kersfelöerTagrblatt
Hersfelöer Kreisblatt
/lmtlicher Einstiger für den Kreis hersfel- *
Nr. 212 Mittwoch, den 10. September 1030 so. Jahrgang
Deutsche Fragen vor Sem Wölterbundsrat
Um die früheren afrikanischen B<
Bürger- oder GeMeindegetrönlefteller?
Die Notverordnung des Reichspräsidenten über die Finanzreform überläßt bekanntlich den Gemeinden die Wahl zwischen einer Erhöhung der Gemeindebiersteuer und der Einführung einer sogenannten Bürgerabgabe. Sie stellt zunächst ganz allgemein die Berechtigung der deutschen Gemeinden fest, zur Entlastung ihrer Finanzlage auf diese beiden Steuerarten zurückzugreifen, und zwar auch dort, wo infolge der Höhe der örtlichen Zuschläge zur Gewerbesteuer oder zur Grundvermögenssteuer die Anspannung einer der beiden genannten neuen Steuerquellen den Gemeinden zur Pflicht gemacht ist. In den Mitteilungen des Deutschen Städtetages gibt dessen Präsident Dr. Mulert gewissermaßen Fingerzeige, wie die Gemeinden das ihnen durch die erwähnte Notverordnung überlassene Wahlrecht zwischen beiden Steuerarten auszuüben sei. Er unterläßt es dabei offensichtlich bewußt, den Gemeinden eine offene Empfehlung der einen oder anderen Steuer zu geben, sondern er nimmt beide neuen Steuerquellen gleichsam als gesetzgeberische Tatsachen hin. Aber die Kritik, die er der Bürgersteuer einerseits. der Erhöhung der Gemeindebiersteuer andererseits zuteil werden läßt, ist so abgestellt, daß den Gemeinden implicite der letztere Weg empfohlen ist. Anders ist es nämlich nicht verständlich, wenn Dr. Mulert nochmals betont, daß die Bürgersteuer als solche vom Deutschen Städtetag aus finanziellen, organisatorischen und sozialen Gründen stets abgelehnt worden sei, und wenn er darüber hinaus erhebliche Bedenken gegen die Einzelgestaltung der Bürgersteuer ins Feld führt, während er auf der anderen ^eite feststellt, daß die Erhöhung der Gemeindebiersteuer einer alten wohlbe- grllndeten Forderung des Deutschen Städtetages entspreche. Das heißt praktisch doch nichts anderes, als daß die Gemeinden der Erhöhung der Gemeindebiersteuer den Vorzug vor der Bürgersteuer geben sollen.
den Vorzug verdient,^rvlrb tm^V'~^
in welcher Form der beiden Steuern zugrunde liegende Gedanke einer neuen autonomen Gemeindebesteue» r u n g am besten verwirklicht wird. Denn darum geht der jahrelange Kampf, daß die bisherige einseitige Belastung der Gewerbetreibenden durch die Gewerbesteuer gemildert wird durch eine neue zusätzliche Gemeindesteuer, die breiteste Volkskreise trifft, und daß durch eben diese Gestaltung die zusätzliche Gemeindesteuer ein finanzielles Interesse der gesamten Gemeindebevölkerung an einer sparsamen öffentlichen Ausgabenwirtschaft auslöst. So wenig die Bürgersteuer das Ideal einer autonomen Gemeindesteuer ist, so sicherlich aber erfüllt sie diesen Hauptzweck, da sie unmittelbar jeden Gemeindebürger mit einer direkten Abgabe an dieGemeindekasse, die zur Deckung der allgemeinen Gemeindelasten Verwendung findet, belastet und damit das Interesse jedes einzelnen an dem in der kommunalen Finanzpolitik verkörperten Wohl und Wehe der Gemeinden stärkt. Dieser Hauptzweck aber wird durch indirekte Steuern, an deren Aufbringung nur diejenigen beteiligt sind, die die besteuerten Verbrauchsgüter genießen, nicht erreicht. Eine Verteuerung des Getranke- konfums kann nie die psychologische Wirkung haben wie eine Gemeindeabgabe, die als direkte Steuer veranlagt wird. Davon abgesehen aber lassen sich gegen die Gemeindegetränkesteuer eine Reihe von allgemeinen Bedenken geltend machen, die sich im wesentlichen durch die Nichterfüllung folgender drei Bedingungen umschreiben lassen:
1. Unbedingte Sicherheit der Einnahmen und geringe Steuererhebungskosten.
2. Elastizität der Steuerfestsetzung nach oben.
3. Eine gewisse Rücksicht auf die wirtschaftliche Ruhe der von der Gemeindegetränkesteuer betroffenen Gewerbezweige.
Der auch vom fiskalischen Standpunkt aus wichtigste Einwand ist die mangelnde Sicherheit der Einnahmen, die sich ohne weiteres daraus erklärt, daß eben jeder einzelne es durchaus in der Hand hat, in welchem Umfange er die durch die Gemeindegetränkesteuer verteuerten Getränke noch genießen will. Es fehlt jede sichere Berechnungsgrundlage, wie sie bei einer Bürgersteuer ohne weiteres vorhanden ist. Ueberdies verzehren die sehr erheblichen Erhebungskosten einen großen Teil des Aufkommens. Die notwendige Elastizität der Gemeindegetränkesteuer fehlt nicht nur wegen des Konsumrückganges, sondern auch wegen der Preislage der vor allem mit dem Bier in Konkurrenz stehenden Getränke. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen das Gastwirtgewerbe zu sümpfen hat, sind hinreichend bekannt.
Diese Einwände richten sich nicht grundsätzlich gegen eine andere angemessene Besteuerung des entbehrlichen Getränkekonsums, sondern sie richten sich gegen die Besteuerung in Form kommunaler Getränkesteuer, die, da es sich hier nur um Zuschläge handelt, weder eine richtige autonome Gemeindesteuer ist, noch sonst den Grunderfordernissen einer zweckmäßigen indirekten Gem"indebesteuerung entspricht. Es wäre vielleicht zweckmäßig gewesen, wenn Dr. Mulert unter dem Gesichtspunkt einer autonomen Gemeindesteuer auch den Charakter der sogenannten Bürgersteuer eingehender dargelegt hätte, um den Gemeinden, die sich mit einer Gemeindegetränkesteuer aus irgendwelchen Gründen nicht befreunden können, die Möglichkeit zu geben, die Zweckmäßigkeit dieser Bürgerabgabe mindestens in theoretische ®p= wägung zu ziehen. _ ___________________
tzungen — Danzig und Sstoberschlesien —
Die grobe Ratssitzung
Kolonialsrage — Danzig — Ostoberschlesien — „Bahnschuh"
Genf, 9. September.
Der Völkerbundsrat hat in seiner Vormittagssitzung zwei Danziger Fragen, einige Beschwerden der deutschen Minderheit in Oberschlesien und die Frage des Bahnschutzes im Saargebiet behandelt.
Zunächst nahm der Rat den Bericht des finnischen Außenministers Procope über die ordentliche Sitzung der Mandatskommission im Juli dieses Jahres entgegen. Der Berichterstatter ging in diesem Zusammenhang kurz auf den bekannten
englischen Plan einer engeren Verbindung des Tangan- jika-Gebietes mit dem benachbarten englischen Territorien von kenya und Ungada
ein. Die englische Regierung habe in dem Weißbuch, das über diese Absicht Aufschluß gab, der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Mandatskommission in der Lage sein werde, zu dieser Frage auf ihrer Tagesordnung im Oktober Stellung zu nehmen. Sie habe sich verpflichtet, vor einer endgültigen Entscheidung sich mit der Mandatskommission ins Benehmen zu setzen. Der Rat nahm den Bericht an. Vorher gab Reichsaußenminister Dr. Curtius eine kurze Erklärung ab, in der er betonte, daß die deutsche Regierung sich vorbehalten müsse, aus Einzelheiten des Berichtes, namentlich auf die Tanganjika-Frage bei späterer, Gelegenheit zurückzukommen. — Der englische Außenminister Hen- derson berichtete über die von dem Volkstag und dem Senat der Freien Stadt Danzig beschlossene Verfassungsänderung, der zufolge u. a. bekanntlich die Zahl der Volkstagsabgeordneten von 120 auf 72 und die Zahl ^i^fiaMte^^^^J&2-£^ddl^^^^ Zeit zu wählen und faffu o^T^sfus^ spräche genehmigt. — Der Rat besprach sodann die o st - oberschlesischen Fragen. Die Petition des Deutschen