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hersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Inzeiger für den Kreis Hersfel- *

Nr. 214

Freitag, den 12. September 1930

80. Jahrgang

Eine matte Rede Briands

Die mit Spannung erwarteten Ausführungen des Redners enttäuschten durch vage Allgemeinheiten

Ergebnis der Woche

Kr.kr. In Deutschland befindet sich zurzeit der W a h l* kampf auf dem Höhepunkt. Wir stehen vor der Entschei­dung über die Frage, wie der deutsche Staatsbürger in der nächsten Zukunft regiert sein möchte. Gleichzeitig wird die Wahl die Meinung des Staatsbürgers über die letzte Ver­gangenheit aussprechen. Weil die Entscheidung nach dem Mehrheitsprinzip gewertet werden wird, ist es Pflicht eines jeden Staatsbürgers, seine Stimme mitsprechen zu lassen und somit seine Meinung zu sagen. Sein Schicksal zu ent­scheiden, dazu ist jedem Deutschen das Wahlrecht gegeben. So muß er wählen, schon aus ureigenstem Interesse heraus.

Gewiß wird der Ausgang der Wahl auch von dem Ausland mit Spannung erwartet. Diese Spannung dürfen wir aber nur in jenen Schichten des Auslandes voraus­

setzen, in deren Händen das politische Geschäft zwischen den Nationen und Staaten liegt. Sie müssen sich dafür in­teressieren, wer ihr Gegenspieler in der nächsten Zeit bei den internationalen politischen Auseinandersetzungen sein wird. Sonst wird wohl bei den großen Massen ziemlich wenig von Spannung anzutreffen sein. Heute sind alle Völker so sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, daß ihnen zu­nächst einmal die Wahlen in Deutschland nichts zu sagen haben. Wo das große Volk ein bißchen aufgeputscht wurde, da geschah es von Politikern, die für sich selbst etwas aus dem deutschen Wahlkampf profitieren wollten. So in Po- l e n, so in Frankreich. Die sinnlosen Demonstrationen, die in Posen der Westmarkenverein gegen das deutsche Revisionsverlangen veranstaltete, geh" ' " ~ Deutschland verlangt zunächst gar nicht die Revision seiner schreien n ach

ißren in dieses Gebiet.

schallen, als in @uropubiegroBe^rIeben5|d)mn«

wird. Wir denken nicht daran, daß um die Ostgrenzen Krieg gemacht werde. Revision heißt doch nicht Krieg. Revision unhaltbarer Zustände ist sogar im Versailler Vertrag vor­gesehen. Auch diese Bestimmung hat Anrecht, heilig gehal­ten zu werden. Mehr noch, als jede andere. Was unhaltbar ist, birgt Gefahren in sich. Wer das Unhaltbare aus der Welt schafft, dient dem Glück der Menschen, dient dem Frieden.

Auf diesem Gedankengang fußt auch die deutsche Ant­

wort zu Briands Paneuropa

Es

ist sehr merkwürdig, daß in der Erläuterung, welche die französische Regierung in ihrem Weißbuch zu der Antwort gibt, gerade diesem Hinweis der deutschen Antwort jedes Eingehen versagt wird. Es ist nicht merkwürdig, wenn es zutrifft, daß das Projekt Briands zuerst und zunächst den augenblicklichen Zustand der europäischen Staatengliederung für alle Ewigkeiten festlegen will. Damit hätte aber Briand dem ersehnten Paneuropa selbst das Todesurteil gesprochen. Wenn aus Paneuropa etwas werden soll, dann nur nach Wegschaffung aller unhaltbaren Zustände. Manche meinen die Korridorfrage werde durch Briands Paneuropa gelöst. In einem Paneuropa sei es Deutschland gestattet, über den jetzt polnischen Korridor hinweg mit Ostpreußen zu ver­kehren wie durch eigenes Land. Nun denn, wenn das mög­lich ist, dann räume man die Unnatur der Tren­nung Ostpreußens vom Reich. Polen hat nicht nötig, am Meer zu liegen, hat nicht nötig, eine Seemacht zu wer­den, denn es kann in Paneuropa seine Waren über deut­sches Gebiet zur See führen und von See hereinführen wie über eigenes polnisches Gebiet. Bei dieser Lösung wäre die ursprüngliche Natur gewahrt, daß jeder Staat ein ge­schlossenes Ganzes ist. Bei der jetzigen Gestaltung im Osten muß immer damit gerechnet werden, daß das bis an die Zähne bewaffnete Polen über das schwache Ostpreußen her- fällt und Tatsachen schafft, wie es sie in Wilna, wie Litauen sie im Memelgebiet geschaffen hat.

