KersfelöerTageblait
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel- *
Nr. 211
Dienstag, den 9. September 1930
80. Jahrgang
Auftakt in Genf
Beginn der
Misere Autzenvolitit?
Was man im Ausland von der deutschen Völkerbundsdele
gation erwartet.
London, 9. September.
Der Beginn der Genfer Beratungen, die mit der Europa-Konferenz über das Briand-Memorandum eingeleitet wurden, wird in der französischen und englischen Presse mit erkennbar gespannten Erwartungen kommentiert. Die französische Presse befaßt sich vor allem mit dem wahrscheinlichen Verlauf der Europakonferenz und dem Schicksal des Briandschen Europa-Planes. Ein Teil der französischen Presse ist ziemlich o p t i m i st i s ch gestimmt und erklärt, der Gedanke der Europäischen Gesellschaft sei jetzt auf dem Marsche. In der Pariser Rechtspresse ist man jedoch der Auffassung, daß eine Verweisung des Vri- andschen Planes an eine Kommission gleichbedeutend mit einem stillen Begräbnis des Paneuropa-Gedankens sei, was in diesen Kreisen aus dem Grunde begrüßt wird, weil man erwartet, daß die europäische Politik sich dann lediglich auf Grund der bestehenden Verträge gestalten werde.
Beachtenswert sind die Ausführungen, die der Berliner Korrespondent der „Times" über das zu erwartende Auftreten der deutschen Delegation in Genf schreibt. Er bemerkt, daß es ein Fehler wäre, anzunehmen, daß die vor kurzem erfolgte Neubekräftigung der mit dem Namen Stresemann verbundenen Politik sowie die Ablehnung der Treviranus zugeschriebenen ungeduldigeren Methoden bedeuten, die deutsche Delegation werde eine sehr bescheidene Aktion in Genf verfolgen. Es wäre auch ein Fehler, sich einzubilden, daß die deutsche Delegation ihre Hände für gebunden halten wird durch den Umstand, daß in einer Woche Neuwahlen stattfinden. Es be- UHM
werde in der Lage sein, mit ebenso viel Vertrauen und Gewicht zu handeln wie jede frühere Delegation. Es kann als sicher angesehen werden, daß Dr. Curtius nicht zögern wird, in Genf zuversichtlich mit dem Programm vorzugehen, das er vor der Reichstagsauflösung vorbereitet hatte. Der Korrespondent erklärt,
daß Dr. Curtius in seiner letzten Reichstagsrede zwar den Glauben an eine Politik der Verhandlung, des Cin- vernehmens und der Befriedung neu bekräftigt, aber vom Beginn einer neuen Phase der deutschen Außen-, politik nach der Rheinlandräumung gesprochen und geäußert habe, Deutschland könne sich nun mit freieren Händen den übrig bleibenden Problemen zuwenden, und daß er eine aktivere Politik insbesondere in Gens klar angekündigt habe. Es könne daher erwartet werden, daß die deutsche Delegation hervorragenden Anteil an den Erörterungen nehmen wird.
Deutschlands Interesse an gewissen Plänen für die Neuorganisation der Maschinerie des Völkerbundes sei bekannt, und diese Vorschläge würden wahrscheinlich zur Erörterung kommen. Es werde die
Zurückziehung der Saarbahnschuhkruppen gefordert werden. Abgesehen von der Agenda des Völkerbundes könne als sicher angenommen werden, daß in den üblichen privaten Besprechungen zwischen Dr. Curtius und Briand eine Anstrengung unternommen werden wird, um eine Grundlage für die Wiederaufnahme der ein« gestellten Verhandlungen über die Z u - ruckerstattung des Saargebiets an Deutschland unter gewissen Bedingungen zu finden. Selbst die heikle Frage der Vertragsresion müsse erwähnt werden, da sie unentwirrbar mit der deutschen Antwort auf das Memorandum Briands über eine europäische Föderation verknüpft sei. Die Befürchtungen, daß die Revisions- frage durch einen Hinweis auf Artikel 19 der Völkerbundssatzung überstürzt aufgeworfen werden würde, seien jedoch grundlos. Jede derartige Aktion hält Times für ein Abenteuer.
