HersfelSerTageblatt yersfel-er Kreisblatt
Amtlicher Inzeiger für den Kreis Hersfel-
Nr. 259 Dienstag, den 4. November 1930 80. Jahrgang
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Kanzlerappell an Frankeich
Gleiche Sicherheit für alle — Keine Politik des Abwehrwillens — Positive Zusammenarbeit nötig
Smflsl eratung in heutiger Zeit
Von Dr. M a r i e Bernays.
Die Berufsberatung der Jugend mit dem Ziel: den richtigen Menschen an den richtigen Platz zu bringen, ist durch die schwere Krisis, in der sich unser Wirtschaftsleben seit Monaten befindet, vor besonders verantwortungsvolle Aufgaben gestellt. Auf den ersten Blick mag es scheinen, als ob die Berufsberatungsst eilen am besten daran täten, bis auf weiteres ihre Pforten zu schließen, oder sich damit zu begnügen, theoretisch durch die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und Experimente Eignung oder Nichteignung eines Jugendlichen für eine bestimmte Tätigkeit festzustellen. Denn wie wollen sie die zweite, wirtschaftliche Seite ihrer Aufgabe erfüllen? Wo ist der Beruf, zu dem man heute noch „raten" kann? Wo ist derjenige, von dem man nicht „abraten" müßte?
Unter den jungen Menschen, die um einer eigentlichen Beratung willen, nicht in erster Linie der Stellenvermittlung wegen, ein Berufsamt aufsuchen, lassen sich deutlich zwei Grundtypen unterscheiden, die Entschlossenen und Begeisterten einerseits, die Gleichgültigen uno Unentschiedenen andererseits.
Hinsichtlich der ersteren Gruppe hat die Berufsberatung heute wie immer die leichtere Aufgabe: den Weg zum ersehnten Ziel zu zeigen, die besonderen Anforderungen des Berufes hervorzuheben, das Zusammenfallen von Eignung und Neigung mehr zu konstatieren, als zu prüfen. Da der Berufs- und damit Arbeitswille hier stark entwickelt ist, wird man sich in diesen Fällen mit der Ueberzeugung trösten müssen, daß der Tüchtige auch in schlechten Zei- ten auf seinen Platz kommen und in dem Inhalt der von ihm ersehnten Tätigkeit einen Ersatz für Kämpfe und Mühen finden wird.
D^o^sn hilhan hia n n p ja i s ch f n i f a u e N , ,.pj.e i.ch ^ Tu lügen Jugendlichen für die Berufsberatung ein besonders schweres Problem. Wenn weder ein starkes Ethos — bei rein geistigen Berufen — noch eine ausgesprochene Neigung — bei praktisch-technischer Arbeit — zur Berufswahl treiben, steht natürlich der wirtschaftliche Gesichtspunkt im Vordergrund. Eine oder die andere Neigung ist wohl vorhanden, aber man möchte den Weg des geringsten Widerstandes gehen. In dieser furchtsamen — zweifelnden Stimmung schwankt der junge Mensch zwischen wesensver- schiedenen Berufen wie: Ingenieur und Theologe, Bibliothekarin oder Fürsorgerin, Bankfach oder Kunstgewerbe, hin und her.
Gerade hier hat die Berufsberatung heute ihre wichtigsten volkserzieherischen Aufgaben. Sie muh es sich angelegen sein lassen, die Eignung des jungen Menschen für einen der zur Wahl stehenden Berufe auf das Gründlichste zu prüfen; sie wird den Hauptnachdruck auf bie Betonung der Tatsache legen, daß Eignung zuerst und nicht ein in der Zukunft erwartetes und erhofftes Verdienst allein den Ausschlag bei der Berufswahl geben muß. Unsere Zeit ist hart und schiebt rücksichtslos die Ungeeigneten wieder aus der Berufslaufbahn heraus, mag auch das Ziel der höheren Schule, der Fachschule oder der Universität mit mehr oder weniger Mühe erreicht worden sein.
Der Berater muß den Mut aufbringen, vor übersteigerten Berufsausbildungen im Interesse der Jugendlichen selbst zu warnen, und es mehren sich glücklicherweise heute die Stimmen, die ihn bei dieser Aufgabe unterstützen. Ist die Berufseignung wirklich vorhanden, fc wird auf die Dauer der einfachere Beruf mehr innere Befriedigung und besseres äußeres Vorwärtskommen sichern, als der ungeeignete gehobene Beruf, Es darf nicht übersehen werden, daß viel innere Verbitterung, viel unbefriedigtes Lebensgefühl und auch manche erhebliche Schädigung der Gesundheit Folge einer falschen Berufswahl und überlangen Berufsausbildung oft sind.
