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HersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt Mmtkcher /lnzeiger für den Kreis Hersfeld

Nr. 191 <Erste5BM Gonnabend^den lS. August 1930 80. Jahrgang

Neue heftige Attacke VeS Lothringers

Poincaree für Aufrechterhaltung -es Verfailler Diktates sonst neueBrandherde" im Osten Diegefährliche" Reichswehr

Sie mbeMMN Türlen

Für den Europäer war es immer schon schwer, sich von der Bevölkerung der Türkei eine Vorstellung zu machen, blicht jeder, der in der Türkei staatszugehörig ist, wird da­durch zum Türken. Türke bedeutet eine Rassezugehörigkeit, keine Staatszugehörigkeit. Das türkische Gebiet, das ®e« biet der neuen wie der alten Türkei, ist von den verschie­densten Rassen bewohnt. Ein Ergebnis der seit Jahrtau­senden von Osten, dem Hochland von Iran, dieser uner­schöpflichen Völkerwiege, nach Westen, dem Mittelländischen Meer, zustrebenden Völkerscharen. All das sammelte sich in Anatolien wie in einem Sack. Immer war der zuletzt kom­mende Eroberer der Herr der dort ansässig Gewordenen. Das letzte Herrschervolk waren die Türken. Zu ihrer Ehre sei es gesagt, daß sie die tolerantesten Herren waren, die es geben konnte. So hoch sie selbst ihren religiösen Glauben stellten, so scharf sie den Ungläubigen verurteilten und ver­achteten, ebenso großzügig ließen sie jedem Volke und damit jeder Rasse ihres Gebietes den Glauben. Das schönste Bei­spiel solchen Zusammenwohnens bot die enge Gemeinschaft mit den christlichen Armeniern. Die hochkultivierten Ar­menier waren die natürlichen Vermittler zwischen Türken und der europäischen Kulturwelt, mit der die Türken, be­sonders nach der Eroberung von Konstantinopel, zusammen» trafen. Dieses einträchtige Verhältnis wurde vernichtet, so­bald die europäischen Großmächte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts darangingen, die Herrschaft der Türken zu vernichten, da diese ihren Kolonisationsbestrebungen in Vorderasien (Syrien, Palästina, Arabien), in Nordafrika (Aegypten, Tunis, Algier) und selbst in Mittelasien (Afghanistan, Persien) entgegenstanden. Die europäischen Großstaaten, besonders England, wiegelten die Armenier ^^^^^ schlagen. Eine unüberwindliche Blutfeindschaft erhob sich. Es kam zu jenem furchtbaren Gemetzel, woran das arme­nische Volk verblutete. Am wenigsten haben die europäischen Großstaaten ein Recht, sich moralisch zu entrüsten, denn sie haben diese furchtbaren Zustände herbeigeführt, mit dem vollen Willen, die Türkei zu schwächen und sie dann auf- zuteilen.

Neben den Armeniern siedeln auf türkischem Boden noch eine Reihe anderer Völker und Rassen, von denen die wich­tigsten die Griechen waren. Seit Abschluß des Krieges wird die Türkei gemäß den Abmachungen mit Griechenland von den sich zur griechischen Nation bekennenden Griechen völlig geräumt. Es bleiben nur die mehr oder weniger türkisier- ten Griechen im anatolischen Binnenland. Die übrigen Völkerschaften sind meist Splitter alter Völker, die nur in sehr beschränktem Raume siedeln, ohne irgend welche Be­deutung.

Ein Volk von etwa 1% Millionen Kurden wohnt zum Teil nur geschlossen um den Wansee, vermischt mit Arme­niern. Es sind Nomaden ohne feste Wohnsitze. Ein kleiner Teil streift mit seinen schwarzen Zelten, meist noch nicht einmal als Horde, sondern nur als Einzelfamilie in einem schmalen Streifen von dem eigentlichen Kurdestan nach We­sten über Diarbekir bis zum Golf von Alexandrette, südlich bis Aleppo und nach Syrien hinein. Sie wohnen da, wie gesagt, kaum geschlossen. Ihre schwarzen Zelte sieht man abseits von den Dörfern und Städten der Grundbevölke­rung an Bächen und Berglehnen. Der Kurde ist Hirte und streift mit seinen Herden die großen Steppen ab zwischen dem kultivierten Land und der Wüste. Es besteht kein ge­schlossener Zusammenhang zwischen ihnen. Seine Frei- heitsliebe ist eine rein persönliche und hatte bisher niemals irgendein Staatsziel. Erst feit 1925, dem ersten Kurden­aufstand, erscheint ein solches, und es ist anzunehmen, daß es eine von außen organisierte Bewegung ist. Es wäre ihnen ohne äußere Hilfe gar nicht möglich, sich mit moder­nem Kriegszeug zu versehen, wie mit Maschinengewehren. Es dürfte also sehr wahrscheinlich sein, daß mit den Kurden dasselbe Spiel getrieben wird, wie einst mit den Armeniern, daß europäische Kräfte, die ein Interesse an einer Schwä-