Das Londoner Arbeiterblatt „Daily Herald" befaßt sich gleichfalls in einem Leitaufsatz mit dem Zusammentritt der Völkerbundsversammlung und weist auf die verschiedenen Fragen hin, die einen kritischen Verlauf in Genf erwarten ließen.
Das Blatt nennt unter diesen Fragen u. a. die „zweifelhaften Beziehungen", die zwischen der Reichswehr und derRokenArmee bestehen sollen, ferner das wachsende Problem der französisch- italienischen Rivalität, die polnisch-litauische Spannung, die Lage D a n z i g s und die Besetzung des S a a r g e b i e k s. Es spricht weiter die Hoffnung aus, daß die Frage des Bri- and-Planes nicht allzu sehr in den Vordergrund treten und dadurch die Aufmerksamkeit des Völkerbundes von nutzen MWßS« Fragen ablenken werde.
Europa-Konferenz Erste öffentlich
Erste Sitzung der Bölkerbundsrater
Genf, 8. September.
Die erste öffentliche Sitzung der 60. Tagung des Völkerbundsrates wurde vom Ratspräsidenten Z u m e t a (Venezuela) eröffnet. In der Zusammensetzung des Rates sind einige Aenderungen eingetreten. Japan ist durch den Pariser Gesandten Joshizawa, Kanada durch den Minister Borden vertreten.
Der finnische Außenminister Procope erstattete den Palästina-Bericht der Mandatskommission. Er erklärte, die britische Regierung habe wiederholt versichert, daß sie ihre Verantwortlichkeit für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina anerkenne und daß die Beschränkung der Einwanderung nach Palästina anerkenne daß die Beschränkung der Einwanderung nach Palästina nur zeitweilig sei. Die Mandatskommission meine, daß diese Versicherung, die in der jüdischen Bevölkerung entstandene Beunruhigung beseitigen werde.
In der Entschließung, die Procope dem Rat zur Annahme vorschlug, wird die englische Regierung ersucht, zur Wiederherstellung des Friedens in Palästina Maßnahmen gemäß den Vorschlägen und Anregungen der Mandatskommission zu verfügen. Der englische Außenminister H ende r s o n erklärte sich mit dem Bericht Procopes einverstanden und bestätigte, daß kein allgemeines Verbot der jüdischen Einwanderung nach Palästina ergangen, sondern lediglich eine vorübergehende Beschränkung der Einwanderung aus polizeilichen Gründen aegeordnet gewesen sei. Hendexson billigte den von Procope vorgelegten Entschließungsentwurf und kündigte an, daß die englische Regierung nach Prüfung des Berichtes des nach Palästina entsandten Sachverständigen Simpson eine ausführliche Erklärung über ihre Absichten hinsichtlich der künftig in Palästina zu befolgenden Politik ausarbeiten und. den Mitgliedern des Ml^erbundsrates .üllermitteln.
Der Vertreter Perfiens sprach sein Bedauern darüber aus, daß in dem Bericht ProcopSs nicht die Verpflichtung der Mandatsmacht zur Wahrung der staatbürgerlichen Rechte des nichtjüdischen Bevölkerungsteiles erwähnt worden sei.
Der Vorsitzende konnte die einstimmige Annahme des Berichtes feststellen.
Als zweiter Punkt der Tagesordnung wurden die Arbeiten des Komitees zur Bekämpfung des Frauen- unb Kinderhandels erörtert, über die der persische Delegierte Bericht erstattete. Seine Ausführungen wurden ohne Aussprache genehmigt.
Ueber die Arbeiten der 32. Tagung des Wirtschaftskomitees des Völkerbundes im Juni 1930 berichtete Reichsaußenminister Dr. Cu r t i u s. Der Bericht, der unter anderen die Frage der Ausfuhrprämie, des Schmuggels, insbesondere des Alkoholschmuggels, sowie des Walfischfangss behandelt, wurde angenommen.
