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HrrsfelöerTageblaÜ

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld *

Nr. 204

Montag, den 1. September 1930

80. Jahrgang

9er ReiHMizlw für oerontmortnngsbemuW Politik

Frankfurt a. Main, 1. September. In einer Wähler­versammlung der Deutschen Zentrumspartei, Ortsgruppe Groß-Frankfurt, sprach Reichskanzler Dr. Brüning, von der Versammlung lebhaft begrüßt, über die

Reformarbeit der Reichsregierung,

die auch während der Wahlvorbereitungen fortgesetzt worden sei. Diese Reformarbeit sei die Festlegung und Fortsetzung des Programms, das die Regierung sich bereits im April vorgenommen habe. Unter allen Umständen müsse eine klare Verantwortlichkeit in der Finanzpolitik in Reich, Ländern und Gemeinden geschaffen werden; auch geste es, in gemein­samer Arbeit mit den Ländern erhebliche Ersparnisse durch Verwallungsresormen durchzuführen. In den vergangenen Jahren habe eine zielsichere Linie wegen der dauernd wech­selnden Koalitionen nicht eingehalten werden können. Ein einheitlicher Plan auf diesem Gebiete müsse festgelegt und auf eine Reihe von Jahren gesichert werden. Nur so könne man der Krise des Vertrauens zum parlamentarischen System begegnen. Die Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Lage dürfen für keine Reichsregierung ein Grund sein, die Lösung der brennendsten Fragen dilatorisch zu behandeln.

Die wahre Entscheidung gehe darum, ob das deutsche Volk Verständnis und Verantwortungsgefühl genug aufbringen könne für eine Politik, die, frei von jeder Illusion, auch aus dem Gebiete der Außenpolitik nichts anderes wolle, als eine dauernde und unerschütter­liche Grundlage für einen wirklichen Wiederaufstieg des deutschen Volkes zu schaffen.

Schon bei Beginn der Rede erscholl starker Beifall, der sich zu einer minutenlangen Ovation steigerte, als der Reichs­kanzler sich an die Jugend wandte, die demnächst ihr Schick­sal selbst in die Hand nehmen solle.

Der Reichskanzler fuhr am Sonntag nach Trier weiter.

Dr. Wirth über die RegiervngsaVfgaben

sprach hier vor einer überfüllten Versammlung der Zentrums­partei. Der Minister betonte einleitend, daß er und seine Parteikollegen alles getan hätten, um die deutsche Einheit und den deutschen Rhein zu retten. Hitler und Hugenberg zeigten keinesfalls den Weg, den eine verantwortliche Politik gehen könne. Es könne sein, daß nach der Wahl Parteien zur Regierung berufen werden, denen das Regieren unange­nehm sein würde. Wir würden sie dann sicherlich bitten, das Finanz- und das Arbeitsministerium zu übernehmen.

Es ist vielleicht siaaksnolwendig, daß Breitscheid und Trevl- ranus nach der Wahl in eine Regierung kommen.

Die Sanierung der deutschen Finanzen schreitet fort, und das Arbeitsbeschaffungsprogramm bietet Gelegenheit und eine Handhabe, zur Behebung der großen Arbeitslosigkeit. Wir werden am kommenden Etat sehr viel abstreichen, und dann mag der Reichstag entscheiden, ob er ihn billigt oder nicht. Die Wirtschaftsnot wird überwunden werden. Das deutsche Volk wird und muß vorwärts und aufwärts schreiten.

von SeeLkt über seine Wahlziele

Wiederherstellung der Wacht, aber friedliche Außenpolitik.

Dortmund, 1. September. In einer von der Deutschen Volkspartei einberufenen Wahlversammlung trat General- Oberst a. D. v o n S e e ck t dafür ein, daß als wichtigstes Ziel in der Außenpolitik die Wiederaufrichtung Deutschlands als Machtstaat, d. h. die Wiederherstellung einer ihm seiner Größe nach zu kommenden Stellung in der Welt zu betrachten sei. Zum Briandschen Vorschlag sagte er, daß man sich einer Zusammenarbeit nicht widersetzen wolle, sondern so lange mitarbeiten könne, als Deutschlands Interessen hierbei ge­wahrt werden. ....

Das Vertrauen zur-Führung in der Außenpolitik müsse wieder hergestellt werden. Ihr Ziel bleibe Verständigung» Friede und Zusammenleben. Das Zusammenleben bedinge die Wiederherstellung der Macht, um nicht von den änderen beherrscht zu werden. Der Korridor sei eine dauernde Be­drohung für Ostpreußen. Mit Italien und Rußland müsse Deutschland in Friede und Freundschaft leben, auch wenn

Große außenpolitische Aufgaben harren unser

Reichskanzler Dr. Brüning spricht darüber in Trier.