Öunb Aufteilung der Türkei haben, die Kurden zum and aufstacheln, ihnen wie den Armeniern das Idol eines eigenen Staates vorspiegeln, hier allerdings ganz im Bewußtsein, daß der Kurde so, wie er heute noch ist, gar nicht an eine Staatsbildung denken kann. Eine besonders verräterische Rolle spielt dabei der angebliche Grund der Kurden, sie sümpften für die traditionelle religiöse Basis des Türkenreiches. Der Kurde denkt religiös so primitiv, daß für jeden Kenner sofort feststeht, daß dieses Motiv den Kurden niemals bewegen kann, es ist ein propagandistischer Deckmantel der Drahtzieher. Wo diese Kräfte zu suchen sind, dürfte leicht erraten werden aus der Tatsache, daß jene Gegenden die Verbindung bilden zwischen den kaspischen und mesopotamischen Oelgüellen. Und wo Del ist, dort haben England und Amerika ihr Auge. Daß hinter den Kur­den England steht, dürfte so ziemlich sicher sein. Im Del- Interesse zivilisierter Staaten soll also wieder ein blutiges Morden beginnen, ähnlich dem, in dessen Fluten das cr- metrische Volk zu Grunde ging.

Der Wächter neu BersaiKer

Reue Phantastereien Poincares über Deutschland

Paris, 16. August.

Der ehemalige Beherrscher Frankreichs, Raymond P o i n- care, setzt seine Artikelreihe über die Notwendigkeit, das Friedensdiktat von Versailles unversehrt zu lassen, durch neue Anwürfe gegen Deutschland fort. Zunächst protestiert Poincare gegen den ihm gemachten Vorwurf, daß er es an der nötigen Achtung gegenüber Hindenburg habe fehlen lassen. Aber man wisse in Frankreich leider nur zu gut, was Deutschland unter der Revision der Verträge verstehe.

Das sei zunächst die Rückgabe des Saargebiets ohne Abstimmung, dann die Aufhebung der entmilitarisierten Zone, der österreichische Anschluß, die Rückgabe des Danzi- ger Korridors, die Einmischung Deutschlands in die Ange­legenheiten anderer Länder unter dem Vorwande des Schuhes seiner nationalen Minderheiten und schließlich die Forderung nach Kolonien, kurz eine triumphierende Re­vanche und eine unbeschränkte Vergrößerung des besiegten Deutschland. Wenn Deutschland als Sieger aus dem Welt­kriege hervorgegangen wäre, so würde es Frankreich gegen­über sicherlich nicht dieselbe Mäßigung gezeigt haben, wie dies jetzt umgekehrt der Fall sei.

Poincare jagt dann, Deutschland habe einen Vertrag unterzeichnet, und wenn es wirklich den Wunsch hege, daß die Feindseligkeiten Zwischen Frankreich und Deutschland aufhörten, so sei es seine Pflicht, diese Unterschrift zu achten. Durch die Unterzeichnung des Locarno-Vertrages und des Kellog-Paktes habe Deutschland seine erste Unterschrift bestätigt.

Umso unerklärlicher sei die kolossale Ausdehnung der Entwicklung, die die Reichswehr in den letzten Jahren gehatzt habe. (?)

Auch die Erziehung desbeiltfi^^ unvereinbar mit der europäischen Sicherheit, sondern auch mit der Möglichkeit der Aufrechterhaltung eines dauernden Friedens. Jede Grenzveränderung beschwöre neue Unzu- träglichkeiten herauf, wenn sie nicht das Ergebnis freier Ver­handlungen zwischen zwei Staaten sei.

