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HersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-

Nr. 18g Donnerstag, den 14. August 1930 80. Jahrgang

Noch keine Entscheidung im nahen Grient

Bisher keine wesentliche Aenderung der kritischen Lage Hoffnung auf friedliche Verständigung

Der Neue KurdenaWand

Der neue Aufstand der Kurden gegen das türkische Re­gime hat die türkische Regierung veranlaßt, ein Armee­korps mobil zu machen und mit aller Energie gegen die Aufständischen vorzugehen. Trotz der ausgezeichneten Be­waffnung der kurdischen Banden mit modernen engli­schen Gewehren und Maschinengewehren haben die Kurden sich vor dem Anrücken der Türken auf persisches Gebiet zurückgezogen und sich in dem zerklüfteten und unwegsamen Araratgebirge festgesetzt. Es scheint fest­zustehen, daß der jetzige Aufstand der Kurden von einem der Söhne des im Jahre 1926 gehängten kurdischen Scheichs Said, Selacheddin, entfacht wurde, der erst vor kurzem seine militärische Ausbildung auf der engli­schen Offizierschule in Bagdad abgeschlossen hat. Er gehörte dem kurdischen GeheimbundKheibun" an, von dem die Türken seit längerem wußten, daß er durch die ihm zur Verfügung stehenden reichen Geldmittel eine allge­meine Aufstandsbewegung unter den Kurden vorbereitete. Neben Selacheddin wurden zahlreiche andere führende Mit­glieder des Geheimbundss verhaftet, was den unmittelbaren Anstoß zu dem jetzigen Aufstand gegeben haben soll.

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Die Hintergründe der jetzigen Kurdenerhebung sind zu­nächst zweifellos innerpolitischer, religionspolitischer Art. Die Kurden sind mit dem neuen türkischen Regime nicht ein­verstanden, weil sie sich weder mit den Modernisierungsbe- strebungen der neuen Türkei, noch mit der Abschaffung des Khalifats abzufinden vermochten. Zudem wurden die Kur­den der Anziehungspunkt für alle jene Kreise der Türkei, die der Regierung von Angara und ihren Modernisierungs- bestrebungen ablehnend gegenüberstanden. Der Zusammen­fassung aller dieser unzufriedenen Elemente in den Reihen der Kurden kommt die Tatsache zugute, daß diese auf vier ewW***» Staatsgebiete verteilt sind, so daß die oppo­sitionellen Elemente jederzeit in der Lage si Verfolgung durch die Türken durch Uebertrit: auf persisches Gebiet zu entziehen.

In dieser Tatsache liegt auch die aus dem Kurdenauf­stand hervorgegangene t ü r k i sch - p e r s i s ch e Span­nung begründet, weil die Türkei nicht mit Unrecht be­hauptet, daß die Vorbereitung des neuen Aufstandes und feine jetzige Auslösung von persischem Gebiet ausgegangen ist. Die zwischen der türkischen und persischen Regierung ge­führten Verhandlungen über eine schärfere Ueberwachung der persischen Grenze haben bekanntlich zu keinem Ergebnis geführt, so daß die Türkei sich entschloß, den Kurdenauf­stand ohne Respektierung der persischen Grenze gewisser­maßen an seinem Ausgangspunkt niederzuwerfen.

Welche internationalen Verwicklungen sich daraus noch ergeben können, ist im Augenblick nicht abzusehen. Handelte es sich bei dem Kurdenaufstand nur um die Kurdenfrage, dann könnte man annehmen, daß trotz der Verschärfung der türkisch-persischen Beziehungen durch den Uebertritt türkischer Truppen auf persisches Gebiet zwischen beiden Regierungen eine gütliche Verständigung erzielt werden könnte. Für jeden Kenner der Verhältnisse aber steht fest, und von den Tür­ken wird es positiv behauptet, daß hinter dem Kurdenauf­stand und hinter der persischen Weigerung auf schärfere Kontrolle der Grenzen ein mächtiger Interessent steht, dessen Politik seit langem auf die Errichtung eines kurdischen Pufferstaates gerichtet ist: England. Der englisch- russische Machtkampf in Asien, wie er seit dem Weltkrieg immer wieder hervorgetreten ist, läßt auch in dem jetzigen Kurdenaufstand wieder England als treibende Kraft hervortreten. Es ist nicht reiner Zufall, daß die kurdischen Rebellen mit modernsten englischen Waffen ausgerüstet sind, es ist auch nicht Zufall, daß plötzlich am Irak die geheimnisvolle Gestalt des englischen Obersten Lawrence wieder aufgetaucht ist, und es ist ebensowenig Zufall, daß der Organisator des Kurdenaufstandes feine militärische Ausbildung in Bagdad erhalten hat.

