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HersfelöerTageblatt

^ersfel-er Kreisblatt

Amtlicher MnZeiger für den Kreis yersfelö i

Nr. 173 <Erftes Man) Sonnabend, den 26. Juli 1930 SO. Jahrgang

Preustenhilfe für den Gsten

Die Staatsregierung bietet -er Reichsregierung Bereitstellung von 100 Millionen Umschuldungs-Kredite für die Landwirtschaft an

ZerHrGWÄM-M lWM

Zvx Tagung des Einzelhandels in Düsseldorf.

Die soeben abgehaltene Düsseldorfer Tagung des Ein- Zelhandelsverbandes für Rheinland und Westfalen hat Klar­heit über das wichtigste wirtschaftliche Problem gebracht, das zur Zeit alle Gemüter in Deutschland beschäftigt: über das Problem, ob sich der von der Eisenindustrie begonnene Preisabbau nunmehr auch im Einzelhandel auswirken und die so dringend erforderliche Senkung der LebensHaltungskost en herbeiführen wird. Es hat auch hier nicht an Pessimisten gefehlt, die resigniert er­klärten, mit dem Preisabbau sei es ja doch nichts, und auch bk'er Weg fei einer der zahlreichen wirtschaftlicheen Irr­wege, die das deutsche Volk in den letzten Jahren gegangen sei. Diesen Stimmen gegenüber verdient die Düsseldorfer Tagung doppelte Beachtung, denn sie hat aus dem Munde der Vertreter aller wichtigen Zweige des Einzelhandels den klaren und eindeutigen Nachweis erbracht, daß auch der Einzelhandel ganz systematisch dem Preis­abbau folgt, daß sich somit der in Oeynhausen begon­nene Ring des Preisabbaus schließt und daß dem deut­schen Volke eine fühlbare Erleichterung seiner schwierigen Lage bevor st eht. Denn na­türlich ist es für die Allgenreinheit von geringerem Inter­esse, ob die Preise für Eisen, Wagenfenster, Tafelglas usw. sinken, solange die Preise für Lebensmittel, Kleidung usw. auf ihrer alten Höhe beharren. Diese Preise sind es, die sinken müssen. Wie weit ist das schon geschehen, wie weit wird das noch möglich sein?

Die über diese für jeden Einzelnen höchst inter­essanten Fragen in Düsseldorf gehaltenen Referate von den Schuhwarenbranchen bringen zunächst einmal die bemer­kenswerte Tatsache zur Kenntnis der Oeffentlichkeit, daß sich der Preisabbau auf diesen Gebieten bereits seit geraumer Zeit angebahnt und teilweise erhebliche Fortschritte gemacht hat. Die Lebensmittelpreise sind seit etwa einem Jahre be­reits stark gesunken: Schmalz um 12 Prozent, Käse je nach der Sorte um 11 bis 28 Prozent, Vollmehl um 35 Prozent, Sauerkraut gar um 58 Prozent. Auch die Senkung der Preise im Textilhandel hat zwischen Frühjahr 1929 und 1930 je nach der Wurenqualität einen Umfang von 10 bis 20 Pro­zent erreicht, b^e in der Damenkonfektion, je nach dem die Artikel der Mode unterworfen sind, noch wesentlich größer ist Die Preissenkung im Schuheinzelhandel beträgt gegen­über 1928=1930 etwa 20, 1929=1930 etwa 15 Prozent. Das sind Ergebnisse, die in der Oeffentlichkeit bekannter sein soll­ten, als sie es sind. Aber wird sich dieser Preisabbau nun auch wirklich weiter fortsetzen? Die führenden Persönlich­keiten des Einzelhandels haben in Düsseldorf ausdrücklich ihre Bereitwilligkeit dazu erklärt; das ist erfreulich, ent­bindet uns aber nicht von der Verpflichtung, einmal kritisch zu untersuchen, wie weit hier den Worten die Taten folgen werden.