Ohne Aussprache wurde dann weiter der Bericht über die Wechsel- und Scheckrechtskonferenz, den gleichfalls Dr. Curtius erstattete, angenommen. Nachdem der Rat noch den Vorschlag der finnischen Regierung, bem Haager Gerichtshof den Charakter einer Berufungsinstanz bei den internationalen Schiedssprüchen zu verleihen, an die Vollversammlung weiterzuleiten beschlossen hatte, wurden die Beratungen auf Dienstag vormittag 11.30 Uhr vertagt.
Curtius über die europäische Föderation
Erklärungen des Reichsaußenministers vor der Weltpresse.
Genf, 9. September. Reichsaußenminister Dr. Curtius erklärte bei einem Empfang der Weltpresse, daß die deutsche Regierung von Anfang an eine positive Stellung zu dem Gedanken einer europäischen Föderation eingenommen habe und daß ihre kontinuierlich befolgte Politik der internationalen Zusammenarbeit und der Förderung des Friedens von jeder künftigen Regierung werde fortgesetzt werden müssen. Es sei das Verdienst Briands, den Europägedanken aus der Sphäre der privaten Propaganda in den Bereich verantwortlicher Regierungsverhandlungen erhoben zu haben. Damit fei der Weg zu einer zwar langsamen aber organischen Entwicklung vorgezeichnet, wie sie zum Gelingen des Planes notwendig sei. Man habe sich in der jetzigen Konferenz über die Form der weiteren Behandlung der Angelegenheit zwar unterhalten, sei aber der Ansicht gewesen, daß der Völkerbundsversammlung in dieser Hinsicht nicht vorgegriffen werden dürfe. Das Projekt werde voraussichtlich zunächst in der Vollversammlung und sodann im politischen und im wirtschaftlichen Ausschuß eingehend beraten und einem Studienkomitee überwiesen werden, so daß man sich voraussichtlich im nächsten Jahre aufs neue mit der Frage beschäftigen werde. Dr. Curtius wies auf die Bedeutung der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit hin,' die trotz der Rückschläge durch die Weltwirtschaftskrise, unter der Deutschland ganz besonders leidet, sich in fortschreitender Entwicklung befinde. Er begrüßte die Ansätze zur Zusammenarbeit auf agrarpolitischem Gebiet, wie sie in den Konferenzen von Sinaia, Bukarest und Warschau zum Ausdruck komme und befürwortet eine Eingliederung der für Jndu- strieprodukte besonders aufnahmefähigen südosteuropäischen Staaten und die wirtschaftlichen und Austauschbeziehungen innerhalb Europas.
Ratssitzung
Wird der Saarbahnschutz zurückgezogen?
Besprechung Briand—Curtius.
Genf, 9. September. Wie wir erfahren, wird heute vormittag eine erste Besprechung zwischen Dr. Curtius und ■• dem französischen Außenminister Briand stattfinden. Die . Begegnung trägt privaten Charakter; doch ist anzunehmen, daß zwischen den beiden Ministern eine Reihe von politischen Fragen besprochen werden, darunter auch die Frage der Zurückziehung des Bahnschutzes im Saargebiet.
Analyse der Ergebnisse
der Briandumfrag«
Genf, 9. September. Die Zusammenstellung der einzelnen Antworten der Regierungen auf das europäische Memorandum ist insofern bemerkenswert, als sie zahlreiche wichtige Präzisionen des französischen Standpunktes und interessante Auseinandersetzungen mit den Argumenten einzelner Regierungen enthält.
Im ersten Teil der Analyse, der sich mit den grundsätzlichen Fragen beschäftigt, wird festgestellt, daß die Notwendigkeiten einer Koordinierung in Europa von allen befragten Regierungen anerkannt wird. In diesem Zusammenhang wird auch der deutsche Hinweis auf die Revisionsbe- düftigkeit des gegenwärtigen europäischen Staates gebracht. Die deutsche Regierung geht sogar soweit, darauf hinzuweisen, daß die Struktur Europas nach ihrer Ansicht tiefgehende Veränderungen erfordert, und sie ist der Auffassung, daß die allgemeine Organisation des Kontinents in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht eine den natürlichen Lebensbedingungen der Völker entsprechende Entwicklung behindert.