Trier, 1. September. Auf der ersten großen Kundge­bung der Zentrumspartei in Trier, der u. a. auch Landwirt­schaftsminister Steiger und der Führer der Deutschen Zentrumspartei, Prälat K a a s, beiwohnten, nahm Reichs­kanzler Dr: B r ü n i n g das Wort zu einer längeren Rede. Der Kanzler führte u. ä. aus:

Nach der glücklichen Erreichung der Räumung des Rheinlandes, steht Deutschland

vor großen neuen Aufgaben in der Außenpolitik.

Die offizielle Diskussion der Regierungen über die mit der über die Welt hereingebrochenen ungeheuren Wirtschafts­katastrophe zusammenhängenden Probleme ist durch das be­kannte Memorandum der französischen Regierung in Gang gebracht worden. In unserer Antwort haben wir den festen Willen zur Zusammenarbeit mit allen beteiligten Nationen bekundet, einer Zusammenarbeit, die, wenn sie zu einer wirk­lich dauernden Stabilisierung der Verhältnisse führen soll, allen Ursachen der entstandenen Schwierigkeiten zu Leibe gehen muß, mögen diese Ursachen auf wirtschaftlichem oder

Stabilität muß erreicht werden, auf politischem Gebiete liegen. Schwere Endziele in der deutschen Außenpolitik ergeben sich aus der gesamten Lage Deutschlands von selbst, und über sie sollte in Deutschland kein Streit sein. Die elementarste Voraussetzung für eine gesunde und erfolgreiche Außenpolitik ist ihre Stabilität und ihre innere Konsequenz, ohne die Deutschland nicht darauf rechnen kann, in der Entwicklung der internationalen Be­ziehungen seine eigene Stellung zu festigen und ihr Dauer­haftigkeit zu verschaffen. Das Schicksal unseres Volkes in Abenteuer irgendwelcher Art zu verstricken, kann keinem ver­antwortlichen deutschen Staatsmann in den Sinn kommen. Ich sollte denken, daß der Außenminister und ich, die wir verfassungsmäßig für die Führung der Außenpolitik allein verantwortlich sind, in unseren Personen die Gewähr dafür bieten, daß von solchen Abenteuern keine Rede sein kann. Für die Vertretung unserer Interessen steht allein der Weg des Friedens offen, an dessen Aufrechterhaltung kein Land ein größeres Interesse hat als Deutschland. Das Weiter- schreiten auf der bisherigen grundsätzlichen Linie unserer Außenpolitik muß diejenige Stetigkeit besitzen, die es allein ermöglicht, mit Festigkeit und Energie voranzugehen und sich dabei das notwendige Vertrauen des In- und Auslandes zu erhalten. Bei alledem ist eins klar, und auch für die Außen­politik bleibt die erste Voraussetzung des Erfolges die Konso­lidierung unserer inneren Verhältnisse. Ein zerrissenes Deutschland, das seiner dringendsten inneren Aufgaben nicht Herr wird, vermag auch nach außen hin nichts und scheidet bei kommenden großen Entwicklungen als mitbestimmender Faktor aus.

Reichskanzler Dr. Brüning nahm seine Anwesenheit in Trier zum Anlaß, auch dem hier tagenden Deutschen Weinbau kongreß einen Besuch abzustatten, wobei er diesem die Grüße der Reichsregierung übermittelte.

Nietzsche und die Nationalsozialisten.

Essen, 1. September. In einer Wahlkundgebung der Zentrumspartei Groß-Essen sagte gestern Reichsminister Dr. Wirth, das Zentrum sei heute, politisch gesehen, der ru­hende Pol in der Erscheinungen Flucht des deutschen Vater­landes. Wie sich die Mehrheitsbildung im neuen Reichstag vollziehen werde, könne heute noch keiner übersehen. Werde die.Sozialdemokratie zur Führung berufen, werde sie nicht regieren können, ohne Unterstützung des Zentrums oder anderer Parteien. Einigen Heißspornen, die glaubten, den Stein der Weisen zu besitzen, werde man das Finanzministe­rium übergeben, dann würden sie sehr schnell bescheiden wer­den. Die Maßnahmen des Reichsministers Stegerwald auf sozialpolitischem Gebiete seien diktiert von der Notwen­digkeit, in gewissenEinzelheiten hart zu sein, um das Ganze zu retten. Nach einer längeren Würdigung der von ihm er­öffneten Politik des Friedens und der Verständigung, wobei er des verstorbenen Außenministers Stresemann gedachte, beschäftigte er sich mit den N a t i o n a l s o z i a l i st e n, de­ren Gedankengut er als vergröberten Abdruck Nietzschescher Weltanschauung hinstellte. Wenn jemals Nationalsozialisten die Hand nach dem deutschen Staate ausstrecken würden, dann würden, so sagte Wirth, katholische und evangelische Christen, konservative Menschen aus allen Lagern sich wie ein Mann erheben, um diesen Anschlag abzuwehren. Die konservativen Menschen des evangelischen Volksteiles hätten den Weg zum heutigen Staat gefunden.

