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HersfelöttTageblätt

Herssel-er Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 268 Freitag, den 14. November 1930

: Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1^0 | Belchs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Sersfeld : 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für flbholer : 1.00 Beichs-Mark.« Druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchöruckerei in Hersfeld, MitglieS des VDZV.

80. Jahrgang

Furchtbarer Bergrutsch bei ßuon

Einbrechender Hügel begräbt 22 Häuser unter sich Man rechnet mit -100 Todesopfern

SchWere MrOurz-Katastrophe

hospikal und viele Miekhäuser in Lyon verschüttet.

Man rechnet mit 100 Toten.

Paris, 14. November

In der Nacht zum Donnerstag ereignete sich in Lyon als Folge eines Bergrutsches eine furchtbare Einsturzkata­strophe, die nach den bisherigen Meldungen wahrscheinlich etwa 100 Todesopfer gefordert hak.

Gegen 2 Uhr nachts stürzte am Abhang des Hügels von St. Jean die Stützmauer einer Bergterrasse in sich zusam­men und verschüttete ein Verwaltungsgebäude des Hospi­tals von St. Pothin, in dem die Krankenschwestern wohn­ten. Wenige Minuten später folgte ein weiterer Bergsturz, dem im Laufe der Nacht insgesamt noch drei weitere nach- folgten.

Auf einer Breite von etwa 300 Metern geriet der ganze, durch anhaltenden Regen aufgeweichke Abhang in Bewe­gung. Die kolossalen Bergmassen brachten mehrere Miek- Häuser zum Einsturz. Da sich die Bewohner sämtlich im liefen Schlaf befanden, wurden sie meistens unter den Trüm­mern verschüttet.

Die gesamte Feuerwehr und auch verschiedene in Lyon liegende Truppenteile sind zu den Rettungsarbeiten aufge­boten worden. Die im Schlaf von dem Einsturz überraschten Bewohner suchten sich, zum Teil unter Benutzung von Lei­tern, in Sicherheit zu bringen. 30 Personen, die in einem Kaffehaus Zuflucht gesucht hatten, wurden von einem zwei­ten Erdrutsch überrascht In der Kathedrale haben besonders Frauen und Kinder, die vor den nachstürzenden Gesteins­massen flüchteten, Zuflucht gefunden. Im Augenblick ist man damit beschäftigt, sämtliche Häuser der Rue Tramassac, in der das Unglück sich ereignete, polizeilich zu räumen. Der bedrohte Stadtteil ist auf einer Anhöhe gelegen, welcher Umstand dem Einsturz der fast ausnahmslos altersschwachen Häuser großen Vorschub geleistet hat. Unter den Verschütte-

Die Kathedrale St. Jean in Lyon, die jetzt einem Flücht- üngslager im Krieg gleicht. Die Obdachlosen und Verletz­ten wurden dort gesammelt, um gekleidet und gestärkt zu werden.

ten oefinoen ^ich auch eine Reihe von Feuerwehrleuten und Polizisten, und zwar werden 19 Feuerwehrleute, 4 Polizisten, 2 Aerzte und IPolizeioffizier als tot g emel d et. Die Garnison wurde alarmiert, um die Absperrungen zu vollziehen Bis zum frühen Morgen dauerten die Erschütterungen und Bergrutsche an. St. Jean ist am Hange eines Hügels erbaut, der fast in feiner gan­zen Ausdehnung in Bewegung geraten zu sein scheint.

Die volkreiche Rue Tramassac, die oberhalb der zu­sammengebrochenen Bergterrasse liegt, ist in ihrem Anfang vollkommen zerstört.

22 Häuser sind eingestürzt

Auf 300 Meter Breite ist der Hügel vom Hospital St. Po­thin ab bis zu den Ufern der Saone nur noch von einem wüsten Trümmerhaufen bedeckt. Die Erdrutsch-Katastrophe in Lyon ist, da sie mitten in der dichtbewohnten Stadt sich vollzogen hat, die furchtbarste seit längerer Frist.

Lyon ist in Trauer gehüllt. Es ist unmöglich, auch nur annähernd die Zahl der Opfer festzustellen. Die Aufräu- mungsarbeiteu. die wegen weiterer Einsturzgefahr größte Vorsicht erforderlich machen, find langwierig unh mühsam Der heimgesuchte Stadtteil liegt auf dem Hügel von Four- viere oberhalb des Kirchenviertels Saint-Jean. Nur die Kathedrale, die auf einem Felsen erbaut ist, steht noch und dürfte auch erhalten bleiben. Aber alles, was um sie her- umliegt, bildet nur noch einen wüsten Trümmerhaufen.

