Hersfel-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher /lnzeiger für den Kreis Hersfel-
Nr. 181
Dienstag, den 5. August 1930
80. Jahrgang
Neue Verhandlungen der Mittelparteien
Persönliche Fühlungnahme zwischen den Führern der Deutschen Staatspartei und der Deutschen Boldspartei
Z« ZUmmmschlub der Mitte
Es wird weiter verhandelt i
# Berlin, 5. August.
Die zugespitzte Polemik zwischen den beiden für einen Zusammenschluß der bürgerlichen Mitte in Frage kommenden Parteien ist nach der Auffassung aller um den Zusammenschluß bemühten Kreise nicht das letzt« Wort in der Angelegenheit gewesen.
Die bereits abgebrochenen Verhandlungen werden wieder ausgenommen werden.
Für Donnerstag ist eine Aussprache zwischen Dr. Scholz und Dr. Höpker-Aschoff in Aussichi genommen. Ursprünglich sollte die Aussprache zwischen Koch-Weser und Scholz stattfinden. Koch ist jedoch in Urlaub gegangen, nachdem er von der Leitung der Staats- partei zurückgetreten ist. Ob die Aussprache zu einem positiven Ergebnis führen wird, bleibt abzuwarten. Beide Parteien gehen von verschiedenen Voraussetzungen voraus. Die Haltung der Deutschen Volkspartei scheint etwas konzilianter geworden zu sein als am Wochenende.
Nach wie vor stehen sich jedoch die Parteien in ihren Grundauffassungen gegenüber, die dahin gehen, daß die eine von der anderen den „Beitritt" erwartet.
Bei dieser Verschiedenheit der Ansichten läßt sich eine Prognose für die Besprechung vom Donnerstag nicht stellen. Die Beschlüsse der Reichsgemeinschaft junger Volksparteiler werden in politischen Kreisen durchaus positiv beurteilt. Dagegen sieht man die Absage, welche die „Kreuzzeitung" im Namen der Westarp-Gruppe den. Fusionsbestrebungen erteilt hat, als ernstes Hindernis für die von Scholz erstrebte Zusammenfassung der bürgerlichen Kräfte an. Das Blatt erklärt, man sei
»WelMev Honferp^toen der Austastung, daß ttonfetuatt- ■ , vismus und Liberalismus nicht ineinander aufgehen könnten.
Es würde doch nur ein Parteigebilde entstehen, das nichts anderes darstelle als einen Insseressentenhaufen, der wahrscheinlich bald wieder auseinanderlaufen würde. Sollte trotz aller Schwierigkeiten die Sammlung der Mitte doch nicht zustande kommen, dann würden auch gewisse Konsequenzen für verschiedene Länder eintreten, in denen jetzt nicht gewählt wird. Für Preußen bedeutete dies die seit langem als notwendig erkannte Erweiterung der jetzigen Regie- rungsbasis.
Reichsfinanzminister Dietrich spricht auf einer Kundgebung der Deutschen Staaksparkel.
Karlsruhe, 5. August. In einer Kundgebung der Deutschen Staatspartei sprach gestern abend der Reichsminister der Finanzen, Dietrich, im großen Festhallensaal über das Thema „Interessenhaufen oder Staatsvolk". Der Redner ging zunächst auf die Entstehung der Krise ein, die rein äußerlich betrachtet, in der Verbindung der Arbeitslosenversicherung mit dem Etat zu suchen ist. Lediglich die Ver- pflichutng des Reiches, das ständig wachsende Defizit der Arbeitslosenversicherung zu tragen, hat die Unordnung in die Reichsfinanzen hineingebracht. Schlimmer aber als diese augenblickliche Gefahr ist die Tatsache, daß auf lange Sicht gesehen, selbst dann, wenn die Zuschüsse zur Arbeitslosenversicherung nicht weiter steigen sollten, die Reichseinnahmen keine günstige Entwicklung versprechen. Der Sturz der Preise am Weltmarkt, der die Kaufkraft des Geldes an diesen Märkten auf die Vorkriegskaufkraft gesteigert hat, wird feine Rückwirkungen auf die deutschen Finanzen nicht verfehlen und vor allen Dingen Umsatz-, Vermögen-, Einkommen- und Verkehrssteuern werden schlechtere Erträge bringen. Ohne Einstellung der deutschen Wirtschaft aber auf den Prozeß der Preissenkung am Weltmarkt wird die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands leiden und die Arbeitslosigkeit steigen. . Ein weiteres Anschwellen der Reichs-, Länder- und Gemeinde- ausgaben ist unmöglich und daher Einschränkung und Sparsamkeit geboten. Die sozialen Einrichtungen bedürfen insofern einer Reform, als die Auswüchse zu beseitigen sind. Die Lücken des Etats sind auf das schnellste auszufüllen. Alle drei Aufgaben hat die Regierung in Angriff genommen. Wir haben unverzüglich am Etat nahezu 170 Millionen abgestrichen. Wir appelieren an die Länder und Gemeinden, daß sie dasselbe tun. Mein Ministerium hat ein Pensions- kürzungsgesetz entworfen, das Kabinett hat es beraten und wird es in den nächsten Wochen verabschieden.
