HersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel- ^^—^^^g^^^11"11^1 um—........ ———m»^——■■mm»ggggBggFM——Mgiggt
Nr. 184 Freitag, den S. August 1930 80. Jahrgang
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Gammlungsbewegung gescheitert
Die Mittelparteien
Ksr Bnrgiriede -er Mitte
Die weitergehenden Verhandlungen gescheiterk.
Berlin, 8. August.
Die Verhandlungen im Reichstag zwischen den Vertretern der Deutschen Volkspartei, der Konservativen Volksparkei, der Wirtschaftspartei und der Landvolkparkei haben nicht zu dem Ziele geführt, das seinen Ausdruck in einem gemeinsamen Wahlaufruf erhalten sollte. In der Aussprache ergab sich, daß die Landvolkpartei in ihrem organisatorischen Aufbau noch nicht so weit vorgeschritten ist. Die Parteien waren aber darin einig, daß die Erreichung eines gemeinsamen Wahlaufrufes erwünscht gewesen wäre, und daß man wenigstens im Wphlkampf in dem Sinne verfahren werden muß, das unter diesen Parteien der Burgfriede gewahrt wird.
Namentlich nimmt die Wirtschaftspartei als berufs- ständige Partei einen ähnlichen Standpunkt ein wie die Landvolkpartei. Nach diesem Ausgang der Verhandlungen dürfte auch die Aufstellung gemeinsamer Listen hinfällig ge- worden sein. Weitere Verhandlungen sind nicht in Aussicht genommen.
Die Unterredung Höpker — Scholz
Das Kommuniques der Slaatspartei.
Berlin, 8. August. Der demokratische Zeitungsdienst gibt in einem Kommuniques folgende Darstellung der Unterredung zwischen Reichsminister a. D. Dr. Scholz und Minister Dr. H ö p k e r - A s ch o f f im Reichstage:
Minister Höpker-Aschoff
wies einleitend darauf hin, daß es das Gebot der Stunde sei, eine Partei der staatsbürgerlichen Mitte zu schaffen und daß dabei die Grenzen sowohl nach rechts wie nach links gewahrt werden müßten, daß insbesondere nach seiner Auffassung auch der Trennungsstrich gegen die Sä
ebenso
wie diese konservativen Gruppen auch die Sozialdemokratische Partei als eine staatsbejahende Partei anerkannt werden müsse, unbeschadet dessen, daß man im bevorstehenden Wahlkampf gegen die Sozialdemokratie und für die Regierung Brüning eintrete. Der Minister machte dann im Einvernehmen mit dem Reichsfinanzminister Dietrich Reichsminister a. D. Scholz folgendes Angebot:
Die Slaatspartei und die Volkspartei schließen sich auf gleichberechtigter Grundlage zu einer Partei zusammen. Geheimrat Kahl, der sowohl das Vertrauen der in der Slaatspartei vereinigten Elemente wie der Volksparkei besitzt, übernimmt bis zur endgültigen Konstituierung der neuen Partei, die nach den Wahlen erfolgen soll, die Führung."
Minister Scholz lehnte dieses Angebot ab und machte dafür folgendes:
„Die Deutsche Staatspartei geht in der Deutschen Volkspartei auf. Minister Scholz gibt in diesem Falle die Führung ab."
Minister Höpker-Aschoff erwiderte, daß dieses Angebot dem Grundgedanken aller bisherigen Bemühungen, aus dem Gehäuse der alten Parteien herauszukommen und die für die Gründung einer neuen Partei der staatsbürgerlichen Mitte in Betracht kommenden freiheitlichen Kräfte auf einer neuen Grundlage zu sammeln, widerspreche. Er klammere sich nicht an den Namen Staats- partei. Es könne ihm aber keine innere Umwandlung zugunsten der neuen Partei zugemutet werden. Ein Aufgehen der Staatspartei in der Volkspartei bedeute lediglich ' eine Sammlung auf dem Boden der Volkspartei und könne der Staatspartei nicht zugemutet werden.
‘ Minister Scholz erwiderte darauf, daß er mit seinem Angebot bis an die Grenze des Möglichen gegangen sei. Ein weiteres Entgegenkommen, als das der Aufgabe der Führung fei ihm unmöglich.
