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HersfelöerTageblatt

Herssel-er Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 198

Montag, den 25. August 1930

80. Jahrgang

Calonder Opfer polnischer Hetze

Präsident Calonder tritt zurück wegen dauernder Sabotage seiner Schiedsarbeit durch Polen

Pa«-EuropK-^oKferenzam 8. September?

_ Paris, 25. August. Die französische Regierung hat als Mitpunkt für den Zusammentritt der Europäischen Konfe- tenz in Gens zwecks Beratung des Briandschen Vorschlages Wer die föderative Gestaltung Europas den 8. September porgeschlagen.

Zu der Mitteilung des Quai d'Orsay, daß er den in Be­dacht kommenden europäischen Mächten den 8. September Zeitpunkt für den Zusammentritt der europäischen Kon- enz zur Beratung des Planes einer föderativen Gestal- lg Europas vorgeschlagen habe, wird auf Grund einer von zuständiger Stelle ausgehenden Information mitgetsilt, baß bereits mehrere Regierungen zustimmend geantwortet hätten. Man könne es bereits als sicher annehmen, daß die europäische Konferenz gleichzeitig mit dem Völkerbund tagen werde. B r i a n d werde dieser Konferenz das Weißbuch unterbreiten, das seinen ersten Bericht über den Europaplan, die Antworten der 26 europäischen Regierungen und die Stellungnahme des Quai d'Orsay dazu' enthalte. Die Ver­treter der europäischen Staaten werden dazu Stellung neh­men. Namentlich werde die Konferenz darüber zu befinden haben, ob es angebracht sei, die Völkerbundsversammlung mit der Angelegenheit zu befassen, wie dies das Memoran­dum ausdrücklich empfehle. Gerade um das Problem vor den Völkerbund zu bringen, würden die Vertreter Europas zwei Tage vor Eröffnung der Völkerbundsversammlung in Genf zusammenkommen.

Rücktritt der polnischen Regierung

Pilsudski mit der Kabinettsbildung beauftragl.

Warschau, 25. August. Das Kabinett hat am Sonnabend unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Slawrk seine De­mission beschlossen, die vom Staatspräsidenten angenommen wurde. Als Grund der Demission gab Ministerpräsident Sla- «MIMWKMOM^ des Regierungsblocks auszuübsn.

Der Staatspräsident hat Marschall Pilsudski beauftragt, die Bildung der neuen Regierung zu übernehmen. Pilsudski hat sich seine Antwort Vorbehalten und erklärt, daß er im Falle seiner Annahme die Zusammenarbeit mit sämtlichen Mitgliedern der zurückgetretenen Regierung wünsche.

Militärrevolte in Peru

Ein gefälschter Armeebefehl die Ursache.

Lima, 25. August. Die Truppen der Garnison Arequipa, haben gemeutert. Durch die Militärrevolte erscheint die Re­gierung des Präsidenten Leguia ernstlich bedroht. Bisher hat kein Blutvergießen stattgefunden. Die Regierung hat bereits Schritte unternommen, um die Bewegung niederzuschlagen.

Nach amtlicher Darstellung ist die Revolte auf einen gefälschten Armeebefehl zurückzuführen, in dem es hieß, daß die Regierung beabsichtige, einen Teil der Offiziere und Mannschaften zu entlassen und eine Kürzung der Löhnung vorzunehmen.

Wie weiter bekannt wird, hat die peruanische Regierung den Hafen Mollendo für Schiffe und den Flughafen Arequipa für Flugzeuge gesperrt, um zu verhindern, daß die Aufstän­dischen von außen her Verstärkungen erhalten. Ferner hat sie an das Heer, die Marine und das Volk eine Proklama- fion gerichkel, in der die Aufstandsbewegung von Arequipa verurteilt wird.

Blutige Zwischenfälle in Cochinchina

Paris, 25. August. In Cochinchina ist es am Jahrestage der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti zu Zwischenfällen gekommen. In Kao Lanh (Provinz Sadek) steckten Ein­geborene vier Häuser von einheimischen Notabeln in Brand und griffen darauf eine Truppenabteilung an. Bei dem sich entspinnenden Feuergefecht wurden zwei Demonstranten er­schossen und mehrere andere verletzt. In H o k - M o n (Pro­vinz Giadinh) wurden einige hundert Personen von der Po­lizei daran gehindert, in geschlossenem Zuge eine Kundge­bung zu veranstalten. .........!