Eine Rückgabe des Danziger Korridors würde sicher­lich in Deutschland und besonders in Ostpreußen große Freude auslösen, die im Korridor ansässigen Polen aber aufs äußerste erbittern und damit zu neuen und vielleicht viel größeren Schwierigkeiten als bisher Anlaß geben. Aehnlich verhalte es sich mit dem Anschluß, mit dem sicher­lich nicht alle Oesterreicher einverstanden seien.

Eine Revision der Verträge würde also in Mittel- europa nur neue Feuerherde schaffen, was sich unter Um­ständen auf den ganzen Kontinent auswirken könne. Wenn das das Ziel Deutschlands sei, so müsse es dies offen sagen, Frankreich werde dann nicht mitgehen.

Die Mssen-Barmn in Brasilien

Stuttgart, 16. August.

Dem Deutschen Ausland-Institut wird aus S. Domingo (Rio Grande do Sul) u. a. geschrieben: Das Russenlager wird hier allgemeindie Russenburg" genannt. Dem Aus­sehen nach meint man aber in ein großes Indianerdorf zu kommen, Vambusrancho reiht sich neben Vambusrancho, und es wimmelt von Flüchtlingen wie in einem aufgestöber­ten Ameisenhaufen. Haupt- und Nebenstraßen laufen durch das Dorf, das an einem größeren Bache liegt. Es ist nur der provisorische Aufenthaltsort der Flüchtlinge, von wo sie sich später, nach Eintreffen des ganzen Trupps, ihre Kolonien zwischen der Aracema und dem Antas aus­suchen können. Meist sind es Bauern ausSibirien, und sie erzählen einem die ha»c//träubendsten Geschichten. Aber einen glänzenden Anfang unter den vorteilhaftesten Bedingungen haben die Leute hier, wenn man weiß, wie und wo diese Leute angesiedelt werden. Ein ganzes Jahr Verpflegung von der deutschen Re­gierung, ausgerüstet mit allen nur denkbaren Hand­werkszeugen, Geschirren, Kleidung usw., drei Jahre zins­loses Land und weitere fünf Jahre Ziel zur Abtragung der Landschuld von nur 2 400 000 Rs. Das Land zwischen der ' Jracema, der Riqueza und dem Antas ist das beste in unse­rer Zone, und die Autostraße führt die Flüchtlinge direkt in ihr Lager, bis zur Jracema. Hier wird die Straße bereits weitergebaut, so daß sie nach allen Seiten Verbindungen haben. Die deutsche Riograndenser Synode nahm sich der Flüchtlinge ebenfalls sofort an, setzte einen Pfarrer in Pal- mitos ein, der auch die Schulfrage regeln wird.

Kommunisten gegen Katholiken

Paris, 16. August. In An ichebei Douai ist es gestern zu Zusammenstößen zwischen Katholiken und Kommunisten gekommen. Der kommunistische Bürgermeister des Dorfes hatte einen von den Katholiken am gestrigen Mariä Himmel- fahrstage geplanten Umzug verboten. Von kommunistischer Seite waren Gegendemonstrationen angekündigt worden. Trotz eines starken aus Lille herbeigeholten Polizeiaufge­bots gerieten an einigen Stellen der Stadt Kommunisten und Katholiken aneinander. Es wurden mehrere Verhaftun­gen vorgenommen.

Um Südafrikas HnnbiSngigftit

Madeira, 14. August.

Der Premierminister von Südafrika, General H e r tz o g, gab an Bord des Dampfers, auf dem er sich zur britischen Reichskonferenz nach London begibt, einem Journalisten ein Interview. Der Minister betonte, er halte die Anerken­nung der Unabhängigkeit Südafrikas durch die Konferenz für hochwichtig.Unter keinen Umständen," sagte General Hertzog,kann ich in dieser Frage irgendeine Ungewißheit zulassen.

Wenn der Bericht der Reichskonferenz von 1926 zur Beratung kommt, in dem die Selbständigkeit des Dominions gewährleistet wird, dann wird es klargemacht werden, daß das Recht Südafrikas, sich vom britischen Reich abzutren- nen, unberührt bleiben muß und daß unsere Unabhängig­keit nicht angetastet werden darf.