Volksbundes wegen der Nichterneuerung der Dienstverträge von 32 Aerzten durch die Leitung der Polnischen Knappschaftskasse in Tarnowitz wurde mit der Feststellung für erledigt erklärt, daß die polnische Regierung das Gutachten des Vorsitzenden der Gemischten Kommission für Oberschlesien angenommen hat. Der polnische Außenminister Zaleski sagte zu, daß die polnische Regierung alles in ihrem Bereich Liegende zur Durchführung des Gutachtens tun werde, daß sie aber nur beschränkte Wirkungsmöglich- keiten habe. Auch die Beschwerde des Deutschen Volksbundes wegen der Verweigerung der Erlaubnis der Prozeßführung für den Minderheitenangehörigen Rechtskonsulen- ten Otto Oehmann vom Kreisgericht in Lublinitz wurde für erledigt erklärt, nachdem diese Erlaubnis durch Beschluß des Präsidenten des Kattowitzer Distriktsgerichts nunmehr erteilt worden ist. Eine weitere Beschwerde wegen der Nichtzulassung von 60 Kindern, die seinerzeit auf Grund der Maurerschen Prüfungen in die polnischen Schulen um= geschult worden waren, wurde der Ratstagung der zur zweiten Septemberhälfte überwiesen. Ein Bericht über die Frage der Formalitäten bei der Einschreibung für die Minderhei- tenschulen, der feststellt, daß durch das Entgegenkommen der polnischen Regierung eine Einigung erzielt worden sei, wurde ohne Aussprache angenommen.
Ueber die Frage des Bahnschuhes im Saargebiet, zu der der italienische Außenminister Grandi den Verricht erstattete. Der Rat nahm den Antrag des Berichterstatters an, die Frage auf eine der nächsten Sitzungen des Rats während der jetzigen Völkerbundstagung zu vertagen. Inzwischen wird auf Vorschlag des französischen Außenministers Briand eine Kommission, bestehend aus dem französischen Außenminister, dem deutschen Außenminister, dem Generalsekretär des Völkerbundes und dem Berichterstatter zusammentreten, um verschiedene Fragen zu klären. Dr. Curtius erklärte sich mit diesem Verfahren einverstanden und gab der bestimmten Erwartung Ausdruck, daß der Rat den Beschluß auf sofortige, restlose Zurückziehung des Bahnschuhes fassen werde.
Für das Weiterbestehen des Bahnschutzes im Saargebiet sei kein Grund mehr vorhanden. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages habe die Regierungskommiffion des Saargebietes für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch Gendarmerie zu sorgen. Sollten die hierfür zur Verfügung stehenden Kräfte nicht ausreichen, so habe die Regierungskommiffion stets die Möglichkeit, darüber hinaus im Lande selbst sich eine weitere Sicher- Heitsorganisation zu schaffen. Die deutsche Regierung habe von Anfang an und stets gegen die Errichtung des sogenannten Bahnschutzes Protest eingelegt. Der Bahnschutz sei seinerzeit ausschließlich zur Sicherung der rückwärtigen Verbindungen der Besatzungsarmee gebildet worden. Die Mitteilung der Regierungskommiffion an den Völkerbundsrat verstehe er so, daß diese alles getan habe, was in ihren Kompetenzen liegt.
Es sei jetzt Sache des Völkerbundsrales, die restlose Zurückziehung des Bahnschutzes im Saargebiet zu beschließen.
Der Bahnschutz muh verschwinden!
Er gebe der bestimmten Erwartung Ausdruck, daß das vorgeschlagene Verfahren nicht zu einer Verschleppung der Angelegenheit führen werde und daß schon in einer der nächsten Sitzungen des Rates die endgültige Entscheidung über . die Zurückziehung des Bahnschutzes erfolgen werde. In einer kurzen Erwiderung betonte Briand, er fei mit dem deutschen Ratsmitglied der Meinung, daß die Angelegenheit beschleunigt behandelt werde.
Er, Briand, gebe zu, daß durch die Räumung des Rheinlandes auch für den Bahnschuh ein neues Faktum ge- schaffen worden sei.