Man wird hier bei Beantwortung dieser Frage die be­sondere Kalkulationsmethode des Einzelhandels in Rechnung stellen müssen. Der Geschäftsführer des deutschen Einzel­handels weist darauf hin, daß die Preisbildung nicht nach Einkaufspreisen und Unkosten, sondern nach der Kaufkraft der letzten Verbraucher orientiert. Grundsätzlich überwiege im Einzelhandel die Kalkulationsmethode, auf den Einkaufs­preis der einzelnen Waren nicht diejenigen Unkosten auf- zuschlagen, die ihre Behandlung speziell verursachen, son­dern diejenigen Beträge, die sie angesichts der Nachfrage und Kaufkraft der Käufer absatzfähig erhielten. Das be­deutet praktisch, daß jeder Einzelhändler die sogenannten Wettbewerbsartikel, die wie z. B. Zucker und Salz im Le­bensmittelhandel, von der großen Mehrzahl der wettbe- werbenden Betriebe in gleichen Quantitäten verkauft wür­den, mit ganz geringen unter der Unkostenhöhe bleibenden Aufschlägen verkaufe, wohingegen er zum Ausgleich Waren höheren Luxuscharakters mit entsprechend größeren Auf­schlägen abzusetzen suche. Allerdings werde die Durchführung dieses Prinzips durch die Erfahrungen des Kaufmanns im Umgang mit der Kundschaft gehemmt, die unter den ver­schobenen Bedürfnissen der Nachkriegszeit nicht mehr mit der gleichen Empfindlichkeit auf Preisnachlässe reagiere wie vor­her, nicht mehr Zeit und Lust habe, einige Straßen weit zu laufen, um einige Pfennige am Einkauf zu ersparen, son­dern vielfach die Nebenleistungen des Kundendienstes, wie Auswahl, Verpackung, Zusendung ins Haus und vor allem Stundung und Teilzahlung höher schätzen.

Wir sind hier bei dem wichtigsten, im allgemeinen viel zu wenig beachteten Faktor des Preisabbaus angelangt, beim Publikum und seiner Einstellung zum Preisabbau. So paradox es klingt: der Preisabbau interessiert das Publikum nicht in erster Linie, es ist ihm weit wichtiger, die Waren in eleganter Aufmachung zu erhalten, sie in einem vornehmen Milieu zu kaufen, sie gleich um die nächste Ecke zu finden und noch ins Haus gebracht zu bekommen, als einige Pfen­nige am Einkäufe zu sparen. In der Nachkriegszeit sind weite Schichten der Verbraucher zu Waren höherer Qua- lMt übergegangen, der sogenannte Qualitätsfimmel ist in einem ganz besonders durch die Mitteilungen der Konsum- v- r-ine erhärteten ganz außerordentlichen Umfangs einge« rissen. Sehr interessante Ausführungen des Vertreters 0SF Schuheinzelhandels bestätigen diesen Sachverhast in tontet;

Landwirtschastrhilse Preußens

100 Millionen für die Osthilfe bereitgestellt

Berlin, 26. Juli.

Die preußische Staatsregierung ist an die Reichsregie­rung mit dem offiziellen Angebot herangetreten, ihrerseits die Lücke auszufüllen, die durch die Verzögerung der Ver­abschiedung des Osthilfegefetzes eingetreken ist. Die preußische Staatsregierung schlägt zur Ausschaltung aller störenden Ansicherheitsfaktoren und zur sicheren Erreichung des not­wendigen Zieles einer wirklich ausreichenden Hilfe für die Landwirtschaft vor, daß sie

Umschuldungskredite im Sinne des Osthilfegesehent- wurfes bis zum Betrage von 100 Millionen Reichs­mark unter ihrem vollen Kreditrisiko über die Preußische Zentralgenossenschaftskasse bis zum 31. Dezember 1931 zur Verfügung stellt.

)ie Reichsregierung soll lediglich die Verpflichtung eingehen, brerseits die Hälfte des Kreditrisikos zu übernehmen, wenn ie wieder in der Lage ist, dies unter den dazu nötigen ge- etzlichen Voraussetzungen tun zu können. Der von der preu­ßischen Regierung zur Verfügung gestellte Zwischenkredit oll spätestens bis zum genannten Termin des 31. Dezem­ber 1931 durch einen langfristigen Kredit abgelöst werden.

Man hofft, daß möglichst schnell eine Einigung mit dem Reiche darüber derart erzielt wird, daß durch Zustimmung der Reichsregierung und gemeinsam mit ihr die Landwirt­schaft möglichst schnell in den Genuß der Hilfe kommen wird, die die preußische Staatsregierung anbietet.

Von preußischer Seite wird ausdrücklich daraufhinge­wiesen, daß die Staatsregierung keinesfalls beabsichtigt, der Reichsregierung Konkurrenz zu machen. Sie will gemein­sam mit der Retchsregieruna^md in Uebereinstimmung mit ipr aas gememmme ^wt erreichen. ^^ _

Kommende RvtoerorSvvvlien

Berlin, 26. Juli.