Solcher bösen Punkte gibt es noch viele in Europa, und England wird wohl nicht nur aus den Interessen seines Weltreiches heraus dem Briand-Projekt ablehnend gegen- überstehen. Vorläufig ist der ganze Plan an den Völkerbund weitergegeben, damit ist der auf das nächste Jahr hinüber- chrscheinlich abgeschoben, bis einer einen Diskussion stellt.

leschoben und ww esseren Plan zur

Inzwischen wird die polnische Auenpolitik ihre Pläne in Südosteuropa weiter verfolgen. Offenbar hat man in Deutschland im Wahlfieber ganz übersehen, was auf der sogenannten Agrarkonferenz in Warschau doch von Polen erreicht wurde. Die wirtschaftliche Rot der ost- und südosteuropäischen Staaten zwingt sie enger aneinander, als ihr politisches Interesse es eigenstes) verträgt. Es ist schon ein großer Erfolg der polnischen Diplomatie, daß sie Ungarn und^Bulgarien in dieser Frage mit der Kleinen Entente an einen Tisch gebracht hat. Wenn auch die Tschechoslowakei noch nicht recht weiß, wie sie sich Ungarns wegen verhalten soll, immerhin ist ein Weg gewiesen und dieser Weg muß wenn er überhaupt das Ziel erreichen soll über Deutschlands Mithilfe gehen. Nur in Verbindung mit dem größten mitteleuropäischen Reiche kann sich das wirtschaft­liche Leben in Mitteleuropa zu aller Vorteil entfalten.

Briand erklärt:

Es darf keinen Krieg mehr geben.

Genf, 11. September.

Die Völkerbundsversammlung hat ihre sachlichen Be­ratungen mit der allgemeinen Aussprache über den den Mitgliedern bereits vor längerer Zeit zugegangenen'Tätig­keitsbericht des Generalsekretärs ausgenommen. Als erster Redner erhielt der Vertreter Kanadas, Sir Robert Borden, das Wort, der die düstere Zeit der Entstehung des Völker­bundes mit der freundlichen Atmosphäre des guten Willens, der Zusammenarbeit und der Verständigung, wie sie heute erfreulicherweise vorhanden sei, verglich.

Der sranzösische Aukennnnister Briand der Hierauf, von Beifall begrüßt, das Podium betrat, er­klärte zunächst, daß er in zweifacher Eigenschaft vor die Versammlung trete, als Delegierter Frankreichs und als solcher in dieser Aussprache über die Tätigkeit des Völker­bundes das Wort zu ergreifen habe, und als Mandatar von 26 europäischen Staaten, in deren Namen er der Völker­bundsversammlung eine Mitteilung zu machen habe. Briand fuhr fort:

Ich habe tiefes Vertrauen auf den Völkerbund, der einer der wichtigsten Dämme gegen die Gefahr des Krieges ist und als solcher in das Bewußtsein der Völker immer tiefer eindringt.