Auf die Frage des Ministers Höpker-Afchoff, ob nicht heute morgen noch eine Aussprache mit Herrn Kommerzien- ratRöchling stakksinden solle, der beiden Teilen seine Vermittlung angeboten habe und in Berlin anwesend sei, er- widerke Minister Scholz, daß er diese Unterredung für zweck- tos halte. Seine Parkei warte darauf, daß nunmehr die Parole zu selbständigem Vorgehen ausgegeben werde, und er werde diese Parole jetzt ausgeben.
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Das Kommuniques der Volksparkei.
Berlin, 8. August. Die „Nationalliberale Korrespondenz" teilt folgendes mit: Im Weiterverfolg der staatsbürgerlichen Sammlungsbestrebungen der Deutschen Volkspartei fand am Donnerstag nachmittag im Reichstag die' letzte ent- fcheidende Aussprache zwischen den Vertretern der Landvolkpartei, der Konservativen Volkspartei, der Wirtschaftspartei und der Deutschen Volkspartei statt. ,
Der Vertreter der Landvolkparkei gab tn diesen Beratungen die Erklärung ab, daß seine Partei zu seinem großen Bedauern der Aktion, die er seither mit allen Kräften gefördert habe, ihre endgültige Zustimmung versagen müsse. Darauf erklärte der Vertreter der Konservativen Volkspartei, daß hierdurch eine neue Läge geschaffen sei und er daher heute seine Zustimmung man geben rönne. ^et Vertreter der Wirtschaftspartei betonte, daß, wenn nur eine berufsständische Partei sich zurück,iebe. dann auck seiner Partei keine Mög-
konnten fich nur aus einen Burgfrieden im lichkeit der Mitwirkung gegeben sei. Damit war der Versuch, noch vor dem Wahlen zu einer großzügigen staatsbürgerlichen Sammlung zu kommen, gescheitert.
9m Verlaufe der Auseinandersetzung zwischen der Deutschen Volkspartei und der neuen Slaatspartei betonte Minister Dr. Scholz, daß die grundsätzliche Verschiedenheit in der Auffassung der Deutschen Volksparkei und der Staats- partei darin bestünde; daß die Deutsche Volkspartei, auch wenn sich zur Zeit noch unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg stellten, beharrlich festhalte an einer Sammlung von links und rechts, während die Staatspartei, insbesondere Höp- ker-Aschoff, ausdrücklich die Bindung an ein solches Programm abgelehnt habe, zugunsten der Bildung einer neuen liberalen Partei. Die Deutsche Volkspartei habe niemals grundsätzlich ein Zusammengehen mit der Sozialdemokratie abgelehnt; wohl aber halte sie es jetzt für unerläßlich, der Sozialdemokratischen Vorherrschaft im Interesse einer Gesundung von Staat und Wirtschaft einen verstärkten bürgerlichen Einfluß zur Durchführung des Hindenburgprogramms ent- gegenzustellen. Um aber auch die letzten für die Deutsche Volkspartei im Sinne ihrer allgemeinen Einigungsbestre- bungen bestehenden Möglichkeiten auszuschöpfen, machte Dr. Scholz für sich persönlich ohne vorherige Befragung irgendeiner ParteiinsKinz den Vorschlag, daß die neue Deutsche Staatspartei in der Deutschen Volkspartei aufgehe. Um alle persönlichen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, wollte er ferner auf die Führung verzichten. Höpker - A s ch o f f erklärte mit aller Bestimmtheit, daß der Gesamt- vorschlag sowohl nach der programmatischen wie nach der organisatorischen Seite für die Staatspartei unannehmbar sei.
Bei Fortsetzung der Aussprache stellte sich heraus, daß weitere Verhandlungen vor den Wahlen zwecklos sind.
KoWdes SteichstWMmKes
Gegen den Reichsverband der deutschen Industrie.
Berlin, 8. August.