Das Reich wird zunächst, wenn die Beträge zur Arbeitslosenversicherung nicht ausreichen, nur noch die Hälfte des Iahresaufwandes tragen, die andere Hälfte muß durch Bei- kragserhöhung oder durch Abstufung der Beiträge hereingebracht werden. Der Kernfehler der Arbeitslosenversicherung liegt darin, daß man alle Berufe in einen Topf geworfen hat. Hier liegt die Ursache dafür, daß die Arbeitslosen- Versicherung zusammenzubrechen droht. Die Reform muß daher hier ängesetzt werden, und es müssen deswegen diejeni- gen, die zu den Gruppen der saisonmäßig Arbeitslosen gehören, entweder erheblich höhere Beiträge bezahlen oder auf einen Teil ihrer Leistungen verzichten.
Die Lücken des Etats endlich werden durch die in der Notverordnung geforderten Steuern ausgefüllt. Das find die Maßnahmen, die, vorläufig getroffen find. Doch genügt
Das nicht. Es muß Arven auf lange Sicht geleistet werden. Das Programm hierfür wird in den nächsten Monaten aufgestellt werden. Ich kann über diese Einzelheiten, welche das Kabinett noch nicht beschlossen hat, hier keine näheren Ausführungen machen. Alles in allem ist zu sagen: Wir sind den notleidenden Gemeinden zu Hilfe gekommen. Ihre Notlage rührt, abgesehen von der überspannten Ausgabenpolitik, von der Fürsorge für die ausgesteuerten Arbeitslosen her. Wir haben die Reformarbeit bei den Gemeinden begonnen. Die Gemeinden müssen unter eigener Verantwortung handeln und ihre Organe müssen in die Zwangslage versetzt sein, wenn die Verwaltung nicht sparsam ist, dieBürgermeister selbst mit der Bürgersteuer, Biersteuer und notfalls Getränkesteuer zu belasten.
Für die Sparsamkeit in den Ländern zu sorgen erübrigt sich, weil diese infolge des Rückganges der direkten Steuern im nächsten Jahre Hunderte von Millionen weniger vom Reich bekommen und durch diese Tatsache zur äußersten Sparsamkeit gezwungen werden. Wir entwickeln uns in steigendem Maße zu einem Staat, in dem nur noch die Werkstätten sich befinden, während das Kapital selbst im Auslande liegt. Man muß nach Wegen suchen, die Rückkehr des Kapitals zu ermöglichen und erst wenn wir diesen Weg gesunden, kann man scharf zufassen. ........................
