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KersfelöerTageblatt

hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS

Nr. 190

Freitag, den 15. August 1930

80. Jahrgang

Kampf um die Handelspolitik

Kündigung des Vertrages mit Finnland? Die Verträge mit zahlreichen Staaten mühten folgen

Ergebnis der Woche

Sr. tu. Elf Jahre besteht das neue Deutsche Reich in seiner republikanischen Verfassung. Von den Millionen Deut­schen werden wohl nur die wenigsten im Laufe dieser Zeit gewußt haben, an welchen Abgründen ihr Staat vorüber- fauste, um im letzten Augenblick vor völliger Vernichtung gerettet zu werden. Wer die gefahrvolle Lage jedoch er­kannt hatte, stand mehr um des inneren Haders willen in Sorge. Denn nur der innere Hader konnte diesem kräftigen, arbeitsfreudigen deutschen Volke den Arm lahmen, sich ge­gen seine äußeren Gegner zu wehren. Noch ging alles gut Aber unser ganzes Staatswesen steht ständig auf schwan­kendem Voden, solange wir uns nicht einig und eins füh­len in der Entschlossenheit, den Plänen unserer Gegner ent- gegenzutreten. Das ist das Merkwürdige an der Stellung der Deutschen Republik, daß sie noch immer mit hartnäcki­gen Gegnern von außen rechnen muß, daß sie noch immer verdächtigt wird als der Staat, der den Frieden Europas bedroht. Für einen deutschen Europäer muß das ein trau­riges Ergebnis sein, nach so vielen Beweisen von Deutsch­lands Friedfertigkeit. Immer wieder diese Verdächtigung! Diejenigen, die uns verdächtigen, wissen dabei genau, was sie tun. Wissen genau, daß die Verdächtigung Deutschlands jeder Grundlage entbehrt. Mit dieser Verdächtigung ent­hüllen sie sich selbst nur als Gegner, die irgend etwas gegen Deutschland im Schilde führen, die Deutsch­land zum mindesten als Staat zweiten Grades behandelt sehen, also dem deutschen Volk eine Minderwertigkeit an­hängen wollen. Das läßt sich das deutsche Volk nicht ge­fallen. Die Welt besteht nicht nur aus unseren Nachbarn im Osten und Westen. Die Welt hat auch noch andere Organe als die jener heuchlerischen Gegner. In der Welt hat Deutsch­land ein ganz anderes Ansehen gewonnen, seit es kraft ij^ÄljiiieiijWie^^

geschlagen hat. Die Verdächtigung zieht heute nicht mehr. Soll ein Deutscher nicht sagen dürfen, daß die O st g r e n zen Deutschlands ein Nonsens sind, ein schreien­der Unfug, eine Sinnlosigkeit und deshalb eine Gefahr? Nicht für Deutschland allein, mehr noch für Europa. Daß es Zeit ist, diesem Unsinn ein Ende zu machen. Das wäre dasselbe, als wollte jemand einem Manne verbieten zu sagen, es sei gefährlich eine Kanne Benzin neben offenes Feuer zu stellen. Solcher Unsinn verurteilt sich selbst. Und wer solchem Unsinn das Wort redet, ihn gar sanktioniert, entpuppt sich nicht nur als Gegner Deutschlands, sondern mehr noch als Gegner der Menschheit. Denn er will die Gefahr.

