HersfelöerTageblaÜ
eörrholmigtn wir- an tu gewährt. ♦ Mt Mt «< ! ptnj Juni m fittsftlb.
herssel-er Kreisblatt
* Amtlicher/lnzeiger für den Kreis Yersfelö
Nr. 228
Montag, den 29. September 1930
80. Jahrgang
Völkerbund entscheidet Memelbeschwerde
Trotz Sträubens und Schikanen -es litauischen Außenministers wird in Gens die Autonomie Memeis behandelt
Neichskabinett billigt einstimmig das Notprogramm
heute abschließende Kabinettssitzung. Veröffentlichung des Textes morgen.
Berlin, 29. September. Die Beratungen des Reichskabinetts über ein Gesamtprogramm wurden am Sonnabend zu Ende geführt. Die mehrtägigen eingehenden Verhandlungen unter Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning und unter Hinzuziehung des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther und des preußischen Finanzministers Dr. Hoep- ker - Aschosf führten zu einstimmigen Entschließungen des Reichskabinetts. Eine abschließende Kabinettssitzung zur Verabschiedung der formulierten Vorschläge ist für heute nachmittag vorgesehen; eine öffentliche Verlautbarung der Reichsregierung über das Gesamtprogramm erfolgt im Laufe des Dienstag.
(Anm. b. Red.): Ein abgerundetes Bild über die Maßnahmen, mit denen die Reichsregierung die gegenwärtige Notlage bekämpfen will, läßt sich zur Zeit nicht gewinnen. Man wird daher gut tun, die offizielle Veröffentlichung des Regierungsprogramms ab,zuwarten.
Temokratifcher Parteivorstand und Staatspartei
Berlin, 29. September. Der demokratische Parteivorstand betonte in einer am Sonnabend abgehaltenen Sitzung den Wunsch zur beschleunigten Fortsetzung der Verhandlungen wegen Konstituierung der Staatsp'artei, damit der Parteitag der Deutschen Demokratischen Partei möglichst bald zur Beschlußfassung berufen werden könne. Bei der Konstituierung der Staatspartei müßten die grüßendem o-
GeneralstxeiRaüfforderung in Dstober- schlesien
Kattowitz, 29. September. Die polnischen Oppositionsparteien haben durch Flugblätter die Arbeiterschaft zu einem dreitägigen Generalstreik als Zeichen des Protestes gegen die Auflösung des schlesischen Sejms und die Verhaftung Korsantys aufgefordert. Ein kleiner Teil der Bergarbeiter hat der Streikparole bereits Folge geleistet. Auf einer Konferenz der Gewerkschaftsführer stellte sich jedoch heraus, daß die Christlichen Gewerkschaften wenig Neigung zu dem Streik haben.
Die Ukrainerverfolgungen in Polen
Warschau, 29. September. Die Polizei nahm am Sonnabend in allen Schulen und ukrainischen Organisationen zahlreicher Orte Haussuchungen vor, bei denen viel Munition und Raketen, wie sie zur Benutzung bei Brandstiftungen verwendet werden, beschlagnahmt worden sein sollen. Es wurden insgesamt an hundert Ukrainer, unter ihnen drei Abgeordnete der ukrainischen Nationaldemokraten, verhaftet. Die Mehrzahl der Verhafteten besteht aus Studen- ten und hohen Schülern. Die Zahl der in der letzten Zeit Verhafteten dürfte damit auf 500 angewachsen sein. Trotzdem waren bereits wieder auf verschiedenen großen Gütern Brandstiftungen zu verzeichnen.
Hermann Müller für politische Verständigung
Zürich, 29. September.
' Am Sonntag sprach der frühere Reichskanzler Hermann Müller hier über das Thema „Deutsch-französische Annäherung als Garantie des europäischen Friedens." Unter den Anwesenden bemerkte man den deutschen Gesandten Müller, Generalkonsul Heilbronn, Vertreter der Kantonregierung und der städtischen Behörden.
Der Redner gab zunächst einen Ueberblick über die gegenwärtige politische Lage in Europa und sah in der Annäherung der beiden großen Nachbarn Deutschland und Frankreich ein Ziel, das nicht nur Interessen dieser beiden Länder, sondern ganz Europa dienen werde. Voraussetzung für jede fruchtbare Zusammenarbeit sei die Notwendigkeit der geistigen Abrüstung. Eine wirtschaftliche Einigung Europas erscheine aber nur dann durchführbar, wenn auch der Wille zur politischen Verständigung da ist. Zu den Aufgaben einer etwaigen europäischen Sektion im Völkerbund wurde u. a. die Vorbereitung des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland gehören. Nichts habe dem Völkerbund mehr geschadet, als daß er in lebenswichtigen Fragen nicht über das Diskutieren hinausgekommen sei. Zum Schluß wandte sich der Redner dem Wahlergebnis in Deutschland zu und betonte mit Nachdruck daß eine Verständigungspolitik heute ebenso notwendig sei wie vorher. Notwendig sei aber auch ein Verständnis des Auslandes für die Lag- und die Bedürfnisse Deutschlands.