Der Völkerbund ist wegen des angeblich langsamen Fort- schreitens seiner Arbeiten zahlreichen Angriffen und mannig­facher Ironie ausgesetzt worden. Aber der Kellogg-Pakt, die Generalakte über die Schiedsgerichtsbarkeit und die zahl­reichen regionalen Abkommen sind wirksame, nicht zu unter­schützende Beiträge zur Organisierung des Friedens

Es war, um nur von meinem Lande zu reden, gegen­über der Tatsache, daß sich der Friede festigt und die Sicher­heit organisiert wird, unmöglich, gewisse Ziffern, gewisse Ausgaben aufrechtzuerhalten. Wir sind dabei auf Schwierig­keiten gestoßen; wir haben lange Wochen in London ver­handelt und einen erfreulichen Anfang erzielt. Ich stehe hier mit dem Vertreter eines befreundeten und benachbarten Landes in Verhandlungen, durch die hoffentlich weitere Möglichkeiten geschaffen werden.

Ich habe mich in den Gedanken geradezu verbohrt, daß es, solang ich bin und wirke, keinen Krieg geben darf. Wenn irgendwelche Schwierigkeiten auftauchen, werden wir sie in Frieden und durch den Frieden regeln.

Baneuropa

Briand bezeichnete seinen Plan als eine weitere große Anstrengung im Dienste des Friedens. Eine Reihe von Tatsachen zwänge geradezu zu einer engeren Zusammen­arbeit der europäischen Völker.

Es läge in der Logik dieser Tatsache, daß die Völker, auf deren Territorium sich der Welkkrieg abgespielt habe und die heute immer noch unter den Folgen des Krieges litten, sich zu einer gemeinsamen Anstrengung zur Ueberwindung dieser Folgen ausraffen.

In ihrer Antwort auf sein Memorandum Hütten die 27 euro­päischen Staaten sich grundsätzlich in bejahendem Sinne ge­äußert und die kürzlich von ihm einberufene Konferenz die­ser Staaten habe ihm einmütig den Auftrag gegeben, die Frage der europäischen Einigung vor den Völkerbund zu bringen. ' '

Er habe die Ueberzeugung, daß der Völkerbund dem plan gleichfalls seine Zustimmung gäbe, handele es sich doch um die Verwirklichung einer Idee, die auch den Zielen des Völkerbundes entspräche.

Es sei selbstverständlich, daß keine neue Organisation neben dem Völkerbund geschaffen werden soll, sondern daß die europäischen Einigungsbestrebungen, deren ökonomische Be­deutung er immer wieder hervorhob, nur im Rahmen des Völkerbundes verwirklicht werden könnten. Er hoffe, daß sie im Verlauf dieser Tagung den europäischen Völkern zu­rufen werde: Marschiert weiter! Ihr seid auf dem Wege des Friedens!

Der Eindruü der Rede

Die Rede des französischen Außenministers Briand hat in deutschen Kreisen einen günstigen Eindruck gemacht. Briand hat die Verpflichtung zur Abrüstung erneut betont und dabei über die schwebenden Besprechungen mit Italien Worte gefunden, deren freundschaftliche Zuversichtlichkeit all­gemein ausgefallen ist

Bei Vorbringen der Europafrage hat Briand die Inter­essen des Friedens in den Mittelpunkt gestellt und hät^be- sonders darauf verzichtet, französische Sonderwünsche vor- zutragen, oder sonst Tendenzen anzukündigen, die vom Standpunkt der deutschen Politik bedenklich sein könnten. Briand ist sichtlich bemüht, gegenüber den vielen Wider­ständen, auf die die konkreten Vorschläge seines Planes ge­stoßen sind, wenigstens die Idee eines engeren Verhält­nisses der europäischen Staaten zu retten, und im übrigen den Völkerbund, entsprechend dem Beschluß der Europa- Konferenz, vollkommene Entschließungsfreiheit zu lassen.

Titulescu zum Prusibenken der Genfer Vollversammlung gewählt. Die Völkerbundsdelegierten wählten mit 46 von 50 Stimmen den rumänischen Außenminister Titulescu zum Präsidenten der , Curopa-Versammlung.