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Schon durchschwirrt Kriegsgeschrei die Welt. Die Türkei will sich der aufrührerischen Kurden erwehren, die ihre Existenz bedrohen. Die Kurden wohnen in den öst­lichen Gebieten der Türkei und in den angrenzenden per­sischen Gebieten. Es ist so gut wie ausgemacht, daß sie von außen, von europäischen Staaten aufgewiegelt wurden, ge­nau so wie ehemals die Armenier. Das aufgebotene türki­sche Heer schlug sie auf türkischem Boden, sie zogen sich aus persisches Gebiet zurück. Um sie vollends zu schlagen, den Aufstand völlig zu ersticken, rückten die türkischen Truppen auf persisches Gebiet vor. Was wird Persien tun? Wird es die Grenzüberschreitung als Kriegs­fall anfehen? Das wäre unklug von ihm, denn dann hätte Persien auch die aufständischen Kurden an der Grenzüber­schreitung hindern oder sie entwaffnen müssen. Die Türkei hat Persien angeboten, die Kurden gemeinsam unschädlich zu machen. Da Persien dieses Angebot nicht annahm, blieb der Türkei nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß Per­sien die Kurden stütze, besonders da die Türkei glaubt, Be­weise dafür zu haben, daß die Kurden auf persischem Ge­biet den Aufstand organisierten. All das ist nur Spiel jener Drahtzieher, die von je der Türkei den Gar­aus machen wollten, da der Bestand einer Türkei schon den englischen Plänen im nahen Orient hinderlich ist. Was wird der Völkerbund tun, um hier Blutvergießen zu vermeiden? Das ist eine wichtige Frage. Er wird nur das tun können, was England erlaubt. Das ist das einzige, was wir wissen. Und das ist traurig.

Solche Spiele der gegenseitigen Aufhetzereien hat England immer dort getrieben, wo es sich um noch nicht ganz zivilisierte Völkerschaften handelt. Sobald es feine Ko- lonialmethoden auf höhergebildete Menschen übertragen will, versagen sie völlig. Mit dem erwachten Indien wird England nicht mehr fertig, nicht mehr mit A e g y p t e n. Auch in Palästina spielt es eine klägliche Rolle. Es gelingt ihm nicht, den von ihm selbst ins Land gerufenen, von ihm protegierten Juden den nötigen Einfluß zu geben, um aus Palästina den von Eng­land gewünschten Zionistenstaat zu schaffen.. Schon die letzten Zionistenkongresse ließen erkennen, daß sich die Zionisten von England verraten fühlen. Immer heftiger fordern die Araber Palästinas ihr Eigenrecht. Sie pochen darauf, daß sie die Bewohner des Landes sind seit Jahrunderten Ein neuerlicher Kongreß der Araber Palästinas be­schloß, das ganze Arabertum Vorderasiens aufzurufen gegen England.

WsM AM sen Wnell-Bertrag

Nachdem Reichskanzler Dr. Brüning und Außenmi­nister Dr. Lurkius wieder in Berlin eingetroffen sind, trat das Reichskabinett Donnerstagvormittag bei voller Be­setzung zu einer Sitzung zusammen, die sich in der Hauptsache um die Frage der Kündigung des deutsch-finnischen Han­delsvertrages drehte. Nach mehrstündiger Beratung hat man die Entscheidung auf eine spätere Sitzung verschoben, um nochmals die einzelnen Argumente, die für und wider die Vertragskündigung vorgebracht werden, zu überprüfen.

Die Kündigung wird bekanntlich von der Landwirtschaft mit dem Ziele der Erhöhung der Zölle auf But­ter und Käse gefordert. Das Kabinett befindet sich in dieser Frage zweifellos in einer äußerst schwierigen Lage. Es besteht kaum ein Zweifel darüber, daß die deutsche Land­wirtschaft sich nur dann wieder langsam rentabel gestalten kann, wenn ihre Produktion durch entsprechende Schutzzölle gegenüber der ausländischen Einfuhr geschützt und dadurch für sie Preise erzielt werden, die in einem gesunden Ver­hältnis zu den Gestehungskosten stehen. Auch volkswin- kchaftlich ist ein Schutz der deutschen Agrarproduktion zwei- iellos zu vertreten, wenn man die Summen berücksichtigt, die heute noch immer für Waren ausgegeben werden, die zweifellos in gleicher Güte in Deutschland hervorgebracht werden können.

