hersfelöerTageblaü
^^ hersfelöer Kreisblatt
sS^fcS^' Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 22t (erstes Mio«)
Sonnabend, den 27. September 1930
80. Jahrgang
Die Pöbelkrawalle in Prag
Filmablehnung ist nur ein Vorwand für übelste Deutschenhetze
Schober5 Rülktritt
Nach einer ganz plötzlich eingetretenen Zuspitzung der mnerpolitischen Lage in Oesterreich ist die Krise durch den Rücktritt des ^Kabinetts Schober zum offenen Ausbruch gekommen. Genau auf den Tag ein Jahr hat Schober regiert. Am 25. September 1929 übernahm er, als Oesterreich am Rande des Bürgerkrieges stand, von weiten Kreisen des Bürgertums als Retter begrüßt, die Zügel der Regierung. Ein Jahr später hat ihn ein innerhalb der Regierung ent- , standener Konflikt gestürzt, nachdem ihm die eigene Partei, oie Christilch-Sozialen, die Gefolgschaft versagte und sich auf I die Seite seines Gegners in Partei und Kabinett, des Vizekanzlers Vaugoin, stellte. Zwischen Kanzler und Vizekanzler bestanden seit längerer Zeit tiefgehende Differenzen. Vaugoin war der Vertrauensmann des sogenannten Seipelflü- gels der Partei, und böse Zungen behaupten, daß Schober eigentlich von Seipel gestürzt worden sei, der sich zu diesem Zwecke der Person des Vizekanzlers bediente.
Welches sind nun die tieferliegenden Ursachen des Verhaltens der Christlich-Sozialen, der größten Partei im Oesterreichischen Nationalrat? Schober wurde im vorigen Jahr als der starke Mann betrachtet, der den von den Heimwehren und ihren Anhängern im Lande so leidenschaftlich bekämpften Einfluß der österreichischen Sozialdemokratie brechen sollte, war doch sein Name untrennbar verknüpft mit der blutigen Niederschlagung des Aufstandes vom 15 Juli 1927. Die in lyn gesetzten Hoffnungen scheint Schober nun nicht erfüllt zu haben. Schobers Bestreben war, sich in allem streng an die Verfassung zu halten. Wohl war seine Regierung die Verkörperung der antimarxistischen Einheitsfront und die großen Gesetzeswerke, die Schober in zähem Ringen durch- setztö, wurden von der österreichischen Sozialdemokratie hart- dem Wunsche, ein erträgliches Verhältnis auch mit der Lin- i ken aufrechtzuerhalten und das Wohl des Staates und Volkes über die Interessen einzelner Parteien zu stellen.
Vaugoin nun ist der Vertreter derjenigen Politik, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die in dem starken Anwachsen der Heimwehren zum Ausdruck kommenden Tendenzen in der Richtung einer Aenderung der trotz zugestandener Erleichterungen schwer auf dem armen Lande lastenden Verhältnisse nutzbar zu machen. Seiner Anhängerschaft in der Partei ist es zuwider, einen möglichen Wahlkampf mit dem unparteiischen Bundeskanzler zu machen. Man befürchtet eine Loslösung der Heimwehrbewegung von der Partei und die Aufstellung eigener Heimwehrlisten. Dem gilt es durch Verstär- I kung des Heimwehreinflusses innerhalb der Partei entgegen« zuwirken. Erst kürzlich ist Vaugoin vom Wiener Heimweh- renverband das Vertrauen ausgesprochen worden, und der Vizekanzler scheint eine weitere Verlagerung des politischen Schwergewichts nach rechts unter dem Eindruck der Wahlen in Deutschland zu erhoffen. Wird eine Parlamentsauflösung vermieden und kommt es trotz der bestehenden außerordentlichen Schwierigkeiten zu einer Verständigung zwischen den Parteien, so wird die neue Regierungskoalition sich aus den gleichen Parteien zusammensetzen wie die bisherige. Eine Mehrheit gegen die 71 Mandate der Sozialdemokraten können die Christlich-Sozialen mit ihren 73 Mandaten nur durch die Unterstützung der auf Seiten Schobers stehenden kleinen bürgerlichen Parteien, der Großdeutschen und des Landbundes' zusammenbringen. Deren Stellungnahme gegenüber einem Kabinett Vaugoin ist aber jedenfalls noch ungewiß.