Den wirklich Begabten beider Geschlechter muß der Aufstieg in jeder Weise erleichtert werden; der großen Masse der übrigen, durchschnittlich für verschiedene Lebensgebiete Befähigten gegenüber gilt es, auf die Weisheit des Goethewortes hinzuweisen: „Nichts ist für den Menschen so erstrebenswert, als ein glückliches Verhältnis seiner Arbeit zu feinen Fähigkeiten und Kräften." Eine gesunde und z w e ck - mäßige Lohn- und Gehaltspolitik muß diese Bestrebungen einer verständigen Berufswahl unterstützen, indem sie auch in einfacheren Berufen die Aussicht auf eine befriedigende Lebensführung und Lebensformung eröffnet.
Vielfach wird heute verstärkt der Wunsch erhoben, daß sich die Mädchen ausschließlich „weiblichen Berufen" widmen und damit die Konkurrenz um Männerposten abschwächen möchten. Auch wenn man den Fortschritt einer „sinnvollen Arbeitsteilung" zwischen Mann und Frau begrüßt, so darf doch nicht übersehen werden, daß die sogenannten „weiblichen Berufe" durchaus nicht alle Berufsanwärterinnen aufnehmen könnten, und daß auch nicht alle Frauen Eignung für solche Berufe besitzen, um so weniger, als dieser Begriff bei den höheren Berufen meist inhaltslos ist. Auch über jedem Frauenleben steht das Wort: „Gedenke zu leben". Und diese Forderung kann nur erfüllt werden, wenn der junge Mensch seine Kräfte in einer geeigneten Arbeit entfaltet, denn: „Gesegnet ist der, der seine Arbeit gefunden hat." . ____
„Nicht Satz und Kriegsdrohung"
Dr. Brüning über die Reparalions- und Abrüstungsdebatle.
Berlin, 4. November.
Während der Anwesenheit des diplomatischen Redakteurs des „Petit Parisien" in Berlin wurde ihm vom Reichskanzler Dr. Brüning eine Unterredung gewährt, in der dieser ihm eine ausführliche Erklärung über Wesen und Ziel der deutschen Außenpolitik gab. Er erinnerte einleitend an seine Regierungserklärung, in der er als höchstes Ziel der deutschen Außenpolitik die Erringung der nationalen Freiheit und der moralischen und materiellen Gleichberechtigung bezeichnet habe. Sie lehne dabei alle Abenteuer ab und sei bestrebt, in organischer Weiterentwicklung auf dem Wege des Friedens vorwärtszukommen. Hinter dieser Politik stehe der weitaus größte Teil des deutschen Volkes. Die R h e i n • landräumung fei eine große Etappe auf dem Wege dieser deutschen Befreiungspolitik.
Der Kanzler kam dann auf verschiedene französische Aeußerungen zu den deutschen Wahlen zu sprechen, die einen Rückschritt in der Entwicklung der deutsch-französischen Verständigung feststellen wollen. Dr. Brüning erklärte hierzu u. a.:
„Nicht haß und Kriegsdrohung sind aus den Wahl- urnen des 14. September hervorgegangen, sondern der Ausdruck eines tiefbedrückten und doch starken Volkes, das um seine nationale Zukunft ringt.
Die Stimmen, die wir aus Frankreich hören, bringen fast übereinstimmend eine Enttäuschung zum Ausdruck, daß die Konzessionen, die Frankreich durch Erleichterung der Reparationen und durch vorzeitige Räumung gemacht zu haben glaubte, in Deutschland nicht genügend gewürdigt würden. In Frankreich scheint man nicht zu verstehen, daß die Minderung der Reparations- lasten nicht die erwartete wirtschaftliche
u rr d. urmTl lisch,! Eui t s p a n niiii.a b r a ch t e. ,____
Frankreich als hauMglaumger muß einsehen, daß keine deutsche Regierung ihrem Volke eine Milliardenschuld, die in ihrer Gesamtheit immer wieder als drückend empfunden wird, durch die an sich begrüßenswerte Ermäßigung um einige ICO Millionen tragbarer erscheinen lassen kann. Wenn gleichzeitig die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise dazu zwingt, mehrere Mill erben neue Steuern und Lasten auf- zuerlegen, ist es selbstverständlich, daß jede deutsche Regierung sich alle vertragsmäßig zur Abwehr von Gefahren für Wirtschaft und Währung zur Verfügung stehenden Maßnahmen offen halten muß, für den Fall, daß sich die Voraussetzungen für die Erfüllungen dieser Zahlungen nicht ein- stellen sollten.