Auf der anderen Seite kann man die Besorgnisse der deutschen Industrie begreifen, daß die Kündi­gung von Handelsverträgen mit dem Ziele einer Erhöhung der Agrarzölle auf das Exportgeschäft der deutschen Wirt­schaft von nachteiligen Folgen begleitet sein könne. Die Boykottbewegung, die sich in Holland wegen der erhöhten deutschen Agrarzölle entwickelt hat und die auch bereits aus Dänemark sich ausdehnte^ gibt diesen Befürchtungen -echt. In einer neuerüings Sem Meichsranzter vom Verein Deutscher Maschinenbauanstalten zugeleiteten Denkschrift wird u. a ausgeführt, daß zur Erreichung des Zieles auf Aufhebung aller Käsezollverbindungen auch die wichtigen Handelsverträge Deutschlands mit Holland, Frankreich, Dänemark, der Schweiz und Italien gekündigt werden müßten, da in allen diesen Verträgen die deutschen Käse­zölle ebenfalls gebunden seien. Eine einseitige Kündigung des deutsch-finnischen Handelsvertrages würde das erstrebte Ziel des Schutzes der deutschen Käse- und Butterproduktion nicht erreichen.

Aufgabe der Reichsregierung muß es fein, die sich in der Frage der Kündigung des deutsch-finnischen Handels­vertrages entgegenstehenden Interessen zwischen Landwirt­schaft und Industrie gegeneinander abzuwägen und eine- sung zu suchen, die beiden Interessengruppen gerecht wird.

Die mit den einzelnen Ländern abgeschlossenen Han­delsverträge stellten nach dem Kriege die ersten Versuche dar, mit einer Reihe bisher feindlicher Mächte wieder zu geordneten handelspolitischen Beziehungen zu kommen. Bei unseren Vertragspartnern lag dabei der Versuch nahe, Deutschland als den politisch und wirtschaftlich Schwächeren zu möglichst günstigen Zolltarifen zu veranlassen. Trotzdem brachten diese Handelsverträge in den meisten Fällen eine starke Belebung des deutschen Auslandsgeschäftes mit sich, an welchem allerdings die deutsche Landwirtschaft so gut wie keinen Anteil hatte. Wenn wir jetzt zum Teil mit sehr erheblichen Mitteln an den Wiederaufbau unserer Landwirt­schaft herangehen, dann wird es nicht ausbleiben können, daß wir auf einen st arten Schutz der eigenen landwirtschaftlichen Produktion bedacht sein müssen. In der Richtung der so oft gepriesenen Verständi­gungspolitik liegt es, wenn unsere Vertragspartner auf die äußerst ungünstige Lage der deutschen Landwirtschaft jene Rücksicht nimmt, die Vorbedingung ist nicht nur für eine Stärkung der deutschen Kaufkraft, sondern auch für eine günstige Weiterentwicklung der Handelsbeziehungen des Auslandes mit Deutschland.

Zollschutz und Arbeitslosigkeit

Angesichts der großen Arbeitslosigkeit teilt Reichstags­abgeordneter Dr. Schneider, DVP., der besonders im Zollausschuß des Reichstages tätig gewesen ist, folgende lehrreiche Berechnung mit, die sich in der deutschen L e - derindustrie ergeben hat. Die deutsche Lederindustrie ist bisher vergeblich bemüht gewesen, den Zollschutz für Bo­denleder, Kernstücke erhöht zu bekommen.

Die Einfuhr von Leder, besonders aus der Tschechoslo­wakei, erfolgte infolge der dort viel niedrigeren Löhne zu so gedrückten Preisen, daß zahlreiche deutsche Gerbe­reien und Lederfabriken schon lange stilliegen und andere dem Erliegen nahe sind. Die gewünschte Iollerhöhung würde etwa 30 Mark für 100 Kilogramm Leder ausmachen. Demgegenüber berech­nen sich die Lasten der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit für die Lederindustrie so hoch, daß (gemessen an der Gesamtproduktion) aus 100 Kilogramm Leder etwa 150 Mark Ausgaben infolge der jetzigen Arbeiks-- losigkeit allein in der Lederindustrie entfallen; also das Fünffache des vergeblich erstrebten Zollschuhes!