Japan und der Flottenpakt

Tokio, 25. August. Wie verlautet, soll der Ausschuß des Geheimen Staatsrats, der mit der Prüfung des Londoner Flottenvertrages beauftragt ist, in einer Sitzung keinerlei Gegnerschaft gegen den Flottenvertrag bekundet haben.

Maßnahmen zur Stabilisierung der Peseta

Madrid, 25. August. Der Ministerrat beschloß, das Parlament um die Bewilligung der notwendigen Kredite zur Rückzahlung der von der Diktatur verhängten Geld­strafen zu ersuchen. Die Devisenoperationen zwischen Banken werden verboten, soweit dies sich nicht zur Befriedigung der Kunden notwendig macht.

Nach einem Communique verfolge der neue Finanz­minister eine auf schärfste Einschränkung der Ausgaben ge­richtete Politik. Die Außenhandelsbilanz sei aktiv. Der Fi­nanzminister werde um Vollmachten ersuchen, um die Pe- setenspekulation im Lande unmöglich zu machen. Die Sta­bilisierung der Peseta werde in aufeinanderfolgenden Etap­pen erfolgen.

«tritt Kalanders

Ein Opfer polnischer Hetze

Genf, 25. August.

Der Präsident des gemischten deutsch-polnischen Schieds­gerichts für Lderschlesien, C a l o n d e r, hat in einem Schreiben an den Generalsekretär des Völkerbundes mit­geteilt, daß er sich veranlaßt sehe, seinen Rücktritt mit Ab­lauf seiner vertragsmäßigen Wahlperiode zu nehmen. Er gibt für seinen Rücktrittsentschluß familiäre Gründe an. Präsident Calonder übt sein Amt seit 1922 aus, seine Amts­zeit würde vertragsmäßig Mitte nächsten Jahres zu Ende gehen. In Völkerbundskreisen wird erwartet, daß sich schon die bevorstehende Bundestagung mit der Nachfolgeschaft La- londers vorbereitend befassen werde, mindestens werde eine erste Fühlungnahme zwischen den Mitgliedern des Völker­bundes darüber stattfinden. Die offizielle Ernennung des neuen Schiedsgerichtspräsidenten würde aber erst durch den Völkerbundsrak während seiner Januar-Tagung erfolgen.

Wenn auch Calonder höflicherweise Familiengründe für sein Rücktrittsgesuch angibt, so weiß jederKenner derVerbält- l nisse, daß es rein politische Gründe sind, die ihn veranlassen, nein schwieriges und undankbares Amt niederzulegen.

I Den letzten Anstoß dürfte die brüske Nichtachtung feinet [letzten beiden Schiedssprüche gegeben haben, die bekannt­lich sich gegen die Entscheidung polnischer Behörden richteten.

Calonder war von Anfang an bemüht, so unparteiisch und neutral wie möglich zu entscheiden. Wenn sich seine Ent­scheidungen in 99 don 100 Fäll en gegen polnische Maßnahmen richteten, so lag das nicht in der Person Ca- londers, sondern in dem

vertragswidrigen Vorgehen Polens gegen die Minder- legt worden sind. Durch diese ständige Sabotage seiner Entscheidungen sah Calonder immer mehr ein, daß er sich auf verlorenem Posten befand, umso mehr, als der Völker­bund die erforderliche Initiative und Festigkeit gegen Polen stets vermissen ließ. Polen hat sich fast in keinem einzigen Falle um die Entscheidungen Calonders gekümmert und der Völkerbund hat nicht versucht, Polen zur Beachtung der An­ordnungen des Präsidenten der Schiedskommission anzuhal- ten. Das hat einen so rechtliebenden Mann wie Calonder verbittern müssen, und er hat deshalb seinen Rücktritt angekündigt. Dieses Rücktrittsgesuch Calonders bedeutet eine schwere An­klage gegen Polen und eine stumme Klage gegen den Völ­kerbund.