Die Beratungen des Reichskabinetts über die Notver­ordnungen zur Regelung dringender Wirtschafts- und Finanzfragen, die im Reichsfinanzministerium bereits fertig- gestellt wurden, sind schon weit gediehen. In gutunterrick- keten Kreisen glaubt man, daß entscheidende Punkte des Ost- Hilfsprogrammes in die Notverordnungen mit einbezogen werden. Dies dürfte einem besonderen Wunsche des Reichs­präsidenten entsprechen. Die Durchführung der Verordnung würde bestimmte Ausführungsbestimmungen von preußischer Seile notwendig machen.

Im übrigen ist geplant, in die Notverordnungen die Arbeitslosenversicherung einzubeziehen, die Kopfsteuer in etwas abgewandeller Form (mit sozialen Milderungen, evtl. durch Staffelungen) sowie die Gemeindegekränkesteuer. Die Krankenversicherung dürfte jedoch durch die Notverordnun­gen nicht erfaßt werden.

Notverordnung gegen Wassenmitzbrauch erlassen

Der vorbereitete Gesetzentwurf gegen Waffenmißbrauch ist vom Reichspräsidenten auf Vorschlag der Reichsregie­rung auf Grund von Artikel 48 der Reichsverfassung als Verordnung in Kraft gesetzt worden, da das bewaffnete Auf­treten von Organisationen radikaler Parteien in letzter Zeit eher zugenommen hat und zu befürchten ist, daß dadurch der friedliche Verlauf der Wahlen bedroht werden könnte. Die Verordnung ist bis 1. April 1931 befristet und soll nach er- folgker Neuwahl unverzüglich dem Reichstag als Gesetz­entwurf vorgelegt werden.

Die Verordr itg bedroht zunächst das unbefugte Führen von Hieb- und Stoßwaffen mit Gefängnis bis zu einem Jahre, an dessen Stelle bei Vorliegen mildernder Umstände Geldstrafe treten kann. Der Kern der Verordnung ist je­doch eine weitere Sondervorschrift, die sich gegen das be­waffnete Auftreten politischer Verbände richtet. Wer ge­meinsam mit anderen zu politischen Zwecken an öffentlichen Orten erscheint und dabei bewaffnet ist, wird mit Gefäng­nis nicht unter drei Monaten bestraft. Das Wesentliche dieser Sondervorschrift gegen das bewaffnete Demonstrieren besteht darin, daß sie nicht nur für Hieb- und Stoßwaffen, sondern für alle Waffen gilt, und daß die in ihr angedrohte Gefängnisstrafe nicht in Geldstrafe umgewandelt werden kann, so daß Zuwiderhandlungen dieser Art tatsächlich mit Freiheitsstrafen geahndet werden müssen.

kenswerter Weise, die Nachfrage nach Schuhen, die der Qualität des Friedens entsprechen und bereits zu den glei­chen Preisen wie im Frieden verkauft werden, geht zurück, und der Luxusschuh beherrscht das Feld. Diese psychologische Einstellung des Publikums, das mehr auf Eleganz als auf billige Preise sieht, erschwert natürlich den Preisabbau im Einzelhandel, denn der Detaillist hat kaum ein Interesse dar­an, seine Preise herabzusetzen, wenn das Publikum so wenig darauf reagiert. Das Publikum selb st muß auf den Plan treten, wenn der Preisabbau, dessen Ring jetzt durch den Einzelhandel und vermutlich auch die Markenartikelfabrikanten geschlossen worden ist, sich wirklich auswirken soll. Der Staat wird seine Finger am besten herauslassen und sich auf das einzige beschränken, was er für den Preisabbau zu tun vermag, nämlich feine Aus­gaben und die Steuern auf jede Art zu senken.

Memelr Eriktenrlamps

Gegen Litauens brutale Kolonisationspolitik

Memel, 26. Juli.

Litauens systematische Unterminierung der Autonomie des Memelgebie es hat, wie berichtet, für Einsetzung einer Landtagskommission für Wahrung der Autonomiewerte ge­führt. In letzter Zeit haben sich die Uebergriffe Litauens gegen die Autonomie mehr und mehr gehäuft Der memel- ländische Landtag ist vollkommen ausgeschaltet. Die von ihm gefaßten Beschlüsse und Gesetze werden vom Gouverneur nicht anerkannt. Der Präsident des Landesdirektoriums, Kadgiehn, der vollkommen unter litauischem Einfluß steht und dem der Landtag bereits vor zwei Monaten das Mißtrauen ausgesprochen hat, befindet sich immer noch im Amt. Der Gouverneur weigert sich, einen Präsidenten zu ernennen, der entsprechend dem Autonomiestatut das Ver­trauen des Landtages besitzt. Unter diesen Umständen ist die Verwaltung des Memelgebietes schon heute vollkom­men in litauische Hände übergegangen. Durch die von der Kownoer Regierung geplanten Gesetze soll dieser Zustand verewigt werden. Auch in Fragen der Finanzen, der Ge­richtsbarkeit und der Schule ist die Autonomie schwer ver­letzt worden. Durch eine rücksichtslose Pressezensur und durch den völlig ungerechtfertigt verhängten Kriegszustand wird jede Meinungsäußerung verhindert und die Freiheit der Memelländer in der gewalttätigsten Weise unterdrückt.