Ueber die Ursache des Unglücks ist man sich noch immer nicht im klaren. Man nimmt aber an, daß die Regengüsse der letzten Zeit den Hügel gelockert und untergraben haben. Noch am Milkwochmorgen hatte der leitend« Sladlbaumei- ster eine Reigung der Stützmauern, durch deren Iufam- menbruch die Katastrophe hervorgerufen ist, festgestellt und die Einwohner aufgefordert, ihre Wohnungen unverzüglich zu räumen. Es scheint jedoch, daß nicht von vornherein alle notwendigen Maßnahmen getroffen worden sind, die, wenn auch nicht die Katastrophe, so doch ihren Umfang HA- ten ßünven.

Zahl der Opfer noch nicht bekannt

Die .W 1« Opfer ^-^teHMaUu.^

tag war noch keine Leiche geborgen, da die gewaltigen Stein- und Erdmassen erst zum kleinsten Teil weggeräumt werden konnten. Einer Frau, die noch lebend unter den Trümmern eines eingestürzten Hauses liegt, konnte durch einen Schlauch Sauerstoff zugeführt werden.

Brmyd über seine Außenpolitik

Stürmische Ovationen der Kammer.

Paris, 14. November.

Die Kammer befaßte sich in der Donnerstag-Sitzung mit Interpellationen zur Außenpolitik. Nachdem der kommuni­stische Abgeordnete Doriot sich gegen den Voug-Plan ge­wandt und die Annulierung des Poung-Plans und der Friedensverlräge gefordert hatte, hielt der Abg. Marin eine Rede. Er erging sich dabei in Angriffen gegen Deutsch­land. Er meinte, Deutschland zeige deutlich seine Absicht, wieder aufzurüsten. Das linke Rheinufer strotze von Festungs­werken, Kasernen und anderen strategischen Bauten. Schließ­lich gab er der Befürchtung-Ausdruck, daß Deutschland eines Tages ein Syndikat der Unzufriedenen schaffen könnte.

" Die Sitzung wurde daraufhin unterbrochen.

Nach Wiederaufnahme der Sitzung ergreift Außenmi­nister B r i a n d das Wort. Sein Auftreten hatte die Tribü­nen bis auf den letzten Platz gefüllt; sämtliche Abgeordnete sind anwesend. Beim Betreten des Rednerpultes wurden Briand lebhafte Ovationen vom ganzen Hause bereitet. Er setzte sich eingangs seiner Ausführungen mit dem Abg. Marin auseinander, im Hinblick darauf, daß die Kammer sich mit den Ansichten Manns über Unklarheit in der Außenpolitik des Ministers solidarisch erklärt hatte. Briand sagte, der beste Dienst, den der Außenminister seinem Lande erweisen könne, sei, Kaltblütigkeit zu bewahren, besonders in schwieri­gen Augenblicken. Ueberleitend auf das Verhältnis Frank­reichs zu Deutschland betonte der Minister, auch er sei durch Reden angesehener Deutscher, von denen er aus Zeitungen erfahren habe, manches Mal enttäuscht worden. Er habe aber stets seine Gedanken zum Ausdruck gebracht, und das auch der deutschen Delegation in Genf gegenüber getan. Briand rechtfertigte sich dann, indem er erklärte, die franzö­sische Außenpolitik habe es nie an Klarheit fehlen lassen. Daß trotz Locarno Rückschläge eingetroffen seien, wäre zu erwar­ten gewesen. Der Minister wendet sich weiter gegen Schwie­rigkeiten, die ihm hinsichtlich der Förderung des europäischen Fiedens bereitet würden. Franklin Bouillon habe ihm,einen Vorwurf daraus gemacht, daß er mit deutschen Persönlich­keiten über politische Fragen gesprochen habe. Er sei aber der Ansicht, daß ein Außenminister seine Pflicht schlecht erfülle, wenn er sich nicht bemühe, mit Vertretern eines Sech. zig-Millionen-Volkes zu reden. Durch die Locarno-Verträge habe man von Deutschland das feierliche Versprechen erhal­ten, daß es niemals mit Gewalt die deutsch-polnische Grenze abändern wolle. Briand setzte sich besonders für die Anwen­dung friedlicher Mittel zum. Ausgleich internationaler Mei­nungsverschiedenheiten ein, doch dürften die bestehenden Ver­träge nicht zerrissen werden.