Aus dem nordfranzösischen Streikgebiet

Lille, 25. August. Im Gegensatz zu den Textilarbeitern von Lille haben ihre Arbeitsgenossen in Armentieres, wo alle Schlichtungsversuche bisher gescheitert sind, die Fortsetzung des Streiks bis zur Bewilligung sämtlicher For­derungen beschlossen. In R o u b a ix und Tourcoing wird das Streikkomitee heute über den Vermittlungsvor- schlag des Arbeitsministers Beschluß fassen.

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£e Havre, 25. August. Die Aussperrung der Dockarbei­ter in Le Havre dauert an. Vier einlaufende Dampfer muß­ten am Sonnabeyd nach Hamburg, Nantes, Brest und Dün- kirchen umgeleitet werden.

Eine Weltkonferenz der Sozialistischen Arbeiterinternationale

Zürich, 25. August: In der Schlußsitzung der Exekutive der Sozialistischen Arbeiter-Internationale wurde einstim­mig eine Entschließung angenommen, in der der Interna­tionale Gewerkschaftsbund eingeladen wird, eine gemein­same Kommission einzusetzen, die ein Programm für die ge­meinsame Aktion und die Einberufung einer besonderen Weltkonferenz zum frühestmöglichen Zeitpunkt vorbereiten soll, zu der auch Organisationen der Arbeiterklasse eingela­den werden können, um eine gleichzeitige internationale Ak­tion einzuleiten.

Zu den Vorgängen in Finnland wurde einstimmig eine Kundgebung beschlossen, in der gegen die Lappobewegung protestiert wird.

Ueber die kurdische Frage wurde eine Entschließung an­genommen, in der es heißt, die türkische Regierung suche den Kurden das Schicksal der Armenier zu bereiten..

Ferner wurde die Einsetzung einer Kommission von Ver­tretern der deutschen und französischen sozialistischen Parteien zum Zwecke der Ausarbeitung praktischer Borschläge zur Lösung des Saarproblems beschlossen.

Zur indischen Frage wurde bei Stimmenthaltung der bri­tischen Delegation das Vertrauen ausgedrückt, daß es gelin­gen werde, den Forderungen der indischen Völker nach Selbstregierung Genüge zu tun. ,

Sodann wurde ein Aktionsprogramm zur Abrustungs- frage beschlossen, das vor der Novembertagung der Vorberei­tenden Abrüstungskommission internationale Kundgebungen für Frieden und Abrüstung vorsieht. .

Der nächste Kongreß der Internationale soll im Juni 1931 in Wien ffaftfinben. 1

Der Wille der Volkspartei zur Sammlung

Berlin, 25. August. Der Parteiführer der Deutschen Volkspartei, Reichsminister a. D. Dr. Scholz, gab vor dem Parteivorstand einen eingehenden Ueberblick über die von ihm geführten Sammlungsbestrebungen. Die Sammlung des Bürgertums dürfe

nicht einseitig nach links oder rechts optieren; die Deutsche Volkspartei müsse ihren Kern bilden. Bisher sei eine Zukunftshoffnung für die Bürgerliche Samm­lung in Form des gemeinsamen Aufrufs vorhanden. Im kommenden Reichstag müsse sich dieser Gedanke der Samm­lung durchsetzen, sonst stände man am Grabe der deutschen Intelligenz und der deutschen Privatwirtschaft. Eine Eini­gung mit der Staatspartei auf der von ihr gewünschten Ba­sis würde Zede Verhandlung mit den Parteien rechts von uns ausgeschlossen haben und hätte in unsere eigenen Reihen stärkste Zerrissenheit gebracht. Weil es Aufgabe der Deut­schen Volkspartei sei, die Verteidigungsarbeit des Bürger­tums auf breitester Grundlage zu leisten, werde sie den Wahl­kampf nicht gegen die anderen verantwortungsbewußten staatsbürgerlichen Parteien führen dürfen. Die Spitze dieses Wahlkampfes solle sich gegen die radikalen und staatszerstö- renden Elemente aus der äußersten Linken und Rechten, aber auch gegen die sozialistischen Ideen wenden. Notwendig fei gegenüber der mächtigen Sozialdemokratie eine starke Front des Bürgertums. Stresemann habe Deutschland die Freiheit seines Gesamtterritoriums wiedergegeben und damit die Möglichkeit zur Zusammenfassung der gesamten Staatskräfte geschaffen.