Außer in Oesterreich selbst wird die tatsächliche Vorgeschichte dieser Regierungskrise, die ja bekanntlich Strafen a-Krise getauft worden ist, kaum großes Interesse finden. Strafella, Präsident der Grazer Straßenbahngesellschaft und Heimwehrmann, sollte auf Verlangen Vaugoins zum Generaldirektor der österreichischen Bundesbahnen, ja nach dem Ausscheiden von Dr. Vanhans zum Präsidenten ernannt werden. Vaugoin bestand auch noch darauf, als Dr. Strafella aus seinem Beleidigungsprozeß gegen die „Arbeiterzeitung" kompromittiert hervorging. Vom Gericht wurde der Vorwurf der Unsauberkeit und Unkorrektheit als bewiesen ' erachtet. Da in dem Prozeß das letzte Wort noch nicht gesprochen ist und vor allem die gerichtliche Klarstellung der Korruptionsfülle in der Verwaltung der Bundesbahnen noch aussteht, wollte Schober eine sofortige Entscheidung der Personalfrage nicht zulassen, worüber der Streit entbrannte. Was den Eisenbahnskandal anbelangt, so stehen im Mittelpunkt der öffentlichen Auseinandersetzungen die Geheimfonds, und zwar sowohl Zuwendungen daraus, von denen einige sehr heikler Natur sind, als auch Zuflüsse an diese Geheimfonds, die sich aus Gratifikationen und Rückvergütungen von Lieferanten der Bundesbahnen sowie aus Zuwendungen von dritter Seite zusammensetzen. Es scheint sich da um ziemlich ungewöhnliche Vorgänge zu handeln, die in der österreichischen Oeffentlichkeit das größte Mißtrauen erregt haben und die mit dem großen Kampf um die Elektrifizierung in Zusammenhang stehen sollen. Erst die weitere Untersuchung wird hierüber Klarheit bringen. Inzwischen geht der Kampf um die Bundesbahnen weiter und wird auch bei den jetzigen Regierungsverhandlungen eine große Rolle spielen, nachdem der gegenwärtige Bundesbahnpräsident Dr. Banhans bereits vor Ablauf seiner Amtszeit E'ckgetreten ist. Auf ihn geht die Aufdeckung der ganzen
ESJturücL^ ^ * " '
Deutschland interveniert
Prag bedauert
# Die Berichte über die Ausschreitungen einer verhetzten Masse gegen das Prager Deutschtum haben in der ganzen vorurteilsfreien Welt und nicht zuletzt in Genfer Bölkerbundskreisen gezeigt, wie dringend notwendig es ist, den Schutz der nationalen Minderheiten nicht nur theoretisch zu erörtern, sondern Maßnahmen festzulegen, die einen solchen Schutz auch praktisch wirksam werden lassen.
Gerade Herr Benesch ist es bekanntlich gewesen, der der deutschen Initiative in Genf zur Verbesserung des Verfahrens des Minderheitenschutzes mit der kategorischen Erklärung entgegentrat, daß seine Regierung über die bestehenden Verpflichtungen hinaus keine neuen übernehmen würde. Die tschechischen Nationalisten und Faschisten haben hierzu mit ihrem Sturm auf das „Deutsche Haus", auf das Deutsche Theater und auf die deutschen Kinos und Läden einen Kommentar gegeben, der Herrn Benesch bestimmt in dem gegenwärtigen Augenblick nicht sehr angenehm ist.
Der von dem deutschen Gesandten in Prag nach Berlin übermittelte Bericht hat jedenfalls der deutschen Regierung Veranlassung gegeben, durch ihren diplomatischen Vertreter in der Tschechoslowakai die tschechische Regierung aus den schweren politischen Rückschlag aufmerksam machen zu lassen, den die Präger Ereignisse der letzten Tage in den Beziehungen der beiden Staaten herbeiführen können, und auf die nachteilige Wirkung dieser Vorgänge auf die öffentliche Meinung in Deutschland. Der deutsche Gesandte hat dabei betont, daß er auf die wirtschaftliche Seite der tatsächlichen Außerkurssetzung der deutschen Tonfilme einstweilen noch nicht eingehe.