Zum Schluß bezeichnete der Minister die kulturellen Grundsätze des Zentrums als christlich-konservativ.

Treviranus über den Polnischen Korridor

Frankfurt a. M., 1. September. In einer ersten Kund­gebung der Konservativen Volkspartei Frankfurt a. M. er­klärte Reichsminister Treviranus, man sei sich im Ka­binett darüber einig geworden, daß es für die dringendsten Aufgaben der nächsten Wochen und Monate die Möglichkeit einer Arbeitsgemeinschaft geben müsse. Es gäbe keine Re­gierung, die es wagen werde, die erlassenen Notverordnun­gen wieder aufzuheben und die jetzt begonnenen Reformen nicht bis zuletzt durchzusetzen.

Zu der Auslegung seiner früheren Rede übergehend, sagte der Minister, die Frontkämpfer seien frei von der Illu­sion, daß sie an einen Locarnogeist glaubten. Sie seien auch frei von dem Geiste, daß sie Krieg führen wollten. Reichs­minister S e o e r i n g habe in Bremen erklären müssen, der Korridor sei ein Pfahl im Fleische Europas. Die Konserva­tiven wollten dafür kämpfen, daß diese Welt in Ordnung komme. Die Wunde im Osten bleibe offen, ob man sie Rarbe oder sonstwie nenne. Das sei das Letzte und Schwerste, was zu lösen bleibe.

Deutschfeindliche

Ausschreitungen in Polen

Das Echo der Treviranus-Rede: Ausweisung aller Reichs­deutschen verlangt. Der Völkerbund soll eingreifen.

Warschau, 1, September. Gestern mittag fand hier di« angekündigte Volkskundgebung gegen die Rede des Reichs- ministers Treviranus und gegen deutsche Revisionsbe- strebungen im Osten statt. Auf dem Tbeater-Platz hatten sich

etwa 15 000 Personen eingefunden. Der Direktor der halb­staatlichen Landwirtschaftsbank, General G o r e ck i, hielt eine gegen die deutschen Ansprüche auf polnisches Gebiet ge<* richtete Rede, wobei er u. a. auch die gegen die Polen ge­richtete Aktion der Ukraine mit deutschem Geld in Verbin­dung brächte. Hierauf wurden entsprechende Entschließun­gen angenommen.

Mehrere hundert Demonstranten, zumeist halbwüchsige Burschen, wollten dann noch vor der deutschen Gesandtschaft eine Kundgebung veranstalten. Die Straße, in der sich das Gesandtschaftsgebäude befindet, war jedoch inzwischen aus beiden Seiten von starken Polizeiabteilungen, die eigens zu diesem Zweck mit Stahlhelmen ausgerüstet waren, abgesperrt worden. Die Menge versuchte wiederholt, den Polizeiriegel zu durchbrechen, die Schutzmannschaft konnte jedoch die Ab­sperrung aufrechterhalten.

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Kattowitz, 1. September. Die von dem Westmarken- oerein für den gestrigen Sonntag nach Kattowitz einberufene Protestkundgebung gegen die Rede des Reichsminister Tre­viranus stellte sich als eine schlimme hetze gegen die deutsche Minderheit dar. Obwohl die Mehrzahl der Teilneh- mer aus abkommandierten Aufstädnischen, Beamten usw. aus den entlegensten Ortschaften bestand, denen freie Bahnfahrt und Verpflegung zugesagt war, wa rdie Teilnehmerzahl ver­hältnismäßig gering. Die politische Intelligenz und die Bür­gerschaft nahmen an der Veranstaltung so gut wie gar nicht teil. Etwa 1000 Menschen versammelten sich vor dem Stadt­theater in Kattowitz und nach mehreren Ansprachen, die sich scharf gegen die Rede des Ministers Treviranus richteten, setzte sich ein Demonstrationszug in Richtung des Deutschen Generalkonsulats in Bewegung. Es wurden starke Polizei­kräfte eingesetzt, um den Zug abzudrängen. Trotzdem ge­lang es den Demonstranten, die polizeiliche Absperrung zu RMMMM^^