Diese Zahlen erweisen auf alle Fälle, daß uns die scheinbar billige Einfuhr ausländischen Leders in Wirklichkeit sehr teuer zu stehen kommt. _ ____

hindenburg in Dietramszell.

Reichspräsident von Hindenburg ist zu längerem Erholungsaufent­halt in Dietramszell, Oberbayern, eingetroffen. U.B.z. den Reichs­präsidenten bei einem Spaziergang in Dietramszell.

LMMrung der Mille «tMMRMWWWß WM W

Die Verhandlungen über die Ausführung der Osthilfe haben zu der Einrichtung einer besonderen Oststelle bei der Reichskanzlei geführt.

Der genaue Aufgabenkreis der Oststelle ist die Ausfüh­rung der landwirtschaftlichen Hilfsaktion auf den Gebieten der Umschuldung der Besitzsicherung, der Zinsverbilligung der Umschuldung, der Besitzsicherung zusamenhängender An­liegersiedlung. Alle agrarpolitischen Maßnahmen werden also nicht von irgendwelchen Jnteressenorganisationen, Selbstverwaltungskörpern und Bankinteressen beeinflußt werden können, sondern erhalten ihre Formung lediglich in dieser Oststelle. Sollten Meinungsverschiedenheiten auf­tauchen, so ist vorgesehen, daß die letzte Entscheidung vom Reichskanzler im Benehmen mit den preußischen Minister­präsidenten getroffen wird.

Stürmische WÄlverlammlmg

Mehrere Verletzte in Lüneburg.

Lüneburg, 14. August

In einer nationalsozialistischen Versammlung im Bahn­hofsviertel kam es zu einer Schlägerei zwischen Kommu­nisten und Nationalsozialisten. Nach Beendigung der Rede des Referenten verlangte ein Kommunist das Wort.

Die Frage, ob es stimme, daß Moskau den Befehl ge­geben habe, die Rationalsozialisten totzuschlagen, wo immer es anginge, wurde mit Ja beantwortet.

Daraufhin wurde dem Kommunisten das Wort nicht erteilt. Als er von feinem Platz aus sprechen wollte, griff der sehr starke Saalschutz ein und es entspann sich eine schwere Schlägerei, bei der mehrere Personen erheblich verletzt wur­den. Ein starkes Polizeiaufgebot stellte die Ordnung mit Hilfe des Gummiknüppels wieder her.

Mnenblirs verloren

Stillegung der Kaliwerke bis 1953

Vienenburg, 15. August.

Die Generaldirektion der preussag hat der Kaliprü- sungsstelle die unwiderrufliche Erklärung abgegeben, daß sie auf die Wiederherstellung der bei dem bekannten Wasser­einbruch zum Erliegen gekommenen Bergwerksanlagen Vie­nenburg II und Rörigt-Schacht verzichtet und diese Anlagen bis 31. Dezember 1953 stillegt.

Mit der Ueberführung der Materialien und der nötig­sten Maschinen an andere Werke der Preussag ist begonnen worden. Die FristbesUmmung bis 1953 erklärt sich aus den Bestimmungen des Kaligesetzes.

MeiiSMimgliiik in Mmilien

Bukarest, 14. August.

Ein schweres Eisenbahnunglück hat sich auf der Strecke BukarestKonstanz« ereignet. Aus der Station Seceleanu stießen zwei Eilzüge zusammen, zweifellos infolge falscher Veichenstellung. Räch den bisherigen Feststellungen wur­den zehn Personen getötet und sieben schwer verletzt. Der Sachschaden ist groß.