set in Zahlen 2 770 000 Arbeitslose im Hochsommer!

Die Befürchtung, daß die sommerliche Entlastung des Arbeitsmarktes bis aus weiteres bereits beendet sei, hat sich bebauertid)enveiievottguiJ)eiföttgL*3r^be^

"Misters die Zahl der Haupkunkerskühungsempfänger in der Arbeitslosenversicherung keine Abnahme erfahren, und das Anwachsen der Zahl der verfügbaren Arbeitsuchenden Hak sich in verstärktem Maße fortgesetzt. Schließlich ist auch die Zahl der Srisenunterstühken weiter gewachsen.

Es wurden am 15. Juli nach den vorläufigen Meldun­gen der Arbeitsämter 1 470 004 Hauptuntersiütznngsempfän- ger in der Arbeitslosenversicherung, 380 698 in der Krisen- Unterstützung gezählt. Damit sind beide Unlerstühungsein- richtungen zusammen mehr als doppelt so stark belastet wie zur gleichen Zeit des Vorjahres, nachdem die lleberlagerung über den damaligen Stand (912 000) aus rund 938 000 an- gewachsen ist. Die Zahl der verfügbaren Arbeitsuchenden be­stes sich nach den Zählungen der Arbeitsämter am 15. Juli auf rund 2 770 000.

Die Zunahme in der Belastung der Arbeitslosenversiche­rung rührt zunächst von den Bezirken der westdeutschen In­dustrie her, von denen sowohl Westfalen in verstärktem Maße wie Rheinland eine Vermehrung der Unter­stützungsempfänger aufweisen. Ferner haben die Bezirke Brandenburg, Südwestdeutschland und Ostpreußen eine Ver­schlechterung erfahren. Die geringe Abnahme der Unter- stütztenziffern in den übrigen Bezirken, von denen Mittel­deutschland noch die verhältnismäßig günstigste Entwicklung hat, reichte nicht aus, um für das Gesamtbild einen Aus­gleich zu schaffen. Der Zuwachs an Arbeitsuchenden entfällt im Gesamtergebnis völlig auf die überwiegend von der Konjunktur abhängigen Berufsgruppen. Die Saison-Außen- berufe haben keine Erleichterung mehr erfahren. Neben der anhaltenden Depression auf dem Vaumarkt mit ihren Rück­wirkungen entwickeln sich Werkbau und Metallindustrie mehr und mehr zu einem' selbständigen Krisenherd. Besonders im Ruhrkohlenbezirk und in den Hütten- und Walzwerken macht die Verringerung der Belegschaften ständig weitere Fort­schritte.

Nummernfolge der Neichswahlvorschläge

Berlin, 25. Juli. Der Reichsminister des Innern Hai mit Zustimmung des Reichsrats für die Benummerung der Reichswahlvorschläge folgende neue Bestimmungen in der Reichsstimmordnung getroffen:

1. Die Nummernfolge für die Reichswahlvorschläge der Parteien, die Abgeordnete in den letzten Reichstag entsandt - haben oder zu denen sich Abgeordnete des letzten Reichstages bekannt haben, werden vom Reichsminister des Innern fest-

gesetzt. Hierbei gelten folgende Regeln:

a) Parteien, die Abgeordnete in den letzi "mdt haben, werden zuerst aufgeführt, und

a) Parteien, die Abgeordnete in den letzten Reichstag entsandt haben, werden zuerst aufgeführt, und zwar in der Reihenfolge der Stimmzahl, die sie bei der letzten Reichs- tagswahl erhalten haben; b) Parteien, die Abgeordnete in den letzten Reichstag nicht entsandt haben, zu denen sich aber Abgeordnete des letzten Reichstages bei Schluß der Wahl­periode oder im Zeitpunkt der Auflösung oder des Reichs­tages bekannt haben, erhalten die anschließenden Nummern in der Reihenfolge der Zahl dieser Abgeordneten. Maßge­bend ist das beim Reichstag geführte Verzeichnis der Mit­glieder des Reichstages; c) Bei gleicher Stimmenzahl (Fall a) oder bei gleicher Abgeordnetenzahl (Fall b), entscheidet die Reihenfolge der Parteien nach den Einheits-abc-Regeln.

2. Reichen Parteien, die nach Ziffer 1 eine Nummer er­halten haben, Reichswahlvorschläge nicht ein, so fallen ihre Nummern aus.

3. Reichswahlvorschläge von Parteien, die Abgeordnete in den letzten Reichstag nicht entsandt haben, sich auch Abgeordnete des letzten Reichstages nicht bekannt haben, erhalten die an die Nummernfolge des Reichsmini-

:, und zu denen

innern (Ziffer 1) weiter anschließenden Nummern