Die Enttäuschung Frankreichs über die angeblich nicht genügende Anerkennung der vorzeitigen Rheinlandräumung ist nicht gerechtfertigt. Die immer wieder hinausgeschobene Entscheidung hat die Wirkung und den Eindruck dieser lang erwarteten Maßnahme, die zudem nicht ohne neue Härten und Belastungen vor sich ging, sehr abgeschwächt. Man sollte sich auch darüber klar sein, daß es dem Stolze und der Würde eines großen Volkes widerspricht, das Aufhören einer schweren Unbill, als welche die Besetzung friedlicher Gebiete noch 12 Jahre nach dem Kriege angesehen wird, zum Anlaß einer besonderen Dankesbezeugung zu nehmen.
Die endgültige Aufgabe dieser militärischen Sicherheits- maßnahme hat indes keineswegs die Diskussion über die Sicherheitsfrage ein- für allemal aus der Welt geschafft. Immer wieder wird dasSicherheitsproblem gleichsam als Ausdruck eines anhaltenden Mißtrauens in den Vordergrund gestellt.
Frankreich dürfte hierbei vielleicht verkennen, daß man angesichts eines entwaffneten Volkes, dessen Grenzen nach allen Richtungen offen sind und das von waffenstarrenden Nachbarn umgeben ist, nicht immer von neuem die Forderung nach Sicherheit dem rechtmäßigen Verlangen nach Abrüstung entgegenstellen kann, ohne die Unankastbarkeit feierlich eingegangener Vertrüge anzuzweifeln, deren Urheber zu sein gerade Frankreich sich zu rühmen weiß. Nach unserer Auffassung haben alle Staaten gleiches Recht auf Sicherheit, und wir verstehen nicht, warum hier mit zweierlei Maß gemessen werden soll. Eine Politik des kühlen Abwartens ist hier nicht am Plätze.
In Frankreich herrscht vielfach die Meinung, daß es falsch sei, Deutschland immer neues Entgegenkommen zu zeigen, da es stets nach Erreichung eines Zieles sich nicht zufrieden gebe, sondern mit immer neuen Forderungen her- vortrete. In der Tat steht die deutsche Außenpolitik ebenso wie die auch anderer Staaten noch vor vielen unerreichten Zielen. Deutschland ist noch weit entfernt von der vollen Souveränität seiner Großmachtstellung. Viele Fragen, deren Lösung vertraglich vorgesehen ist, sind heute noch nicht bereinigt, ja, zum Teil noch nicht einmal ernstlich in Angriff genommen. Solange dieser unnatürliche Zustand an= dauert, der vor mehr als einem Jahrzehnt in Ausnutzung der durch diesen Krieg gelassenen Machtverhältnisse festgelegt wurde, wird Deutschland mit allen ihm zu Gebote stehenden friedlichen Mitteln aus eine Aenderung hinzuwir- ken versuchen und nach wie vor mit seinen berechtigten Ansprüchen hervortreten, deren Ausgleich, weit entfernt Beunruhigung hervorzurufen, zur Förderung des Friedens dienen wird.
Leutsche Sicherheitrlordermgen
Für Wirtschaft und nationales Leben
Dresden, 4. November.
Reichsbankpräsident Dr. Luther betonte in einer längeren Rede, die er am Montagmittag gelegentlich der Einweihung des neuen Reichsbankgebäudes in Dresden hielt, u. a., daß ein Volk in Not wie das deutsche besonders sorgfältig darauf achten müsse, daß es bei seinem Tasten und Vorwärtsdrängen nicht in verständlicher Ungeduld die Fühlung mit der Wirklichkeit und den unabänderlichen Gesetzen des Wirtschaftslebens verliere. Das große innere Reformwerk, das auszuführen Deutschland jetzt im Begriffs sei, könne seine Vollendung nur in einer mutigen Reichs- reform finden. Ohne Reichsreform werde Deutschlands ungeheuere staatliche Kraft weder nach innen, noch nach außen jemals zu voller Entfaltung kommen. Unserem Volke, das den wundervollen Bau deutschen Staatswesens und deutscher Wirtschaft vor dem Kriege errichtete, das während des Krieges im Handeln und Dulden Heldentaten vollbrachte, von denen nach vielen Geschlechtern die Dichter noch fingen werden, das all die Wiederaufbauarbeit nach dem Kriege mit ungebrochener Kraft und zum Staunen der ganzen Welt leistete: diesem Volke stehe es nicht an, kleinmütig zu sein, weil jetzt wieder Unwetter über uns hinziehen. Solchen, die verzagen, möchte er immer wieder zurufen: So habt doch Mut! So habt doch Willen! Packt fest zu, damit der deutsche Staats- und Wirtschaftsbau so leistungsfähig werde wie möglich und schafft dadurch eine neue Grundlage des Vertrauens im Jnlande und im Auslande!