Der englisch-russische Jnteressenkampf in Asien hatte England schon im Jahre 1919 veranlaßt, gelegentlich der ersten Friedensverhandlungen mit der Tür­kei die Bildung eines selbständigen kurdischen Staates vorzuschlagen, der die gesamten osttürkischen Vilajets, die Gegend von Diarbekir, Wan und Erserum, die westlichen Gebiete von Persien um den Urmiasee, das Mossulgebiet und die nördlichen Teile des heutigen franzö­sischen Mandatsgebietes Syrien umfassen sollte. Die damit von England verfolgte Absicht war im Zusammenhang mit der Schaffung eines selbständigen Armenien die Aufrichtung einer Schranke zwischen Türkei, Rußland und Persien, wobei man hoffte, die Mossulfrage gewisser­maßen nebenher in englischem Sinne zu lösen. Eine solche Regelung hätte nicht nur Frankreichs Machtstellung im nahen Orient geschwächt und die englische Herrschaft über die nordpersischen Oelfelder gesichert, sie hätte auch eine un­mittelbare russisch-türkisch-persische Grenznachbarschaft ver­hindert. Durch den siegreichen türkischen Freiheitskampf gegen das Friedensdiktat von Sevres wurde der englische Plan verhindert. Der spätere Friedensvertrag von Lau­sanne sah weder ein selbständiges Armenien, noch ein selbständiges Kurdestan vor. Die Kurden blieben wie bisher zum größten Teil bei der Türkei, zum kleineren Teil bei l Persien und die Reste verteilten sich auf Englisch Mesopo- 1 tarnten Mb Französisch-Syrien.

Das englische Interesse an einem selbständigen Kur­destan und Armenien erklärt sich nicht nur aus den den Engländern unbequemen Freundschafts- und Nichtangriffs- verträgen, die zwischen Rußland, der Türkei, Persien und Afghanistan abgeschlossen wurden, es liegt begründet in dem Streben Englands nach einem Landverbin­dungsweg nach Indien. Diese allgemeinpolitisch und handelspolitisch wichtige Verbindungsstraße ist aber so lange für England unerreichbar, solange die türkisch-russisch- persische Freundschaft durch eine gemeinsame Grenze vertieft und verstärkt werden kann. Deshalb wird man der Weiter­entwicklung der Vorgänge in der asiatischen Dreiländerecke am Ararat mit einer gewissen Spannung entgegensehen müssen. Der persische Protest gegen das Einrücken türkischer Truppen in Persien läßt jedenfalls noch keineswegs diese Entwicklung erkennen. England wird zweifellos die Gele­genheit benutzen, um evtl. den Völkerbund mit der Ange­legenheit zu befassen in dem Sinne, daß die ständige Beun­ruhigung dieses asiatischen Gebietsteiles aus der Welt ge­schafft werden muß, und zwar mit Hilfe starker europäischer Mächte. #

Ungewisse Lage im nahen Orient

Noch Hoffnung auf friedliche Beilegung

Berlin, 14. August.

Ueber die Lage an der persisch-türkischen Grenze liegen bisher keine neuen Nachrichten vor. Die türkischen Trup­pen halten nach wie vor strategisch wichtige Punkte bei Agridagh auf persischem Gebiet besetzt.

In diplomatischen Kreisen hat man die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß eine friedliche Einigung zwischen der ^jgj^jjjfc-Üätiuj^ oer Hutoen- bewegung doch noch zustande kommt, nötigenfalls durch Ver­mittlung des Völkerbundes.

Man glaubt, daß die perfffche Regierung nunmehr ernstliche Anstrengungen macht, um die Kurdenunruhen an der Grenze zu unterdrücken, und daß andererseits dieses Zeichen gutens Willens die Regierung in Angara veranlassen wird, ihre Truppen wieder zurückzuziehen. Vorläufig ist die Lage noch ganz unentschieden, zumal Persien im Grenzge­biet nur ganz kleine Truppenabteilungen unterhält.