Unter dieser Voraussetzung wird das südafrikanische Volk, wie ich fest glaube, bereit sein, von ganzem Herzen und immer stärker mit Großbritannien und den anderen Dominions zusammenzuarbeiten."

ZaWi protestiert gegen Xrenitnnns

Berlin, 16. August.

Der polnische Außenminister Zaleski hat gegenüber dem deutschen Geschäftsträger in Warschau gegen die Rede des Reichsministers vom 10. August Protest erhoben. Er machte geltend, daß die Rückwirkungen auf die deutsch-pol­nischen Beziehungen ungünstige sein müssen.

Der deutsche Geschäftsträger hak erwidert, daß ihm eine Diskussion über die Rede des Reichsministers Treviranus nicht möglich sei. Er hat aber daraus hingewiesen, nach sei- .j^.üwiliiisJei in der Rede des Reichsministers nichts ent- Mlken, was die SrunMage her beutfcf)-polnifd)en Beziehun­gen verändere oder mit den geltenden Verträgen nicht im Einklang stehe. Insbesondere fei es unsinnig, zu glauben, der Reichsminister Treviranus habe an eine kriegerische Aenderung der Grenzen denken können.

Die Stellungnahme des deutschen Geschäftsträgers ent­spricht der Auffassung in den hiesigen maßgebenden politi­schen Kreisen. Sämtliche deutschen Regierungen haben hin­sichtlich der gegenwärtig deutsch-polnischen Grenzen stets dieselbe Auffassung vertreten und über diese Auffassung nie einen Zweifel aufkommen lassen. Darum erübrigt es sich auch, sich mit dem Protest des Herrn Zaleski eingehender auseinanderzusetzen.

Am den SinnMoertrag

Kompromißversuche des Reichskabinetts.

Berlin, 15. August.

Das Reichskabinett hat die Beratung über die vom Reichsernährungsminister Schiele geforderte Kündigung des deutsch-finnischen Handelsvertrages fortgesetzt. Die Dis­kussion, die einer Kompromißlösung zustrebte, ist noch nicht beendet.

Der Reichsverband des Deutschen Groh- und Uebersee Handels hat sich erneut mit folgen­dem Telegramm an die beteiligten Regierungsstellen ' ge­wandt:Wir bitten in letzter Stunde dringend, den Be­strebungen auf Kündigung des deutsch-finnischen Handels­vertrages schärfsten Widerstand entgegenzusetzen. Die Sturmzeichen der Boykottbewegung in den skandinavischen Ländern, Dänemark und Holland, lassen keinen Zweifel darüber, daß Deutschlands Wirtschaft durch die drohenden Maßnahmen fremder Staaten gegen die Einfuhr deutscher Fertigwarenerzeugnisse sofort schwerste Gefahren drohen, während die von der Landwirtschaft aus der Kündigung erhofften Vorteile wegen der handelsver- traglichen Bindungen mit anderen Staaten sich erst in fer­ner Zeit auswirken können. Die sich täglich verschärfende Lage des Arbeitsmarktes verträgt keine derartige Experi­mente, die zu einer Erschütterung unserer gesamten Handels- oertragspolitik zwangsläufig führen müssen."

Gehaltskürzung ungültig

August.

Eine bemerkenswerte Entscheidung hat das Berliner Arbeitsgericht getroffen. Der G. d. A. hatte eine Feststel- lungsklage gegen die Vrennaborwerke in Brandenburg dar­über eingereicht, ob Verkürzung der Gehälter bei Arbeits­zeitverkürzung gegen den Tarifvertrag verstoße. Das Ar­beitsgericht Brandenburg hat jetzt folgende Feststellung ge­troffen: Es, wird fesigesteltt, daß die Firma Brennaborwerke Brandenburg verpflichtet ist, auch über den 1. August hin­aus die bisherigen Gehälter unverkürzt weiter zu zahlen.

In der Begründung heißt es: Die Kurzarbeit für An­gestellte und die damit verbundene Kürzung der Gehälter verstößt gegen das tariflich garantierte Mindestgehalt. Die Lohneinheit für Angestellte ist das Monatsgehalt, die Lohn- einheit^ für Arbeiter der Stundenlohn. Da im Tarif­vertrag Kurzarbeit nicht vorgesehen ist, ist deshalb zu ent­nehmen, daß ihre Einführung auch nicht beabsichtigt war.