. ter Ring von Polizeibeamten entgegentrat. Nachdem sich die l Demonstranten in Beschimpfungen gegen das Deutschtum er- i gingen und das Rotalied sowie die Nationalhymne gesungen hatten, begab sich der Zug nach dem Woyewodschafts'gebäude, um dem Wojewoden G r a z y n s k i eine Entschließung zu überreichen mit der Bitte, diese an Marschall Pilsudski weiterzuleiten. Während des Zuges wurden vor den Ge­schäftslokalen der deutschen Zeitungen Drohrufe ausgestoßen. Starke Polizeiabteilungen, die dort postiert waren, verhin­derten aber Ausschreitungen.

In der Resolution wurde versichert, daß Polen bis zum letzten Blutstropfen jeden Fuß breit polnischen Bodens ver­teidigen werde. Vom Völkerbünde wurde verlangt, Deutsch­land zu zwingen, eine Versicherung abzugeben, daß die West­grenzen Polens unantastbar seien. Ebenso solle der deutsche Vertreter beim Völkerbund veranlaßt werden,die ständige Provokation gegen Polen" zu unterlassen. Es wird weiter gefordert, daß alle in Oberschlesien beschäftigten Reichsdeut­schen ausgewiesen werden, weil sie der polnischen Wirtschaft schadeten. Die weiteren Forderungen lauten:

Aufteilung des deutschen Großgrundbesitzes zugunsten der polnischen Arbeiterschaft, Auflösung des Deutschen Volks- bundes und aller deutschen Organisationen, Einziehung des Postkredits für die reichsdeutschen Zeitungen, in denen eine Grenzrevision gefordert wird, Boykott der deutschen Presse in Oberschlesien, die eine illoyale Haltung eingenommen habe, schärfstes Vorgehen gegen die deutschen Gemeindevertreker, die sich mit Protestentschließungen, die von den polnischen Parteien eingebracht worden sind, nicht solidarisch erklärt haben."

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Lodz, 1. September. Gestern nachmittag ist eine Gruppe halbwüchsiger Burschen plötzlich vor den Häusern, in denen die Redaktionsräume der in Lodz erscheinenden deutschen TageblätterFreie Presse" undLodzer Volkszeitung" un­tergebracht sind, erschienen. Es wurden Fenster eingeschla­gen. Eine zweite Gruppe von Demonstranten ist unerwartet vor dem Hause erschienen, in dem das Deutsche Konsulat un­tergebracht ist. In diesem Hause wurden mehrere Fenster in den Privatwohnungen eingeschlagen. In beiden Fällen schritt die Polizei sofort ein und verhinderte weitere Aus­schreitungen. Die Untersuchung der Fälle wurde unverzüg­lich energisch eingeleitet. . -

Dis Reru^^e Landvolk-Konservative gebildet

Höfer (Thüringen) als Spitzenkandidat.

Berlin, 1. September. Die ReichslisteDeutsches Land­volk (Christlich-Nationale Bauern- und Lndoolk-Partei)" ist nunmehr dem Reichswahlleiter eingereicht worden. Die Zu­sammensetzung dieser Reichsliste beruht bekanntlich auf einem Abkommen zwischen der Landvolkpartei und der Konserva­tiven Volkspartei. Die Reichswahlliste lautet folgender­maßen:

1. Höfer (Thüringen), 2. Schiele (Proo. Sachsen), 3. Hepp (Hessen-Nassau), 4. Dr. Gereke (Prov. Sachsen), 5. v. Sybel (Rheinprovinz), 6. Freiherr v. Thüngen (Fran­ken), 7. Schlange-Schöningen (Pommern), 8. Dr. Wendhau- sen (Mecklenburg), 9. Sieber (Freistaat Sachsen), 10. Nier- mann (Westfalen), 11. Mönke (Ostpreußen), 12. o. Arnim (Brandenburg), 13. Graf Westarp, 14 Treviranus, 15. Lam- bach, 16. Freiherr von Hammerstein-Loxten, 17. von Lind- einer-Wildau, 18. Hartmann (Dresden), 19. Dr. Lejeune- Jung, 20. Prof. Hoetzsch. .. ........ I