Die türkische Kabinettskrise
Konstantinopel, 28. September.
Ismet Pascha hat auf Drängen Kemal Paschas die BildNug des neuen Kabinetts übernommen. Mit Ausnahme des Wirtschafts-, Arbeits-, Unterrichts- und Justizministeriums wird es sich aus Mitgliedern des alten Kabinetts zusammensetzen. Für die Ministerien sind vorgesehen Mustafa Cheref Bei, Zekai Bei, Esat und Kemal Bei.
Die Memelbeschwerde
Offizielle Behandlung vor dem Völkerbund
Genf, 28. September.
Der Völkerbundsrat hat beschlossen, den Antrag der Deutschen Regierung auf Behandlung der Memelbeschwerde auf die Tagesordnung einer seiner nächsten, Sitzungen zu setzen. Zum Berichterstatter wurde auf Borschlag des Präsidenten der Delegierte Norwegens bestimmt.
Der litauische Außenminister Zaunius, der am Ratstisch Platz genommen hatte, gab zu Beginn der Verhandlungen eine längere Erklärung ab, in der er sich mit dem Recht, daß Litauen seine Beschwerde vorbringe, beschäftigte und dabei wiederum die vollkommen haltlose Auffassung vertrat, daß die Beschwerde nicht zulässig sei.
Außenminister Dr. Cuettus
gab seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß das Iuristen- komitee in seinem Gutachten ausdrücklich festgestellt habe, Saß die deutsche Regierung sich an die Bestimmungen 17, Absatz 1, der Memel-Konoention gehalten habe. In den Erklärungen des litauischen Außenministers sei nur die von praktischer Bedeutung, daß die litauische Regierung sich einer Behandlung der Frage durch den Rat zurzeit nicht formell widersetze.
Dr. Eurtius wies sodann in gemäßigter, aber sehr bestimmter Form die Ausführungen des litauischen Vertreters über das Petitionsrecht zurück.
Dr. Eurtius erklärte, er weise den Angriff des litauischen Vertreters auf das Recht der Ratsmitglieder nachdrücklich zurück. Der Rat beschloß aus Vorschlag des Präsidenten,
auf die Tagesordnung des
werde o
litauische Außenminister nicht nur den Gouverneur des Memellandes Merkys, sondern sogar die litauischen Gesandten in Paris und Rom nach hier berufen habe. Man hört vielfach die Meinung, Zaunius wolle feinem Lande eine gewisse Rückendeckung verschaffen.
Der otierichlelilche 5*nl|fenbil
Deutsche Minderheitenbeschwerde vor dem Völkerbundsrat.
Genf, 27. September.
Der Völkerbundsrat hat sich am Sonnabend mit einer Beschwerde des Deutschen Volksbundes über die Nichtzulassung von 60 Schulkindern in den oberschlesischen Minderheitsschulen besatzt.
Obwohl der Präsident der Gemischten Kommission, Ea! onder, zweimal und zuletzt dahin entschieden hat, daß die Kinder in den Schulen zuzulassen seien, haben die polnischen Behörden die Ausnahme der Kinder in die deutschen Minderheitenschulen verweigert, so daß die Minderheit gezwungen war, sich an den Völkerbund zu wenden.
In der Vorentscheidung Calonders wurde ausdrücklich fesigesteltt, daß weder die Bestimmungen der Genfer Konvention noch eine Verfügung des Haager Gerichtshofes vom 26. April 1928 die polnischen Behörden ermächtigen, über die Nichtzulassung dieser 60 Kinder in die Minderheitenschulen zu verfügen.
Als Berichterstatter legte der Vertreter Japans ausführlich »r Sachverhalt dar, wobei er insbesondere auch die vore'wen--te Entscheidung Calonders heranzog und ihre Nichtberücksichtigung durch die polnischen Behörden feststellte. Der Berichterstatter gab der Meinung Ausdruck, daß diese Frage nur auf der Grundlage eines Gutachtens des Haager Gerichtshofes erledigt wer-- den könne. Er schlug dem Rat vor, die Frage auf eine Sitzung im Januar zu vertagen. Inzwischen werde er sich mit der p-B-^'chen und der deutschen Regierung in Verbindung setzen, um die betreffenden Fragen zu formulieren, die den Haager Gerichtshof zur Prüfung vorgelegt werden würden. Der Rat beschloß in diesem Sinne.