Der Poung-Plan, um den heute so viel politische Auseinandersetzung im deutschen Volk und so viel geistiges Ringen in der ganzen zivilisierten Menschheit gehe, sage mit klaren Worten: „Die Lösung des Reparationsproblems ist nicht nur eine Aufgabe Deutschlands, sondern liegt im ge- langt die Zusammenarbeit aller Beteiligten." Die Forderung dieser Zusammenarbeit müsse die Losung Deutschlands sein! Wenn Deutschland einen tragbaren Kapitalzins- s a tz zur Gesundung seines Wirtschaftslebens brauche, so kommt es nicht allein auf die Kapitalbildung im Inland an, sondern ebenso darauf, daß das Kapital über die Erde hin richtig verteilt und nicht an einzelnen Stellen aufgespeichert werde. Und weiter: Da Deutschland um seiner selbst willen und zur Erfüllung seiner Revara- tionsverpflichtungen wie kein Kundiger bestreite, einer baldigen und erheblichen Steigerung seiner Ausfuhr, bedürfe, so hänge seine Leistungsfähigkeit davon ab, daß die Weltmärkte nicht versperrt oder eingeengt werden, sondern sich dem natürlichen Wettbewerb öffnen. Die dritte große Gegenwartsfrage der Weltwirtschaft, die Frage nach der Aufwertung desGoldes und den daraus zu ziehenden Folgerungen, fei für eine bestimmte Stellungnahme zur Stunde noch nicht reif. Ganz allgemein aber solle die deutsche Öffentlichkeit wissen:
So sehr im Mittelpunkt des Sinnens und Arbeitens der Reichsbank die Festigkeit der Währung stehe, die unerschütterlich sei, so sei die Reichsbank doch in jedem Augenblick sich bewußt, daß die feste Währung nur eine der Voraussetzungen eines gesunden Wirtschaftslebens ist und daß die deutsche Wirtschaft daneben zu ihrer Entfaltung klarer und sicherer Grundlagen in Politik und Weltwirtschaft bedürfe. Für die Ueberwindung der jetzigen schweren Krise der deutschen Wirtschaft und für den Wiederaufbau, auf den wir mit Tapferkeit lossteuern wollten, werde nichts wichtiger fein als Sicherheit der Grundlagen des deutschen Wirtschaftslebens, Sicherheit nach innen und nach außen. Das sei die Sicherheitsforderung der deutschen Wirtschaft.
„Mngenügenbe Leistmse»"
Der Grund der Wahlniederlage der englischen Sozialisten
London, 4. November.
Die entscheidenden konservativen Siege bei den Muni- zipalwahlen habe große Ueberraschung verursacht. 3m vorigen Jahre hatte die Arbeiterpartei 112 Sitze gewonnen und 12 Sitze verloren, in diesem Jahre hat sie 34 gewonnen und 98 verloren.
„Sunday Times" spricht von einem „großen Triumph" der Konservativen Partei und bemerkt: Die Bedeutung der Ergebnisse liegt darin, daß die sozialistischen Rückschläge in den Jndustriebezirken erfolgten. Das Arbeiterblatt „Daily Herald" führt den „vorübergehenden Rückschlag" auf ein Zusammengehen der Konservativen und Liberalen und auf „übergroßes Selbstvertrauen unter den Wählern" zurück. — Die liberale „News Chronicle" sagt: Die Arbeiterregierung hat ihre Wahlversprechen auch nicht einmal teilweise erfüllt und ist daher nicht mehr imstande, Begeisterung für sich her- vorzurufen. Nur wenn sie Eifersucht und Groll beiseite läßt und die Mitarbeit der Liberalen annimmt, wird sie imstande sein, der Wählerschaft Leistungen vorzuweisen, deren eine Regierung sich nicht zu schämen braucht. — „Times" sagt: Die Hauptursache des Erfolges der Konservativen »liegt darin, daß die sozialistische Regierung infolge ihrer ungenügenden Leistungen ihr Ansehen eingebüßt hat.