tzersfelöerTageblatt
hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfeld
Nr. 199
Dienstag, den 26. August 1930
80. Jahrgang
Diktatur Pilsudski?
Noch weitergehende Ausschaltung des Parlaments — Autzenpolitische Rückwirkungen
Wm «L die Rhemlandbesetzung kostete
Welch gewaltige Summen die Besetzung der Rheinlande verschlungen hat, zeigt eine soeben veröffentlichte Uebersicht. Danach wurden
insgesamt vom Deutschen Reich an unsere Kriegsgegner 6 312 174 000 Rm. an Besatzungskosien zwangsweise vergütet,
und zwar vom 11. November 1918 bis 30. April 1921 (30 Monate) 3763 Millionen Rm.; vom 1. Mai 1921 bis 31. August 1924 (40 Monate) 1705 Millionen; im ersten Dawesjahr. d. h. vom 1. September 1924 bis 31. August 1925. 214 Millionen Rm.; im zweiten Dawesjahr 1925 bis 1926 170 Millionen Rm.; im dritten Dawesjahr 1926 bis 1927 154 Millionen Rm.; im vierten Dawesjahr 1927 bis 1928 139 Millionen Rm.; im fünften Dawesjahr 4928 bis 1929 137 Millionen, und nach Annahme des Poungplans noch 30 Millionen Rm.
Daraus kann man mit Recht entnehmen, daß noch web tere fünf Jahre der Besatzung mindestens 500 Millionen Rm. allein Besatzungskosien verursacht hätten, neben den übrigen Schäden, die die deutsche Wirtschaft erlitt und die zahlenmäßig nicht erfaßt werden können. Wir erinnern nur an den Rückgang der Besucherzahl, vor allem in den rheinischen Badeorten. Wie sehr sich die Besetzung wirtschaftlich auswirkte, wird auch dadurch erwiesen, daß sich noch 1928 die Zahl der Arbeitslosen in der Pfalz auf über 19 von 1000 Einwohnern bezifferte, im Rheinland auf über 12, während sie im übrigen Deutschland nur 9 betrug.
^ Preußens AnkerstatzusiMÜaßWh^ für 1930.
Berlin, 26 August.
Die Verhandlungen über die Verwendung der diesjährigen Reichs- und preußischen Westhilfe sind nunmehr für Preußen zum Abschluß gebracht. Wie bekannt, steht im diesjährigen Haushaltsplan des Reiches für Zwecke der West Hilfe eine Summe von 20 Millionen R m. zur Verfügung, von der auf Preußen nach der vom Reichsministerium für die besetzten Gebiete vorgenommenen Verteilung 9 140 000 Rm. entfallen. Daneben enthält der preußische Haushalt für die Westhilfe 5 000 000 Rm. Demgemäß kommt für die Westhilfe im preußischen Staatsgebiet die Summe von 14140 000 Rm. in Frage.
Das Ziel der Aktion geht dahin, das Wirtschaftsleben des durch lange Besetzung und die Grenzziehung geschädigten westlichen Gebietes durch allgemeine Maßnahmen wieder zu beleben bzw., soweit notwendig, neue Voraussetzun- gen des Wirtschaftens überhaupt zu schaffen. Der Einsatz der Mittel erfolgt in der Weise, daß bevorzugt der engere Grenzgürtel berücksichtigt wird; daneben ist insbesondere den Höhengebieten von Eifel, Hunsrück und Wesierwald Hilfe gebracht.
Die Aktion läuft sich an der östlichen Grenze der früheren zweiten bzw. dritten Besatzungszone allmählich aus. Mit der Ausführung des von den Ressorts angenommenen Programms ist unverzüglich begonnen worden. Zur Förderung der Landwirtschaft durch Rationalisierung, Verbesserung der Produktions- und Absatzbedingungen, Meliorationen, Umstellung auf Grünlandwirtschaft, landwirtschaftliches Berufsschulwesen, Verbesserung der Viehhaltung, des Obst- und Weinbaues usw. steht . ein Betrag von 2100 000 Rm. zur Verfügung. Daneben sollen für rund 2 500 000 Rm. Beihilfen zum Bau von Wasserleitungen, insbesondere in ländlichen Gebirgsgegenden, gegeben werden. Zur Förderung des Handwerks, des gewerblichen Schulwesens, der fachlichen Fortbildung, der gewerblichen Genossenschaften usw. sind Beihilfen in Höhe von 2 500 000 Rm. bewilligt worden. Zur Verbesserung der Verk-ehrsverhältnisse durch Anlage von Straßen und Brücken gelangen rund 3 800 000 Rm. zur Ausschüttung. Für Förderung des rheinischen Schulwesens wird ein Betrag von etwa 1250 000 Rm. gegeben, davon 1000 000 Rm. für Volksschulbauten, insbesondere in den notleidenden Gebirgsgegenden. Daneben sind Mittel für die Verkehrsförderung, für Erleichterung der Umwandlung der bisherigen kurzfristigen Bäderkredite in Kommunaldarlehen usw. vogesehen. Reserven sind nicht zurückbehalten. Die Hilfsmaßnahmen sind in erster Linie auch als
Maßnahmen zur Linderung der Arbeitslosigkeit in den Grenzgebieten
gedacht. Insbesondere sollen langfristig Arbeitslose beschäftigt und heimische Rohstoffe verwendet werden. Schon in den allernächsten Tagen werden an zahlreichen Stellen die ersten Bauaufträge hinausgehen können, um damit Arbeit und Verdienst zu schaffen. Die Einzelheiten werden durch die unteren Verwaltungsbehörden (Landrat bzw. Oberbürgermeister) bekannt gegeben.