Die größte Sorge bereitet uns aber die Reform Wahlrechtes u ib die Reform des Reiches. Das Wahlr .chi und das Wahstierfahren, das wir haben, sind völlig überlebt. Die Parteibü-rokratie und die Parteinstanzen sind allmächtig. Einen Zustan d zu schaffen, der den Wähler wieder in Verbindung bringt mit seinen Abgeordneten, der ihm Einfluß gibt auf die Perlon des Abgeordneten, muß das Ziel der Reform sein. Der nächste Reichstag wird aber zugleich auch die Frage der Reichsrnform zum mindesten insofern lösen müssen, als die finanzielle Auseinandersetzung zwischen Reich und Län- und dlL.KsWpe>.°. :zen Mars.....Legeneinandor abgegrenzt werden müssen. Die Ausgestaltung des Partei- wesens ist meines Trachtens die Voraussetzung dafür. Das gegenwärtige System hat insbesondere durch die Reichsliste gleichzeitig .eine Anzahl Abgeordneter in das Parlament gebracht, die nicht, wie es der Verfassung entspricht, die Interessen des gesamten Volkes wahrzunehmen in der Lage sind, sondern die die Interessen einer einzelnen Gruppe berufsmäßig verfechten müssen. Wer aber nur um Interessen kämpft, der zerstört den Zusammenhalt, zertrümmert das freiheitliche Bürgertum und ist verantwortlich für seine Machtlosigkeit. Was wir brauchen, das ist der Zusammenschluß der Mitte, genau so, wie sich die Rechte, soweit sie positiv an dem Staat mitarbeiten will, zusammenfindet. Wir haben die Staatspartei ins Leben gerufen, und die Begründung dieser Partei bezweckt, die Mitte zusammenzufassen. Die Demokralische Partei ist bereit, in dieser Staatspartei aufzugehen. Sie ist der Meinung, daß die Volkspartei dieselbe Aufgabe hat. Dinge, die gleichgültig und belanglos sind, persönliche Interessen und Interessen an dem Mandat müssen in den Hintergrund treten. Der Kampf um die Sache muß in den Vordergrund gestellt werden. Sollte es im deutschen Volke nicht so viel Menschen geben, daß wir eine große Gruppe staatsgesinnter und staatstreuer Bürger bilden können, ohne die weder nach rechts oder nach links bei uns zu regieren ist? Die Politik Stresemanns hat uns nach außen freigemacht. In der „Kölnischen Zeitung" hat uns sein Sohn, die uns ja allen bekannte Tatsache bestätigt, daß Stresemanns letzter Gedanke war, eine Linie Koch-Mahraun- Stre emann herzustellen. An dem Punkt, diese Linie zu schaffen, sind wir jetzt. Ein im Innern starker Staat wird im» stände sein, die Verträge da, wo sie nicht tragbar sind, zu revidieren. Es geht deshalb darum, den deutschen Staat finanziell und politisch so auszugestalten, daß er den Weg seiner bisherigen Außenpolitik erfolgreich fortsetzen kann.
Das Bürgertum, der Träger geistiger und wirtschaftlicher Freiheit, kämpft den letzten Kampf um seinen Einfluß. Geht er verloren, so gerät das deutsche Gedankengut der letzten hundert Jahre in Gefahr. Der Idealismus, ohne den kein Volk bestehen kann, verfällt, und im Kampf der großen Kapitalmächte mit den abhängigen Existenzen um die nackte Verteilung des Arbeitsvertrages wird das deutsche Volk sich aufreiben. Das Volk ahnt diese Schicksalsstunde. Was uns fehlt, ist nicht Fähigkeit und ist nicht Wille, was uns fehlt, und was wir erwerben müssen, daß ist der Wille, ein Staats- volk zu sein.' ...... ........ .............................................
Siegfried Wagners
Bayreuth, 4. August.
Heute nachmittag 5.30 Uhr ist im Städtischen Krankenhaus Bayreuth Siegfried Wagner im Alter von 61 Jahren gestorben, ।... ■.. :
Bayreuth, 5. August. Die Nachricht, daß Siegfried Wagner, der einzige Sohn des großen Meisters, an den Folgen einex Herzlähmung gestorben ist, hat hier ungeheuren Eindruck ausgelöst. Heute mittag fand in der Kapelle des Städtischen Krankenhauses die Aussegnung der sterblichen Hülle des Heimgegangenen im engsten Familienkreise statt. Dem Vernehmen nach wird Siegfried Wagner am Freitag auf dem Städtischen Friedhof beigesetzt werden. Die äußeren Veranstaltungen werden von der Stadt als Ehrenpflicht übernommen.
Die F e st s p i e l e müssen aus rechtlichen und finanziellen Gründen weitergeführt werden.
Die deutschen Handelsverträge gefährdet?
Ein dringender Appell der Industrie an die Reichs regierung.
Berlin, 5. August. Die nach dem Scheitern der privat- wirtschaftlichen Verhandlungen mit Finnland lautgewordene Forderung auf Kündigung des deutsch-finnischen Handelsvertrages hat soeben den Reichsverband der deutschen Industrie zu dringenden Vorstellungen bei der Reichsregierung veranlaßt. Die Kündigung eines Handelsvertrages wäre der erste Schritt zur Erschütterung aller deutschen Handelsverträge. Die deutsche Ausfuhr gebe mehr als drei Millionen deutscher Arbeiter Beschäftigung, die nur durch Aufrechterhaltung der Handelsverträge gesichert bleiben könne. Der Reichsverband hat deshalb gegen die Bestrebungen auf Kündigung des deutsch-finnischen Handelsvertrages bei dem Reichskanzler und den Reichsministerien in aller Form Einspruch erhoben.