Der ©renitrieg bei Peschawar

Fliegerbomben als Strafe

London, 13. August.

Ueber die Kämpfe im Gebiet von Peschawar meldet der Amtliche Britische Funkdienst: Die britischen und indischen Truppen drängen die Afridi, die in die Ebene vorgedrun­gen sind, fortgesetzt in die Berge zurück. Die Banden werden entweder unschädlich gemacht, oder sie ziehen sich in den Schutz der Berge zurück.

Sie sind, wie man in Erfahrung gebracht hat, von Abenteurern verführt worden, die ihnen vorgespiegelt haben, sie könnten in Peschawar leicht Beute machen. Sie fanden dort jedoch eine unerwartet starke britische Truppenmacht. Bis jetzt hatten die britischen Behörden peinlich die Halb- Unabhängigkeit der an der Bewegung teilnehmenden Berg- stämme respektiert, und das Gebiet von Tirah war bisher von keinem einzigen Flugzeug überflogen worden. Jetzt erst ist das Gebiet von der Luft aus unter Beobachtung genommen worden.

Sämtliche Dörfer, die Leute zu dem Kriegszug ge­schickt haben, werden nun zur Strafe mit Bomben belegt. Jeder Ansiedlung wird eine unwiderrufliche Frist von 24 Stunden gestellt, ehe die Flugzeuge erscheinen, damit die Bewohner sich in die offenen Felder begeben können, wenn die Bombengeschwader die Verteidigungsanlagen und Häu­ser zerstören. Die Nachricht von dieser Bestrafung hat die Afridi auf ihrem Streifzuge erreicht und ihren Rückzug in die Berge beschleunigt.

Vorsichtshalber sind die englischen Frauen und Kinder von Parachinar, 85 Meilen westlich von Peschawar, mittels Flugzeugen fortgeschafft worden.

20 Angehörige des Kohdaman-Stammes, die an dem letzten Aufstand in Afghanistan teilgenommen hatten und gefangen genommen worden waren, wurden auf Befehl des Königs Nadir Khan erschossen. Ihre Leichen wurden an den Toren von Kabul aufgehängt.

Die Ausländer in Kantschau in ©einte

London, 13. August.

Der amerikanische Generalkonsul in Kanton berichtet, daß sich der amerikanische katholische Bischof in Kantschau in außerordentlicher Gefahr befinde. Kantschau sei von der Roten Armee eingeschlossen und infolge der kürzlich erfolg­ten Zurückziehung der Truppen der Nationalregierung seien der Bischof und die anderer. Fremden bedroht. Der Gene­ralkonsul verhandele mit den chinesischen Ortsbehörden über die Flucht der Fremden. 8 Krankenschwestern seien aus Kantschau in Kanton angekommen.

Deutschlmdr blutende Grenzen"

Oldenburg, 14. August.

In dem Verlage von Gerhard Stalling, Oldenburg i. 0., erscheint in Kürze eine Uebersetzung des BuchesLes frontieres orientales de l'Allemagne" von Rene Martel, Professor an der Pariser Sorbonne, einer der größten Sla- wisten Frankreichs. Der Verfasser hat auf beiden Seiten derblutenden Grenzen", auf polnischer und auf deutscher, die Verhältnisse eingehend untersucht und seine Ergebnisse in einem Buche niedergelegt. Der französische Gelehrte weist als berufener Sprachenkenner den polnischen Anspruch, die Kaschuben und dieWasserpollacken" Oberschlesiens als Po­len zu bezeichnen, entschieden zurück. Aber maßgebender als Gründe der Volkszugehörigkeit und der geschichtlichen Vorzeit sprechen wirtschaftliche und kulturelle Forderungen der lebendigen Gegenwart, zu diesem Schlüsse kommt Mar­tel nach Abwägung der Einwände von beiden Seiten zwin­gend zugunsten Deutschlands. Nicht nur der Korridor, son­dern ganz Oberschlesien gehören, so führt er unter Berück­sichtigung aller für und wider vorgebrachten Einwände aus, Deutschland und nur Deutschland allein.