Neuer Kur; in Polen
Der Rücktritt des polnischen Ministerpräsidenten Slawek und die Beauftragung Pilsudskis deuten an, daß die innerpolitischen Spannungen Polens einen Punkt erreicht haben, der nicht nur eine Aenderung des Regierungskurses, sondern eine Aenderung des Regierungssystems erwarten läßt. Die zunehmende Opposition gegen die bisher von Pilsudski ausgehende Nichtachtung des Parlaments verlangte entweder ein Nachgeben der politischen Staatsleitung oder den Verzicht auf Opposition. Die Tatsache, daß der Staatspräsident dem Marschall Pilsudski die Leitung des Kabinetts angetragen und dieser über seine Einstellung gegen den Sejm und das neue Verfassungsprojekt nicht den geringsten Zweifel gelassen hat, läßt erkennen, daß die leitenden Männer der polnischen Staatspolitik auf eine noch weitere Ausschaltung der Volksvertretung abzielen. Die Diktatur Pilsudskis, die seit seinem Staatsstreich immer bestanden hat und auch immer empfunden wurde, scheint nach Auffassung der in Polen herrschenden Kreise die einzige Möglichkeit zu sein, Polen vor zerrüttenden innerpolitischen Kämpfen zu bewahren. Wenn Pilsudski den ihm gewordenen Auftrag in dieser Richtung aussühren sollte, dann wird es zwar aller Voraussicht nach zunächst zu starker Auflehnung der Opposition kommen. Pilsudski werden aber sich daraus entwickelnde Exzesse willkommenen Anlaß geben, die staatliche Macht rücksichtslos einzusetzen, um jegliche Oppositions- regung zu unterdrücken.
Für jeden Kenner der polnischen Verhältnisse kann kein Zweifel darüber bestehen, was es bedeutet, die Ministerpräsidentschaft in der Hand Pilsudskis zu sehen. Er hat mehrfach dem Staatspräsidenten seine Person für den Fall zur Verfügung gestellt, „daß die Zusammenarbeit mit dem Sejm endgültig scheitern sollte". Die Uebernahme der Re- gierungsleitung durch Pilsudski muß den Regierungs- PIlsuoskis Trfn?Tff *tHi ft e n^' Pks- sudski hat in diesen Tagen erkennen lassen, daß er dem Kabinettsrat nur eine untergeordnete Rolle zubilligt, da er mit den einzelnen Ressorts nicht direkt verkehren, sondern jedem Minister die Richtlinien für feine Tätigkeit vorschreiben würde. Wenn er dabei erneut sein besonderes Interesse für das Finanzministerium erkennen läßt, mit dessen Leiter er engstens zusammenarbeiten will, dann treten die Diktaturabsichten Pilsudskis so eindeutig hervor, daß Ueber- raschungen in dieser Richtung wohl nicht mehr anzuneh- men sind.
Daß eine Diktatur Pilsudskis auch außenpolitische Auswirkungen haben müßte, bedarf kaum einer - näheren Begründung. Im Pilsudski-Lager spricht man auch bereits davon, daß der Marschall voraussichtlich selbst nach Genf gehen werde, weil er davon überzeugt sei, daß Polen auf der Völkerbundstagung einen besonders schwierigen Stand haben werde, was eine energische Delegationsführung erforderlich macht. Diese Ankündigungen aus dem Pilsudski-Lager scheinen anzudeuten, daß Pilsudski sein System mit einem großzügigen außenpolitischen Programm einleiten will, um die innerpolitsche Opposition mundtot und aktionsunfähig zu machen. Die von ihr verlangte Einberufung des Sejm zu einer außerordentlichen Tagung würde durch eine solche außenpolitische Aktion Pilsudskis ohne weiteres bedeutungslos sein, und er gewönne die nötige Zeit, um seinen Systemwechsel in Ruhe vorzubereiten und die Opposition zu entwaffnen.
Das Kabinett Sillnbffi
Warschau, 26. August.