Die Wemelländer erwarten, daß der Völkerbund endlich der litauischen Gewaltpolitik ein Ende macht und die Auto­nomie in allen ihren Punkten wiederhergestellt. Daher wird die Kommission zur Wahrung der Autonomierechte den WraMk.., Vjwsi t»us RcA zustehl, Verletzungen oer Memelkonvenkion vor dem Bölkerbundsrat zur Sprache zu bringen, eine Befchwerdeschrifk überreichen, in der alle Punkte, in denen die Autonomie verletzt worden ist, auf- geführt werden sollen. Man hofft, daß der Völkerbundsrat sich noch auf der Sepkembertagung mit der Memelbefchwerde befassen wird.

Woldemaras verbannt

Kowno, 26. Juli.

3n der Nacht zum Freitag wurde auf Verfügung des Kownoer Kommandanten Professor Woldemaras verhaftet und nach einem Gut im Kreise Krottingen verschickt. Gegen 23 Uhr fuhren vor dem Hause Woldemaras' zwei Autos vor, denen mit Karabinern bewaffnete Polizeibeamte und Militärpersonen entstiegen. Sie begaben sich in die Wohnung Woldemaras', verhafteten ihn und führten ihn ab. In der ganzen Nacht waren in Kowno Polizelpatrouillen unterwegs.

Sie Verhaftung Woldemaras war von den Behörden im Zusammenhang mit der Einleitung eines Verfahrens wegen Hochverrats f ch o n l ä n g st g e p l a n t. Der Staats­präsident, der vor seiner Abreise nach dem Auslande ver­schiedentlich mit Drohbriefen belästigt wurde, soll nach einem nicht nachzuprüfenden Gerücht die Anweisung gegeben haben, Woldemaras bis zu seiner Rückkehr unschädlich zu machen.

Vor seiner Abführung verlangte Woldemaras, daß in das Protokoll über die Verhaftung eingefügt würde, daß er als rechtmäßiger Ministerpräsident und Außenminister verhaftet wurde. Diese Titel setzte er auch bei der Unter­zeichnung des Protokolls unter seinen Namen. Dieses Ver­halten Woldemaras, hat bei den anwesenden Polizeibeamten Bedenken über die Geistesverfassung Woldemaras' hervorge­rufen.

Im Kreise Krottingen wird Woldemaras während sei­ner Verbannungszeit, die, wie man hört, zunächst ein Jahr dau-rn wird, unter strenger Aufsicht der Polizei stehen. Auch die Amtswohnung, die Woldemaras noch inne hat, mürbe in der Nacht geräumt. Seine Frau und fein Pflege­kind sind in Kowno geblieben. Die Ausweisung Woldema- ras. die auf seine verschärfte oppositionelle Tätiakeit zurück- zufühcen ist, hat in Kowno großes Aufsehen hervorgerufen.

Gespannte Lage in Aegypten

London, 25. Juli.

Die Luge in Aegypten hat eine neue Verschärfung er- sahren, da die Wafd-Partei in einer Geheimsitzung in Kairo beschlossen haben soll, der Regierung und König Fuad Trotz zu bieten und am Sonnabend eine Parlamentssitzung abzuhalten. Diese Sitzung soll außerhalb des Parlaments­gebäudes stattfinden.

Die Regierung will alles unternehmen, um die Sitzung Zu verhindern, und es besteht die ernste Gefahr eines Zu­sammenstoßes. Kairo ist mit Truppen gefüllt, und die Re­gierung beabsichtigt die Wasdparlei für alle organisierten Ausschreitungen verantwortlich zu machen und die Wafd- führer gerichtlich zu belangen. Die Bevölkerung von Alexan- drren ist ziemlich erregt. Ueberall herrscht die gespannte Atmosphäre des Krieges. Sowohl die Geschäfte der Einge­borenen wie der Ausländer sind vollkommen lahmgelegt.