Minister K r o f t a , der langjährige tschechische Gesandte in Berlin, sprach sein Bedauern über die Vorgänge aus bind Regierung, Man wird abwarten müssen, wetzM. Maßnahmen He
mwnnw
tschechische Regierung veranlassen wird, um das Porzellan wieder einigermaßen zu kitten, das in diesen Tagen zerschlagen worden ist. Jedenfalls wird man sich in Prag darüber klar werden müssen, daß die Zeiten ungezügelten Terrors gegen das Deutschtum in der Tschechoslowakei vorüber sind. Die öffentliche Meinung denkt heute über solche Vorgänge doch wesentlich anders als noch vor vier oder fünf Jahren. Außerdem! st fürdieTschechoslowak ei heute ein gutes Verhältnis sowohl zu ihren deutschenStaatsb ärgern wiezumDeutschen “ ' ' ste Vorbedingung für eine günstige
l u n g s e i n e r W i r t s ch a f t. Die Erklärung
Reich er Entwick
des deutschen Abgeordneten K e i h l im tschechischen Parlament,
„daß es eine grobe Zumutung an die deutsche Bevölkerung sei, die tschechischen Einbrüche in das geschlossene sudelendeutsche Gebiet ruhig hinzunehmen, sollten in Prag um so stärker beachtet werden, als kaum ein Zweifel darüber besteht, daß das Verhalten des Präger Oberbürgermeisters B axa in dem Kampf gegen die deutschen Filme dem tschechischen Pöbel zu seinem Vorgehen erst das Signal gegeben hat. Darüber wird noch zu reden sein, und zwar nicht nur bei der Schadensregeluntz, die diesem Tumult gegen deutsches Eigentum folgen muß.
Nach den bedenklichen Ausschreitungen aufgehetzten Pöbels gegen deutsche Geschäftsinhaber und gegen das „Deutsche Haus" scheint heute eine gewisse Ernüchterung auch bei den Kreisen erfolgt zu sein, auf deren systematische Hetze diese Deutschenverfolgungen zurückzuführen sind. Das wird besonders deutlich in der diesen Kreisen nahestehenden Presse. Nur das Organ des Faschistenführers Gajda nimmt für die „Brüderschaft der nationalen Faschistengemeinde das Verdienst in Anspruch, die Bewegung und die Kundgebungen gegen die deutschen Tonfilme in Gang gebracht zu haben. Die übrige nationalistische Presse ist in ihren Aeußerungen ejdoch heute wesentlich zurückhaltender. Bezeichnend dabei ist, daß in einigen Blättern übereinstimmend
die zurückhaltende Taktik der prager Polizei lobend hervorgehoben wird und daß ein angeblicher Ausspruch eines Polizisten erwähnt wird „Wenn wir die Uniform ablegen könnten, würden wir uns euch anschließen.
Die gemäßigte und Linkspresse dagegen verurteilt die Ausschreitungen entschieden.
Di e d eutschfeindliche Bewegung in Prag
Ein merkwürdiger Beschluß des Stadtrats. — Zahlreiche Demonstrationen. — Scharfes Vorgehen der Gendarmerie.
Prag, 27. September.
Der Prager Stadtrat hat in seiner gestrigen Sitzung eine Entschließung gefaßt, die die „würdigen Kundgebungen der Bürger zum Schutze des slawischen Charakters Prags begrüßt, aber bedauert, daß diese „würdigen" Kundgebungen des ersten Tages durch einige unverantwortliche Faktoren zu strafbaren Handlungen ausgeartet seien, die den guten Ruf des slawischen Prags schädigten.
Anläßlich der von den Nationalsozialisten einberufenen Versammlung hatten sich in den ersten Abendstunden auf dem oberen Wenzel-Platz vor dem Parteisekretariat trotz des leich
ten Regens große Menschenmengen eingefunden. Es wurden Plakate herumgetragen, deren Aufschriften gegen den „faschistischen Terror" im slawischen Prag protestierten. In Ansprachen wurde zur Ruhe gemahnt. Kommunistische Stö- rungsversuche wurden durch die Polizei unterdrückt.
Eine Bertreterversammlung der tschechischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei wandte sich in einer Entschließung gegen die deutschfeindlichen Kundgebungen und richtete an die Sozialdemokratische Arbeiterschaft den Appell mit aller Entschiedenheit sich zur Abwehr der national-chauvinistischen Aktion zu stellen, deren Folgen nur die breiten Volksschichten zu tragen hätten.