Der polnische Staatspräsident hat das Ernennungs- dekrek unterzeichnet, in dem Marschall Pilsudski zum Ministerpräsidenten und Kriegsminister ernannt wurde.
Gleichzeitig hat der Staatspräsident auf Antrag des Marschall Pilsudski folgende Minister ernannt: Oberst Beck, Minister ohne Portefeuille, General Skladowski, Innenminister, Zaleski, Außenminister, Car, Iustizminister, Czer- winski, Kultus- und Unterrichtsminister, Jantaos, Polczynski, Landwirtschaftsminister, Kwiatkowski, Industrie- und Han- delsminister, Matakienwicz. Minister für öffentliche Arbeiten, Prystor, Arbeitsminister, Staniewicz, Minister für Agrarreform, Boerner, Minister für Post und Telegraph. Zum Leiter des Finanzministeriums wurde Ignacy Ma- kuwzewski ernannt.
Schwere Kümpse in Indien
London, 25. August.
Zwischen britischen Truppen und einem Stamm soll es, Meldungen aus Simla zufolge, zu schweren Kämpfen in der Gegend von Kurram gekommen sein, in deren Verlauf auf englischer Seite ein Offizier fiel und zehn Mann verletzt wurden. Die Verluste des Stammes betragen: 25 Tote, 5 Verwundete und 70 Gefangene.
Ealonder zurückgeireten.
Der Präsident der Gemischten deutsch-polnischen Schiedskommission, Calonder, hat in einem Bries an den Generalsekretär des Völkerbundes seinen 'Rücktritt mitgeteilt. Es wird angenommen, daß politische Gründe mitsprechen, da die Polen den Entscheidungen des Präsidenten in den meisten Fällen Schwierigkeiten entgegensetzten.
Frankreich; FlotkenMungen
„Den Bedürfnissen des Krieges" entsprechend.
minister über den Ausbau und die Modernisierung der französischen Kriegsmarine einige bemerkenswerte Mitteilungen. Grundsätzlich stellte er fest, daß die Ergebnisse der Londoner Flottenkonferenz am französischen FlottenbauProgramm nichts änderten. Der Kardinalpunkt des französischen Flottenprogramms fei die M o d e r n i fü e r u n g der Marine. Es genüge nicht, neue Flotteneinheiten zu schaffen, sondern man müsse auch die Häfen und Marinearsenale vollkommen neugestalten und sie den Bedürfnissen des Krieges unter Benutzung aller Fortschritte der modernen Technik anpassen. Nur um diesen preis werde man eine aktive, lebendige Marine haben und über eifrige und begeisterte Seeleute verfügen.
Türkei will Erenzberichtigung
Sonskantinopel, 26. August.
In ihrer neuen, nach Teheran gesandten Note bringt die türkische Regierung erneut zum Ausdruck, daß militä- rische Zusammenarbeit zwischen den beiden Nationen gegenüber den aufständischen Kurden notwendig sei, und bezeichnet eine Grenzberichtigung als unvermeid- 11 ct). Sie schlägt vor, daß Persien einen Gebiets- streifen beim Ararat abtreten und dafür einen Streifen türkischen Gebietes an der Südgrenze erhalten solle.
Neue Konstellation in China?
Paris, 26. August.
Ueber die Lage in China meldet die Agentur Jndo- pactfique aus Schanghai, daß die Nordtruppen schwere Ver- luste an Menschen und Material erlitten hätten und ihre letzte Hoffnung auf den Gouverneur der Mandschurei, T s ch a n g h s ü l i a n g setzten. Sie würden ihm bedeutende
^U um Peiping, Tientsin und Schantung in Aussicht stellen.
Nach einer weiteren Meldung derselben Agentur aus Peiping soll die Nankingregierung versucht haben, die Muk- denarmee zum Aufstande gegen Tschanghsüliang zu bewegen. Die Entdeckung dieser Bestrebungen scheine eine Wendung in der Mandschurei herbeigeführt zu haben. Sie würde ihre neutrale Haltung aufgeben und mit den Nordchinesen zwecks Bildung einer neuen Regierung in Peking ein Bündnis eingehen.
Die kommunistische Armee, die Tschangscha geplündert hat, habe sich südwärts in die Kwangsiberge zurückgezogen, wo ]ebe Verfolgung unmöglich sei.
Polens Rüstungsfieber
Millionen für Kasernenbauten in Osioberschlesien.
Kattowitz, 26. August. Die Jnoalidenversicherungsab- teilung der Landesversicherungsanstalt in Königshütte hat auf einen Antrag der Wojewodschaft sieben Millionen Zloty zum Bau einer Garnison in Königshütte und in Kattowitz sowie zu einem Kasernenbau in Bielitz bewilligt.
Wie es in Gewerkschaftskreisen heißt, werden die polnischen wie auch die deutschen Gewerkschaften gegen diese Bei willigung Protest erheben. _____-