Sie Saarbahnschutzfrage

Grandi bei Curtius

London, 12. September

Wie verlautet, hat der italienische Außenminister Grandi vor seiner Abreise nach Rom dem deutschen Außen­minister Dr. Curtius einen Besuch abgestattet, bei welchem nicht nur die deutsch-italienischen Beziehungen, sondern auch die Völkerbundsfragen besprochen wurden, soweit sie die erklärt, daß Grandi von dem Verlauf der Besprechung sehr befriedigt gewesen fei.

DerManchester Guardian" nimmt die jetzt in Genf zur Entscheidung stehende Saarbahnschutzfrage zum An­laß, sich in einem Leitartikel eingehend mit dem Saarpro­blem auseinanderzusetzen. Das Blatt schreibt u. a.:

Ieht, wo die Franzosen länger im Rheinland stehen, ist es schwer einzusehen, mit welcher Berechtigung ihre Truppen weiter im Saargebiet verbleiben, denn der Schutz des Saargebieks selbst ist allein eine Frage für die Verwaltungskommission des Völkerbundes. Die au­genblickliche Lage verletzt deutlich den Geist des Artikel» 30 des Anhangs zum Friedensvertrag, der sich mit der Verwaltung des Saargebiets befaßt.

Das Blatt zweifelt nicht daran, daß im Jahre 1935 d i e Bevölkerung des Saargebiets fast einmü­tig für den Wiederanschluß an Deutschland stimmen wird. Dies werde in Paris ebenso klar erkannt wie in Berlin. Manchester Guardian hält weiter die technischen Schwierigkeiten, die einer baldigen Regelung des gesamten Saarproblems im Wege stünden, nicht für bedeutend, glaubt aber, daß die politischen Differenzen die Aus­sichten auf eine vernünftige Regelung gefährden. Die An­wesenheit zweier so versöhnlicher Staatsmänner wie Cur­tius und Briand biete in Genf eine Gelegenheit zu einer allgemeinen Vereinbarung, die die Lösung der wirtschaft­lichen Schwierigkeiten ziemlich leicht machen müßte.

Um die Zurückziehung des Saar- Bahnschutzes

Genf, 12. September. Räch einer Havasmeldung würd« die französische Regierung grundsätzlich nicht gegen die Zu­rückziehung der französischen Bahnschutzlruppen aus dem Saargebiet sein, unter der Bedingung, daß die Regierungs kommission des Saargebietes sich in der Lage erklärt, oh Kontinuität des Wirtschaftslebens im Saargebiet mittels ge- eignetet lokaler Kräfte zu sichern und nötigenfalls auf oh französischen Truppen in Saargemünd zurückzugreifen.

Deutschland verlangt Sicherstellung der Minderheitenbelange

Genf, 12. September. Die deutsche Delegation hat beim Präsidium der Völkerbundsversammlung einen Antrag ge­stellt, der die Behandlung der Minderheitenfrage durch die jetzige Bundesversammlung sicherstellen soll.

Deutschland beantragt insbesondere, den Teil des Tätig­keitsberichts des Generalsekretärs, der sich auf die Minder­heiten bezieht, dem zuständigen VI. Ausschuß zu überweisen. Deutschland, das seine grundsätzliche Einstellung zur Minder­heitenfrage wiederholt im Rahmen des Völkerbundes darge­legt und" das bekanntlich gewisse Verbesserungen des Ver­fahrens in den Madrider Beschlüssen erreicht hat, legt augen­blicklich das Hauptgewicht auf eine nochmalige Ueberpru- fung der bestehenden Bestimmungen zum Schutz der Minder­heiten mit dem Ziele, ihre resttlose Durchführung zu sichern. Reichsaußenminister Dr. Curtius hat übrigens in den letzten Tagen mit den hier weilenden Minderheitenvertre- tern, die an dem Nationalitätenkongreß feilgenommen ha­ben, Fühlung genommen und sich über die konkreten Wünsche und Beschwerden der Minderheiten unterrichtet.