Dieser Tatsache sei durch die Verminderung der Bahnschutz- fräste vom 31. 8. 30 Rechnung getragen worden. Der Bahnschutz habe aber auch noch die Aufgabe, für die Sicherheit des Eisenbahnverkehrs zu sorgen. Er erklärte nachdrücklich, daß Frankreich kein Interesse habe, unter irgendeinem Vorwand noch Soldaten im Saargebiet zu behalten. Daraufhin ergriff Dr. Curtius nochmals kurz das Wort. Er stellte fest, aus den Ausführungen des französischen Ratsmitgliedes Habs er entnommen, daß das vorgeschlagene Verfahren einer Beschleunigung dienen soll. Er erwarte, daß die Frage in kürzester Frist endgültig geklärt werde. Weiter stellte Dr. Curtius fest, daß die von Briand vorgetragene Auffassung über den Charakter des Bahnschutzes mit der Ansicht der deutschen Regierung nicht überein stimme. Voraussichtlich wird der Rat schon am Donnerstag nachmittag nochmals zu der Frage Stellung nehmen.
Hentzerjon über internationale Probleme
Genf, 10. September. Außenminister Henderfon machte hier Vertretern der Weltpresse Mitteilung über die Haltung der englischen Regierung zu einigen im Vordergründe der Erörterung stehenden internationalen Fragen. Vor allem waren es die Fragen der europäischen Union, des Zollwaffenstillstandes und der Verbindung von Kellogg-Pakt und Völkerbundssatzung, die der britische Staatsmann ein« __LMttd^beMrts. Zur A b r ü st u ng s f r a g e erklärte er, italienstchen Besprechung über die Abrüstung zur Interesse habe und ihre guten Dienste gern zur Verfügung stelle. Er sprach die Hoffnung aus, daß noch vor Schluß der Völkerbundsversammlung sich eine Zusammenkunft aller Teilnehmer des Londoner Flottenpaktes ermöglichen lasse, und daß auf dieser Klarheit über den jetzigen Zustand der Seeabrüstungsfrage geschaffen werde. Diese Klarheit sei im Hinblick auf die bevorstehende neue Tagung des Vorbereitungsausschusses eine Notwendigkeit. Bei der großen Bedeutung, die der Abrüstung zur See zukomme, sei zu hoffen, daß schon während der Völlerbundsversammlung entscheidende Worte gesprochen werden.
Reparationen «nv Kriegsschulden
Ein amerikanisches Dementi
Washington, 10. September.
Als vollkommen aus der Lust gegriffen wird von hiesiger zuständiger Stelle eine aufsehenerregende Meldung bezeichnet, daß in London angeblich eine deutsche Demarche zu dem Zwecke verfolgt sei, die Kriegsschulden der Alliierten an Amerika unter Hinweis aus die Möglichkeit zu reduzieren, die deutschen Reparationszahlungen könnten ausbleiben und daß diese Anregung von einer prominenten britischen Persönlichkeit an die amerikanische Regierung weiter geleitet worden sei.
Man hält hier an dem Standpunkt fest, daß die Kriegsschulden von den Reparationen zu trennen seien und betrachtet das Reparationsproblem ausschließlich als ein Problem der Alliierten. In diesem Zusammenhang weist man auch auf die kürzlich gemeldete Erklärung des Präsidenten Hoover hin, dem an der Beibehaltung der diesjährigen Steuerermäßigung auch für das nächste Jahr dringend gelegen sei, daß nämlich die Einkünfte aus den Kriegsschulden der Alliierten zum Ausgleich des Haushalts benutzt werden würden, wenn die Ausgaben für die Unterstützung der infolge der Dürre notleidenden Farmerschaft zu einem Budgetdefizit führen sollten. Aus diesen Gründen bezeichnet man die Meldung als sinnlos und die führenden amerikanischen Blätter beschränken sich auch lediglich auf den Abdruck des amtlichen Dementis.^
Nach einer Washingtoner Zuschrift an das Journal oj Commerce wird die Meldung als ein von in t e r e f s i e r« ter dritter Seite lancierter Versuchsballon betrachtet, der in Washington einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht habe. Deutschland kenne Amerikas Stellungnahme zur Frage der Kriegsschuldner und sei daher an dieser törichten Nachricht sicherlich nicht beteiligt.
Mehr Minderheitensihntz!
Rewyork, 10. September.
Die International Law Association hat auf ihrer gegenwärtigen Tagung den Vorschlag ihres Ausschusses angenommen, in dem der Völkerbund ersucht wird, einen Ständigen Minderheiten-Ausschuß einzusetzen, um einem besseren Schutz der nationalen Minderheiten zu sichern. Eine besondere Aufgabe dieser Kommission soll die Untersuchung darüber fein, inwieweit die Rechte dieser Minderheiten in verhüllter Form durch die allgemeine Gesetzgebung beeinträchtigt werden.