Der Reichsverband der deutschen Industrie hat in einem
Schreiben an den Reichskanzler mit Nachdruck gegen du deutsch-finnländische Handelsverkragspolitik des Reichsernäh- rungsministers protestiert. Die Folge war ein Schreiben des Reichslandbundes an den Reichsernährungsminisier Schiele in dem scharf gegen die Stellungnahme des Reichsverbandes Einspruch erhoben wird.
In dem Schreiben heißt es, der Reichsverband begrüß« das Scheitern der privatwirtschaftlichen Verhandlungen mi! Finnland und spräche sich gegen die aus Anlaß des Scheu terns des privaten Abkommens „von gewissen Agrarpolitu kern" geforderte Kündigung des Handelsvertrages aus „Wir bedauern auf das lebhafteste diesen Schritt des Reichs Verbandes der deutschen Industrie, der einen der wichtigster bäuerlichen Produktionszweige zum Tode verurteilen würde wenn er bei der Reichsregierung von Erfolg begleitet seit würde.
Auf die Bedeutung der Lösung der Bindungen füi Butter und Käse, sei es im Wege eines privaten deutsch finnischen Abkommens oder im Wege der Kündigung des Handelsvertrages, glauben wir, dem Reichsminister füi Ernährung und Landwirtschaft gegenüber nicht weiter ein: gehen zu brauchen. Wir gestatten uns jedoch unsererseits in nachdrücklichster und feierlichster Form gegen diesen Vor- stoß des Reichsverbandes der deutschen Industrie zu pro. testieren und die Reichsregierung dringend zu bitten, den Schreiben des Reichsverbandes kein Gehör zu schenken. Di< Bemühungen zur Wiederherstellung der Rentabilität bei Landwirtschaft, wie sie der Reichspräsident in seiner März- botschaft gefordert hat, würde unwirksam sein, wenn bu Reichsregierung den Forderungen der Industrie nachgeber würde.
Wir glauben, bei v.eser Gelegenheit auch unserem Bedauern Ausdruck geben zu sollen, daß von einer gewisser deutschen Presse in den letzten Tagen geradezu die Aufforderung an das Ausland gerichtet worden ist, die auf der Schutz der deutschen Landwirtfchast eingestellte Politik bei jetzigen Reichsregierung durch Boykottmaßnahmen zu verhindern. Wir bitten die Reichsregierung, sich durch derartige Boykoktandrohungen in der bisher von ihr befolgter Politik nicht beirren zu lassen.“
Wieder Simple in Kurdistan
Wien, 8. August.
Aus Angara kommt die Nachricht, daß die Kämpfe mit dem Kurden immer größere Ausdehnung annehmen. Die militärischen Operationen an der persischen Grenze würden durch Kurdeneinfälle aus dem Irak und jetzt auch durch Vorstöße anderer kurdifcher Stämme über die syrische Grenze erschwert. Die Kurden verteilen Proklamationen, in denen die Unabhängigkeit Kurdistans gefordert wird.
Die Bewegung für ein autonomes Kurdistan im Irak wird von den Türken als eine vom interessierten Ausland inspirierte Aktion bezeichnet.
Wahlkamps einigen
Die sinkende Kanstraft
Riesiger Verdienstausfall durch Arbeitslosigkeit
Berlin, 8. August.
Die Steigerung der Arbeitslosigkeit, die bis zur Gegenwart in unvermindertem Tempo anhält, bedeutet gleichzeitig ein starkes Schrumpfen der Kaufkraft des inneren Marktes. Wie das Institut für Konjunkturforschung ermittelt hat, kann man
den Ausfall an Verdienst, der durch die Arbeitslosigkeit im zweiten Vierteljahr 1930 entstanden ist, auf 1,4 Milliarden Reichsmark veranschlagen.
In Wirklichkeit ist freilich der Kaufkraftausfall nicht ganz so groß. Denn dem größten Teil der Arbeitslosen stehen an Stelle ihres Arbeitseinkommens die Unterstützungen der Arbeitslosenversicherung, Krisenunterstützung ober der Wohlfahrtspflege zur Verfügung. Diese Beträge sind daher ab« zuziehen, so daß sich
der Nettoverdienslausfall im zweiten Vierteljahr 1930 auf etwa 840 Millionen Reichsmark stellt und um etwa 460 Millionen Reichsmark größer ist als im zweiten Vierteljahr 1929.