In der Debatte nahm u. a. auch Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s das Wort. Der Parteivorstand, der hierauf zusammentrat, beschloß den Wahlaufruf der Deutschen Volks­partei, der im wesentlichen die Gedankengänge des Referates des Parteiführers Dr. Scholz wiedergibt und dabei zum Aus- Regierun.q eine W?W Der WMe Jw BEs- partei zum Zusammenschluß bleibe bestehen und müsse zum Erfolg führen.

Treviranus' Programm

Polnischer Korridor. Poung-Plan. Reform der Weimarer Verfassung.

Bremen, 25. August. In einer Wählerversammlung sprach hier Reichsminister Treviranus als Spitzenkandi­dat der Konservativen Volkspartei für den Wahlkreis Weser- Ems. Unter Hinweis auf seine Rede über den Polnischen Korridor führte er aus, seine Rede habe darum einen solchen Widerhall in der Welt gefunden, weil die Welt darüber er­staunt gewesen sei, daß ein Vertreter eines wehrlosen Volkes trotz der fehlenden Macht zu sagen wage, was er empfinde. Zu den Verhandlungen über den Poung-Plan bemerkte der Reichsminister, diese hätten ein Jahr zu früh eingesetzt. Er selbst habe sich mit aller Energie dagegen gestemmt. Heute schon würden die deutscyen Unterhändler den gegnerischen mit ganz anderem Rückhalt gegenuberstehen.

Der Redner forderte dann eine Reform der Gemeinde­finanzen durch Umbau der Gemeindeselbstverwaltung und Abbau der bisherigen Politisierung auch der kleinsten Ge­meinschaft als Grundbedingung für eine Gesundung, der Reichsfinanzen. Nur durch eine Beseitigung der öffentlichen Zwangswirtschaft könne man zu gesunden inneren Verhält­nissen gelangen.

Die Weimarer Verfassung, deren Inhalt aus vier aus­ländischen Verfassungen zusammengestückt sei, sei nicht orga­nisch und müsse umgebaut werden. Zum Schluß verteidigte der Redner das Wahlbündnis, das die Konservative Volks­partei in Niedersachsen mit den Welsen einging. Außerdem sprach er sich für eine künftige Kolonialpolitik aus.

Die Revolution in Peru

New Park, 25. August. Die Revolution in Peru nimmt immer größeren Umfang an. Die Hauptstadt ist bereits be­droht, der Polizeichef verschwunden. Die Seekadetten haben sich schutzsuchend den Revolutionären angeschlossen. Nach einer Meldung aus Arequipa ist die IV. Division, die teil­weise in den Nachbarstädten untergebracht war, zu den Re­volutionären übergegangen; der Divisionsbefehlhaber hat sein Kommando niedergelegt. In Arequipa soll unter Füh­rung von Guillermo Lira eine Lokalregierung eingesetzt worden sein, die von allen Klassen der Bevölkerung unter­stützt wird. Präsident Leguia soll sich unter den Schutz der Gesandtschaft von Venezuela gestellt haben.

Es gärt wieder in Spanien

Paris, 25. August. Marcelino Domingo, einer der republikanischen Führer Spaniens, erklärte hier einem Pressevertreter:

Wir haben am vergangenen Sonntag in San Sebastian eine geheime Versammlung abgehalten, in deren Verlauf ein geheimes Revolutionskomitee gebildet worden ist mit der Aufgabe, eine Revolution in Spanien zu schüren, den König zu stürzen und die Republik auszurufen. Wir haben den Katalanen versprochen, eine von Spanien vollständig unab­hängige katalanische Republik zu bilden. Wir haben die spa­nischen Sozialisten, die Mitglieder der spanischen Arbeiterge­werkschaft und die Kommunisten des Baskenlandes um ihre Mitwirkung ersucht." 1