Die Folge der Locarno-Verträge war, daß zwischen Deutschland und Frankreich mehr als Zwanzig Handelsab. machungen zum Abschluß gekommen seien. Was bleibe dem Vorwurf gegen seine Politik noch übrig? Briand wendet sich gegen die Auffassung, daß eine Fühlungnahme mit Deutschland nicht möglich wäre und daß ein latenter Krieg, eine ständige Kriegsdrohung zwischen Deutschland und Frankreich schwebe. Im Gegenteils jeder begreife, daß es im

Interesse Frankreichs liege, diese itage im Sinne des Frie­dens abzuändern. Daß Deutschland schon dazu gelangt sei, dW Krieg in Acht und Bann zu tun, sei viel. Er gebe zwar zu, daß man gegenwärtig einem schlecht gestimmten Deutsch­land gegenüberstehe. Das erfordere von Frankreich klare Erkenntnis, ja sogar Mißtrauen. Aber bei dem Ergeb­nis der Reichstagswahlen habe er an die Bestimmungen der Reichsoerfassung gedacht und «r wisse, daß es in Preußen Männer gebe, die der republikanischen Verfassung ergeben seien. Er, Briand, weigere sich, irgend etwas zu tun, was dem Völkerbundsstatut zuwiderlaufe. Frankreich sei nicht isoliert. Es stehe in engster Zusammenarbeit mit seinen Freunden in Europa. Gegenüber Louis Marin sei er der Meinung daß das Frankreich-Prestige hoch genug stehe. Er werde nachdrücklich die Interessen seines Landes verteidigen. In Frankreich wie in Deutschland gebe es Männer, die die Völker zur Feindschaft aufreizen. In der Frage der europä­ischen Union habe Frankreich eine Initiative ergriffen, die Frankreichs Ansehen erhöhe. Briand wies dann auf die Be- mühungen Frankreichs in Genf und auf die Vertrüge zur Garanlierung des Friedens und zur Verurteilung des Krie- ges hin. All das seien schon Fortschritte auf dem Wege zun Frieden. Briand forderte seine Gegner auf, die Stellunx des Außenministers nicht durch Angriffe zu schwächen.

Sie wollen nicht »drillte»!

Graf Bernstorff predigt tauben Ohren

Genf, 14. November.

Die im Vorbereitenden Abrüstungsausschuß fortgesetzte Aussprache über die Frage des Heeresmaterials hak den bis- --»--.> «-d-uck M,r^a,^ Sir aqMIJ^

hing nicht aufgeben will. Für die einzig wirksame Me- khode einer direkten Herabsetzung des im Dienste befindlichen und lagernden Materials haben sich nur vereinzelte Redner ausgesprochen. Die Mehrheit ist für eine Regelung der Frage durch Begrenzung der Militärbudgets, eine Lösung, die das beim Inkrafttreten der Konvention vorhandene Material, völlig unberücksichtigt lassen würde.

Angesichts dieser Lage hat Graf Bernstorff noch­mals den grundsätzlichen Standpunkt der deutschen Regie­rung in einer kurzen Erklärung im Ausschuß dargelegt. Graf Bernstorff erklärte, Deutschland sei bereits abgerüstet, und es sei jetzt die Angelegenheit der anderen Staaten, gleichfalls abzurüsten. Er betrachte aber die Frage der Abrüstung vom moralischen, historischen und politischen Gesichtspunkt. Vom moralischen Gesichts­punkt aus sei festzustellen, daß die Regierungen eine feier- hcf)e Verpflichtung zur Abrüstung auf sich genommen hätten. Dre Unzufriedenheit in Europa sei hauptsächlich eine Folge der Ungleichheit des Rüstungsstandes. Die Völker der Welt würden es nicht verstehen, wenn man eine Konvention scyließe, die nicht eine Kanone und nicht einen Tank ab- scyaffe. Eine Konvention ohne Rüstungsausgleich fei wert- los., Die direkte Begrenzung des Heeresmaterials fei die einzig wirksame Methode. Zum Schluß wies Graf Bern­storff erneut darauf hin, daß nach der Ansicht der deutschen Regierung die wichtigste Aufgabe die baldige Einberufung der Abrüstungskonferenz ist.

Der erste Teil der Entschließung Lord Cecils, der sich m einer allgemein gehaltenen Fassung für eine über die Publizität der Rüstungen hinausgehende Methode der Be­grenzung des Heeresmaterials ausfpricht, wurde in der Ab­stimmung angenommen.

Der Kabinektsausschutz für die Preissenkungsakkion.

Von links nach rechts: Reichskanzler Brüning, Vorsitzender des Ausschusses. Reichsfinanzminister Dietrich; Reichser- nährungsminister Schiele; Staatssekretär Dr. Trendelenburg im Reichswirtschaftsministerium; Preußischer Handelsmini­ster Schreiber; Reichsarbeitsminister Stegerwald.