In sehr ernster Form weist der Reichsverband in diesem Zusammenhang auch auf die bedrohlichen Anzeichen einer Boykottbewegung in Holland hin. Nach dem Scheitern der von Holland scharf kritisierten privatwirtschaftlichen Abmachungen mit Finnland sei jeder Anlaß für einen wirtschaftlichen Kampf und eine Boykottbewegung gegen Deutschland weggefallen.
Wir erfahren dazu, daß eine Klärung in den deutschfinnischen Handelsvertragsbeziehungen zur Zeit noch nicht vorliegt, auch insofern nicht, als von einem Scheitern der privatwirtschaftlichen Verhandlungen mit Finnland im Augenblick nicht gesprochen werden kann. Diese Frage ist noch völlig in der Schwebe. Jedenfalls hat der Reichsverband darin völlig recht, daß er gegen die in Holland von Interessenten künstlich mit falschen Behauptuki- g e n hervorgerufene Boykottbewegung protestiert. Wie unrecht die Kreise in Holland damit haben, ergibt sich schon daraus, daß zu einem Boykott aufgerufen worden ist, bevor «m »»^^^ *
—
Die milft setzt ein
Erklärungen des Reichskanzlers in Llegnih
Llegnitz, 5. August.
Reichskanzler Dr. B r ü n i n g erklärte in einer Unterredung über die gegenwärtige Arbeit der Reichsregierung, die Osthilfe werde sich bereits in Kürze praktisch auswirken.
Schon in diesen Tagen würden die Komissare für die zentrale Regelung aller Fragen des großen Osthilfeprogramms und für ihre Durchführung in den einzelnen Provinzen ernannt werden. Das Osthilfeprogramm der Reichsregierung sei nur ein Anfang für eine großzügige wirtschafts - und sozialpolitische Entwicklung des deutschen Ostens. Für Herbst und Winter sehe das Reformwerk der Reichsregierung die Durchführung und Sicherstellung eines Programms vor, das auf Jahre hinaus der wirtschaftlichen Entwicklung des Ostens die notwendige finanzielle Grundlage geben soll.
Nachdem die Deckungsvorlagen durch die Parteien zu Fall gebracht worden seien, habe sich die Reichsregierung für den Erlaß der Notverordnungen auf die verfassungsmäßigen und kreditpolitischen Möglichkeiten beschränkt gesehen. Zunächst müsse der Vollstreckungsschutz durch die Notverordnung gesichert werden. Das sei von größter Wichtigkeit für die Durchführung der weiteren Maßnahmen. Gemeinfam mit Preußen müßten die Maßnahmen getroffen werden, die erforderlich feien, um die Umschuldung ohne formelle Gründung der Ablösungsbank in die Wege zu leiten. Entscheidend sei, daß durch die Notverordnung auch eine Vorbereitung der großzügigen Siedlungsfinanzie- rung gegeben werde, die ein Teil dieses ganzen Agrar- und Ostprogramms fein müßte. Für das großangelegte Arbeitsbeschaffungsprogramm seien die Vorbereitungen abgefchlossen. Es sei von Bedeutung, daß nun mit der Arbeit praktisch begonnen werden könne. Zum mindesten dürfe man hoffen, daß weitere gefährliche Steigerungen der Arbeitslosenziffern dadurch einigermaßen gemildert würden. Das wäre bereits ein erheblicher Erfolg.
Deutscher Stenogravtzentag
Berlin, 4. August.
Im Rahmen des Deutschen Stenographentages in Berlin fand ein großes Wettschreiben statt, an dem sich etwa 3000 Stenographen beteiligten. Die Ergebnisse waren hervorragend. Es siegten Kierzek-Aachen (400 Silben) und Pringsheim-Darmstadt (340 Silben). Ferner erhielten Haaß-Würzburg (320 Silben), Martin Günther-Berlin (320 Silben), Paul Knoop-Berlin (300 Silben), Wilhelm Döring-Kulmbach (300 Silben), Schulze-Berlin (300 Silben), Grobeis-Kulmbach (300 Silben), Käppel-Bergen (300 Silben) und Schellehm-Braunschweig (300 Silben) Ehrenpreise.