Gendarmerieabteilungen mit aufgepflanztem Gewehr, die von auswärts nach der Hauptstadt zusammengezogen sind, gingen abends gegen Zusammenrottungen vor und zerstreuten sie rasch. Der Wenzel-Platz wurde mehrmals im Sturm geräumt. Mehrere Personen wurden verletzt und festgenommen. Allgemein fiel auf, daß die Gendarmerie ungleich wirksamer eingriff, als am Vortage die Polizei, deren Versagen Gegenstand der Debatte des gestrigen Ministerrats war, in welchem auch die Absetzung des Polizeipräsidenten D o l e j s ch in Erwägung gezogen wurde. Ministerpräsident U d r z a l sagte den beiden deutschen Ministern rücksichtslose Unterdrückung weiterer etwa geplanter deutschfeindlicher Ausschreitungen zu.
Die Nationaldemokratische „Narodni Listy" schreibt, man werde sich vergeblich bemühen, das erwachte tschechische Nationalbewußtsein zu bändigen und die Welle des deutschfeindlichen Nationalismus zu hemmen. Die Presse der Gruppe Stribrny fordert Neuwahlen. Auf einer Versammlung dieser Gruppe wurde die Parole ausgegeben, zur deutschen Gesandtschaft zu ziehen, um dort zu demonstrieren.
Die Kommnisten, die nach der nationalsozialistischen Kundgebung am Wenzel-Platz eine Kundgebung zu veran- stalten suchten und von der Polizei verstreut wurden, zogen später vor das sozialdemokratische Volkshaus, wo sie zu lär- -untenikrml «unw'^—ly, Hsrr5« .»orjnmm<>iti> Mrheiterfcbaft
- ^ Angriff auf die HommunMu.
Die Polizei schritt ein und stellte die Ordnung wieder her. Die Kommunisten zogen alsdann nach dem kommunistischen Volkshaus im Karolinenthal ab. Auf dem Wenzel-Platz kam es im Laufe des Abends wiederholt zu Ansammlungen, die von der Polizei stets sofort verstreut wurden. 23 Personen wurden verhaftet. Bis 10 Uhr abends waren drei Wacht- leute als verletzt gemeldet.
Prag macht SM?
Deutschfeindliche Kundgebungen auch in Kattowitz
Kattowitz, 26. September
Vor den Geschäftsräumen der Kattowitzer Zeitung rotte- ten sich abends gegen ^11 Uhr Aufständische zusammen und schlugen die Fensterscheiben ein. Die Täter sind Angehörige der Sauacja-Partei, die kurz vorher eine Versammlung abgehalten hatte. Anscheinend wurde bei dieser Versammlung auch die Tat besprochen. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Die sofort benachrichtigte Polizei konnte lediglich die Neugierigen zurückdrängen und weitere Sicherheitsmaßnahmen'treffen.
Seine! Maßen« Wer?
Wien, 27. September.
Der Rücktritt Schobers wird in der gesamten Presse unter Betonung seiner Verdienste um den Wiederaufbau Oesterreichs besprochen, wobei die Blätter mit Ausnahme der christlich-sozialen und des „Neuen Wiener Journals ihrem Bedauern über das Ausscheiden des Bundeskanzlers Ausdruck geben und die Frage aufwerfem ob es notwendig ' gewesen sei, daß es dazu kam.
Im Falle der Bildung einer Regierung Vaugoin glaubt man, daß der frühere Bundeskanzler Seipel von Vaugoin gebeten werden wird, den Posten des Außenministers zu übernehmen.
Ob es den Vertretern des Bürgertums gelingen wird, die gemeinsame Linie zu finden, ist nach wie vor ungewiß. Die alte Bruchsicherheit dürfte der neue Vürgerblock nicht mehr erlangen.
Unterredung Henderson-Curtius
Genf, 27. September.
Der britische Außenminister Henderson ist gestern abend abgereist, um rechtzeitig zu der letzten Vorbereitung der Reichskonferenz in London einzutreffen. Henderson hatte im Laufe des Nachmittags mit dem deutschen Außenminister Dr. C u r t i u s eine Unterredung, in der von aktuellen Volkerbundsfragen, u. a. auch die Frage der Reorganisation des Völkerbundssekretariates gesprochen worden sein dürfte.
Dr. Curtius bleibt in Genf
Genf, 27. September. ~
Reichsaußenminister Dr. Curtius wird nicht, rviZ ursprünglich vorgesehen, am Sonnabend nach Baden reifen, sondern bis zur Beendigung der Völkerbundsversammlung in Genf bleiben. 1 —■ ^