Frankreich aber muß sich nach feinen besten Ueberliefe­rungen, so ruft er seinen Landsleuten zu, aus die Seite der deutschen Kultur st eilen. Die heutigen Ost­grenzen find unhaltbar für Deutschland ebenso wie für Po­len. heute kann Europa den Frieden noch retten, wenn es das begangene Unrecht wieder gut macht morgen ist es vielleicht zu spät! Mit dieser eindringlichen Mahnung an das Weltgewissen schließt Martel feine Darlegungen.

Bernichtmg deutscher Schulen in Polen

Die Sdjulabteilung bes beutfdjen Sejmbüros in Brom- berg, gibt soeben eine Statistik über den Bestand des beut schen Schulwesens in Posen und Pommerellen heraus, aus dem sich mit erschreckender Deutlichkeit ergibt, daß Polen in den letzten fünfJahren die Hälfte aller deutschen Schulen abgewürgt hat.

Taufende deutsche Schüler sind gegen ihren und ihrer Eltern Willen gezwungen, rein polnische Schulen zu be- fuchen, und nur in beschränktem Umfange ist es ihnen mög­lich, einen wenn auch nur unvollkommenen deutschen Sprach­unterricht zu empfangen.

Nach der statistischen Erhebung der Schulabteilung gab es im Schuljahr 1929/30 in Posen und Pommerellen etwa 35 100 deutsche Schulkinder. Von diesen konnten 16100 in öffentliche deutsche und 3 200 in private deutsche Schulen gehen. Die übrigen 15 800 Kinder müssen rein polnische Schulen besuchen, und nur 4 400 erhalten nebenbei deutschen Sprachunterricht. Wie es mit diesem Sprachunterricht bestellt ist, ergibt sich daraus, daß höchstens 2 bis 4 Stunden in der ganzen Woche deutscher Sprachunterricht erteilt wird, also noch weniger, als für jede andere Fremdsprache verwendet werden muß.

Wie die Vernichtung des deutschen Schulwesens in den letzten fünf Jahren fortgeschritten ist, ergibt sich am besten aus folgenden Ziffern: Im Schuljahr 1924/25 gab es ins­gesamt 557 deutsche Unterrichtsbetriebe, 1925/26 507, 1926/27 414, 1927/28 375, 1928/29 320, und 1929/30 283. In fünf Jahren ist also nahezu die Hälfte, nämlich 274 deutsche öffentliche Schulanstalten kurzer Hand geschlossen worden.

Die Folge davon ist, daß heute 45,2 Prozent der deut­schen Schüler polnische Schulen besuchen müssen, wäh­rend dies im Jahre 1924/25 nur bei 29,8 Prozent nö­tig war. Die Lehrer sind zum größten Teil entweder entlassen, oder an polnische Schulen versetzt oder aber nach Kongreßpolentransferiert" worden.

Französische SauLhaltssorgen

Paris, 14. August.

Der französische Haushaltsminister gab im letzten Mi- nisterrat bekannt, daß, nachdem bereits der Etat für 1930 gegenüber dem Vorjahre eine Steigerung von 5 Milliarden Francs aufweist, auch im nächsten Haushaltsjahr eine e r - neute Steigerung um weitere 6 Milliarden Francs zu erwarten sei. Der Ministerrat beschloß eine ge­naue Kontrolle sämtlicher Anträge auf Einräumung von Kre-

diten, um fährden.

das Gleichgewicht des Haushalts nicht zu ge-

König Stillte Abschied

Berlin, 14. August.

König Faisal vorn Irak hat an den Reichspräsidenten nachfolgendes Telegramm gerichtet:Beim Verlassen Deutschlands ist es mir ein angenehmes Bedürfnis, Eurer Exzellenz nochmals für die liebenswürdige Aufnahme und die großzügige Gastfreundschaft, die Eure Exzellenz und die Reichsregierung mir während meines Aufenthaltes in Ber­lin gewährt haben, meinen aufrichtigen Dank auszusprechen. Ich werde die schönste Erinnerung an diesen Besuch be­wahren. Bei dieser Gelegenheit gestatte ich mir, die besten Wünsche für das weitere persönliche Wohlergehen Eurer Exzellenz und die Wohlfahrt des Deutschen Reiches und Volkes auszudrücken.