Allein in der ersten Hälfte des laufenden Jahres ist der Kaufkraftausfall infolge der gestiegenen Arbeitslosigkeit im ganzen um etwa 600 Millionen Mark größer gewesen als in der ersten Hälfte 1929. Die Größenordnung dieser Summe wird klar, wenn man bedenkt, daß
das gesamte Einkommen aller Arbeiter und Angestellten einschließlich der Beamten im ganzen Jahr 1929 etwa 45 Milliarden Reichsmark
betragen hat. Der Ausfall (gegenüber dem Vorjahr) von etwa 600 Millionen Reichsmark Kaufkraft im ersten Halb- jjtisyüjMiM üü beträchtlichen Teil aber auch den Nahrungsmittelmärkten, zur Last gefallen.
Reparationen und WeltwirllchMrlrise
London, 8. August.
Die Vereinigung der britischen Elektrizitätsindustrie ver- öffsntlicht einen Bericht über die wirtschaftliche Lage, der zu außerordentlich interessanten Ergebnisse kommt. In dürren Worten wird gesagt, daß eine dauernde Wiederbelebung des Handels von der Beseitigung der Reparationen abhängig sei. In den Vereinigten Staaten und in Deutschland sei die Depression schwerer als in Großbritannien. Deutschland befinde sich von den drei Ländern wahrscheinlich in der kritischsten Lage. Die Reparationsschwierigkeit sei durch die nahezu völlige Beseitigung der Reparations-Sachliefe- rungen und durch den Grundsatz der Kommerzialisierung eines Teiles der Gesamtschuld noch verschärft worden.
Es bleibe wahr, daß Deutschland die Reparationen nur bezahlen kann durch reichliche Einfuhr von Kapital mit der sich daraus ergebenden Wiederausfuhr, sowie durch übermäßige Anspannung seiner Ausfuhr, die entweder durch Deflation im Innern zustande gebracht werden müsse, oder durch erzwungene Herabdrückung der Preise, oder endlich durch den Transfer deutschen Vermögens in fremdes Kapital.
Die kürzlich in Deutschland erzwungene Herabsetzung der Eisen- und Stahlpreise und der Frachten für Ausfuhr von Kohle zeugten von der Tendenz, koste es was es wolle, die deutsche Ausfuhr in die Höhe zu treiben; eine Methode, die zu Repressalien führen und das internationale Mißtrauen verschlimmern müsse.
Mine -sutsch-polnisKen Berhmdlnnnen
Um die deutschen Agrarzollerhöhungen.
Berlin, 8. August.
Die deutsche Gesandtschaft in Warschau hat der polnischen Regierung eine Note übergeben, worin das poknische Ersuchen um Ausgleichsverhandlungen wegen der deutschen Agrarzollerhöhungen abgelehnt worden ist. Die deutsche Note weist darauf hin, daß die deutschen landwirlschqftlichen Zollerhöhungen als eine unabweisbare Notwendigkeit sich aus der Srise der Landwirtschaft ergeben hätten, die wegen einer Reihe von Gründen in Deutschland einen noch bedrohlicheren Umfang angenommen hat, als in anderen Ländern, die sich ebenfalls zu Zollerhöhungen genötigt sahen.
In dem Genfer Handelsabkommen vom 24. März 1930 ist den vertragschließenden Teiler« ausdrücklich das Recht vorbehalten, in dringenden Fällen Zollerhöhungen vorzu- nehmen, auch ohne das die dadurch getroffenen anderen Vertragsstaaten deswegen Verhandlungen verlangen könn- 'en. Deshalb ist die polnische Behauptung hinfällig, daß die deutschen Zollmaßnahmen und die deutsche Ablehnung des polnischen Verlangens nach Ausgleichsverhandlungen den Grundsätzen des Genfer Handelsabkommens zuwiderlaufen. 9m übrigen ist darauf hinzuweisen, daß Polen selbst kürzlich mit Wirkung vom 31. Juli 1930 umfangreiche landwirtschaftliche Zollerhöhungen vorgenommen hat.