Der zweite Teil betrifft die Einfügung der europäischen Organisation in den Rahmen des Völkerbundes. Die französische Regierung stellt fest, daß in allen Antworten zum Ausdruck kommt, daß die überragende Stellung des Völker- »WfrMiwiiiWiiwW^
Vorbehalten wird auch die Befürchtung der deutschen Regierung erwähnt, daß sich eine Isolierung Europas anbahnen könne, die die Bildung anderer Gruppen innerhalb des Völkerbundes zur Folge haben könnte.
An dritter Stelle wird die von verschiedenen Staaten aufgeworfene Frage der Heranziehung außereuropäischer oder nicht zum Völkerbund gehörender Staaten erörtert. Die französische Regierung stellt fest, daß auch darüber keine -grundsätzlichen Widersprüche beständen. Es wird hinzugefügt, daß die meisten Ansichten in dieser Hinsicht ihre Hauptrechtfertigung in wirtschaftlichen Erwägungen zu suchen scheinen. Die Union sei aber biegsam genug gedacht, um auch in dieser Hinsicht die notwendigen Vorkehrungen zu treffen.
Der letzte grundsätzliche Punkt betrifft die Achtung der Unabhängigkeit und der Souveränität der Staaten. Es wird bemerkt, daF jeder Gedanke einer politiscken Beherrschung ausgeschlossen sei, und daß die Staaten in diese Vereinigung nur eintreten würden, um dort — wie im Völkerbund, unter dessen Kontrolle sich die Vereinigung stelle — unbedingt gleiche Rechte auszuüben. Gegen diese Auffassung sei kein Einwand erhoben worden. Der Begriff der Gleichberechtigung wird sodann folgendermaßen präzisiert:
„Es handelt sich um die Gleichheit, die innerhalb der geplanten Vereinigung allen Mitgliedern gesichert werden soll, d. h. um die Gleichheit der Rechte, die jeder Staat durch seinen Beitritt bei seiner Arbeit auszuüben berufen wäre, ohne daß die Verpflichtungen oder Rechte aus anderen etwaigen Verpflichtungen dadurch berührt würden." Nur so könne die Frage zwischen Mitgliedern des Völkerbundes gestellt werden. Die ungarische Regierung möchte jedoch den Begriff der Souveränität und Gleichberechtigung dahin ausgelegt wissen, daß er die Beseitigung aller Ungleichheiten bedeute, die praktisch für gewisse Staaten eine Behinderung ihrer Souveränitätsausübung bildeten. Die italienische Regierung sei ähnlicher Ansicht, wenn sie meine, daß die Bedingung absoluter Gleichheit unter den Staaten der Vereinigung die letzten Unterschiede zwischen Siegern und Besiegten auslösche.
In dieser Hinsicht gebe Groß-Britannien dem allgemeinen Empfinden Ausdruck, indem es die Aufmerksamkeit der Völker Europas von den Feindseligkeiten der Vergangenheit auf die gemeinsamen höheren Interessen Hinweise. j
Butn-NkSselt Nr dem Scheitern?
Breslau, 9. September.
Wie wir von gut informierter Seite hören, sind die Bedingungen, die der preußische Staat der Bata-Gruppe für die Eröffnung einer Niederlassung dieses großen tschechischen Schuhkonzerns in Oberschlesien auferlegt hat, insbe- fondere zum Schutze der Interessen des schlesischen Handwerks, ferner in sozialpolitischer Hinsicht, sowie zur Vermeidung der Gefahr einer Ueberschwemmung mit leitenden tschechischen Angestellten so schwer, daß anzunehmen sein wird, daß sie für die Bata-Gruppe nicht tragbar werden.
Man glaubt in unterrichteten Kreisen, daß der ursprüngliche Plan des Staatsvertrages zwischen Preußen und dem Bata-Konzern an diesen von der preußischen Staatsregierung im Interesse des oberschlesischen wie auch des gesamtdeutschen Handwerks und Handels für notwendig gehaltenen Bedingungen scheitern wird.