Die Genfer Abrüstungsbemühungen Der Bericht des Ausschusses. — Deutschland kündigt Stimmenthaltung an.
Sonnabend
Genf, 29. September. Der Abrüstungsausschuß hat am ____»abend den der Völkerbundsversammlung vorzulegen- den Bericht über d-ie Abrüstungsfrage genehmigt, der die Erwartung susdrückt, daß die allgemeine Abrüstungskonferenz im Laufe des Jahres 1930 einberufen werde und im übrigen die am Freitag angenommene Entschließung ent
hält.
Obwohl der deutsche Vertreter dem Bericht zustimmte, wird sich jedoch die deutsche Delegation bei der Abstimmung in der Völkerbundsversammlung über die Entschließung der Stimme enthalten, da in dieser Entschließung kein f e st e s Datum für den Zusammentritt der Abrüstungskonferenz angegeben wird.
Vaugoin, Nachfolger Schobers.
Nachdem die Regierung Schobers demissioniert hat, wurde Vau- goin mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt.
Die unsympathische Reform des Völker- bundssekretariats
Verzögerung der Entscheidung bis zum nächsten Jahre.
Genf, 29. September. Im Laufe der Sonnabenddebatte im Budgetausschuß der Völkerbundsversammlung verstärkte Lch_ÜLi^L1lldMck, daß bei der Mehrheit im Gegensatz zu einer
Neigung besteht, in der obersten Leitung des Volkerbunös- sekretariats wesentliche Änderungen vorzunehmen. Ein Prüfungsausschuß soll vielmehr über Beibehaltung oder Aufhebung, Verringerung oder Vermehrung der Untergeneralsekretärposten bis zum Mai nächsten Jahres beraten.
Von der auf der letzten Völkerbundsversammlung so entschieden geforderten Reform des Völkerbundssekretariats bleiben demnach nur unwesentliche Änderungen in der Verwaltung übrig. Künftig werden grundsätzlich die höheren Beamten auf Lebenszeit angestellt werden. Allerdings soll es auch Beamte auf Privatvertrag geben, wodurch die dauernde Festlegung der ungleichmäßigen Nationalitätsn- verteilung in der Politischen und Informationsabteilung des Sekretariats verhindert wird.
WiMsIrogen in Genf
Der Michelisberichl
Genf, 28. September.
Der Wirtschaftsausschuß der Völkerbundsversammlung hat die Beratungen über den Bericht des italienischen Delegierten Michelis fortgesetzt.
In dem Bericht wird gefordert, der gegenwärtigen Unordnung der Weltwirtschaft durch systematische internationale Maßnahmen zu begegnen. Man habe von einer europäischen Zusammenarbeit im Rahmen des Völkerbundes den Schäden eines übertriebenen Protektionismusfes, bet internationalen Regelung der Meistbegünstigungsklausel dem wirtschaftlichen Zusammenschluß von Staatengruppen mit gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen gesprochen.
Vielfach sei die Meiung zum Ausdruck gekommen, eine neue Weltwirtschaftskonferenz einzuberufen. Die Kommission sei aber zu der Auffassung gekommen, daß eine neue Welt- wirtschaftskonferenz erst einberufen werden solle, wenn die Beschlüsse der ersten Konferenz durchgeführt sind. Zu diesem Zwecke werde die Völkerbundsversammlung eine entsprechende Entschließung unterbreiten. Mit besonderem Interesse sehe man der Untersuchung des internationalen Arbeitsamtes über die Arbeitslosigkeit und die Lohnbewegung entgegen.
In Verbindung mit dem internationalen Landwirt- schaftsinsiikut in Rom würde man nach Mitteln und
Wegen suchen, um eine Verbesserung zu erzielen.
Demnächst werden die vorbereitenden Arbeiten für die zweite Weltgetreidekonferenz aufgenommen. Die Beschlüsse der Warschauer Konferenz seien teilweise in den Debatten gebilligt worden. Man sei mit einer Erörterung der Warschauer Beschlüste auf einer späteren Völkerbundskonferenz einverstanden.
Große Befürchtungen seien wegen des Dumpings geäußert worden.
Man erwarte, daß eine möglichst große Anzahl von Staaten die Handelskonvention vom März des Jahres ratifiziere. Da über verschiedene Punkte des Bericktes in der heutigen Sitzung eine Einigung nicht erzielt werden konnte, wurde ein Unterausschuß mit der Prüfung verschiedener Punkte beauftragt.